Die elendige Killerspieldebatte

TheXomil @Pixabay

Gestern Abend war ich Teil einer Paneldiskussion [1] um Kinder und digitale Medien und natürlich ging es da auch um Videospiele. Aus dem Publikum kam die Frage, warum denn ausgerechnet Fortnite Battle Royale so attraktiv sei.

Mein Mitdiskutant Dominik Hanakam – Leiter des Computer-/Videospiel-Labors an der HAW München – hat das hervorragend beantwortet, denn mit Fortnite Battle Royale habe ich mich für meinen Vortrag Der Schulhof als Nukleus für neue Trends am Beispiel der Fortnite-Tänze auf dem Gamescom Congress 2019 auch intensiv befasst. Denn Fortnite Battle Royale ist: 

  • Free to Play,
  • aber nicht Pay to Win, d.h. man kauft sich nur Eyecandy aber keine Spielvorteile,
  • die durchschnittliche Rundenlänge von 25 bis 30 min passt selbst in strenge Medienzeitvorgaben und Schulhofpausen
  • ist mobil verfügbar
  • auf nahezu allen Geräten spielbar
  • hat eine cartoonhafte Ästhetik, die Eltern v.a. ggü. dem hart und realistisch anmutetenden PUBG gerne mal ein Auge zudrücken lässt
  • der Spielehersteller Epic Games interagiert kontinuierlich und witzig mit der Spielecommunity
  • es gibt regelmäßige Updates
  • und nicht zuletzt ist Fortnite Battle Royale ein aufwändig produziertes, unterhaltsames Spiel

Aber die Lootboxen, das seien ja Mechanismen, die Kinder süchtig machten…!, lautete ein Einwurf – was mich sehr nervte, denn nein, Fortnite Battle Royale hat eben keine Lootboxen und auch die möglichen Ausgaben für Eyecandy finde ich überschaubar – ein Pass für die ganze Season kostet um die 10 Euro, was ich als Ausgabe für ein Hobby für taschengeldkompatibel halte.[2] (Wohingegen man bei FIFA übrigens locker 800 bis 1.000 Euro pro Jahr ausgeben kann, um sich sein Team zusammenzukaufen… und von möglichen Ausgaben bei Clash of Clans und Co. gar nicht erst anzufangen…)

Na gut, ABER!…“ so erwiderte der Herr aus dem Bereich Suchtprävention, am Ende ginge es ums Töten! Warum denn ausgerechnet Töten? Ich glaube, ich war dann kurz einen Moment unaufmerksam, denn als ich erwachte, hörte ich: Breivik habe ja auch Killerspiele gespielt und… ZACK eskalierten kurzzeitig alle Emotionen. 

Wie sagt man da? „Wow, that escalated quickly!“ und tatsächlich regen mich solche Aussagen auf, denn beim Thema Computerspiele sind viele Eltern unsicher und ich mag es nicht, wenn man da immer wieder mit falschen Behauptungen Benzin in die Elternängste schüttet.

Interessierten Eltern empfehle ich zur Aufklärung Folge 6 Zankapfel Computerspiele des Podcasts “Nur 30 Minuten” und dann gleich Folge 7 zum Thema Ist alles Sucht, was wir Sucht nennen?.

Die Debatte um Killerspiele kann man insgesamt eigentlich ziemlich kurz halten, denn: “Einhellige Expertenmeinung ist” laut Ingrid Möller von der Universität Potsdam, “dass kein Teenager allein aufgrund der Nutzung von Ego-Shootern zum Mörder wird.“ [3] Und als Ergänzung: Wo Menschen keinen Zugriff auf Schusswaffen haben, kann auch nicht mit Schusswaffen getötet werden.  Punkt.

Betrachte ich die Diskussion des gestrigen Abends, so habe ich ein bisschen geschockt mitgenommen, dass die Angst vor Killerspielen ungebrochen hoch bleibt. Dabei denke ich mir immer: Warum investieren Menschen, die sich mit Ängsten dieser Art herumschlagen nicht ein bisschen Zeit, um sich das fehlende Wissen anzueignen? Wenn man einen Toaster kauft, ist man auch bereit Stunden in eine Recherche zu investieren. Warum dann nicht zum Thema »Killerspiele«?

  • Lest mal im Spieleratgeber NRW zu einigen bekannten Spielen
  • Schaut euch mal Let’s Plays zu besagten Spielen auf YouTube an
  • Und fragt euch, welche Bedürfnisse hinter dem Wunsch der Kinder und Jugendlichen stehen, die Spiele wie Fortnite spielen wollen. Die Antworten darauf sind manchmal recht erhellend (vgl. Die verlorenen Kindheitsorte)

Alles in allem ein Invest von sagen wir einer – maximal zwei Stunden. Das sollte es doch wert sein, oder?


[1] Wenn ihr aus dem Raum München seid, unbedingt mal schauen, was die Stadtbibliothek hier für den Bereich Kinder/Jugendliche und Digitales bietet!

[2] Viele Menschen halten es für Quatsch Geld für virtuelle Gegenstände auszugeben. Ich halte es Quatsch Geld für Alufelgen oder Make-up auszugeben, aber naja, jeder hat halt so seine Prioritäten…

[3] https://www.sueddeutsche.de/panorama/zehn-jahre-nach-dem-amoklauf-in-erfurt-was-sich-seit-dem-schulmassaker-veraendert-hat-1.1342486-2

54 Gedanken zu „Die elendige Killerspieldebatte“

  1. Ich gebe dir absolut recht und bin von der Debatte auch etwas genervt, da das Thema immer wieder auf den Tisch kommt. Ich habe vor kurzem die Videospiel-Doku “High Score” auf netflix gesehen. Wenn man nun die Ursprünge der Diskussion betrachtet sind einige der Argumentation absolut lachhaft.

    Ich denke es ist auch nicht nur das Alter, sondern die geistige Beschaffenheit und die Erziehung ein entscheidender Faktor bei Videospielen, Loot-Boxen, etc. ist. Kinder die früh genug das Verantwortungsbewusstsein und ein Verständnis für Geld beigebracht bekommen, haben m.E. mit Loot-Boxen und InGame-Käufen weniger Probleme. Ansonsten gilt nach meiner Sicht auch nahezu jede kostenlose App auf dem Smartphone, die als “Top-Spiel” angezeigt wird, als Gefahr.

    Aber nochmal zurück zu den Killerspielen. Ich glaube nicht, dass ein Spiel alleine dafür sorgt, dass jemand zum Mörder wird. Die nötige Veranlagung und die Umwelteinflüsse, genau wie Filme und Serien, werden Ihren Teil dazu beitragen. Ich glaube aber auch, dass es Spiele gibt die Kinder aufgrund des Inhalts mit Ihrem Alter nicht spielen sollten. Leider sind die Mechanismen heute sehr schwach – Hier sollte es minderjährigen m.E. schwerer gemacht werden oder ein zusätzlicher Kontrollmechanismus eingebaut werden.

    Aber wie du schreibst sollten sich auch unbedingt die Eltern besser informieren. Eine ganz gute Lösung bei meinem Neffen finde ich zum Beispiel eine Schutz-App, die meine Schwester nutzt. Bevor mein Neffe etwas installieren kann (auf dem Smartphone) bekommen die Eltern eine Benachrichtigung und müssen die App freigeben. Zudem kann die Medienzeit (Bsp. 2Std. pro Tag) eingestellt werden.

    Sorry für den Roman – ich war im Schreibwahn. Auch wenn ich nun ein bisschen zwischen Killerspielen und Loot-Boxen gesprungen bin, hoffe ich, dass ich mich verständlich ausgedrückt habe ^^

    Viele Grüße

    David

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