Im Juli starte ich ein größeres Schreibprojekt und weil ich komplett aus der Übung bin, hatte ich mir vorgenommen, ab Mai wieder zu bloggen. Mein Kollege sagte, ich soll einfach sofort loslegen. Es sei eigentlich ziemlich egal, was man schreibt.
„Keine Zeit, keine Zeit!“, dachte ich – aber vielleicht ist das schon das erste Thema. Zeit haben oder eben nicht haben. Wo geht meine Zeit hin? Immerhin habe ich keine kleinen Kinder mehr und die Carearbeit hält sich doch arg in Grenzen. Ein bisschen kochen, ein bisschen einkaufen, sehr viel Wäsche waschen, gelegentlich putzen. Alles in allem ist es aber ein Bruchteil von dem, was früher zu leisten war, denn in der Zwischenzeit machen in der Familie alle alles. Wir haben einen Putzplan, alle hängen Wäsche auf und ab, gebügelt wird sowieso nicht.
Wo geht also meine Zeit hin? Definitiv in die Erwerbsarbeit. Auf meinem Sterbebett, werde ich 100% nicht bereuen zu wenig erwerbsgearbeitet zu haben.
Sehr viel Platz nimmt in den letzten Monaten auch das Thema Instandhaltung ein.
Ich werde älter und plötzlich gibt es Probleme, wo es vorher keine gab. Die Zahnärztin entdeckt Zahntaschen und zack vervielfacht sich die Zahnhygiene. Ich nutze Interdentalbürstchen, Zahnseide, eine elektrische Zahnbürste mit App und dann bürste dann nochmal von Hand nach.
Wasser und Seife reicht der Haut jetzt leider auch nicht mehr. Basierend auf meinem ungesunden Instagram-Konsum habe ich mir ein beachtliches Sammelsurium an Seren und Cremes gekauft. Gesichtsyoga und Gua Sha Massage sind natürlich ein Muss.
Der Körper schmerzt außerdem hier und da und überall die Zipperlein. Also gehe ich nicht nur zum fröhlichen Zirkeltraining, das die Krankenkasse als Präventionskurs bezuschusst, sondern auch drei Mal die Woche zum Kraftsport, tracke alles mit einer App und schaue mir abends Videos an, wie man sich vorher dehnt, wie man die Übungen richtig macht und wie man wirklich Kraft aufbaut. Jeder Gym-Gang beansprucht mit Fahrtzeit mindestens 2,5 Stunden. Dann noch regelmäßig Sauna (soll ja auch beim Muskelaufbauen helfen und dem Kreislauf und Immunsystem sowieso) und bitte auch nach dem Essen spazieren.
Ich lese seit vorletztem Jahr wieder viel. Drei Bücher pro Monat minimum.
Meine Seriensucht braucht natürlich auch Zeit. Heated Rivalry, The Pitt, Paradise, Starfleet Academy, The Knight of The Seven Kingdoms, Unfamiliar, Homeland Rewatch… mehr habe ich letzten Monat nicht geschafft.
Ich suche mir auch wöchentlich wechselnde Rabbitholes – wobei das für Heated Rivalry begleitet mich jetzt schon sechs Wochen, wohingegen das Bad Bunny Rabbit Hole schon nach wenigen Tagen erschöpft war. Ich liebe einfach die Kreativität anderer Leute so sehr. Was da gebastelt, gefilzt, nachgefilmt und ge-memt wird, es ist wunderbar und löscht gleichzeitig all meine Kreativität. Jeder Witz, der mir einfällt, ist schon gemacht – nur besser, aufwändiger und schneller. Was waren das damals für Zeiten als noch so wenig los im Internet war, dass man das Gefühl hatte die Erste und Einzige und Witzigste zu sein (Stichwort Hackfleischbresprechungen und Trotzyoga).
Ansonsten google ich sehr viel und lerne dann, wo früher das Ergebnis „schwanger“ oder „Krebs“ war, ist heute Perimenopause der Grund für alles. Morgendliche Fersenschmerzen beim Auftreten als ob man in Glasscherben läuft: Perimenopause. Geruchshalluzinationen (als ob jemand neben mir raucht): Perimenopause. Juckende Ohren: Perimenopause. Wortfindungsstörungen: Perimenopause.
Ganz toll auch: Schlafstörungen. Während mein ganzes Leben mein tiefer Schlaf meine Superpower war, wache ich jetzt fast jede Nacht um 3 auf und kann vor 5 kaum einschlafen.
Immerhin: ich hatte Angst, dass diese Phase so schlimm wird wie die Pubertät – glücklicherweise ist es das für mich nicht.
Jedenfalls Zeit zum Bloggen bleibt da keine.