Sommer in Berlin

Mein Freund hat schon sehr großes Glück mit mir. Manchmal machen wir nämlich Dinge, die er sich wünscht. Zum Beispiel wenn in Berlin endlich der Sommer eingekehrt ist und die Abende lau sind, die Blätter noch grün und eine milde Brise weht. Wenn die ganze Stadt unterwegs ist, jede*r hat ein Wegbier in der Hand, alle sitzen in Straßen-Cafés und Parks. Die Sonne geht erst um 21.30 Uhr unter, die Linden blühen und verbreiten diesen leicht obszönen, süßlichen Geruch und die Schlangen vor den Eisläden gehen einmal um den Block.
An solchen Abenden, wenn das Leben pulsiert und es Zeit ist die Tischtennisschläger rauszuholen, an solchen Abenden spielen wir in der Küche Brettspiele.

Denn mein Freund liebt Brettspiele und zwar solche für die man einen ausziehbaren Tisch braucht, weil das ganze Spielzubehör niemals auf einem gewöhnlichen 120 x 90 cm Tisch Platz findet. Er liebt es, wenn man alleine fürs Aufbauen des Spiels bis ungefähr 24 Uhr braucht (vorausgesetzt man fängt um 17 Uhr an) und er findet es anregend und ein bisschen aufregend wenn die Spielanleitung mehr Seiten als „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoi hat.

Mit anderen Worten: Er liebt alle Spiele, die mich an den Rande des Nervenzusammenbruchs treiben.

Es ist nämlich nicht so, dass ich Brettspiele nicht mag. Ich liebe Brettspiele. Aber ich liebe eben Brettspiele, die man in ungefähr 10 Minuten versteht, bei denen man durcheinander schreien muss während man unter Zeitdruck unwürdige Posen einnimmt. Irgendwas kompetitives. Spiele, bei denen nur eine*r gewinnt und zwar alle 15 bis 20 Minuten, denn länger dauert so ein Spiel nicht.

Es zeichnet sich vielleicht schon ein bisschen ab, worauf ich hinaus will: brettspielmäßig sind wir nicht sooo kompatibel. Also genau genommen, wären unsere Brettspielinteressen Kreise, dann würden die sich in einem Schaubild nicht berühren. In Mathe würde man sagen: „Diese Mengen sind disjunkt“. Wären unsere Vorlieben zwei parallel verlaufende Striche, wir blieben in der klassischen, euklidischen Geometrie. Niemals würden sie sich berühren, geschweige denn überschneiden.

Ja gut, das war jetzt aus dramaturgischen Gründen leicht übertrieben. Es gibt schon so ganz selten mal ein Match. Spiele, die hübsch sind und jeder bearbeitet sein eigenes Feld (mindestens geistig), die kann ich ertragen.

Bei diesen strategischen Aufbauspielen nervt mich nämlich am meisten, das alles so lange dauert – v.a. der Spielzug des anderen. Ich muss mir in dieser Zeit ja meinen nächsten Spielzug merken und – viel schlimmer – entscheidet sich der andere während seines Zugs etwas zu tun, was ich so nicht antizipiert habe, muss ich meine nächsten Schritte anpassen. Wobei mir v.a. ersteres wirklich schwer fällt, ich weiß nicht wie es bei euch ist, aber wenn ich beim Koreaner etwas bestellen will, dann sage ich nie „Bitte das Tteokbokki“, sondern immer „Die 47 bitte“ und wenn man dann noch was trinken möchte, dann muss ich mir noch eine Zahl merken und so lange der Kellner nicht kommt, muss ich in meinem Kopf ständig „47 und 218“ denken und kann parallel nichts anderes mehr tun.
Ganz in dieser Tradition kann ich also im Verlaufe eines Brettspiels während die andere Person am Zug ist, nichts anderes denken als „Von der Sonderkarte muss ich noch die 3 Punkte einsetzen und dann nehme ich aus dem Stapel Karte 7 und 5. Die kosten zusammen 3 Ressourcen und damit ich die bekomme muss ich noch den Schnagedönk aktivieren! Von der Sonderkarte muss ich noch die 3 Punkte einsetzen und dann nehme ich aus dem Stapel Karte 7 und 5. Die kosten zusammen 3 Ressourcen und damit ich die bekomme muss ich noch den Schnagedönk aktivieren! Von der Sonderkarte muss ich noch die 3 Punkte einsetzen und dann nehme ich aus dem Stapel Karte 5 und 7. Die kosten zusammen 3 Ressourcen und damit ich die bekomme muss ich noch den Schnagedönk aktivieren!…“

Das ist wirklich nicht so erbaulich. Im Gegenteil! Es ist anstrengend und dann naja, schnappt mir mein Freund die Karte 5 weg, mein Plan ist dahin und ich nahe an einem Nervenzusammenbruch.

Wenn man also nur sein Feld bearbeitet und der andere einen nicht kümmern muss, dann kann ich das Spiel mit meinem Partner spielen. Deswegen spielen wir seit 2019 Flügelschlag und damit wir nicht verrück werden, seit neusten Schwingenschlag – was im Wesentlichen Flügelschlag ist – nur eben mit Drachen statt mit Vögeln.

Jedenfalls waren wir gestern kühn und dachten, wir gehen in einen Spieleladen und beschreiben unsere Wünsche und lassen uns beraten. Gesagt, getan, schilderten wir aufgeregt unsere Vorstellungen:

  • leichter Einstieg (für mich)
  • große Spieltiefe (für ihn)
  • hübsch (für mich)*
  • nicht kompetitiv (für ihn)

Der Mitarbeiter war sofort topmotiviert und zog ein paar Spiele raus und stellte Gegenfragen: Ist der Spieler schon in der Schule? Kann er lesen? Wie flüssig liest er schon?

Worauf wir versicherten, dass wir gut lesen können.
Der Mitarbeiter nickte daraufhin wissend. Schöne, selbstsprechende Bilder hätte das Spiel auch! Und man brauche auch nicht jede*r ein eigenes Spielfeld. Man könne auch so spielen, dass das Kind spielt und der Erwachsene nur interveniert, wenn das Kind allzu großen Unsinn treibe.
Wenn er es sich genau überlege, eigentlich müsse man nicht mal lesen können. Es reiche Zahlen lesen zu können. Also Zahlen bis 10. Ob das wohl drin sei?

Ja, Zahlenraum bis 10 – gar kein Problem!

Schlussendlich haben wir Mycelia erworben. Genau mein Ding. Da waren sehr viele Glitzersteine dabei. Jede*r spielt für sich. Nach ca. einer Stunde ist alles vorbei. Es gibt aber wenigstens so viel Kram, dass der Tisch voll ist und man kann es sich, wenn man will, wahnsinnig kompliziert machen.
Wir waren sehr zufrieden und auch wenn die Pointe jetzt ein bisschen fehlt: Wir wissen jetzt, dass die Schnittmenge unserer Brettspielinteressen ungefähr dem erwartbaren Niveau eines sechsjährigen Kindes entspricht.


*Mein Freund sagt, ich soll nicht immer so klischeehaft sein. Er möge auch hübsch.
Hübsch wie „Great Unclean One„, aber ok.

Ein Gedanke zu „Sommer in Berlin“

  1. Feel you! Mein Mann liebt solche Spiele auch. Ich mag zwar sehr komplizierte und schwierige Spiele sehr gern aber sobald die Anleitung mehr als 5 Seiten hat, bin ich raus. Lösung des Problems: Solospiele. Mein Mann hat sich einen Spieletisch in sein Büro gestellt und kauft jetzt am liebsten Spiele, die man auch gut allein spielen kann

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