Das Gegenteil von Spitzer ist nicht stumpfer

“Doch ein Zurück in eine Welt vor dem Internet [...] gibt es nicht mehr. Es nützt daher wenig, sich gegen eine Welt mit Internet zu wehren, stattdessen sollten wir uns mit ihr beschäftigen, sie kennen(lernen), sie aktiv zum Besten formen und uns gemeinsam mit unseren Kindern: kümmern.”

Netzgemüse, Seite 145

Damit ist im Grunde eigentlich alles gesagt. Jedenfalls über das Internet und unsere Elternaufgaben.

Ich habe Netzgemüse sehr gerne gelesen. Ein bißchen hatte ich mich als Internetsüchtige Bloggerin und Mutter bereits mit dem Thema auseinander gesetzt und vieles, was beschrieben wird, ist ohnehin nicht neu für mich. Ich kenne und benutze Facebook, Twitter, YouTube und noch einige andere Plattformen seit einigen Jahren – auch erinnere ich mich lebhaft an Lebensphasen, in denen ich eher damit beschäftigt war, bei Monkey Island weiter zu kommen, als meine Französischvokabeln zu lernen. Mir ist auch durchaus der Reiz – das Suchtpotential – bewusst und dennoch habe ich durch das Buch noch einiges gelernt. Ich möchte das Buch aber auch all denjenigen wärmstens empfehlen, die sich im Gegensatz zu mir im Internet nicht zuhause fühlen – ja, die vielleicht sogar eher Berührungsängste mit dem Internet haben.

Für mich persönlich ist das Buch so wunderbar, weil es völlig unaufgeregt berichtet. Es ist hype- und hysteriefrei. Zudem hat es etwas, was ich sehr schätze: Es zeugt von einem durchweg respektvollen Miteinander zwischen Eltern und Kindern. Gut zu sehen an Kapitelüberschriften wie Vertraue deinem Kind so wie dir selbst (S. 247ff) und Tschüss, Kontrolle! Hallo, Gemeinsamkeit! (S. 260ff).

Ich habe z.B. sehr gerne Jesper Juuls Das kompetente Kind und Herbert Renz-Polsters Kinder verstehen gelesen. Beide haben gemeinsam, dass Kinder nicht als Tabula Rasa gesehen werden, die von den ach so erfahrenen und klugen, niemals irrenden Eltern geformt werden müssen. Diese Autoren gehen davon aus, dass Kinder gut und richtig sind und nicht erst zu irgendwas gemacht werden müssen. Die meisten Bücher dieser Art beschäftigen sich aber eher mit Kindern im Alter von 0 – 6. Bücher, die sich mit der Eltern-Kinder-Lebenswelt jenseits des Schuleintritts beschäftigen, sind rar. Das ist ein weiterer Grund warum ich Netzgemüse gerne gelesen habe.

Mir geht wirklich das Herz auf, wenn ich lesen kann, dass es andere Eltern gibt, die ihre Kinder ernst nehmen, die ihnen vertrauen, die sie begleiten und stärken. In vielen Gesprächen mit anderen Eltern bin ich erschüttert, wie wenig Kindern vertraut wird und ich finde es nach wie vor befremdlich, dass die Welt des Internets offenbar als parallel existierend neben der echten Welt gesehen wird. Auch das arbeitet Netzgemüse wunderbar heraus. Warum sollen im Internet andere Regeln gelten? Warum soll man dort anders kommunizieren, vertrauen, misstrauen, hinterfragen etc.

D.h. Netzgemüse bejubelt nicht das Internet sondern es führt LerserInnen zu den verschiedenen Haupthaltestationen des Internets und beleuchtet viele Aspekte – sowohl Chancen als auch Risiken und es gibt Beispiele, wie man mit eben diesen umgehen kann. Völlig undogmatisch.

Ich freue mich, dass es neben dem viel diskutierten, sehr lauten Manfred Spitzer nun zwei sanfte Stimmen gibt, die einen Gegenpol zum Thema Das-Internet-ist-der-Untergang-des-Abendlandes-und-wird-unsere-Kinder-alle-verderben gibt.

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13 Kommentare, 5 Tweets, 17 Facebook Shares, 1 Plusone

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  2. Christian sagt:

    vollkommen d’accord. Ein gutes Buch, ein wichtiges Buch. Punkt.

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  3. DieStarke sagt:

    ….Und eine großartige Überschrift!

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  6. Pingback: Tanja und Johnny Haeusler – Netzgemüse | DENKDING

  7. vera sagt:

    Boah ey. Um diese Überschrift werde ich dich die nächsten drei Jahre beneiden.

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  8. dasnuf sagt:

    Danke Vera. Ich hab mich auch darüber gefreut :)

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  9. Katharina sagt:

    Danke für den Buchtipp! Ich hoffe, er sei in einigen Jahren noch aktuell :-)
    Juul hat auch über die Schulzeit und die Pubertät geschrieben, desgleichen Renz-Polster in “Menschenkinder”. Auch spannend und auf derselben Linie der Kinderarzt Dr. Prof. Remo Largo “Schülerjahre”

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  10. vera sagt:

    Das sind so Volltreffer, die ganz selten gelingen. Ausdrucken und einrahmen ,) #Goldrähmchen

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  11. Pingback: Woanders – diesmal mit Badezimmergestaltung, Gott, Reiseblogs und anderem | Herzdamengeschichten

  12. … mehr als einverstanden – geht gar nicht eigentlich, oder? – als Vater von Zwillingen, die jetzt langsam in das “Medienalter” heranwachsen war das Buch für mich auch eine sehr positive Erfahrung. Weg von den erhobenen Zeigefingern. Du hast recht mit dem Ernstnehmen. Ohne das, geht es nicht. Miteinander. Das kann helfen.

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  13. Pingback: Netzgemüse lesen: Denn das Internet geht nicht mehr weg | Analoges und digitales Leben.

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