Bitte nur noch 5 Minuten

Das ist die verkürzte Version meines Vortrags „Bitte nur noch 5 Minuten – warum Medienzeitbegrenzungen unseren Kindern die Zukunft rauben“ den ich auf der Tagung des Zentrums für Lehrerinnenbildung zum Motto Zukunft Schule halten wollte. Leider musste der Vortrag ausfallen.

Auf wirklich jedem Elternabend zum Thema ‚Kinder und digitale Medien‘ wird am Ende gefragt: „Wie lange sollte mein Kind etwas im Internet machen dürfen?“ Die Antwort kommt meistens wie aus der Pistole geschossen. Sie lautet: „30 Minuten pro Tag“. Woher diese Zeitangabe kommt und was tatsächlich zu befürchten ist, wenn man diese Empfehlung überschreitet, wird eigentlich nie thematisiert.

Ich bin dieser Frage nachgegangen und habe mir z. B. die Meta-Studie angeschaut, auf der die dieses Jahr im Mai veröffentlichte Empfehlung der WHO [1] basiert, die maximal 60 Minuten ’sedentary screentime‘ pro Tag für Kinder ab 2 für gesund hält. Hier ist wenigstens nachvollziehbar wie die Empfehlung zustande kommt. Nämlich hauptsächlich willkürlich. Denn es zeigt sich, dass es keinen oder einen nur sehr geringen Zusammenhang zwischen der passiven Bildschirmzeit und den befürchteten gesundheitlichen Problemen gibt:

„There was no association between objectively measured sedentary time and adiposity or motor development. […] The overall quality of evidence was rated as very low.“

Auch Wissenschaftler des Oxford Internet Instituts [2] kommen zu dieser Erkenntnis:

„What did we find? Well, mostly nothing! In more than half of the thousands of statistical models we tested, we found nothing more than random statistical noise.“

Andrew Przybylski & Amy Orben

Nur: aus so einer Aussage ergibt sich irgendwie keine reißerische Schlagzeile. Alarmismus hingegen verkauft sich nach wie vor hervorragend und so wird daran festgehalten, dass viel Bildschirmzeit eben viel schadet. Es wird zur elterlichen Erziehungsaufgabe Bildschirmzeit ordentlich zu begrenzen und geht es um Schulen, soll das Internet am besten gleich ganz draußen bleiben.

Für meinen Vortrag möchte ich aber genau die umgekehrte Frage stellen: Was nehmen wir den Kindern eigentlich durch strikte Medienzeitbegrenzungen? Und warum ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche ausreichend Zeit haben sich mit digitalen Medien zu beschäftigen?

Woher kommt diese Angst vor dem ‚zu viel‘?

Es ist die gute, alte Technologie-Angst, die uns verunsichert. Die Nutzung digitaler Endgeräte raubt uns den Schlaf, führt zu Übergewicht, lässt uns verdummen, wir werden digital dement, bekommen Depressionen und am Ende werden wir vielleicht sogar süchtig.Man muss nicht erst Spitzer lesen, um das zu erfahren. Schon Platon kennt digitale Demenz:

„Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden.“

Platon, Phaidros 274e-275b

Es geht hier um das Teufelswerkzeug Schrift, aber ändert man das Zitat ein wenig, passt es hervorragend auf das Digitale:

„Denn das Internet wird Kinder u.a. vergesslich werden lassen, weil kein Kind mehr sich die eigentlichen Inhalte sondern lediglich den Ort merken wird, an dem das Wissen zu finden ist. Das Wissen bleibt nicht im Kopf!

(Im Übrigen ist die Aussage gar nicht so falsch. Das hat aber etwas mit der Funktionsweise des Gedächtnisses zu tun und nicht so sehr mit der Schrift und/oder dem Internet… die Frage ist nur: ist es wirklich so schlimm, wenn ich Informationen nicht direkt parat habe, sondern sie ggf. nachschlage?)

Zu den gängigen Befürchtungen was das Internet schlimmes mit unseren Kindern (den Menschen als solches) macht, lassen sich auch hervorragend die Standardsituationen der Technologiekritik, die Kathrin Passig [3] zusammengetragen hat, aufzählen. Punkt 9 ist in Hinsicht auf Kinder und Schule vielleicht am relevatesten. Er lautet:

„Hat die neue Technik mit Denken, Schreiben oder Lesen zu tun, dann verändert sie ganz sicher unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren.“

Wäre das auch geklärt.

Es gibt also eine tief verankerte Angst vor technischen Neuerungen und gleichzeitig eigentlich das Wissen, dass es keine wissenschaftlichen Belege gibt, dass zu viel Bildschirmzeit per se [4] einen negativen Einfluss hat.

Warum halten wir dennoch dran fest?

Mit der Frage „Wie lange?“ scheint eben die Idee transportiert zu werden, dass Zeitspanne X unschädlich ist, sprich keine irreparablen Langzeitschäden verursacht, während Zeitspanne Y irgendwas kaputt macht. Ich stelle mir das vor wie bei meiner ersten Zahnreinigung: Da holte die Zahnarzthelferin am Ende eine Art Schmirgelpapier hervor, um mir die Zahnzwischenräume zu reinigen. Ich fragte, ob das nicht den Zahnschmelz zerstöre, und sie sagte: „Nein, das ist sehr feines Papier, und meine Bewegungen sind zu langsam. Das Papier entfernt jetzt nur die letzten Reste Belag. Würden Sie das jeden Tag und mit einer schnell rotierenden Maschine machen, dann würde man die Zähne schon kleiner schmirgeln.“

Uuuh. Kleingeschmirgelte Zähne will ja nun niemand. Deswegen lieber nur alle 6 Monate 2 Minuten! Dann ist es gut für mich. Mehr wäre schlecht. Dasselbe mit der täglichen Medienzeit. Jeden Tag 30 Minuten sind okay. Mehr schadet.

Das ist sehr einleuchtend, oder nicht? Die Regel „Nur 30 Minuten, dann ist aber Schluss!“ ist leicht zu verstehen, (theoretisch) leicht umzusetzen und das Beste: zeitsparend für Erziehende. Kann man nämlich alle Gefahren durch Reduktion der Zeit abwehren, muss sich niemand mit Cyber-Mobbing, Cyber-Grooming, Datenschutz oder Phänomenen wie den Lootboxen auseinandersetzen.

 

Soweit so klar erstmal. Die interessante Frage ist jetzt: Was rauben wir unseren Kindern, wenn wir ihnen nicht ausreichend Zeit geben sich mit digitalen Medien auseinanderzusetzen?

Welche positiven Effekte klaut man den Kindern mit Medienzeitbegrenzungen?

Es gibt eine Menge positiver Effekte, die Medienzeitbegrezungen verhindern. Hier einige Beispiele:

  • Emergentes Lernen
  • Aufwand für Digitalisierung
  • Selbst- und Zeitmanagement
  • Anschluss an die Peergroup

Emergentes Lernen

Kennt ihr das? Das Kind macht eigentlich gar nix ‚richtiges‘ im Internet. Es surft nur so rum? Stundenlang wenn man es nicht begrenzt! Schaut sich ein Schwachsinnsvideo nach dem anderen an!

Was dabei leicht übersehen wird: Es wird immer gelernt und eben durchaus auch Dinge, die später von Nutzen sind. Auch durch ‚zielloses‘ Surfen. Beim emergenten Lernen sind die Lernergebnisse spontan und ungeplant und entstehen u.a. durch Interaktion untereinander.

Meine Kinder bilden sich kontinuierlich selbst fort. Was unser Haushalt z.B. über Feuerwanzen, Flaggen oder Regenwümer weiß, ist wirklich höchst erstaunlich. Der Weg dorthin ist immer derselbe: Ein Kind sieht ‚rote Käfer‘ auf dem Schulweg und sucht danach im Internet. Es findet heraus, dass die Käfer Wanzen sind, die aber keine Schädlinge darstellen. Sie ernähren sich von Pflanzensäften und kleinen Insekten. Es weiß dann: Feuerwanzen sind ungefährlich, aber sie können ein übelriechendes Sekret absondern. Im Kopf entfaltet sich durch das Hin- und Herklicken eine Mindmap, die alles zu Feuerwanzen herausfindet: Wie vermehren sie sich? Wie wachsen sie auf? Wie ernähren sie sich? Warum sind sie zu bestimmten Jahreszeiten mehr zu sehen als zu anderen?

Auch der viel beschimpfte ‚Second Screen‘ bildet (Kinder und Jugendliche) weiter. Was oft als „Könnt ihr euch nicht mal auf eine Sache konzentrieren?“ beschimpft wird, baut umfassendes Wissen auf. Ich kenne es von mir selbst. Wenn ich alleine Filme oder Serien schaue, brauche ich meist vier Mal so lange. Ich schaue ein Stück „Die eiserne Lady“, lese zur Biografie von Margaret Thatcher, lese über Airey Neave und erfahre, dass der Film seinen Tod historisch nicht korrekt dargestellt hat. Ich bekomme Lust auf schwarzen Tee, lese über Cucumber Sandwiches, beschäftige mich mit dem Falklandkrieg (und kapiere endlich wie weit entfernt die Falklandinseln von GB sind)… genau genommen habe ich den Film ungefähr vier Tage lang geschaut, v.a. auch weil ich gehofft habe den ganzen Brexit am Ende zu verstehen. Daran bin ich aber gescheitert. Alles schafft die Digitalisierung eben auch nicht.

Aufwand für Digitalisierung

Viele Technologien oder soziale Netzwerke oder Software kann man zwar ohne große Einführung benutzen, aber den vollen (naja den nutzbringenden) Funktionsumfang erlernt man erst durch die regelmäßige Nutzung. Das gilt z. B. auch für Schreibprogramme. Man muss durch die neun Vorhöllen bis man die meisten Kniffe kennt. Wer diese Vorhöllen (Absatzformatierung, Nutzung von Tabulatoren, Formatierung von Tabellen, Fuß- und Endnoten, Seriendruck …) schon lange vor der Erstellung der ersten Hausarbeit durchlaufen hat, kann sich glücklich schätzen, denn dann entfällt der ‚Aufwand für Digitalisierung‘ (s.u.).

Vom Mehrwert zum Wert des digitalen Arbeitens [5]
Das selbe gilt für soziale Plattformen. Und es gilt auch: je mehr man sie benutzt, desto mehr Nutzen haben sie. Und dann, um bei den Sprichwörtern zu bleiben: Kennste eine, kennste alle. Natürlich baut man beim Kennenlernen jeder einzelnen Plattform Wissen auf, das man auf neue Plattformen und Technologien übertragen kann, so dass man hier viel schneller Lauffähig wird als bei der ersten Plattform. Dafür braucht man aber Zeit!

Selbst- und Zeitmanagement

Was sich ja angeblich alle Eltern wünschen, sind Kinder und Jugendliche, die sich selbst regulieren, oder? Habt ihr euch schon mal gefragt, wie man Selbstregulation lernt, wenn man Geräte fremdbestimmt abschalten soll? Im ‚besten‘ Fall auch noch durch oftmals viel gelobte Kontrollsoftware getriggert.

Was an Elternabenden immer für eine Begeisterung ausbricht, wenn ein Elternteil von einer Software oder App berichtet, in der man für jedes Kind eine festgelegte Bildschirmzeit hinterlegt, die dann, egal was das Kind gerade macht, den Bildschirm sperrt und anzeigt: „Deine Bildschirmzeit ist aufgebraucht.“ Wohoooo! Da müssen die Eltern sich wirklich um gar nix mehr kümmern und nicht mal den kindlichen Frust aushalten.

Ich stelle mir immer vor wie frustrierend das wäre, wenn mich jemand so regulieren würde. Wenn ich nicht eigene Maßstäbe entwickeln könnte, wann ich aufhöre. Ich habe mir z. B. angewöhnt sehr spannende Serien nicht am Ende einer Folge mit dem Cliffhänger zu beenden, sondern die nächste Folge noch 10 Minuten zu schauen und dann abzustellen. Das funktioniert für mich perfekt und zwar ohne Frust. Schade wenn meine Bildschirmzeit dann der Länge einer Folge und nicht der Länge einer Folge plus 10 Minuten entspricht… So ist es für Kinder auch. Computerspiele haben z.B. eigene Spannungsbogen. Wenn man die Kontrollsoftware auf dem Klimax anspringt, ist es irgendwie verständlich, wenn das Kind frustriert ist. Besser ist es doch, wenn Kinder sich überlegen: „Wie lange brauche ich ungefähr? Was steht heute noch an/passt es gerade? Habe ich meine Hausaufgaben schon gemacht? Geht es heute vielleicht länger, weil doch Wochenende ist? etc.“ Sie können Selbst- und Zeitmanagement nicht lernen, wenn wir festlegen, wann Schluß ist. Das gilt auch für jüngere Kinder, die sicherlich Unterstützung brauchen. Allerdings trifft man auch hier besser gemeinsame Vereinbarungen „Eine Folge Paw Patrol und dann machst Du selber aus, okay?“ Dass das hilft, weiß man doch eigentlich schon seit Peter Lustig.

Anschluss an die Peergroup

Nicht zuletzt verbauen wir Kindern den Anschluss an die Peergroup durch Medienzeitbegrenzungen.  Aktuell [6] haben 75% der 10-Jährigen ein Smartphone. Sind mehr als die Hälfte der Peergroup online, verlagert sich die Kommunikation ins Digitale. Kindern das Digitale zu verbieten, bedeutet dann den Kontakt zur Peergroup zu unterbinden. Und das behindert Kinder u.a. beim Lernen. Kinder rufen sich nicht mehr an und v.a. auf der weiterführenden Schule wohnen Kinder oft so weit auseinander, dass sie sich nicht wie früher aufs Rad schwingen um sich zum Lernen zu besuchen (was u.a. auch an den geänderten Verkehrsbedingungen liegt). Sie tauschen sich heute per Messengerdienste aus was sie lernen, wie sie lernen, wie sie Probleme lösen, welche Beispiele sie haben, welche Quellen sie verwenden.  Interessanterweise wird das schnell verurteilt. So als sei das Schummeln.

Zwanzig Jahre später sollen sie das im Arbeitsleben aber plötzlich können. Da ist es normal und sogar erwünscht ist, dass wir orts- und zeitunabhängig miteinander arbeiten. Dass wir kollaborativ arbeiten.

Ich beobachte auch sehr viel praktische Intelligenz, die Kinder durch Austausch entwickeln. Hausaufgaben werden vielleicht nicht so gemacht, wie Lehrer*innen sich das vorstellen – aber wie schlau ist es eigentlich Französischübersetzungen per Google-Translate zu machen und dann Satz für Satz bei Linguee zu prüfen?

Technologieskepsis im Kontext der Schule

Eltern wie Lehrer*innen haben aber oft noch ein anderes Problem: Wenn Kinder und Jugendliche nämlich einfach Zugriff auf Wissen haben und selbstgesteuert lernen (wollen), dann machen sie den Erwachsenen nach und nach die Expert*innen-Rolle streitig. Und damit verlieren die Lehrenden Macht. Wir sind geprägt von der Vorstellung von Wissenshierarchien an deren Spitze eine bestimmte Person steht, die alle Antworten kennt. In Zeiten des Internets gibt es diese Hierarchien nicht mehr.

Morla hat ausgedient, denn viele Wissensgebiete entwickeln sich in einem atemberaubenden Tempo kontinuierlich weiter und der Zugriff auf Wissen ist viel leichter als früher.

Kinder mit Internetanschluss müssen sich nicht in kleinen Stadtbibliotheken um Antworten auf bestimmte Fragen zu finden und um zu recherchieren. Sie sind nicht mehr angewiesen auf den einen Chemie-Lehrer, der langweilig und alltagsfremd erklärt. Sie können sich das Wissen selbst zusammensuchen und z. B. so tollen Kanälen wie maiLab folgen.

Für manche ist es vielleicht bedrohlich, dass Kinder und Jugendliche auf bestimmten Themen bereits Expert*innen sind. Ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit, wo mir in den Fächern, die mich brennend interessiert haben, neben die Antworten von Schulaufgaben ein roter Blitz mit den Worten: „Das war nicht Inhalt des Lehrbuchs“ geschrieben wurde. Auch in der Klasse meines Kindes hörte ich von einem ‚Störer-Kind‘, das eigenständig im Arbeitsheft weitergearbeitet hatte, weil es schneller als die anderen war und sich irgendwann anfing zu langweilen, weil alles im Arbeitsheft gelöst war. Die Eltern wurden zum Gespräch gebeten: Das Kind solle aufhören immer weiter zu arbeiten, das störe die Abläufe im Unterricht!

Natürlich ist das Internet, sind Smartphones Beschleuniger solcher Entwicklungen. So wird manchmal versucht die alten Machtverhältnisse durch Begrenzung oder Verbot wiederherzustellen. Smartphone aus der Schule! Und wo das scheitert, heißt es: Dann die Hardware in die Hände der Erziehenden/Lehrenden! (Was nicht selten in Überforderung endet)

Wäre es nicht viel sinnvoller alte Muster abzustreifen und sich auf Augenhöhe mit den Lernenden zu begeben? Sollten Lehrende nicht lieber Prozessbegleiter*in werden? Kindern nicht verbieten Übersetzungprogramme zu verwenden sondern ihnen beibringen wie man die Ergebnisse auf Richtigkeit prüft? Zeigen, wo man Lernhilfen findet? Wie man ein Peer-Review macht?

Morla muss also geupdatet werden: Lehrende sind nicht mehr Gatekeeper*innen sondern Moderator*in und Coach von Lernprozessen anstatt wie bisher Stofflieferant und Wissenstrainer.

Die Digital Natives werden es schon richten?

Lehrende sind also nicht überflüssig, sondern ihre Rolle ändert sich. Denn die Generation, die wir Digital Natives nennen, braucht weiterhin Unterstützung – sogar in technischen Fragestellungen.

Oft wird so getan als ob Digital Natives keine Begleitung und/oder Unterstützung brauchen, weil sie sich mit dem Digitalen doch ohnehin besser auskennen. Mitnichten ist das so. Sie haben zwar wenig Berührungsängste mit Technologien und einen leichteren Zugang zu Wissen, aber sie wissen dennoch wenig über diese Technologien. Für mich ist der beste Beweis dieser Aussage die Verbreitung von WhatsApp:  95 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen benutzen diesen Messenger nämlich mehrmals pro Woche [7]. Würden Kinder und Jugendliche breitflächig etwas von Datenschutz und den möglichen Folgen der Monopolisierung von Technologiekonzernen verstehen, würden sie nicht WhatsApp nutzen. Auch Digital Natives müssen die  Mechanismen hinter den einzelnen Technologien erst verstehen lernen, die Gefahren kennenlernen und den verantwortungsvollen Umgang damit lernen. Dafür brauchen sie Begleitung. Allerdings eben auf Augenhöhe. Lehrende müssen sich mit diesen Themen beschäftigen und sich bewusst sein, wie sehr sie an dieser Stelle auch prägen. Ich frage mich z. B. immer was passieren würde, wenn Lehrer*innen und Eltern nie „googeln“ sondern immer „duck duck goen„[8] würden. Was passieren würde, wenn vor der Frage „Gründen wir einen Klassen-Chat?“ die Frage „Welche App wollen wir für unseren Klassenchat nutzen?“ stünde.

Statt Pro und Contra…

Was meine Beispiele bislang klar gemacht haben sollen: Es ist nicht länger sinnvoll die Pro und Contras zu diskutieren (Internet/Smartphone ja oder nein?). Es ist an der Zeit aus der furchtbaren Diskussion Skeptiker vs. Enthusiasten eine fruchtbare Diskussion über Chancen und Risiken zu machen. Wir müssen dazu übergehen zu diskutieren  AUF WELCHE WEISE digitale Medien genutzt werden und nicht WIE LANGE und OB überhaupt. Medienzeitbegrenzungen werden unsere Kinder vor den wirklichen Gefahren wie Cyber-Grooming oder Cyber-Mobbing nicht schützen. Verteufelung von Technik, Internet und sozialen Medien wird die Kinder aber abschrecken und eine Kluft zwischen der Kinder/Jugendlichenwelt und der  Erwachsenenwelt schaffen. Lehrende verlieren ihre Position an der Spitze der Wissenshierarchie im Sinne von Wissensvermittler. Sie sind nicht länger diejenigen, die Wissen bereitstellen. Sie werden zunehmend die sein, die zeigen, wie man Informationen auf Richtigkeit prüft, wie man Wissen strukturiert, wie man Wissen aufarbeitet, wie man Wissen anwendet, wie man Wissen transferiert.

Ich fühle mich an dieser Stelle sehr an agiles Arbeiten erinnert. Schüler*innen werden das Projektteam. Product-Owner ist sozusagen der Lehrplan, der festlegt, wie das Endergebnis aussieht und Lehrer*innen sind die SCRUM-Master, die Schüler*innen auf dem Weg zur Erarbeitung der Endergebnisse begleiten, sie befähigen und Hindernisse aus dem Weg räumen. Es entwickelt sich (hoffentlich) eine andere Fehlerkultur und es wird immer mehr gelernt dass es sinnvoll ist, sich überhaupt (wenngleich in kleinen Schritten) nach vorne zu entwickeln, als vor dem großen Berg einer Aufgabe zu erstarren. Es geht nicht mehr um die 100% Lösung. Es geht um kontinuierliches Weiterentwickeln und Schritt halten.

Die Frage ist also nicht mehr „Vermittlung von Fachwissen“ oder „Digitalisierung“ sondern: Beides


[1] Guidelines on physical activity, sedentary behaviour and sleep for children under 5
[2] We’re told that too much screen time hurts our kids. Where’s the evidence?
[3] Standardsituationen der Technologiekritik
[4] per se schreibe ich deswegen, weil es natürlich Gefahren im Internet gibt, für die Kinder sensibilisiert und aufgeklärt werden müssen. Nur die hängen nicht an der Bildschirmzeit.
[5] Philippe Wampfler: Vom Mehrwert zum Wert des digitalen Arbeitens
[6] Studie: Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt
[7] JIM-Studie 2018
[8] es bleibt zu hoffen, dass sich ein schönerer Begriff für ‚datensensibles Benutzen einer Suchmaschine‘ etablieren würde.

 

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311 Gedanken zu „Bitte nur noch 5 Minuten“

  1. Wirklich interessanter Beitrag von dir dasnuf! Hast du mal darüber nachgedacht dein Wissen weiterzugeben an Kinder oder Jugendliche? Ich glaube du hättest tollen Einfluss und könntest Wissen in die richtige Richtung vermitteln!

  2. Ich denke, zum Teil kommt die Zeitvorgabe von der Hoffnung, die Kinder würden danach rausgehen und spielen. Das hat schon zu meiner Kinderzeit nicht geklappt, obwohl es damals nicht TV oder Computer sondern Bücher waren. Wurde ich zum Spielen rausgeschickt hab ich halt das Buch mitgenommen und draußen gelesen… Da ich selbst auch Computer- und Konsolenspiele spiele – wenngleich andere als meine Kinder – kann ich auch den Frust nachvollziehen, wenn man mitten im Level ausschalten muss und dann diesen wieder von vorn anfangen. Meinen Kindern habe ich daher meist keine Zeit vorgegeben, sondern die nächste Aktivität rechtzeitig angekündigt und rechtzeitig vorher dann gesagt „nur noch diesen Level zu Ende spielen“. Das empfinde ich als rücksichtsvoller als die strikte Zeitvorgabe. Es ist auch nicht so, dass jeden Tag der PC bis abends läuft, es gibt auch Tage, an denen er nicht mal beachtet wird.

  3. Liebe Nuf, wenn doch nur alle Kinder und Jugendlichen digitale Medien so nutzen würden, wie du es beschreibst. Leider führt unbegrenzte Medienzeit bei vielen nicht zu emergentem Lernen, sondern zum Hopsen von einem Video zum nächsten, statt gemeinsamem Lernen in der whatsappgruppe hält das Geplappere in der Gruppe vom Lernen ab, statt Kontakt zur (digitalen) peergroup bedeutet die exzessive Nutzung von digitalen Medien den Verlust von Freunden im echten Leben. Ich glaube, du argumentierst vor dem Hintergrund deiner eigenen positiven Erfahrung mit unbegrenzter Medienzeit. Deine Kinder schreiben buchrezensionen hier auf dem Blog, hey, ihr scheint das echt gut zu machen! Bei uns läuft das ähnlich, die Kinder haben keine festen Medienzeiten und nutzen digitale Medien sehr kreativ und lehrreich. Aber: man kann nicht die Augen davor verschließen, dass das eher die Ausnahme als die Regel ist. Soo viele versumpfen vor zweifelhaften Computerspielen, die so designed sind, dass man möglichst viel Zeit und Geld in sie investiert. In England werden zur Zeit mehrere Kliniken für computersüchtige Jugendliche eröffnet, weil das Problem so groß geworden ist. Medienzeitbegrenzungen sind ein Versuch, diesen Gefahren zu begegnen, solange wir keine besseren Methoden haben. Ich finde sie nicht ideal, wende sie auch selber nicht strikt an, aber ich verstehe das Bedürfnis danach.

    1. Die besseren Methoden beschreibe ich in den anderen Artikeln. Bessere Methoden sind z.B. Aufklärung von Kindern in Sachen Spielemechaniken, Interesse der Eltern, was die Kinder da eigentlich machen, konstruktive Gegenvorschläge, Kinder nicht nur sagen: „Mach doch mal was anderes“, sondern dann z.B. mit den Kindern Fußball spielen gehen oder in die Bibliothek oder die Kinder bei „Jugend hackt“ anmelden, Kindern erklären was FOMO ist und ihnen Wege zeigen wie sie die nicht so stark erleben oder oder oder.
      Klar gibt es die Phänomene, die du beschreibst. Aber eben nicht nur und es lohnt durchaus mal genauer hinzuschauen und die eigenen Vorbehalte abzulegen und z.B. zu lernen dass Vielnutzung ungleich Sucht ist oder dass man entdeckt, dass viele der Dinge, die Jugendliche im Netz tun damit zu tun haben, dass sie Entwicklungsaufgaben der Pubertät bewältigen (Suche nach Vorbildern, nach der eigenen Identität, sich in unbeobachteten Räumen ausprobieren, Bezugsgruppen jenseits der Eltern finden…)

      Wenn man natürlich gar nichts macht, dann ist eine Medienzeitbegrenzung der letzte hilflose Versuch der Schadensbegrenzung.

      Sucht kommt übrigens nicht vom übermäßigen Spielen. Da liegen ganz andere Probleme zugrunde. Die Sucht ist dann nur Symptom.

      Mir geht es v.a. darum aufzuzeigen, dass Medienzeitbegrenzung alleine vor gar nichts bewahrt und dass sie eben auch Chancen nehmen kann.

  4. Toller Artikel, bis der Autor anfing Gendersternchen zu verwenden. Ab da verließ mich jeder Sinn für den Inhalt.
    Ich hatte in meinem Leben noch nie die assoziation, dass die Personengruppe Lehrer männlichen geschlechts ist. Stundentenfutter darf jeder Essen. Experten haben alle geschlechter und meinen Termin mache ich bei Frau Doktor. Warum machen Sie das mit unserer Sprache?

      1. Da ist was dran. Deutsch ist schon schwer genug und jetzt hat man einen neuen Sprachcode eingeführt, um sich von dem verachteten Pöbel abzugrenzen. Tatsächlich kennt das Deutsche nur zwei grammatikalische Formen. Eine neutrale, mit der alle gemeint sind (generisches Maskulinum) und eine speziell weibliche. Erst durch die ständige explizite Nennung des weiblichen Teils einer Gruppe hat man das „Problem“ geschaffen, dass angeblich trans-, inter- und wer weiß noch alles unsichtbar gemacht wurde. Da kamen dann die Sternchen und ähnlicher Blödsinn ins Spiel. Und „Lehrende“. Eine Lehrerin, die unterrichtet, ist eine Lehrende. Sitzt sie im Kaffee, ist sie eine Lehrerin.

        Ansonsten natürlich wie immer inhaltlich hervorragend und die Lehrerinnen haben echt was verpasst.

        PS: Wieso heißt es eigentlich „Zentrum für Lehrerinnenbildung“? Komisch, wenn es um exklusive Räume, Quoten und Extrawürste für Frauen geht, ist dass gendern ganz schnell vergessen und plötzlich ist das biologische Geschlecht gaaaaaanz wichtig.

        Auch der Hater, Troll, Wutbürger, Trump – oder Putin – Fan darf natürlich gerne exklusiv männlich bleiben.

        1. Ich habs nicht für alle Bereiche recherchiert, aber manchmal sind bestimmte Bereiche eben wirklich sehr männlich. Z.B. beim Cyber-Grooming. Da gibt es keine Täterinnen.

          Davon unabhängig ist es einfach albern zu behaupten, dass * etwas unleserlich machen. Und es geht nicht um das Absetzen vom Pöbel. Bin mir aber sicher, dass das sogar die wissen, die so argumentieren.

          1. Doch! Schwierig zu erlernende Sprachcodes dienen sehr wohl der Abgrenzung. Das ist jetzt auch nicht von mir, da ich als Akademiker das Problem nie hatte, wurde aber z.B. von Didier Eribon in „Rückkehr nach Reims“ sehr gut beschrieben.
            Und amtliche Texte sind so schon schlimm genug und werden nicht besser, wenn man sie gendert.
            Albern? Ich finde es albern anzunehmen, dass frau irgendwo nicht mit gemeint sein könnte (natürlich nur bei den positiven Dingen). Und sie wollen sogar dort mit genannt werden, wo sie gar nichts beigetragen haben. Wie bei Heiko Maas, der die gefallenen Soldatinnen und Soldaten ehrte, obwohl 100% der Gefallenen Männer sind (die eine Frau, die nicht zurück kam, hatte Selbstmord begangen).

  5. Das war die Art von Artikel bei dem ich geistig klatschend und Fähnchenschwankend gelesen habe. Tolle Zusammenfassung meiner Gedanken von denen ich bisher keinen so eloquent ausformulieren konnte.

  6. Super Text, der wichtige Argumente zusammenbringt, danke! Was evtl. noch fehlt u. irgendwann für grobe Begrenzung spricht, ist Aspekt Bewegung. Die ist bei uns dann – neben Vereinszeiten – v.a. Alternative, wenn Medienzeit vorbei ist (wie auch anderes: Gespräche, Hilfe Haushalt).


  7. Ich (der Herzmensch tut sich schwerer) versuche, auf Regulation weitestgehend zu verzichten. Manchmal schaff ich das nicht, dann hab auch ich das Gefühl „jetzt ist doch mal Schluss“ oder „sollten wir nicht besser zusammen was“ offline“ machen?“
    Überrascht war ich besonders, als unser Kind (4.5 Jahre) mir quasi ein Referat zum Thema Spinnen hielt. Ich fragte, woher das Wissen komme, und die Antwort war „Youtube (Kids)“.
    Ich selbst bin auch relativ viel online und lerne dabei permanent.
    Irgendwo lässt sich die mentale Mindmap immer ausbauen und an bereits Gelerntes anknüpfen. Und wenn mir das so geht, warum dann nicht auch meinem Kind.

  8. Gerne gelesen. Danke.
    Leider ist das Zitat von Kathrin Passig aus dem Zusammenhang gerissen. Der Satz stellt nicht ihre eigene Sichtweise dar, wie es im obigen Text wirkt, sondern beschreibt eine der Standardsituationen von Technologiekritik.

    1. Ich weiß das und ich habe mir den Text nochmal durchgelesen und sehe es nicht falsch dargestellt. Ich schaue mal, ob ich etwas umformulieren kann, dass es auch auf andere nicht mehr so wirkt.

      1. War tatsächlich auch verwirrt an dieser Stelle. Glaube, die Standpunkte von Kathrin Passig so grob zu kennen und war derart verwundert, dass ich das extra nachgeschlagen habe. Wenn ich den Satz jetzt nochmal lese finde ich ihn allerdings auch unmissverständlich. Spannend. Man könnte zur Sicherheit aus „lassen sich auch hervorragend die Standardsituationen der Technologiekritik, die Kathrin Passig [3] zusammengetragen hat“ ein „lassen sich auch hervorragend die Standardsituationen der Technologiekritik, die Kathrin Passig zwar nicht teil, aber schön zusammengetragen hat [3]“ oder so etwas in der Art machen. Ach, ich weiß auch nicht…

  9. Danke sehr interessant. Ich möchte da auch offener werden. Für Schüler*innen passend. Der Einstieg mit den 2jährigen passt für mich nicht in den Gesamtkontext und es ist mit Nichten einfacher ein klares Zeitfenster zu vereinbaren als Kinder vor Peppa Wutz zu parken.


  10. Was ich allerdings wirklich doof finde – und unnötig -, ist der bizarre Seitenhieb auf die „kleine Stadtbibliothek“. Man könnte meinen, das wäre tatsächlich etwas, was in eurem Medienmix total fehlt.
    Und das ist dann eine Lücke, denn das sind inzwischen auch in D Orte der Wissensvernetzung. Fast überall.

    1. Den Seitenhieb liest du raus. Das ist nicht als Seitenhieb geschrieben. Eher als Feststellung, dass es früher eben so war, dass die Wissensressourcen sehr begrenzt waren. Ich hab z. B. die Kinder- und Jugendecke in unserer Bib komplett gelesen. Danach gab es nichts mehr.

  11. Zu deinem angepassten Platon-Zitat: „Ihr müsst nicht alles wissen, ihr müsst nur wissen, wo es steht!“ war schon vor zehn Jahren der Lieblingsspruch meiner Ausbilder. Was man dann im Alltag häufig braucht, bleibt doch ohnehin von selbst im Kopf.

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