Wenn ihr wissen wollt, warum die Kinder so gelungen sind: ich war’s nicht

kindergartenDie Kinder sind ganz hervorragend gelungen bislang. Ich würde mir jetzt sehr gerne auf die Schulter klopfen und mich loben, doch ich glaube, das hat andere Gründe.

Erstens, sie sind schon perfekt geboren.

Und zweitens: Sie haben jeweils fünf Jahre den wunderbarsten Kindergarten der Welt besucht.

Rein rechnerisch, da muss man ehrlich sein, haben sie mit den Erzieherinnen und Erziehern (ja! Wir haben tatsächlich auch Männer!) deutlich mehr Zeit verbracht als mit mir. Jeden Wochentag acht Stunden nämlich. Mit mir haben sie an einem Wochentag nur 5,5 Stunden verbracht.

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die bei diesem Gedanken den Kopf schütteln. Wie kann man nur! Wie kann man nur das arme, kleine Kind so früh und so lange fremdbetreuen lassen?

Ich gebe zu, bevor ich nach Berlin kam, dachte ich auch, sowas machen nur irgendwelche egomanen Menschen, die ihre Kinder aus undefinierbaren Gründen bekommen. Vielleicht einfach als Statussymbol?

In Berlin aber, da wird man meist wie ein Auto angeschaut, wenn man z.B. sagt, dass man mehr als 12 Monate Elternzeit nimmt: „Ja habt ihr euch denn nicht um einen Kindergartenplatz gekümmert?“

Tja. Ich habe es z.B. nicht geschafft die Kinder im August zu gebären. Vielleicht haben sie noch keine Kinder und wissen deswegen gar nicht, dass man Kinder nur im August bekommen sollte? Ich gebe zu, ich wusste das auch nicht. Hab sie einfach unterjährig bekommen und mich nicht nach dem Kindergartenjahr gerichtet.

Dabei ist es eigentlich ganz logisch. Wenn niemand wegzieht, gibt es für jedes eingeschulte Kind genau einen Platz und der startet im August.

Wusste ich nicht. Deswegen war Kind 3.0 z.B. steinalt als es eingewöhnt wurde. 18 Monate nämlich. Kind 2.0 hingegen 11 Monate.

Doch zurück zum Anfang.

Als ich schwanger wurde, begab ich mich auf Kindergartenplatzsuche. Auf gefühlten 200 Listen stand ich, von keiner Einrichtung bekam ich eine Zusage.

Dann machte um die Ecke ein Kindergarten neu auf. Das war allerdings schon 10 Monate nach der Geburt von Kind 2.0

Ich lief also mit Kind 2.0 rein und fragte nach einem freien Platz. Während ich mit der Leiterin sprach, krabbelte Kind 2.0 an mir vorbei, setze sich im Bastelraum auf einen der Miniaturstühle und begann zu basteln.

„Was hast du denn? Ein Mädchen oder ein Junge?“

Ich werde diesen Moment nie vergessen. So lange war ich schon auf der Suche, mir lag auf der Zunge zu sagen: „Was braucht ihr denn? Wir bekommen das noch umerzogen im Fall der Fälle.“

War dann aber gar nicht nötig. Das Geschlecht passte. Ich bekam das pädagogische Konzept in die Hand gedrückt und sollte mich Ende der Woche wieder melden.

Kind 2.0 hingegen war schon komplett integriert und lies sich nur widerstrebend mitnehmen.

Abends las ich das Konzept und dachte: „Himmel, wenn die hier 50% von dem gebacken bekommen, dann ist das der beste Kindergarten der Welt.“

Acht Jahre später kann ich sagen, sie haben jede gottverdammte Zeile umgesetzt. Jede.

Die tatsächliche Eingewöhnung mit Kind 2.0 war dann v.a. eine Entwöhnung für mich. In einem zehn Tage Programm lernte ich, dass mein Kind sich für andere Menschen als für mich begeisterte und das auch völlig OK so war.

Die Erzieherinnen waren sehr einfühlsam und geduldig mit mir.

Die Eingewöhnung mit Kind 3.0 dauerte ebenso lange. Allerdings hatte ich da schon kapiert, dass Kinder v.a. andere Kinder toll finden. Die Schwierigkeit war, Kind 3.0 an Abläufe zu gewöhnen. Bislang lebte ich nämlich mit Kind 3.0 so in den Tag hinein. Für nichts gab es eine feste Zeit. An einen regelmäßigen Mittagsschlaf war nicht zu denken.

Als das Kind am vierten Tag immer noch nicht in der Kita schlief, war ich etwas verstört. Doch auch hier hatten die Erzieherinnen Geduld mit mir.

Währenddessen gewöhnten sie Kind 3.0 an feste Punkte im Tagesprogramm. Kind 3.0 gab dann an Tag sieben nach, bestand aber darauf, dass alle Schlaflieder miaut wurden.

Als ich einmal im Nebenzimmer saß und eine der Erzieherinnen „Guten Abend, gute Nacht“ in „miau-miau miau miau miaumiau, miaumiaumiaaau iauuu“ singen hörte, zerschmolz mein Herz.

Meine Kinder waren so wunderbar dort aufgehoben. Es gibt keine Worte. Die Erzieherinnen und Erzieher sind für mich Engel*. Ihre Geduld, ihre Herzenswärme und ihr unbedingter Wille die Kinder zu begleiten und erblühen zu lassen, sie lassen sich nicht in Worte fassen.

 

Ganz besonders freue ich mich, dass die Erzieherinnen und Erzieher frei jeder Genderklischees sind. Jedes Kind durfte sich interessieren für was es sich interessieren wollte. Es gab keine Mädchenfarben, keine Jungsspielsachen, keine unnötigen Zuschreibungen. Wollte ein Junge Prinzessin sein, dann war er es. Wollten die Mädchen Fussball spielen, dann haben sie das gemacht.

Die Kinder wurden immer mit ihren Eigenheiten und Besonderheiten wahrgenommen. Als Individuen ernst genommen.

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Wenn Kind 3.0 von irgendeinem Thema begeistert war, dann durfte es das im Kindergarten ausleben, hier: Pokémon

Die Kinder durften alles ausprobieren und bekamen immer Antworten. Es wurden Socken eingepflanzt, um ein für alle Mal zu klären, ob Socken an Bäumen wachsen. Es wurden sich Filme zum Thema Urknall angeschaut und wochenlang wurde jede Frage zu Rochen beantwortet. Es wurde gekocht, gebacken, gemalt (bei Kind 3.0 gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt), gebastelt, gesungen, gelacht, geredet.

Es war für jedes Gefühl Platz, es gab immer Respekt und Liebe.

Jedes Kind wurde angenommen.

Ja, angenommen – das ist eigentlich das Stichwort.

Die Kinder kommen aus dem Kindergarten und wissen: Ich bin richtig, wie ich bin. Ich glaube, mehr kann man sich von einem Kindergarten (ach was, von irgendeinem nahestehenden Menschen) nicht wünschen.

Dafür bin ich so unendlich dankbar!

Wenn die Kinder später noch verhunzen – am Kindergarten lag’s nicht. So viel ist klar.


*schon das dritte Religionsding, ich bin einfach beseelt!

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

146 Gedanken zu „Wenn ihr wissen wollt, warum die Kinder so gelungen sind: ich war’s nicht“

  1. Ich kann nicht mehr. Ich verdanke Dir eine der allerschönsten Lach-Spektakel meines Lebens.
    Kennst Du die Nanny, Franny Fine? Dein Schreibstil ist so, als würde sie bloggen. Darf ich mich vorstellen: Maria, neue Stammleserin.

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  2. Das mit dem Schlaflied miauen ist der Brüller! :D
    Wenn selbst bei sowas der Kindergartenpersonal mitmacht, das ist echt ein gutes Zeichen.

    Bin mal gespannt wie das bei meinem Kind wird, ist nicht mehr so lange hin bis da auch der Kindergarten ein Thema wird.

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  3. Du solltest das unbedingt ausdrucken und dem Team in Deinem Kindergarten geben. Lob und ein solch tolles Feedback sind selten genug, und das ist einfach was, das ihnen sehr extrem gut tun wird. Auf lange Sicht. :)

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  4. Das klingt fantastisch!

    (und ich bin nur ein kleines bisschen neidisch. Ganz so viel Glück haben wir mit der Kita für Kind2 leider nicht, auch wenn die Erzieherinnen selbst echt super sind!)

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    1. In unserer Kita gabs z.B. auch Personalwechsel, aber zum Glück hat das nie die Hauptbezugsperson „erwischt“. Sowas kann Kindern ja auch zu schaffen machen…

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  5. das klingt wirklich gut… und da ich ja quasi um die ecke wohne, würde mich wirklich interessieren, welcher kindergarten das war – ich hätte auch gern perfekt erzogenen nachwuchs :)

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  6. Schön geschrieben. Hoffe, das ich mal das selbe über unseren Kindergarten sagen kann. Tatsächlich ist es auch bei uns so, dass wir uns vor allem daran gewöhnen müssen, dass unser Kind auch woanders prima zurecht kommt, auch wenn dort eventuell das eine oder andere anders ist als bei uns zuhause.

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    1. Oh Gott ja! Jetzt wo du es sagst. Sowas gab es natürlich auch (schon verdrängt…) Die Trinkflasche am Spielplatz z.B.
      Benutzt von 20 rotztriefenden Kindern. Da musste auch erst mal durchatmen…

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  7. Ich werde das mal meinem Freund zu lesen geben, der der Meinung ist, wir sollten einfach den nächstbesten Kindergarten nehmen (der allerdings wirklich sehr günstig in 20 Meter Luftlinie liegt…) unabhängig vom pädagogischen Konzept…

    Sehr schöner Text!

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    1. Die zusätzliche Schwierigkeit ist ja rauszubekommen, ob das pädagogische Konzept nur Theorie ist oder auch gelebt wird… jedenfalls glaube ich, ist es schon sinnvoll etwas zu suchen, das der Seele des Kindes gut tut und das ist nicht unbedingt der nächstbeste Kindergarten.

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      1. Zum Glück leben wir in der Kleinstadt und haben bei erschwinglichen Preisen Wahlfreiheit. Daher auch noch ein paar Monate zum überlegen. Nachteil: sowas wie Montessori oder Waldorf gibt’s erst ab 30 km einfacher Fahrt… Und das ist mir dann doch zu weit.

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  8. Gerne gelesen.
    Wir hatten ähnliches Glück mit unserem Kinderladen.

    Bei uns wird Kind1 eingeschult – heute war der letzte Kitatag.
    Da ist mir bei Deinem Blog immer ein bisschen so, als schaue ich in die Zukunft.

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