1 qm Kresse

Natur! Ich komme!

So, Leute. Ich habe jetzt für ein Jahr 0,96 Quadratmeter Garten gepachtet. Menschen, die auf dem Land leben, mögen das lächerlich finden. Für uns Städter:innen ist das absoluter Luxus.
Die Pandemie hat das mit mir gemacht. Ich wache morgens auf und denke: „Wenn ich meine eigenen Tomaten* züchten könnte, dann hätte ich ein glückliches Leben!“
Doch wie soll man das machen – mit einem gen Norden ausgerichteten Balkon? Bei mir wachsen bestenfalls Farne und Funkien.

Doch dann ist ein Wunder passiert. Nicht allzuweit von meiner Wohnung entfernt, gibt es ein Urban Gardening Projekt, dem ich mich anschließen konnte. Ich darf mir deswegen ein Hochbeet bauen und mein Traum kann wahr werden.

Im Kopf habe ich schon alles geplant. Natürlich baue ich kein Hochbeet. Ich kaufe eins. Ich kann nicht bauen. Ich habe kein Werkzeug. Nur eine Bohrmaschine. Aber ein Hochbeet kann man leider nicht bohren. Also kaufe ich eins. Ist ja nicht so teuer. Gibt schon welche für 500 Euro.

„Wahrscheinlich fressen die Krähen dann aber alles weg!“, gibt mein Kind zu bedenken als ich abends von meinen Plänen berichte. Das Kind könnte Recht haben, die Krähen hier sind sehr hungrig. Aber kein Problem, dann kaufe ich Gurkenträger und forme Bogen daraus und überziehe die mit einem Katzenschutznetz. Ich recherchiere. Ach naja, nochmal 100 Euro. Was solls!

„Weisst du schon wie du das Hochbeet befüllst?“, fragt mein Freund. Na klar. Ich habe ja im Internet alles gelesen darüber. Ein Drittel Holzhäcksel, ein Drittel Kompost, ein Drittel hochwertige Erde.
Ja blöd nur, dass es hier weit und breit keine Natur gibt. Ja, klar, ich könnte vor Kindergärten rumlungern und Kleinkindern ihre Stöcker (so wird der Plural von Stock in Berlin offiziell gebildet) klauen und die dann mit meiner Bohrmaschine zerbohren. Nur besonders effizient erscheint mir das nicht. Also schaue ich, ob man Holzhäcksel im Baumarkt bestellen kann.
Kann man natürlich. 20 kg für 100 Euro. Naja, muss ich nur noch das Volumen meines Hochbeets ausrechnen (die Maße des Hochbeets tippe ich einem der Kinder in eine der Mathe-Homeschooling Unterlagen heimlich dazu. Endlich zahlt es sich aus, dass wir nach einem Jahr Homeschooling immer noch Word-Dokumente zugeschickt bekommen) und dann bestelle ich 0,2 Kubikmeter Holzhäcksel. Ist das Problem auch schon wieder gelöst.

Ja und Kompost? Unsere Biotonne kann ich nicht nehmen. Also gebe ich „Kompost kaufen Berlin“ in eine Suchmaschine ein und Sie werden es nicht glauben, aber das geht. Dafür muss ich nach Pankow fahren. Da können Menschen ihren überschüssigen Kompost abgeben und Geld für die Entsorgung bezahlen und die Firma verkauft dann den Kompost an kompostlose Leute wie mich. Auch hier brauche ich 0,2 Kubikmeter. Ich schaue auf der Website nach. Ein Kubikmeter Kompost kostet 20 Euro. Gewöhnlicher Kompost. Ich will natürlich Premium-Kompost (+10 Euro/Kubikmeter)!
Also frage ich meinen Freund, ob wir mal zur Komposterdfirma fahren können und frage mich dabei, wie bekommt man den Kompost mit? Wird das gleich über so einen Schlauch in den Kofferraum gefüllt? Haben die To-Go-Behälter oder bringe ich ein paar dieser IKEA-Tüten mit? Und wenn ja, wie viel ist 0,2 Kubikmeter? Eine Tüte? Zehn Tüten? Oder bindet man sich das Hochbeet aufs Dach und lässt das direkt befüllen? Es ist alles so aufregend und neu!

Super. Jetzt brauche ich nur noch Erde. Also Pflanzenerde. Schaue ich wieder im Onlineshop des Baumarkts. Aber es ist echt nicht so leicht sich zu entscheiden. Kräutererde, Gemüseerde, Kakteenerde, Orchideenerde, Blumenerde, Zimmerpflanzenerde… auf keinen Fall nehme ich Universalerde. Ich will schon das Beste für was ich später anbauen werde. Vielleicht einfach ein Sack von jedem. 89 Euro Versandkosten. Schade, aber auch verständlich, denn das ist ja schon alles sehr schwer. Aber was soll man machen?

Fehlt noch das Saatgut. Bio soll es sein. Hier eine exotische Möhrensorte, ach schau, weiße rote Bete gibt es auch und hier diese superseltene Erbsenart! Zack sind 200 Euro futsch.

Was solls. Dieses Jahr verreisen wir nicht.

Das wird ganz fantastisch. Ich werde jeden Tag zu meinem Hochbeet laufen, alles sähen, mit den Pflanzen sprechen, sie gießen, sie düngen (muss man im Hochbeet gar nicht mit der Schicht Premiumkompost, oder?). Jeden Tag, jeden Tag! Ich werde den Pflanzen CO2 zufächern. Vögel verjagen. Ratten vertreiben. Schnecken absammeln. Die Blätter streicheln, die Jungpflanzen homeschoolen, die Blüten bestäuben und warten und dann ungefähr im Herbst, 217 Tage nachdem ich den ersten Samen in die warme, braune Erde gelegt habe… wird irgendeine Dumpfbacke denken: „Höhö! Violette Möhren, weiße Rüben, lilafarbene Erbsen! Die nehme ich mit. Die sind gerade reif. Höhöhö!“

Ich werde morgens an meinen abgernteten Garten treten, 1 kg Kressesamen verteilen und dann in 7 Tagen 12 kg Kresse ernten. Kresse, deren Anbau knapp Tausend Euro gekostet hat. Aber ich werde mich nicht aufregen, denn gärtnern entspannt. Ich werde Kressebrote essen, Kressepesto herstellen, Kressesuppe einfrieren und Kresseduftsäckchen auf meine Wäsche legen und mich freuen, dass ich diesen Sommer, diesen unendlichen Pandemiesommer etwas hatte, das mich glücklich macht.

So wird es gekommen sein!



*Ich esse nicht mal Tomaten.

122 Gedanken zu „1 qm Kresse“

  1. Auch auf einem Nordbalkon lässt sich etwas anbauen:
    Minze ist perfekt, allerdings muss sie auch als Tee o.ä verwendet werden. Sie wuchert, egal wie sie behandelt wird. Auf einem Nordbalkon ist es sogar schwer, sie vertrocknen zu lassen.
    Wenn man es schafft, seine Pflanzen regelmäßig zu gießen, kann man auch Salat anbauen, im Schatten „schießt“ (Blüten mit Samen bilden) er nämlich im Sommer nicht, im Frühjahr gibt’s für ihn allerdings dann zu wenig Sonne.
    Und wenn genug Platz (und der Balkon auch einen Riesentrog Erde aushält) ist, kann man auch Rhabarber anbauen. Der ist sogar mehrjährig, also ideal für nicht sehr gewissenhafte Gärtner und Gärtnerinnen (“ Schon wieder Juli? Ich wollte doch im Februar Chilis vorziehen, eigentlich“).
    Das sind jetzt nur Nutzpflanzen, bei Zierpflanzen gibt es noch mehr, die brauchen allerdings etwas mehr Aufmerksamkeit.
    Viel Spaß beim Gärtnern

  2. Ich habe länger überlegen müssen, wie der Plural von Stock denn heißen soll, wenn nicht Stöcker. (Verratet bitte nicht, dass ich Deutschlehrerin bin!)

    Toll, so ein Premium-Hochbeet. In unserem wachsen astreine, superfette Engerlinge, treu Jahr in Folge schon. Die fressen dann die Wurzeln vom angepflanzten Gemüse und werden dick und fett. Jede Woche kann ich da 30 neue ernten! Bloß will die hier keiner essen…

  3. Kresse für 1.000 Euro? Musste echt lachen über den witzigen und selbst ironischen Artikel. Da ich selber Jahrelang ein Hochbeet betrieben habe, habe ich tatsächlich ein paar Tipps:

    1. Das Hochbeet muss jedes Jahr nachgefüllt werden. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: So ein Beet funktioniert wie ein Komposter. Einmal am Ende der Gartensaison leerschaufeln und dann alles rein, was kompostierbar ist und dazu Strauchschnitt anstatt der teuren Holzschnitzel. Wenn nicht alle dort ein Hochbeet haben, müsste das Zeug doch beim Projekt verfügbar sein.

    2. Wenn du rundherum eine L-förmige Metallleiste anbringst, kommen die Schnecken nicht mehr hoch.

    Wünsche dir viel Spaß mit deinem Gartenabenteuer.

    1. Es ist eine Wiese mit 10 Hochbeeten. Es gibt absolut kein Holz, keine Blätter – nichts.
      Schneckenleiste und Wühlmäuse/Rattengitter mache ich unten rein. Und dann das Beste hoffen.

      1. Ich schenk dir gerne für die nächste Ladung den Heckenschnitt aus unserem Kleingarten. Ist eh immer zuviel. Viel Spaß und Erfolg beim gärtnern! Ich hab das letzte Jahr zum ersten Mal Kartoffeln im Hochbeet gezogen, das war richtig toll!

  4. Ich habe irgendwie Mitleid wegen dem Nordbalkon, der Kosten und des Ernteklaus. Habe vor 10 Jahren mit balkongärtnern angefangen und mittlerweile 2 Beete im Garten. Ca. 10qm. Hätte dir Tipps gegeben können, die vlt. das Schlimmste verhindert hätten. Noch Bedarf dafür?

  5. Sehr schöner Artikel, macht Spaß, das zu lesen ??
    …und dann denke ich an die 4 Hochbeete, die ich aus 32 Europaletten aufbauen und befüllen durfte/musste.. leider kann meine Tochter das Volumen noch nicht berechnen ??????

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