Bildet Flauschnetzwerke

Symbolbild Flauschnetzwerk

Hallo und herzlich Willkommen im Empörblog von Patricia Cammarata. Heute möchte ich über das Wort „Petze“ sprechen. Meine Kinder berichteten in der Vergangenheit immer wieder, dass sie so von Erwachsenen genannt wurden. Vornehmlich Erzieherinnen, die keinen Bock hatten Mediator in Schulhofkonfliken zu sein. Das bringt mich auf die Palme. Denn es geht meistens nicht ums Petzen sondern ums Hilfe holen. Sind die Kinder also mit ihrem Latein am Ende, wenden sie sich an eine Stelle, die meiner Auffassung nach u.a. genau dafür bezahlt wird: zu unterstützen und die Kinder langfristig immer kompetenter zu machen Konflikte untereinander zu klären. Nur klappt das eben nicht ab der 1. Klasse und manchmal auch nicht in der 8. Klasse und dann wäre es doch schön, wenn die Kinder Hilfe bekommen. Anstattdessen hören sie nicht selten: „Sei doch keine Petze, klärt das mal alleine.“ Danke für nichts.

Jedenfalls musste ich daran denken, als ich neulich eine Diskussion über die Verantwortung von Plattformen führte, in der mir gesagt wurde, es sei doch irgendwie piefig Inhalte zu melden. Das mache ich nämlich oft. Auch wenn ich in der „Kinderfotos im Netz“-Debatte total FÜR Kinderfotos bin, bin ich auf der anderen Seite aber sehr strikt gegen bestimmte Arten von Darstellungen. Dazu gehören z.B. schlafende Kinder. Ein schlafendes Kind (ein schlafender Mensch) ist völlig hilflos und in tiefer Vertrauensseligkeit in der Gegenwart einer anderen Person eingeschlafen. Stellt euch vor, euer Partner fotografiert euch in so einer Situation und postet das. In die gleiche Kategorie gehören für mich Fotos, die starke Gefühle zeigen. Kinder in der Autonomiephase, die weinen, schreien, sich auf den Boden werfen z. B.. Solche Fotos haben nichts im Netz zu suchen. Entsprechende Melderichtlinien gibt es natürlich nicht, weil ich mit dieser Auffassung keine mehrheitliche Sicht vertrete. Also kommentiere ich freundlich darunter. Sehr wohl gibt es aber Richtlinien, die sagen, dass z.B. ein nacktes Gesäß eines Kindes nicht gezeigt werden darf. Solche Fotos melde ich und zwar ohne schlechtes Gewissen. Denn dafür gibt es diese Richtlinien und wenn die Eltern selbst nicht auf die Idee kommen, dass diese Art der Darstellung problematisch ist, dann lernen sie es vielleicht, wenn die Plattform sie immer wieder löscht. Dabei passiert es oft, dass dem nicht nachgegeben wird (z.B. auf Instagram obwohl die Richtlinie in dem Fall ganz konkret sagt: „Beiträge von nackten oder teilweise nackten Kindern“), erst wenn die Meldung von mehreren Accounts kommt, wird ein Bild gesperrt.

Diesen Text habe ich 10 min suchen müssen. So leicht erreichbar und transparent sind die Richtlinien leider nicht.

Ich mache das auch, weil ich hoffe, dass die ewige Debatte um das ob oder ob nicht bei Kinderfotos irgendwann auflöst und wir immer mehr darüber sprechen AUF WELCHE WEISE Kinder in Netz stattfinden.

Tatsächlich wünsche ich mir, dass immer mehr Nutzer*innen der einzelnen Plattformen problematische Inhalte melden und damit meine ich nicht nur Fotos sondern auch verletzende und hassvolle Kommentare.

Die Vertreter*innen der Plattformen schwören auf unterschiedlichen Veranstaltungen, dass ihnen sehr daran gelegen ist, das Netz zu einem schönen und freundlichen Ort zu machen. Leider klafft da Werberealität und tatsächliche Praktik weit auseinander. Während Twitter z.B. sehr schnell auf mögliche urheberrechtliche Verletzungen reagiert, lässt sich die Plattform bei Hasskommentaren doch gerne mal Zeit und reagiert nur wenn viele Menschen einen Tweet/Account in kurzer Zeit melden.

Das haben bestimmte Hass- und Trollnetzwerke auch schon gemerkt und machen sich das zunutze um z.B. Feministinnen mundtot zu machen, indem sie gut organisiert und schnell deren Tweets melden. Umgekehrt klappt das leider noch nicht so gut. Dabei sollte es unbedingt Flauschnetzwerke geben, die Hass melden und nicht darüber hinweg sehen.

Inhalte melden hat immer noch einen schlechten Ruf. Pfui, du alte Petze!

Dabei ist es unser Recht uns in einer respektvollen Umgebung aufzuhalten und auszutauschen. Wir müssen Pöbler*innen und Hetzer*innen nicht tolerieren oder über sie hinweg sehen. Ich finde es sogar falsch langsam abzustumpfen und diese Art der Kommunikation hinzunehmen, sich daran zu gewöhnen, sie normal zu finden.

Wir sind Teil und Mitgestalter*innen des Netzes (Erinnert ihr euch noch? Web 2.0 – das Mitmachnetz!). Dazu gehört unsere eigene Kommunikation aber auch die Regulierung von Inhalten. Derzeit wird wenig gemeldet und noch weniger reagiert. Ich habe aber Hoffnung, dass wir Druck auf Plattformen ausüben können, wenn mehr gemeldet wird. Dass wir vielleicht sogar erreichen können, dass der ganze Meldeprozess einfacher und transparenter wird, dass Meldebuttons schon auf der Startseite sind und nicht in einem Submenü und dass auch die Melderichtlinien (z.B. von Instagram) leicht auffindbar sind.

Wir müssen solidarisch sein mit denen, die angegriffen werden und denen, die aus welchen Gründen auch immer, nicht richtig darüber nachdenken was sie auf welche Art und Weise im Netz verbreiten, ihre Grenzen aufzeigen. Das macht uns nicht zu Petzen. Es sollte selbstverständlich und sogar lobenswert sein sich für ein gutes Miteinander einzusetzen. Egal, ob es um Kinder auf dem Schulhof oder uns Erwachsene im Netz geht.

Das gehört für mich auch in den Rahmen der Vermittlung von Medienkompetenz. Wenn sich andere schlecht benehmen und sich falsch verhalten, sollte es uns kein schlechtes Gewissen machen, wenn wir das anzeigen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch nochmal dringend auf Margarete Stokowskis Rede zur Verleihung des Tucholsky-Preises hinweisen:

Ich würde gern glauben, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt, dass Autorinnen Texte schreiben können, ohne erklärt zu kriegen, sie sollten verprügelt, erschossen und verbrannt werden. Das scheint mir nicht zu viel verlangt.

Und im Kleinen einen Thread von Jens Scholz, der erläutert, warum man zahlreich Accounts blocken sollte. Anders kann man nämlich deren Reichweite und Hetznetzwerke nicht stoppen:

 

Wenn euch meine Artikel gefallen, freue ich mich über eine Kaffeespende. Vielen Dank!

53 Gedanken zu „Bildet Flauschnetzwerke“

  1. Ich melde auch regelmäßig Beiträge, leider ist das fast immer frustrierend wenn es um handfeste Drohungen und nicht einen halben weiblichen Nippel geht. Nur mal zwei aktuelle Beispiele, der Springer Autor „Don Alphonso“ droht einer Frau of Color damit „Die Quittung zu bekommen“:
    https://twitter.com/Mann_mit_el/status/1195755682252898304

    Der Rapper FLER beleidigt jemanden als „Nuttensohn“ und droht mit „Notaufnahme“ und „du wirst um Zeugenschutz“ betteln:
    https://twitter.com/IdaFunkhouser/status/1195787857652310016

    Beide Tweets habe ich gemeldet, beide Male sieht Twitter keinen Grund zum handeln. Vermutlich wegen Urteile wie im Fall Künast:
    https://www.der-postillon.com/2019/09/berliner-landgericht.html

  2. Die Zustände in den asozialen Netzwerken sind z.T. wirklich übel und daher fand ich auch das Urteil in Sachen Künast einfach nur empörend. Allerdings sollte man auch immer schön vor der eigenen Haustüre kehren. Wer zum Beispiel nicht verstehen kann, dass man sich für einen Tweet mit dem Inhalt

    „ich hasse Männer und hoffen bei der klimakrise sterben sie nicht früher sondern müssen noch langsamer und qualvoller leider“

    eine Sperre redlich verdient hat, ist nicht Teil der Lösung, sondern des Problems (Lackmustest: Einfach mal das Wort „Männer“ durch „Muslime“ ersetzen und nochmal lesen). Wieso ich jetzt ausgerechnet darauf herumreite und nicht auf einem der zahllosen Hetz- und Gewalt – Tweets von rechts? Nur um dich zu ärgern natürlich! Nein, Spaß! Der Grund: Drecks – Nazis sind halt Drecks – Nazis und ich erwarte von denen sowieso nur das Übelste. Aber mit der Fraktion, der ich noch immer gerne angehören möchte, ist das anders. Links stand mal für die Idee, das Leben möglichst vieler Menschen verbessern zu wollen. Links stand u.a. auch für Freiheit, Frieden, Abrüstung und Umweltschutz. Lang ist es her. Inzwischen ist der ganze Laden völlig heruntergekommen und jede Idee von „Klasse“ oder auch einer aufrichtig sozialen Politik längst verschwunden. Identitätspolitische Extremisten teilen die Menschen in immer kleinere Gruppen von Opfern auf und beschämen andere Menschen pauschal als Täter. Sie reproduzieren dabei genau die Klischees, die sie zu bekämpfen vorgeben, grenzen aus und spalten die Gesellschaft. Dabei schrecken sie nicht einmal vor wirklich wichtigen Themen zurück. Ich bin sehr für Umweltschutz und halte die Erderwärmung für eine große Herausforderung, aber wie soll ich mich als erwachsener Mensch mit jemanden zusammen tun, der „wir brauchen eine queerfeministische Klimapolitik“ in die Mikrofone lallt?
    Vielleicht könnte man ja mal mit dem Scheiß aufhören, sich zusammenreißen und die Nazis inhaltlich bekämpfen. Wenn konsequent Blocken tatsächlich die Reichweite vermindert (ich bin nicht bei Twitter), dann gerne auch das.

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