QR-Codes haben fortan eine Berechtigung in dieser Welt

Ich angle aus meinem Briefkasten eilig einen dicken Umschlag. Weil ich mit Einkäufen bepackt bin und meine Kinder mich begleiten, schaue ich nicht sofort rein, sondern nehme ihn ungeöffnet mit in die Wohnung.

Oben angekommen, ziehe ich ein großes Tuch aus dem Umschlag. Im Hintergrund Tohuwabohu und ich verstehe erst nicht. Ein Tuch? Eine Leserin hat mir ein Halstuch mit einem auf den ersten Blick etwas unharmonischen Muster geschickt. Das Begleitschreiben ist handschriftlich und aus der Schweiz. Natürlich verstehe ich es, aber manche Worte sind ein klein wenig anders, als es meinem Sprachgebrauch entspricht, und ich kann manche Worte so abgelenkt nicht lesen. I-nigma steht da.

Mein jüngstes Kind hat irgendein unaufschiebbares Anliegen, ich kümmere mich darum und mein Gehirn arbeitet einige Zeit ohne mich weiter.

Dann plötzlich fällt der Groschen.

I-nigma ist eine App zum Lesen von QR-Codes. QR-Codes spielen in meinem Leben kaum eine Rolle. Ich hab einmal einen gescannt, damit ich das auch gemacht habe. Der QR-Code klebte in einem Schaufenster eines Friseurladens neben den Öffnungszeiten und führte auf eine mobil kaum lesbare Website, welche die Öffnungszeiten des Friseursalons zeigten.

Ich gehe also zurück zum Tuch, breite es aus und versuche es mit einer meiner QR-Lese-Apps zu scannen. Erfolglos. Es ist zu groß. Ich stelle mich auf den Tisch, scanne wieder, es funktioniert nicht.

Also entschließe ich mich, tatsächlich die empfohlene App runterzuladen und zack noch in der Bewegung, mit der ich versuche das Tuch zu fixieren, piept es.

Es öffnet sich der Browser, der auf einen Tweet von mir geht. „Du bist so schön wie Godzilla, Mama“.

Ich falle fast vom Tisch, so toll finde ich das.

Ein Tuch, das mir als Tweet ein Kompliment ausspricht, das mir mein Kind 3.0 mal gemacht hat.

Wundervoll. Am liebsten würde ich all meinen internetaffinen Freundinnen ein solches Tuch schenken. Ich google gleich, wo man sie bekommen kann, werde aber nicht fündig. Die Nachfrage bei der schenkenden Leserin ergibt, sie hat das Prinzip selbst erfunden, das Muster selbst gezeichnet und den Stoff bedrucken lassen und daraus ein Tuch genäht.

Immerhin hat sie mir verraten wie man ein solches Tuch herstellen kann. Das Muster entspricht schließlich nicht den gängigen QR-Code Kacheln und ist viel filigraner.

Die Idee basiert auf dem Projekt Lovecode, das ursprünglich Bilder zum Inhalt hatte. Jedes Bild existiert nur ein einziges Mal und ist ein Link zu einer persönlichen Webseite, die vom Besitzer, von der Besitzerin des Lovecodes bespielt werden kann.

Auch mein Tuch ist (im Moment noch) ein Unikat, denn es ist am Computer „handgezeichnet“. D.h., Franca (so heißt die Grafikerin) hat sich QR-Codes genommen und ausprobiert, wie weit man künstlerisch vom Standard abweichen kann, ohne dass die Codes dabei unleserlich werden.

Das Resultat ist dann hier zu sehen:

Die Möglichkeiten sind vielfältig und wunderschön, wie ich finde:

Franca fand es schön, einen Tweet als Basis zu nehmen, weil Tweets zum einen ausreichend kurz sind, um sich gut umsetzen zu lassen, und zum anderen das Potential haben, eine ganze Geschichte zu erzählen.

Ich habe so viel begeistertes Feedback zu dem Schal bekommen, ich kann mir vorstellen, dass sie problemlos einen Onlineshop eröffnen könnte und viele InteressentInnen findet. Vielleicht macht sie das noch?

Zuerst veröffentlicht im Techniktagebuch

15 Gedanken zu „QR-Codes haben fortan eine Berechtigung in dieser Welt“

  1. Echt obercool, besser als (die meiste) Medienkunst. Vor allem weil auch die Muster wunderschön sind, und es dabei aber trotzdem funktioniert. Ich mag außerdem Datenmusterklamotten.

  2. Woah! Was für eine schöne Idee und was für ein tolles Leserinnen-Kompliment Du da bekommen hast! Wundervoll. Und hübsch ist der Schal auch noch.
    Ich wünsche mir, dass jemand einen Onlineshop dafür aufmacht. Danke.

    Apropos, was ist eigentlich aus Deiner Modelabel-Idee geworden? Ich warte :)

  3. ja, unbedingt machen, für solche versteckten Botschaften müsste es überall auf der Welt einen Markt geben – allerdings jetzt, in den nächsten Jahren, fraglich, ob das ein lebensernährendes Projekt wird, das auf 25 Jahre funktioniert.

  4. Boah, was für eine obercoole Idee! Auf jeden Fall sollte Franca die Tücher zum Kauf anbieten, ich wäre sofort dabei! :D

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