Die verlorene Karte

Sehr viele Trottellummen. Quelle: Natalia_Kollegova@pixabay

Es ist 7.32 Uhr. In acht Minuten muss das Kind in die Schule: „Maaaamaaa???!“ Ich ahne schreckliches. „Mama, wo ist meine Trottellumme-Karte?“ „Deine äh was?“ „Die Trottellumme-Karte!“ „Keine Ahnung?!“ „Ich brauche sie aber sehr dringend!“ „Aber jetzt?“ „Ja, Mama. Un-be-dingt!“ „Wie sieht sie denn aus?“ „Da ist eine Trottellumme drauf!“

So, so, denke ich und fange an nach einer Karte zu suchen, von der ich nicht weiß, wie sie aussieht. Ich halte alles hoch, was grob in die Kategorie Karte passt. „Das?“ „Nein“ Das?“ Nein“ „Das?“ „Nein“ Das?“ Nein“ … 7.40 Uhr.

„Du musst jetzt in die Schule.“ „Aber die Karte!“ Die Unterlippe zuckt, OMG OMG gleich weint das Kind los. Neinneineinnein. „Ich äh ich suche Deine Karte und wenn Du nach Hause kommst, dann hast du sie, okay?“

Nach kurzem Abwägen, willigt das Kind ein. Schuhe an die Füße, Schulranzen auf den Rücken. Tschüssi! Das Kind macht sich auf den Weg. Ich bleibe zurück und habe eine Mission: Die Trottellumme-Karte finden.

Ich google Trottellumme und mache mich auf die Suche. Ich weiß jetzt, dass ich einen Vogel suche, der komisch läuft. Ich suche erst den Boden ab. Dann die Bettritzen. Dann die Schränke. Öffne alle Schubladen. Schaue hinter den Schränken. Unter dem Teppich. Im Bett, am Schreibtisch, unter dem Schreibtisch, zwischen Büchern. Ich nehme die Bücher einzeln aus dem Regal, schüttle sie. Ich nehme alle Kartensets in die Hand, schaue mir Karte für Karte an. Öffne die Brettspiele, prüfe alle Kisten. Hebe die Matratze, schaue in den Herd der Kinderküche. Dann suche ich im Bad. Oft werden Dinge zum Zähneputzen geschleppt. Dann durchwühle ich die Küche. Schließlich knüpfe ich mir das Wohnzimmer vor. Sofa, Sessel, Esstisch (eh klar), Bücherregal, CD-Regal, ich krieche unter dem Tisch herum, schaue unter dem Sofa, hinter dem Sofa, hebe alle Kissen an. Irgendwo muss doch diese Karte sein!

Während ich suche, bekomme ich Visionen vom verzweifelten Kind. Die Enttäuschung wenn ich die Karte nicht gefunden habe. Ich laufe wieder ins Bad, schütte den Wäschekorb aus und durchsuche alle Hosentasche. Ich finde Centstücke, Bonbonpapier, Steine, Kaugummireste. Nur diese Karte bleibt verschwunden.

Ok, ok. Ich muss ruhig bleiben. Ich muss es logisch angehen. Ich werde alles aus dem Zimmer räumen, was nicht die Trottellumme-Karte ist. Ich trage also Zeug aus dem Zimmer, staubsauge und wische geschwind, räume alles aus. Murmeln, Knete, Spielzeugautos. Kommode raus. Bett raus. Sitzecke raus. Decken raus. Die Schwertsammlung, das Pony, Chucky. Die Trottellumme-Karte ist einfach nicht zu finden. Ich hole die Leiter, schaue auf den Schränken, putze auch da schnell. Wenn ich schon dabei bin, kann ich gleich die Vorhänge abhängen, die ich in die Waschmaschine werfe. Hm. Vielleicht doch nochmal alles raus aus der Waschmachine? Vielleicht ist die Trottellumme-Karte dort? Unter der Waschmaschine? Unter dem Trockner? In der Mikrowelle? Im Ofen? Unter der Spüle? Himmelherrgott. Wo ist diese Kart… es klingelt.

Mist, 14 Uhr. Das Kind steht in der Tür. Ich habe versagt. Es fragt nach seiner Karte. Ich bin erschöpft, hungrig, fühle mich krank: „Ich hab sie nicht gefunden.“ Fünf Worte für Versagen. Das Kind ist ganz aufgelöst, trägt die Enttäuschung dennoch mit Fassung. Es sagt nichts, es geht schweigend an mir vorbei, die Schultern hängen. Mein Herz zerbricht. Wieder ein Tag an dem ich die doofe Mama bin. Zu Recht heute.

16 Uhr. Mein Freund kommt nach Hause. Das Kind rennt zu ihm: „Hast du meine Trottellumme-Karte gesehen?“ Der Freund lässt sich ganz langsam in unseren Ohrensessel sinken. Er atmet tief ein. „Trottellumme-Karte“, sagt er. Er denkt nach. Das Kind ist furchtbar aufgeregt.

„Drei Fragen habe ich.“, sagt der Freund.
„Erstens: Hast du schon im Schulranzen geschaut?“
Das Kind empört: „Ja.“
„Zweitens: Hast du schon im Schulranzen geschaut?“
Das Kind grummelt: „Jaja!“
„Drittens: Hast du schon im Schulranzen geschaut?“
Das Kind genervt: „JAHAAAA!“

Der Freund steht auf, schaut in den Schulranzen und zieht die Trottellumme-Karte heraus.

 


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198 Gedanken zu „Die verlorene Karte“

  1. Das war taktisch suboptimal. Saubermachen beim Suchen mag ja noch ganz praktisch sein. Aber auf keinen Fall wieder aufräumen. Wenn das Kind nach Hause kommt, muss es wirklich nach Suche aussehen. Das muss aussehen, als hätte die Polizei eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Also, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Das hätte erstens zu Anerkennung und Respekt wegen der offensichtlich massiven Suche geführt, und zweitens wäre dann das Kind mit Aufräumen dran gewesen. So schlägt man drei Fliegen mit einer Klappe.

  2. Frage: Wie schafft man es, dass das Kind sich mit „Ich suche sie für dich/mit dir heute Nachmittag“ zurfrieden gibt und in die Schule geht?! Bei uns ist das gesuchte Objekt in diesem Moment das Wichtigste auf der Welt und MUSS gefunden werden, JETZT! Es ist quasi beinah unmöglich, das Kind davon zu überzeugen, die Suche zu vertagen – nachmittags hingegen ist das Thema dann meistens gar nicht mehr so wichtig und mehr oder weniger vergessen…

      1. Okay, DAS beruhigt mich ein klein wenig, nachdem wir ähnliche Situationen diese Woche zweimal hatten und das Kind beide Male fast zu spät in der Schule gewesen wäre… Zum Glück mache ich, wenn Kind das Haus (endlich) verlassen hat, immer erstmal eine schöne Runde Yoga – das hilft mir, wieder runter zu kommen und insgesamt gelassener zu bleiben… ;) Dafür kommt das Putzen und Aufräumen wiederum meistens zu kurz… :D

  3. Eigentlich ist immer ALLES in der Schultasche (Ausnahme: die Schulsachen, die ebenfalls um 7:38 gesucht werden müssen). Hab unsere „Ordnung“ wiedererkannt und sehr gefreut ;-)

  4. Grenzen der Pädagogik…

    Man hätte auch Gegenfragen stellen können. Zum Beispiel wo die sauteure Wundertrinkflasche ist, die wir seit dem zweiten Schultag vermissen. ;)

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