U-Bahn Gedanken

Ich hatte irgendwann mal den Kommentar: „Mach mal die Augen auf, erklär mir mal wie man eine Vollzeitanstellung in eine Teilzeitanstellung umwandeln kann wenn man ein Mann ist“ unter einem meiner Blogartikel. An diesen Kommentar musste ich heute in der U-Bahn denken.

Ein sehr wichtiger Kommentar, denn er spiegelt eine bestimmte Denkhaltung wieder. Was für Männer offenbar ganz unmöglich ist, ist für Frauen anscheinend kein Problem. Immer wieder wird so getan, als sei der gleiche Sachverhalt für eine Frau etwas total anderes als für einen Mann.

Ich habe versucht mir das mal an verschiedenen prototypischen Alltagssituationen vorzustellen

Situation 1: Haushalt

Frau: Ich liebe Spülmaschine ausräumen. Das Ein- und Ausräumen der Spülmaschine erfüllt mich so sehr, dass ich sie manchmal einfach vollräume, obwohl nichts schmutzig ist. Einzig und allein – weil mir das so einen Spaß macht.

Mann: Spülmaschine ausräumen. Na toll. Schon wieder. Elendige Sisyphos-Arbeit. Als gäbe es nichts schöneres. Macht mir echt keinen Spaß!

Situation 2: Das Kind ist krank

Frau: Hallo Chef, ich muss leider zuhause bleiben, mein Kind ist krank.
Chef: Oh, das macht nichts. Ganz ehrlich, sie haben doch schon letzte Woche zwei Mal gefehlt und wirkten so angeschlagen auf mich. Lassen sie sich krank schreiben und kurieren sie sich bitte endlich mal richtig aus. Ihre Kunden laufen ihnen nicht weg…

Mann: Hallo Chef, ich muss leider zuhause bleiben, mein Kind ist krank.
Chef: Was? Schon wieder? Das ist – um offen zu sein – sehr ärgerlich. Da müssen wir jetzt aber wirklich langfristig mal schauen, ob wir die wichtigsten ihrer Projekte an die Frau Müller geben. Die hat so gut wie keine Fehlzeiten.

Situation 3: Eine Schwangerschaft wird verkündet

Frau: Chef, ich bin schwanger.
Chef: Herzlichen Glückwunsch. Das ist das dritte, oder? Genießen sie bitte ihre Elternzeit. Ihre Projekte und Verantwortlichkeiten bekommen sie dann wieder zurück. Wir halten sie up to date.

Mann: Chef, meine Frau ist schwanger.
Chef: War das Absicht? Das ist doch schon das dritte? Sie wollen wohl hoffentlich keine Elternzeit machen. Ich weiß nicht, ob wir ihre Projekte für sie nach einer längeren Pause halten können.

Situation 4: In Teilzeit gehen

Frau: Ich würde gerne Stunden reduzieren.
Chef: Alles klar! Wären 28 Wochenstunden OK? Wir bekommen das schon hin. Wir schauen einfach mal, welche Themen sie abgeben können, ohne ihren Verantwortlichkeitsrahmen zu verkleinern. Es geht hier schließlich nicht um Anwesenheit sondern um ihre Kompetenz, die ich im Übrigen sehr schätze. Außerdem probieren wir so neue Arbeitszeitmodelle aus. Das kann ja auch ein Vorteil für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein, oder?

Mann: Ich würde gerne Stunden reduzieren.
Chef: Wie bitte? Sie wissen doch selbst, dass eine bestimmte Hierarchie-Stufe auch vom Vorbildcharakter lebt. Sie können nicht Abteilungsleiter sein und dann früher gehen. Sie müssen ein Vorbild für die anderen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sein. Ihre Position ist leider nicht geeignet in Teilzeit ausgeführt zu werden. Das ist ihnen doch klar?


 

Falls es nicht klar geworden sein sollte. Ich bin sicher, es hängt nicht am Geschlecht der Bittstellenden. Es hängt am Arbeitgeber, es hängt an der Einstellung der Vorgesetzten UND es kommt wohl nur in sehr seltenen Fällen vor, dass alltägliche Pflichten erfüllend sind. Meistens sind es eben nur Pflichten, die geschlechtsunabhängig keinen Spaß machen.

Frauen stehen vor den selben Problemen wie Männer. Sie sind offenbar aus Tradition eher bereit, diese Probleme anzugehen und ggf. die damit verbundenen Diskrimierungen hinzunehmen und mit den Herabstufungen und dem Mobbing zu leben, auf Karriereschritte und Geld zu verzichten.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

93 Gedanken zu „U-Bahn Gedanken“

  1. Hallo. Echt nachdenkliche Gedanken. Vor allem auf das Kind bezogen und die Mann-Frau-Rolle. Abteilungsleiter in Teilzeit ist nur ein Traum und wird man wohl kaum erleben. Die Unterschiede und die Rollenverteilung ist sicherlich nicht Gerecht, aber auch nicht anders zu händigen. Es wird noch lange so bestehen. Interessant finde ich persönlich den Vergleich der höheren Positionen und die Veränderungen in der Wahrnehmung.

    Die Frauen passen sich enorm an, dass sie kaum von Männern zu unterscheiden sind. Die Frisur verändert sich mit der Zeit, der Gang und auch die Kleidung wird enorm unbewusst angeglichen. Gesichtsausdruck und die Sprechform spreche ich erst gar nicht an.

    Sehr schöne Gedanken. Geteilt. Grüße.

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  2. Ich befürchte einfach, dass alle Bemühungen dazu führen, dass beide Geschlechter die gleichen Probleme haben. Das sage ich als Informatikerin (mit dann abgeschlossener Promotion) mit Kleinkind, die entweder bald arbeitslos ist oder doch einen 40h Job antritt. Alle Bemühungen machen es für die Männer nicht selbstverständlicher in Teilzeit zu gehen/für ihre Familie da zu sein sondern für die Frauen un-selbstverständlicher. Das will man nicht, ist aber so.

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  3. Die ganz große Frage, die hier ausgeblendet wird, ist doch eine andere: ist das unter weiblichen Chefs auch so? wenn ja: sind die dann unbarmherzig? Wenn nein: warum tun da die zig gleichstellungsbeauftragten nichts?

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  4. So ähnlich läuft es dann auch bei Gehaltsverhandlungen und Beförderungen. Das ist dann der Grund dafür, dass Frauen schlechter bezahlt werden:

    Situation 5

    Frau: Ich möchte eine Gehaltserhöhung bekommen.
    Chef: Sie wissen schon, dass sie eine Frau sind? Verdient ihr Mann nicht genug?

    Mann: Ich möchte eine Gehaltserhöhung bekommen.
    Chef: Klar, kein Problem. Wie hatten im vergangen Jahr sowieso eine Gewinnsteigerung. Ihre gute Arbeit belohne ich gerne, wenn Sie nicht danach gefragt hätten, hätte ich Ihnen nächsten Monat eh mehr überwiesen.

    Natürlich läuft es so nicht, trotzdem gibt es einen Unterschied in der Bezahlung von Frauen und Männern. Der Grund dafür und auch die Gründe dafür, dass Familienarbeit bei Männern weniger anerkannt ist, ist vielleicht nicht ganz so oberflächlich, wie in den verschiedenen Situationen dargestellt. Ich finde schon, dass Männer in diesen Punkten benachteiligt sind. Klar, kann ein Mann sich das auch erkämpfen, aber für eine Frau ist es oft einfacher,. Das heißt nicht, dass es für sie einfach ist.

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  5. Deshalb gibt es bei uns eine Haushaltsliste mit einer genauen Einteilung, wer wofür zuständig ist. Wenn der andere das verbockt, kann man es ihm immerhin schön unter die Nase reiben. Das stellt keine 100%ige Gleichberechtigung her, aber wir kommen zumindest näher ran. Viele halten solche Listen jedoch für total doof (vermutlich weil unromantisch.)
    Und zum Chef: ich würde behaupten, es gibt auch „positive Diskriminierung“. Ich habe zwar ohne Probleme bekommen, was ich wollte (32h/Woche, 1 Woche Dienstreise alle 3 Monate), aber mein Chef hätte auch „große Bauchschmerzen“ dabei gehabt, wenn ich z.B. 1 Woche Dienstreise pro Monat gehabt hätte. Er hätte ein schlechtes Gewissen gegenüber meines Freundes und meiner Kinder gehabt. Bei jungen Vätern hingegen hat er hier keine Probleme sie häufiger auf Dienstreise zu schicken… (trotz allem Jammern auf hohem Niveau…)

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  6. Schließt sehr schön an den Artikel über die Verteilung der Care-Arbeit an. Früher arbeitete ich als Postdoc in der Forschung, wo man auf einem 35h-Vertrag gerne mal 50-70h arbeitet. Wenn man dann nicht soviel verdient, dass man alles outsourcen kann, ist das nur mit einem Partner zu schaffen, der 100% der Care-Arbeit übernimmt. Bei uns war leider weder das eine noch das andere der Fall (man verdient in der Forschung nicht so viel, und mein Mann arbeitet auch – muss).
    Mein Chef hingegen hatte sowohl das Geld als auch die perfekte Hausfrau daheim. Er sagte zu mir: „Weißt Du, ich bleibe oft lange in der Arbeit, aber wenn ich dann nach Hause komme, bin ich voll für meine Familie da! So musst Du das auch machen.“ Er war da sehr zufrieden mit sich. Er kam abends nach Hause und musste maximal noch ein Buch vorlesen, und das war dann schon ganz toll. Ich hingegen war ungelogen jeden Tag von morgens 6 bis abends 21 Uhr ohne Pause am Arbeiten oder Versorgen.
    Irgendwann war der Punkt für mich erreicht, wo ich den Sinn einfach nicht mehr gesehen habe. Jetzt arbeite ich als Lehrerin und kann bald Teilzeit nehmen. Ich kann mir vorstellen, dass es auch anderen so geht. Vielleicht hat man irgendwann einfach keine Lust mehr, permanent an allen Fronten zu kämpfen, man hat ja nur das eine Leben.

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  7. Du sprichst selbst die Tradition im letzten Absatz an. Du sagst, dass es die Frauen sind, die aus Tradition eher Aufgaben auf sich nehmen. Sind es nicht auch traditionell begründete Erklärungen, die mann zu hören kriegt, wenn er beim/bei der Chef/in z. B. nach Elternzeit fragt? Ich denke das ist eher ein großes Problem, dass in vielen Chefetagen konservativ-traditionell entschieden wird, sodass selbst Männer, die nicht selbst so denken es schwierig(er) haben, Dinge bewilligt zu bekommen, die eine Frau eher zugesprochen bekommt.
    Das bedeutet natürlich nicht, dass mann sich zurücklehnen kann, weil ja der böse Chef und so. Aber ich finde, das ist ein nicht zu unterschätzender Punkt.

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    1. Ich stimme dir zu. Ich bin mir sicher, dass das für Männer nicht einfach ist. Ich verstehe nur nicht, warum so viele zum Fatalismus neigen und es dann erst gar nicht versuchen.
      (Wenn ich mir dann außerdem vor Augen führe, dass zB „Durchsetzungskraft“ als wichtige Management-Kompetenz angesehen wird und sich Mann dann aber genau in diesem Bereich nicht oder nur so schwer durchsetzen kann, dann ist das doch sehr erstaunlich…)

      Mir ging es auch eher darum zu zeigen: Es ist für Männer wie Frauen gleich.
      Viele Frauen erkämpfen sich bestimmte Dinge wie Teilzeit/Elternzeit zum Teil unter großen Kosten.
      Viele Männer stehen vor dem selben Problem und sagen dann: Ich kann das nicht machen, da leidet meine Karriere drunter.

      Und so zementieren sich dann die festen Rollen und am Ende wird dann so getan als sei das irgendwas gottgegebenes, das am X oder Y-Chromosom hängt.

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  8. Wenn ich Teilzeit will, gehe ich zum Chef, sage das und bekomme es normalerweise auch. Aber ich bin – wie du denke ich, auch, unsere „Partner“firmen nehmen sich da nicht viel – Teil eines ziemlich fortschrittlichen Unternehmens. Zum Glück.

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      1. Sorry, der Beitrag geht zumindest an Teilen der Realität vorbei. Die Vereinbarkeit von Job und Familie ist bei Frauen schon länger ein Thema als bei Männern. Dementsprechend ist man dort nicht am Ziel, aber zum Teil schon etwas weiter.

        Ich war früher bei einem Arbeitgeber, der hatte die Wichtigkeit von Frauen für das Unternehmen erkannt. Elternzeit und Rückkehr waren anerkannt und recht gut geregelt. Ziel: Man wollte die Frauen zurück locken. Für Männer galt dies nur für die üblichen 2 Monate. Alles darüber war weiter „unkonventionell“ und mit großen Diskussionen verbunden. Ziel hier: Väter bei den „üblichen“ 2 Monaten zu halten. Diese Auffassung ist leider in vielen Unternehmen verbreitet. Und die glauben dann sogar oft, sie stünden für Vereinbarkeit.

        Highlight: auf meine Frage zu den vom Unternehmen geförderten benachbarten KITA-Plätzen wurde mir gesagt, diese wären primär für Mütter im Unternehmen gedacht. Hakt’s?

        Unsere Lösung: ich habe den Arbeitgeber gewechselt (nun öffentlicher Dienst) und direkt nach der Probezeit ohne Probleme (!!) meine lange Elternzeit angekündigt.

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  9. Ich arbeite in einem kleinen Büro. Eine Kollegin war mal mehrere Monate krank. Danach wurde sie entlassen. Man kam auch ohne sie klar.

    Als dann bei uns Nachwuchs anmeldete, hatte ich das immer im Hinterkopf. Ich hatte Angst, der nächste zu sein, dessen Arbeit ein Anderer nun mitmachen muß. Ich habe dann nur 2 Monate Elternzeit genommen und dann halbtags gearbeitet. Mit Urlaub habe ich das so auf 4 Monate strecken können. Immer mit der Angst, daß mir gesagt wurde, daß ich das doch halbtags geschafft habe und dann zukünftig auch nur eine halbe Stelle bräuchte. Finanziell wäre das sehr schlecht gewesen. Kam zum Glück nicht so. Aber dem damaligen Chef habe ich alles zugetraut.

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    1. Klar, google mal wie viele Frauen Teilzeit machen und wie viele Männer Teilzeit machen (nur als Beispiel). Oder google Studien zur Verteilung von Hausarbeit (selbst wenn Frauen Vollzeit berufstätig sind, übernehmen sie statistisch gesehen viel mehr Aufgaben im Haushalt als ihre Partner). Google mal wie die Verteilung bei der Übernahme von Krankheitstagen nach Mütter/Väter ist…

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      1. Ja, aber du kannst rein aus der Verteilung von Teilzeit (btw: aus Sicht meines Chefs arbeite ich auch Teilzeit, weil ich bei einem 35h Vertrag 35h arbeite und nicht mit einem 40h Vertrag 45-50h…) nicht schließen, warum die Verteilung so aussieht. Ob jetzt mehr oder weniger Männer Teilzeit arbeiten würden wollen, oder weniger bewilligt wird oder ob wie in deinem Beispiel dazu eingeladen werden von der Chefin (oder von der Partnerin dazu gedrängt werden, ja keine Karrierestufe etc.).

        Du machst halt aus Mittelwerten eine einzige, einheitliche Situation.

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      1. Darum geht es nicht. Hier ist „Chef“ generisches Maskulinum für jemanden, der in der Hierarchie über einem steht und Personalentscheidungen trifft.

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        1. Strange. Deiner obigen Logik nach müssten doch aber Chefinnen – gerade weil sie traditionell usw. – leichter dem männlichen Wunsch nach Teilzeit…
          … du siehst wohin das führt.

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          1. Ja, in eine endlose Diskussion, weil ich jetzt erkläre, dass Frauen in Führungsetagen oft nur dahin kommen, weil sie sich möglichst „männlich“ verhalten, auf Kinder und Familie verzichten, dementsprechend etc pp.
            Ich glaube, wir können festhalten, dass wir das unterschiedlich einschätzen.

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