re:publica, Tag 3 und wie waren eigentlich die Sessions?

12875 Eindrücke von der re:publica 2012

Ich habe noch nie so wenige Sessions gesehen wie diese re:publica. Das lag natürlich weder an einem mangelnden Angebot noch an fehlender Qualität. Im Gegenteil, denn die Sessions, die ich mir angeschaut habe, waren wirklich absolute spitze. Sowohl vom Inhalt als auch in der Art und Weise, wie sie präsentiert wurden. Dass ich so wenige Sessions gesehen habe, ist vielmehr dem Umstand geschuldet, dass ich diesmal wirklich mit Menschen geredet habe und zwar nicht nur mit den drei, die ich ohnehin schon kannte, sondern mit vielen, vielen neuen. Ich bin unglaublich schlecht im Small-Talk und meistens überfordert mich schon folgende Konversation: „Ah, Hallo Nuf! Und?“, weil ich auf das „Und?“ schon nichts mehr zu sagen habe oder so viel, dass ich so lange nachdenke, dass es deswegen eine peinliche Pause gibt. Nach intensivem Nachdenken, wie ich diese Situation verbessern könnte, bin ich selbst rumgelaufen und habe es mit „Hallo <Name>, und?“ versucht. Das hat hervorragend geklappt, denn die meisten sind offensichtlich deutlich besser in Sachen Real Life Kommunikation als ich.

Ich danke jedenfalls allen für die schönen Gespräche, die wir hatten und all die Ideen, die sich dadurch in meinem Kopf angesammelt haben. Sowohl das persönliche Gespräch als auch das reine zuschauen und -hören, haben mich sehr beeindruckt.

Zum Beispiel bin ich wirklich voller Bewunderung für Raul Krauthausen, dessen Humor, Sichtweise und Ideenreichtum wirklich einzigartig ist. Ich kannte bereits die Wheelmap und habe das Projekt Brokenlifts.org neu kennen gelernt und ich hoffe, dass er viele Unterstützer für diese Projekte findet. Menschen, die Orte makieren und melden, Menschen, die bereit sind ihre Arbeitskraft reinzustecken und Menschen, die bereit sind zu spenden. Denn das Besondere an diesen Projekten ist ja, dass sie uns alle angehen und nicht nur Menschen im Rollstuhl. Wirklich beispiellos ist seine Herangehensweise an viele Probleme und so hat mir ähnlich wie Felix Schwenzel die Idee gefallen, dass es nicht Nicht-Behinderte und Behinderte gibt, sondern dass es Behinderte und Noch-Nicht-Behinderte gibt. Denn diese Sichtweise lässt sich in viele andere Bereiche übertragen und hilft so manchen Groll beiseite zu schieben und Probleme konstruktiv zu lösen.

Felix Schwenzel, von der Moderatorin, der Humanist des Internets genannt, hat diese Sichtweise direkt in die Real Life vs. Virtualitäts Debatte übertragen und forderte auf, dass wir Internet People (ich glaube, das ist der aktuelle Jargon) mehr Verständnis für die Noch-Nicht-Internet People haben sollten. Recht hat er, denn Fronten schaffen nie Verständnis und es werden zum Befeuern dieser Fronten wichtige Energien verschwendet, die an anderen Stellen viel besser eingesetzt werden könnten.

Zum Beispiel bei der Frage, wie man den Neuerungen des Internets gerecht werden könnte in Sachen Kopien und Urheberrecht. Hier hat der Vortrag von Dirk von Gehlen mein Halbwissen sehr gut zusammengeführt und auch gezeigt, wo die neuen Herausforderungen liegen.

Sascha Lobos Internet-Bratwurst-Vortrag konnte ich leider nicht sehen, allerdings wurde ich von einem Kamera-Team u.a. zu ihm befragt und hatte so die Möglichkeit mein Groupietum maximal peinlich in eine Kamera zu sprechen. Offensichtlich war das Team aber auf der verzweifelten Suche nach irgendeinem Lobo-Gegner und konnte selbst nach zehn Befragungen nicht fündig werden. (Liebe Minderheit Sascha Lobo Hater, melde Dich doch einfach beim BR, man sucht Dich und möchte Dich ernst nehmen!)

Sein Vortrag letztes Jahr – vor allem seine Beschimpfung in punkto „Was ist denn los mit Euch? Warum werdet ihr eigentlich nie vom Fernsehen/Radio zum Internet befragt, ihr seid doch alle Auskenner … habt ihr Euch darüber schon mal Gedanken gemacht? Warum rufen die immer nur MICH an?“ haben mich – in Kombination mit meinen Beobachtungen zu Julia Probst – sehr insipiert.

Julia Probst, die ich auch kennen lernen durfte, hat nämlich genau das letztes Jahr ganz grandios gemacht. Sie hat sich für ein Thema eingesetzt und hat gar nicht erst gewartet, dass Menschen auf sie zukommen sondern ist einfach vorgestürmt und hat das Thema Gehörlosigkeit (aus meiner persönlichen Internetperspektive) richtig stark positioniert.

Von Julia inspiriert, habe ich dieses Jahr auch die Erfahrung machen dürfen, dass man bei freundlicher Anfrage zu bestimmten Themen in der Regel auf offene Ohren stößt und dass ein solcher Prozess erstmal angestoßen, eine Eigendynamik entwickelt und man im Nachgang plötzlich auch Anfragen erhält*. Konkret war das bei mir das Thema BOBs. So durfte ich freundlicherweise einen Gastbeitrag auf netzpolitik.org schreiben, wurde vom Jetzt-Magazin interviewt, hab bei Trackback und im WDR was dazu erzählt.

Gewonnen als Best Blog German hat übrigens Jules Blog mit 42 Prozent. Nominiert waren außerdem für den deutschen Sprachraum:

Gestern Nacht im Taxi
Fünf Bücher
Anders Anziehen
Not Quite Like Beethoven
Fuckermorthers
Vegan Sein
Bestatterweblog
Zwischen Tradition und Moderne
Bildblog
Das unbekannte Königreich

Ein Blick in diese Blogs lohnt sich unbedingt!

Zu den Gewinnern der Hauptkategorien (und auch zu den Nominierungen, die nicht gewonnen haben, die aber einen nachhaltigen EIndruck bei mir hinterlassen haben), möchte ich an anderer Stelle gesondert etwas schreiben.

Eine wichtige Session habe ich anscheinend verpasst: Die mit dem Regierungssprecher Steffen Seibert. Ich habe den Twitterstream dazu verfolgt und hätte meiner Verwunderung nicht besser Ausdruck verleihen können als grindcrank (der auch nicht da war):

[blackbirdpie url=“https://twitter.com/#!/grindcrank/status/198412632477282306″]

Also – wer erklärts mir?

Ganz groß fand ich auch Kixka Nebraskas Vortrag „About me – die digitale Fassade„, den Journelle wunderbar zusammenfasst:

„Kixka Nebraska war sehr aufgeregt, gleichwohl war der Vortrag so gut, dass die Bilder ihrer Präsentation, die sie klar und angenehm schnörkellos erklärte, fest bei mir verankert sind.

Mit nach Hause nehme ich auf jeden Fall, dass die Identität im Internet eben doch ganz oft mit der in der analogen Welt übereinstimmt. Dieses Gefasel von ‘die Leute denken sich im Internet doch was aus und sind nicht sie selbst’ habe ich immer für Blödsinn gehalten.

Dank Kixka habe ich nun auch argumentative Grundlagen, um diesen Blödsinn vor Noch-Nicht-Onlinern zu wiederlegen.“

Übrigens sind sowohl Kixka als auch Felix Schwenzel leuchtende Beispiele dafür, dass Perfektion nicht gleichzusetzen ist mit Qualität, sondern dass es v.a. Authentizität ist, die die Menschen erreicht und Vorträge so besonders macht (nun – kombiniert mit Kompetenz im eigenen Gebiet natürlich).

Außerdem gesehen:

Udo Vetter und „Spielregeln für das Netz

Kathrin Passig und „Standardsituationen der Technologiebegeisterung

Und last but not least natürlich die vier Damen HappySchnitzel, Kaltmamsel, ruhepuls und Carolin Buchheim und ihr grandios inszeniertes Poetry Spam.

Einzig wirklich öde Veranstaltung war Falk Lüke und Stephan Noller angekündigtes „Let’s streit. Wer darf mich tracken?„.

In Andenken an Sascha Pallenbergs Aussage, es gäbe in Deutschland keine relevanten Blogs, die von Frauen geschrieben würden und dem Gestöhne im Publikum „Oh Mann, die Emanzen wieder“ (weil eine Frau nachfragte, wieso er in seiner Aufzählung denn keine Frauen genannt hätte), spiele ich mit dem Gedanken nächstes Jahr mal ein Bashing-Panel mit anderen Frauen anzubieten, bei dem wir uns die gängigen Definitionsansätze zum Thema Relevanz und Reichweite von Blogs um die Ohren hauen und uns dabei parallel die Nägel und Haare schön machen lassen.

Ah, fast vergessen: Wie Felix Schwenzel bin ich Philip Banse Fan geworden:

„von mir aus kann philip banse jeden tag 2 stunden programm auf der republica machen, seine blogger-gespräche sind extraordinär. er sucht sich die richtigen und interessanten leute raus und stellt unprätentiös genau die fragen die man auch stellen würde, wenn sie einem einfallen würden. letztes jahr war sein gespräch mit julia probst ein totales highlight, dieses jahr das mit raul krauthausen. raul krauthausen stahl allen die show, so wie julia probst das letztes jahr schaffte und philip banse sorgt für die bühne. (raul krauthausens neue kategoriesierung von menschen in behinderte und noch nicht behinderte: unbezahlbar, seine menschenfreundlichkeit, pragmatische weltsicht und sein humor: herzwärmend.)“

Amen (und herzlichen Glückwunsch, wenn Du wirklich bis hier unten gelesen hast).

*Lieber Interessent, ich kenne mich übrigens auch mit allem aus und man kann mich hervorragend als Quotenfrau buchen.

Autorin: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

8 Reaktionen zu „re:publica, Tag 3 und wie waren eigentlich die Sessions?“

  1. That is a great tip particularly to those fresh to the blogosphere.
    Simple but very precise info… Thank you for sharing this one.
    A must read post!

    my blog … ullakkopossut.blogspot.com (Kristan)

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