Unteilbar-Demo

Unteilbar

Eigentlich wollte ich dieses Wochenende nach Aachen verreisen. Da aber die Unteilbar-Demo angekündigt war, verschiebe ich mein Vorhaben. Ich hatte mich schon geärgert, dass ich nicht auf der Veranstaltung in Chemnitz sein konnte.

Morgens grundiere ich schnell noch die Wände, die wir bald streichen wollen, dann esse ich zu Mittag und mache mich etwas verspätet auf den Weg, mich der Demo anzuschließen.

Es sind 22 Grad, ich trag ein T-Shirt. Gutes Wetter ist gut für Demos. Spittelmarkt steige ich aus und laufe der Demo entgegen. 40.000 waren angesagt. Ich habe mich schon am Vortrag gewundert, dass es so wenig sein sollen. 40.000 hätten mich enttäuscht, aber ich werde nicht enttäuscht. 150.000 sollen es gewesen sein, was ich mir gut vorstellen kann, denn während wir gerade in die Leipziger Straße einbiegen, ist das Ende des Zugs noch am Alexanderplatz.

Ich laufe zwischen all den Menschen und denke an das Schild, das ich am letzten Chaos Communication Congress gesehen habe: „Endlich mal normale Leute.“ Ja, wirklich, die Leute um mich herum sind total normal. Alt, mittelalt, jung, Kinder. Mit Fahrrad und ohne. Mit Schildern und ohne. Sie tragen Kopftücher und keine. Es sind Männer und Frauen. Frauen, die mit ihren Kindern dort sind. Männer, die mit ihren Kindern da sind. Frauen, die Arm in Arm mit einer anderen Frau laufen. Zwei Männer küssen sich im Sonnenschein. Ein Typ mit Rastas. Alle möglichen Hautfarben. Endlich mal normale Leute!

Dafür wohne ich in Berlin. Als ich hierher gezogen bin, hatte ich einen banaleren Grund (langweilig: die Liebe), aber das ist so lange her. Heute würde ich sagen: Dafür bin ich hergekommen. Wegen der bunten Stadt, wegen der Menschen, wegen der Art und Weise wie sie hier leben, wie ich hier leben kann.

Ich schaue mir beim Laufen die Menschen an und überlege, ob ich mich mit dem oder dem anfreunden würde oder könnte. Vielleicht nicht. Vielleicht gibt es zu viele Unterschiede zwischen uns – nur eines eint uns und das ist der Wunsch nach einer vielfältigen Gesellschaft, der Wunsch nach Toleranz, nach Offenheit, nach Demokratie. Ich laufe und laufe und irgendwie bin ich gerührt, meine Augen füllen sich mit Wasser, zum Glück blendet die Sonne so, vielleicht ist es auch die Sonne, die meine Augen zum Tränen bringt. Ich bin mitten in 150.000 Menschen, die alle dasselbe wollen. Heute bin ich mir sicher, dass ich umringt bin von Menschen, die vielleicht nicht in allen Punkten die selbe Haltung haben, die aber eine große Vision von einem kulturellen Ganzen haben. Das macht mich sehr glücklich. Zwei Stunden laufe ich mit, dann fahre ich nach Hause.

 

 

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