Baden

Ich beim Baden.

Oft habe ich schreckliche Badesehnsucht. Das ist, mag man denken, da ich eine Badewanne besitze, vielleicht gar nicht so ein großes Problem. Ist es aber doch. Ich hasse es nämlich nass zu sein.

Ich warte deswegen schon seit Jahrzehnten auf die Zukunft in der man in Ermangelung von Wasser endlich Schall- oder meinetwegen auch Sandduschen kann, denn auch das tägliche Duschen ist mir eigentlich zu wider. V.a. morgens. Aufstehen und nass werden. Wer will denn sowas? Abends finde ich es noch halbwegs erträglich. Nasswerden und dann in ein warmes Bett – OK – aber morgens nass in die kalte Welt? Nein.

Am Wochenende packt mich dann plötzlich Badesehnsucht. Ich denke dann: „Nanu? Was ist los mit mir? Baden hat doch ziemlich viel mit Wasser zu tun!“ Dann gehe ich in mich, denn ich kenne den Ablauf des Badens an einem kinderfreien Tag ganz genau:

Ich gehe ins Badezimmer und heize. Dann lasse ich das Wasser ein. Sodann verspüre ich das Bedürfnis einen Badezusatz beizumischen. Da habe ich die Wahl zwischen „stinkt ekelerregend nach irgendeiner künstlichen Blüte“ (da ich kein Insekt bin, spricht mich das geruchlich nicht an) oder „riecht nach Medizinprodukt“. Meistens entscheide ich mich für letzteres. Riecht nach Medizinprodukt gibt es wiederum in drei Varianten:

Variante 1) Schaumbad. Die Beigabe des Badezusatzes produziert drei Kubikmeter Schaum. Schaum, den man hinterher sogar abduschen muss – was erneuten Wasserkontakt nach sich zieht.
Variante 2) Ölbad. Das bedeutet man hat nach einem zwanzig minütigen Bad so etwas wie ölige Höhenlinien an seinem Körper: zwei um die Knie und eine um den Oberkörper.
Variante 3) Salzkristalle. Die schüttet man in die Badewanne, aber egal wie man rührt, sie lösen sich nicht vollständig auf, man muss sich also auf mittelgroße Salzkristalle setzen, die einen die volle Länge des Bades piksen.

Alles sehr unbefriedigend, aber einfach ins Wasser legen, das geht nicht, das ist irgendwie unzivilisiert. Also entscheide ich mich durchpermutiert für eine der Varianten und gleite in das meist viel zu heiße Wasser.

Zwanzig bis dreißig Minuten soll man baden. Verständlich, die 150 Liter Wasser, die man da gerade eingefüllt hat, sollen sich schließlich lohnen. Bei einem Preis von 0,5 Cent pro Liter (Abwassergebühr und Steuern inklusive!) plus Energiekosten für die Erwärmung ist man schnell bei verschwenderischen 1,50 Euro (so viel wie 30 mal Toilette spülen oder 6.818 Eiswürfel!) pro Wanne. Da sitze ich meine Zeit ab. Obwohl es eben sehr heiß ist am Anfang. Dann fange ich an im Wasser zu schwitzen, was mir ganz und gar nicht gefällt. Die Haare werden strähnig, der Kopf rot, Schweiß rinnt mir in die Augen, das brennt, ich versuche mir mit Wasser die Augen auszuspülen, das brennt noch mehr, schließlich ist da irgendein Badezusatz im Wasser, den man nicht in die Augen reiben soll.

So laufen die ersten fünf Minuten ab. Ab Minute sechs langweile ich mich. Ich meine, ich habe schließlich seit fünf Minuten nichts gemacht (also außer mir brennende Seife in die Auge zu reiben). FÜNF MINUTEN!

Was man da alles hätte machen können! Völlig verschwendete Zeit. Ich ärgere mich also, dass ich wieder vergessen habe die Bluetooth-Lautsprecher aufzuladen, denn dann hätte ich wenigstens Podcasts hören können. Wobei – die Podcasts, die ich regelmäßig höre, habe ich meistens auf dem Weg zur Arbeit und zurück schon lange aufgebraucht. Hätte ich also die Lautsprecher aufgeladen (oder die Powerbank, um die Lautsprecher aufzuladen), dann könnte ich mir von der Sprachausgabe Blogtexte vorlesen lassen.

Das mache ich manchmal. Allerdings hat das den seltsamen Effekt, dass mir die Verfasserinnen und Verfasser von Texten, an denen eigentlich nichts zu bemängeln ist, sehr unsympathisch erscheinen. Schließlich liest die Sprachausgabe sehr monoton und emotionslos, was eben zu den meisten Texten ganz und gar nicht passt. Also lasse ich das auch lieber und langweile mich weiter.

Immerhin schon sieben Minuten vergangen. Den Rest der Zeit kann ich der Frage auf den Grund gehen, wieso sich das Badebedürfnis überhaupt regelmäßig regt.

Ich glaube, es hat irgendwas mit dem Wunsch nach ultimativer Entspannung zu tun. Theoretisch kann sich schließlich der Körper in der Wärme und der Geist im Nichtstun entspannen. Theoretisch. Praktisch kann ich mich seit 12 Jahren nicht mehr entspannen. Da habe ich nämlich aufgehört zu rauchen. Die zehn Jahre davor habe ich mir hart antrainiert beim Rauchen zu entspannen. Das hat hervorragend geklappt. Leider hat sich da ein stabiles Engramm in meinem Gehirn gebildet, das offenbar nie wieder überschrieben werden kann. Also funkt nur entkoppelt das Bedürfnis: „Hallo! Du könntest mal wieder entspannen!“ und findet keine Erfüllung. Nie mehr.

Stattdessen bin ich nur nass und mir ist zu heiß und ich frage mich wie viel Kilo Kirschkerne man brauchte um eine Badewanne damit zu füllen und wie ich es schaffen könnte, all diese Kirschkerne gleichzeitig zu erwärmen, so dass es angenehm sein könnte in ihnen zu baden.

Ich muss einfach eine Lösung finden. Effizient funktionierende Schallduschen werden erst 2270 erfunden. Selbst Astronauten begnügen sich derzeit mit Wasser. Vielleicht fange ich auch einfach wieder das Rauchen an, dann muss ich nicht baden wollen.

69 Gedanken zu „Baden“

  1. Als Badezusatz kann ich ganz normalen Tee empfehlen. Dann hat man was im Wasser und muss trotzdem nicht hinterher nochmal Duschen. Außerdem riecht der Lieblingstee garantiert lecker.
    Mir geht es beim Baden aber ähnlich. Obwohl ich gerne nass bin. In der Wanne ist es langweilig, heiß oder kalt, Lesen geht nur mit Büchern, die man nicht mag. Und ausstrecken kann man sich auch nicht.
    Wenn meine Wanne lang genug wäre, um ganz flach im Wasser zu liegen, ja dann würde mir das auch für ein paar Stunden Spaß machen.

  2. Das mag jetzt ja weithergeholt sein, aber ich nehme in die Wanne immer mein Kindle mit ebooks drauf mit, da ist mir dann nie wieder langweilig… Wassertemperatur kann man ja außerdem dynamisch anpassen. :P

    Badezusätze: Ich empfehle dieses Kneipp-Zeugs. Ich spül das eigentlich nachher nicht aus.

  3. Ich bade ab und an mal gerne. Langeweile kommt dabei nicht auf, denn meine Kinder haben derartig viel Spielzeug im Bad, dass ich mich stundenlang damit beschäftigen kann dieses zu betrachten und damit zu spielen.
    Nein, wirklich! Zum Beispiel ist da eine Ente in die man oben Wasser einfüllt (dafür gibt es eine leere Duschgel-Flasche und/oder Becher im Bad) und dann bewegen sich Augen und Füße und Wasser kommt aus dem sich bewegenden Schnabel. Einfach schön. Oder ein ähnliches Spielzeug, es sieht ein wenig aus wie eine Wasseruhr und kleine Rohre mit Düsen und so.
    Oder Badeenten mit Magneten, man kann sie aneinanderkoppeln und dann geschickt mit der Hand einen Wasserstrom erzeugen der sie hinter oder vor einem am Rand der Badewanne entlangschwimmen lässt, vielleicht sogar einmal rundherum. Oder kleine Strudel machen die das Entchen drehen, und dabei über Hydrodynamik nachdenken.

    Nebenher entspannende Musik…. Aber lieber kein Gelaber. Podcasts sind nicht so meins.

    Nur größer dürfte die Badewanne sein. Von einem leicht überdurchschnittlich großen Mann wie mir passen leider nur entweder der Oberkörper oder die Beine ins Wasser. Grml. Wäre zum baden gerne wieder so klein wie meine Kinder…

    Gruß
    Aginor

  4. In das heiße Wasser zu gleiten umgeht man, und frau auch, indem man sich in die noch fast leere Wanne setzt oder legt, nur eine Pfütze ist drin, und dann das Wasser zulaufen lässt. So gewöhnt sich der Körper mit dem steigenden Wasserstand an die Wassertemperatur.

  5. Früher, als ich noch ein Wanne hatte, von der man auch ganz hervorragend aus dem darüber befindlichen Dachfenster den Wolken beim ziehen zuschauen konnte, habe ich gern den Laptop so auf der Waschmaschine positioniert, dass man von der Wanne aus „Finding Nemo“ gucken konnte, das waren noch Zeiten… Um das warme Wasser auszunutzen habe ich allerdings, mit zwischendurch heißem Wasser nachfüllen, ca. 1 h in der Wanne zugebracht. Ohne Ölbad, es war nämlich auch herrlich die Haare in der Wanne zu waschen und mit den Ohren unter die Wasserlinie zu gehen, diese himmlische Ruhe!

  6. Seit ich der Weisheit höre, lese ich die Texte noch lieber, weil ich sie innerlich mit der richtigen Stimme höre. Ich nehme mir, wenn ich mal bade, was zu lesen mit. Zeitung (muss man allerdigs vorher falten) oder wasserfesten e-reader. (war ein Geschenk, ist super)

  7. Spannend. Mir geht es ähnlich mit abtrocknen. Deswegen bin ich auch mal 1 1/2 Stunden in der Badewanne, drücke mich vorm rauskommen und lese Blogs. Beim duschen kann man sich nicht drücken, das nervt also noch mehr!

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