Willkommen in meiner kleinen Welt

In einer Pandemie, in der ein satirischer Maßnahmen-Generator ebenso glaubhafte Maßnahmen generiert, wie die Bundesregierung selbst, ist es wichtig, sich noch als selbstwirksam zu erleben.

Denn selbst die robustesten Gemüter versinken langsam in Pandemie-Müdigkeit. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn die schönen, gemütsaufheiternden Dinge sind uns schon lange abhanden gekommen: Das Treffen von Freund:innen, sich mal drücken können, Kino-, Theater-, Konzert- und Museumsbesuche, die Sauna, der Schwimmbadbesuch, die innere Aufgewühltheit einer S-Bahn-Fahrt mit der Ring-Bahn.

Es fehlt die Bewegung, das Licht und die Hoffnung, dass es endlich besser wird.
Der sonst ausgeglichene Alltag, in dem sich der normale Frust über Kleinigkeiten ausnullt, weil es ja eben auch die guten Dinge gibt, kippt ins Minus.
Seit Monaten sitzen die meisten zuhause und isolieren sich und doch können sie den größeren Rahmen nicht beeinflussen. Komplett willkürlich werden 7-Tages-Inzidenzen auf irgendwelche Handlungsgrenzen hochgesetzt. Sind sie erreicht, werden die Grenzen umdefiniert. Wir reagieren ab 35, nein ab 50, ab 200 dann Maskenpflicht, oh gut, nur 198 – Masken wieder runter, bei 100 machen wir jetzt aber wirklich ernst. Naja aber nur, wenn 100 drei Tage hintereinander und auch nur, wenn das montags so ist.
Kitas und Schulen auf, zu, zu, auf, zu.
Apelle an die Eigenverantwortung sind wie Ohrfeigen, denn bei aller Eigenverantwortung – der sinnvolle Rahmen ist nicht gegeben. Wir können eigenverantwortlich die Kinder zuhause lassen, doch wie sollen wir dann unsere Vollzeitjobs schaffen, wie sollen wir die Kinder unterrichten, wie sollen wir ihnen die seelische Gesundheit erhalten?

Kein Wunder, dass wir uns macht- und hilflos fühlen. De facto sind wir es gerade.

Es bleibt nur die Flucht nach innen. Sich vom Pandemiepolitikirrsinn abschotten. Dissonanzreduktion aufgrund unüberbrückbarer Differenzen nicht möglich. Social Media Detox. Die Impfeinladung wird ohnehin per Post kommen.

So sind es am Ende die ganz kleinen Freuden, die den Alltag erhellen. Ich übe fast täglich das Schreiben – “Handlettern” nennt man es heutzutage – und bediene damit meinen leicht zu fütternden Grundschulhumor.

Und dann pflanze ich Kräuter, Gemüse und Blumen an. Wie ein Kleinkind staune ich über wachsende Kokosquelltabletten, wenn ich einige Milliliter Wasser drauf gieße. Ich säe drei Samen Mangold und nur wenige Tage später keimen drei Pflänzchen. Aus jedem winzigen Mohnsamen ist ein Stängel gewachsen. Der Sauerampfer gedeiht und ich erfreue mich an meinen Kopfbildern. 70 bis 100 cm sollen die Blätter werden, steht auf der Packung. Während ich die Pflanzen in eigene Gefäße umtopfe, stelle ich mir ihren Wachstum vor. Von den Regalen, den Fensterbänken, den Tischen, den Decken, von überall werden die Sauerampferriesengewächse hängen. Die Wohnung wird in wenigen Wochen einem Dschungel gleichen. Abends werde ich mich mit Sauerampferblätter zudecken. Wie eine Elfe, (eine sehr große, schwere Elfe) werde ich mich fühlen.


Meine vier kleinen Pflanzenlampen werden nicht reichen, ich werde mehr kaufen, Sauerampferwachstum geht vor Farbensicht.
Rund 16 Stunden am Tag bestrahle ich die Pflanzen mit rot- und blauwelligem Licht.
Wenn ich abends einen Spaziergang mache und von außen in meine Wohnung schaue, leuchtet alles lila. Im “Indoor Ernte“-Buch von Carolin Engwert habe ich gelesen, dass sie deswegen die Lampen nicht nachts sondern tagsüber anmacht. Niemand soll denken, dass sie eine Hanfplantage betreibt. Sehr wahrscheinlich hat Carolin recht. Vor allem wenn man in einer Wohnung in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg Pflanzen zieht. Ich bin gespannt, ob die Polizei klingeln wird oder ob sie gleich mit einem Rammbock vorbeischaut. (“Sie klingeln”, lässt mich eine Instagram-Followerin wissen. Das sagt zumindest ihr chilizüchtender Nachbar.)

In der Pandemie habe ich ohnehin nie Besuch und die Anlässe Blog-Geschichten zu verfassen sind wegen Erlebnisarmut rar. Also freue ich mich auf unerwarteten Polizeibesuch, während der Sauerampfer weiter wächst, sich gegen die Fensterscheiben drückt und die Luft langsam feucht werden lässt.
Wenn ich auf dem Sofa sitze, duftet es nach feuchter Erde. In den Abendstunden dämpfen die Kräuter aus. Während ich dem Sonnenuntergang mit meinem Blick durch die Scheibe folge, auf der das Wasser kondensiert, zieht Kresse- und der leicht nach Schweiß riechende Salbeigeruch an meiner Nase vorbei. Mein persönlicher Corona-Schnelltest. Ich rieche, also bin ich.

Ich stelle mir vor, wie sich die Kinder nach der Schule mit kleinen Kindermacheten ihren Weg in ihre Zimmer bahnen. Ich stehe in der Küche. Es gibt Sauerampfersuppe.

Meine Wohnung ist so grün wie Irland. Irland, da werde ich 2022, 2023, wenn die Pandemie vorbei ist, wieder hin. Vorletztes Jahr musste ich dafür ein Sabbatical einreichen. Jetzt wissen wir alle, dass es sich mit Internet von überall arbeiten lässt. Nicht alles ist schlecht in der Pandemie!

44 Gedanken zu „Willkommen in meiner kleinen Welt“

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