Die hinreichend gute Mutter

Natürlich wäre ich gerne eine gute Mutter. Eine perfekte Mutter. Warmherzig, verständnisvoll, kritisch, aber nicht überkritisch, verlässlich, aber nicht zu gluckig. Ich büke gerne am Wochenende, ich kochte jeden Abend gesundes, wohlschmeckendes Essen, könnte vielleicht sogar nähen, so dass ich unabhängig von der Rosahellblauindustrie den Kindern Kleidung schenken könnte. Ich wäre immer geduldig, nie laut, nie genervt, ein gutes Vorbild.
Nie würde ich vergessen ins Elternheft zu schauen, in den Ferien würde ich immer an die Brotdosen denken. Ich sähe auch nie zerknautscht aus, faltenfrei auch an der Hose, so dass ich jederzeit vorzeigbar wäre.
Peinliche Dinge sagte und täte ich nie, noch nie hätte ich gehört „Du bist die gemeinste Mama der Welt!“ noch nie „Ich mag dich nicht, du bist *******!!!“.

Doch – ach – ich bin all das nicht. Zumindest nicht immer.
Oft bin ich erschöpft, ungeduldig, manchmal vielleicht auch einfach faul. Ich schaffe es nicht meine Bedürfnisse immer hinten an zu stellen. Am Ende, ach, ach, bin ich ein Mensch.

Wie gerne habe ich deswegen das Interview mit Élisabeth Badinter in der Zeit Online gelesen.

Élisabeth Badinter sagt unter anderem:

Alle Mütter sind nur mittelmäßige Mütter. Weil sie Frauen, also Menschen sind.

Meine Therapeutin sagt mir das auch immer wieder: Mehr als eine hinreichend gute Mutter können sie nicht sein.

Am Anfang war ich empört. Das ist ja schön faul. Die perfekte Ausrede. Ich bin eben so. Was kann ich dafür?

So ist mein Anspruch an mich selbst nicht. In keinem Bereich. Nicht im Muttersein, nicht im Partnerin sein, nicht als Freundin, nicht im Arbeitskontext.

Mit der Zeit habe ich aber verstanden, dass diese Erkenntnis nicht ausschließt, dass man es nicht trotzdem versucht. Dass man nicht trotzdem jeden Tag versucht es besser zu machen.

An manchen Tagen gehe ich abends eben ins Bett und bin gescheitert. War ungeduldig, habe Dinge vergessen, war zu erschöpft, um aufmerksam zu sein, hab mich falsch verhalten.

Aber dann kommt eben ein neuer Tag und ich kann es wieder versuchen – nur eben nicht auf dem völlig überzogenen, nie zu erreichenden Ideal-Niveau – sondern mit der Erlaubnis zu scheitern und somit auch weichherzig für das Scheitern der anderen zu werden.

Den Perfektionismus in eine Ausstellungsvitrine zu stecken und ihn abzulegen, hat mich weich gemacht. Das tut unglaublich gut.

Der Perfektionismus davor hat mich nämlich streng und hart gemacht. Mit mir und auch mit den anderen, die es sich einfach gestatten zu scheitern, die mit 80% zufrieden sind. Die nicht abends todmüde noch durch die Wohnung kriechen und sie aufräumen. Die morgens nicht noch früher aufstehen, um alles geregelt zu bekommen.

Was fällt denen ein? Sie setzen sich mit einem Glas Wein in das unaufgeräumte Wohnzimmer und essen nach 18 Uhr Kohlenhydrate??!

Für manche ist es vielleicht nicht nachvollziehbar, aber für mich war es lange Zeit eine Qual nicht all dem nachzugehen, was ich dachte, was ich zu erfüllen hätte, von dem ich dachte, ich müsse es tun, weil „man“ es eben so macht.

Es ist ein ewiges Kämpfen gegen Windmühlen, mit zusammengebissenen Zähnen, den eigenen Schmerz, die eigene Erschöpfung, die eigenen Gefühle ignorieren.

Jetzt laufe ich dauerhaft auf 60 – manchmal auf 80%. Nie aber auf 100 und v.a. es tut mir nur noch selten weh, dass ich an den 100% so kläglich scheitere.

Am Ende kann ich jetzt nur hoffen, dass ich zwanzig Jahren nicht doch denke, ach hätte ich mich nur besser zusammengerissen, ach wäre ich disziplinierter gewesen.

Viel lieber wäre mir natürlich, dass ich mit meinen Kindern in meiner mittelgut aufgeräumten Wohnung säße, wir uns lachend unterhielten, während wir mittelgute Pizza, selbstbelegt, aber aus ausrollbarem Hefeteig äßen und uns alle einig wären, dass das schon OK so war.

Doch zurück zum Muttersein. Ich beobachte in meinem Umfeld interessiert die Mutter-Kind-Beziehungen der erwachsenen Freunde. Tatsächlich gibt es unter all meinen Freundinnen und Freunden genau drei Mütter, die für mich vorbildhaft sind was das Verhältnis zu ihren Kindern angeht. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind bedingungslos da für ihre Kinder wenn sie gebraucht werden und ansonsten – lassen sie ihren Kindern einfach alle Freiheiten.

Auch hierzu findet sich im Interview ein Satz zum Thema „Was macht eine gute Mutter aus?“

Die richtige Distanz. Eine gute Mutter ist eine, die es schafft, die richtige Distanz zu ihrem Kind zu halten. Und von denen gibt es sehr wenige. Ich würde sagen, sie sind so selten wie die Mozarts in der Musik.

Sie wird gefragt, ob sie denn selbst eine gute Mutter ist und sagt:

Nein, ich bin eine schlechte Mutter. Das sage ich immer, damit bin ich fein raus. Tatsächlich kann man das nie wissen. Häufig fällt man Entscheidungen, von denen man Jahre später denkt, das war totaler Blödsinn. Man weiß erst im Alter, ob man nicht alles falsch gemacht hat, nämlich dann, wenn die Kinder immer noch freiwillig zu Besuch kommen.

Jedenfalls, lest das Interview selbst. Es steht viel Gutes darin. Sie redet auch über die sich verändernden Väter, über die Väter, die bessere Väter (im Sinne von engerer Bindung zu den Kindern) werden, weil sie von ihren Partnerinnen getrennt sind, sie redet über Gleichberechtigung, über kulturell geprägte Rollenbilder und über die Rückrollbewegung zur „natürlichen Mutterschaft“.

Kann ich nicht alles unterschreiben, aber 80% und das ist für mich gut genug.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

252 Gedanken zu „Die hinreichend gute Mutter“

  1. Danke! Vielleicht ist dieser Text das, was herauskommt, wenn man sich von den 100% verabschiedet hat: nämlich 100%. Meine nachfolgenden Überlegungen werden esoterischer Natur, also nur soviel: noch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung oder ein ebensolcher Erfahrungsbericht, wie man sich davon verabschiedet (hat) und Du verdienst einen Heiligenschein ;).

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  2. Ich habe mir den Druck gemacht, eine perfekte Mutter zu sein. Pefekte Eltern schaden einem Kind bestimmt viel mehr, da es einen Druck spürt, dem es denkt, grecht zu werden.
    Ich habe neulich eine wunderbare Halloween Party für die Kinder unserer Freunde (und unsere Freunde) geschmissen. Alles war cool, witzig dekoriert, es gab Essen und Spiele. Kein Druck, weil ich ja selber Spaß daran habe.
    Einer der Freunde meinte dann: „Aber Staubwischen hättest Du schon noch können – oder wenigstens saugen.“ Ich hab lachend mein Glas Wein geschnappt und mit den Kindern Schokokuss-Wettessen gespielt.
    Soll doch perfekt sein, wer will. Kein Kind wird sich jemals an den Staub auf der Schrankwand erinnern, aber dafür an die coole Geistersuche im Keller.

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    1. Vielen Dank für den Hinweis zum Interiew!
      Hat mir sehr gut getan und ist aktuell… also eigentlich konstant seitdem meine Tochter auf der Welt ist… ein Thema für mich und erst gestern sprach ich intensiv mit 2 Freundinnen darüber.

      Werde ihn auch weiter teilen damit so viele Frauen wie möglich wissen, dass sie nicht alleine dastehen mit dem Gefühl eines latent schlechten Gewissens…

      Danke!

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  3. das war ein schönes interview, danke für den link und den text.
    ich möchte noch das konzept der „good enough mother“ von donald winnicott einwerfen. da geht es um die entwicklung der seelischen gesundheit, und selbst in diesem so existenziellen feld ist es genug, gut genug zu sein. vor dem hintergrund sind unaufgeräumte zimmer und gekaufte kuchen wirklich völlig egal :)

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  4. Patricia, Du hast Recht.

    Mein Hirn rödelt seit gestern morgen über das Thema, begleitet von entsprechenden Emotionen, vorrangig Wut, und ich könnte unendlich viel dazu schreiben.

    Ich versuchs aber mal kurz:

    Aktuell sind wir alle der Ansicht, dass wir ganz ganz viel für unsere Kinder tun müssen, damit diese glückliche Menschen werden.
    Ein paar Generationen früher waren die Frauen in erster Linie gute Hausfrauen (Renate Bergmanns) und die Kinder hatten „zu folgen“, waren also entsprechend zu disziplinieren.

    D.h., der Inhalt der 100% ändert sich, nicht aber der beschissene Wettbewerb, in den wir uns begeben.
    Damals wie heute messen Frauen sich selbst und aneinander, inwieweit die imaginären 100% erfüllt werden. Dabei sind die 100% nicht einmal gedeckelt, es gibt immer wieder scheinbar leistungsfähigere Personen, die noch 100%-iger sind.

    Was ich mir wünsche, und vor allem den kommenden Generationen, ist weniger Wettbewerb und ein gesellschaftlicher Standpunkt, welcher mehr das Wohlbefinden der Mütter und Väter in den Mittelpunkt stellt. Eltern muss gestattet werden, in ihrer Mitte zu bleiben, für sich zu sorgen, sich liebevoll selbst zu nähren.
    Kinder kalibrieren sich an den Eltern, d.h., wenn es für die Eltern selbstverständlich ist, dass sie sich um sich und ihr Wohlbefinden kümmern, wird dies auch von den Kindern als normal akzeptiert.

    Wir glauben aktuell, wenn wir nur genug für unsere Kinder da sind, wenn wir alles richtig machen, wenn wir die perfekten Mütter oder Eltern sind, werden aus unseren Kindern glückliche Menschen.
    Tatsächlich spielen hierbei noch eine ganze Menge andere Faktoren eine Rolle, und dass die Eltern in erster Linie für sich selbst sorgen ohne die Kinder dabei emotional zu vernachlässigen, dürfte aus meiner Sicht nicht zu seelischen Schäden führen.

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  5. Nachdem ich mich vor ein paar Jahren ebenfalls von den 100 % verabschiedete (welche Erleichterung!), stelle ich heute fest – mit jetzt gerade erwachsener Tochter – dass es eine gute Entscheidung war.
    Sie wird gerade flügge, trägt sich mit Auszugsgedanken… und genießt gleichzeitig uns als Familie. Inkl. gemeinsame Essen und kuscheln vorm TV unter einer Decke mit Mum… Also zumindest das Meiste richtig gemacht, oder?

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  6. Wunderbar. Balsam auf meine gerade geschundene Mutterseele, die es heute mal wieder nicht geschafft hat die abendliche Zu-Bett-bring-Arie halbwegs geduldig anzugehen…

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  7. Die ganzen Überlegungen gibt es schon weit länger von Winnicott – ohne die ganzen Hinweise auf die Notwendigkeit der sexuellen Verfügbarkeit von Frauen, mit der Badinter ihre eigene kulturelle Verhaftung entlarvt, um die sich aber nur wenige zu scheren scheinen.

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  8. Ja. Und eins noch, was mich immer wieder tröstet, wenn ich das Gefühl habe, gescheitert zu sein: Ich bin die einzige Mutter, die meine Kinder haben. Ich werde nicht gefeuert, ich richte wahrscheinlich keinen nachhaltigen Schaden an, wenn ich gelegentlich Dinge vergesse, mal schreie oder einfach überfordert bin. Und vor allem könnte ich es noch wirklich viel, viel schlechter machen. Ich gebe mir aber Mühe, jeden Tag aufs Neue. Weil ich es will und muss.

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  9. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

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  10. Ich hab meiner Mutter eine Dose geschenkt, auf der steht:“Gute Mütter haben verstaubte Regale, volle Wäschekörbe, schmutzige Fenster, ungemachte Betten und glückliche Kinder.“ Das fasst mein Leben als Tochter von ihr sehr gut zusammen. Und wenn ich heute den Duft von Schlemmerfilet à la Bordelaise in der Nase habe, denke ich an Familienmittagessen, bei denen jeder von seinem Tag berichtet und man Zeit füreinander hatte. Das waren immer 100 Prozent ??.

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  11. Brillant. Chapeau. Perfektionismus (Selbstoptimierung) ist die Seuche unserer Zeit. Wir sind Menschen und Menschen machen Fehler. Simple like that.

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  12. Ich find deinen Text super – wie so oft, diesen jedoch besonders! Das mit der Distanz find ich richtig, nur leider auch echt schwer, als Mutter zu sehen, obs so passt für mich und das Kind. Meine Mutter war viel zu klammerig, ich freiheitsliebend. Bin ich jetzt vielleicht will zu loslassend, wo mein Kind eher klammerig ist? Ich hoffe, dass ich intuitiv immer da bin, wenn es mich braucht.

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  13. Wirklich wunderbarer Text. Auch ich arbeite immer wieder daran nicht immer zu verzweifeln an den 100% die ich geben will und nicht schaffe, obwohl es doch scheinbar alle anderen schaffen. Man muss doch gar nicht wie die anderen sein! Immer wieder aufs Neue schwierig sich das vor Augen zu halten und sich mit 80% zufrieden zu geben. Egal was die Leute sagen!
    Danke für deinen tollen Text.

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