Die Wut filmisch weitergedacht

Die letzten Tage und Wochen sind manche Nachrichten schwer zu verdauen. Erst die Farce um Kavanaugh und dann das Urteil im Fall Sigi Maurer.

Kavanaugh wird Richter im Supreme Court und Trump entschuldigt sich persönlich für was Kavanaugh angeblich durchmachen musste. Christine Blasey Ford auf der anderen Seite kann wegen der nicht enden wollenden Todesdrohungen nicht mehr in ihr Haus zurückkehren.

Sigi Maurer, die sich gegen die ekelhaften Nachrichten eines kranken Typen wehrt, indem sie diese veröffentlicht, muss, sofern das Urteil rechtskräftig wird, eben jenem Schmerzensgeld wegen übler Nachrede zahlen.

Natürlich kein Einzelfall, was die Art dieser Nachrichten angeht. Meine Timeline ist voll davon. Offenbar ist es verhältnismäßig normal, dass Frauen des öffentlichen Lebens solche Nachrichten bekommen:

In mir wächst die Wut, die Journelle gut beschreibt.

Wer es „lustiger“ haben möchte, kann sich den Song von Lynzy Lab anhören:

„Witzigerweise“ habe ich parallel zu den Ereignissen die Serie Dietland gesehen und irgendwann erschien mir die Serie gar nicht mehr fiktiv sondern wie eine logische Fortschreibung der Ereignisse.

Das ist insofern drastisch (Spoiler) als dass es u.a. um eine Terrorgruppe namens „Jennifer“ geht, die sich die Kavanaughs dieser Welt vorknöpft und tatsächlich tötet und zwar öffentlichkeitswirksam. Denn „Jennifer“ ist die Radikalisierung des Feminismus bis zum Äußersten.

Was die Serie wirklich interessant macht, sind die gesellschaftlichen Effekte und Diskussionen, die sich dadurch ergeben.

Ich habe die Serie mit gemischten Gefühlen geschaut. Die Charaktere habe ich geliebt. Es spielt übrigens auch Julianna Margulies (Alicia aus The Good Wife) mit. Als machthungrige Chefin einer Mediengruppe, die ungefähr so hochwertige Magazine wie die Bauer Media Group herausbringt und ungefähr genauso divers in den Führungsriegen ist. Als Oberhaupt eines Modezeitschriftimperiums muss sie natürlich den eigenen utopischen Schönheitsidealen entsprechen, für die sie sich entsprechend quält. Meine Lieblingsszene ist, wie sie sehnsüchtig an einer Pommes riecht, weil sie sie ja nicht essen kann.

Großartig auch Joy Nash, die den Hauptcharakter Plum spielt. Sie verkörpert Plum so überzeugend, dass ich mich einige Male gefragt habe, ob das als dicke Frau wirklich so ist. Es tut oft weh, ihr zuzusehen und erfüllt mich mit Scham, weil für mich wirklich nicht nachvollziehbar ist, wie Menschen andere Menschen so behandeln können.

Aber zurück zur Realität, die gerade eigentlich sehr deprimierend ist. Als ich aber heute früh im Sonnenschein in die Arbeit lief, überkam mich plötzlich ein überschwänglicher Optimismus. Vielleicht sind es wirklich Frauen wie Ford und Maurer, die den Untergang des Patriarchats einläuten. Vielleicht werden ihre Namen eines Tages in den Geschichtsbüchern stehen und vielleicht müssen unsere Töchter irgendwann nicht mehr in einer Gesellschaft leben, die all das, was im Moment noch so selbstverständlich passiert, zulässt. Vielleicht erleben wir gerade die letzten Tage des Patriarchats. Das Aufbäumen vor dem Ende.

30 Gedanken zu „Die Wut filmisch weitergedacht“

  1. Ach, Gott, der Arme, wie er um Fassung ringen musste, schluchz, schnief.
    Der Mann ist Jurist, der doch bitte weiß, wie er sich vor Publikum benehmen muss, um es für sich einzunehmen.
    Klar war – er konnte kein Schuldeingeständnis machen oder zerknirscht wirken, dann wäre er den Job los.
    Also ging er, gut kalkulierend, zum Gegenangriff über – und erschloss sich damit die Unterstützung vieler Reps, die die SJW sowieso sch*e finden und sich für Opfer der linksradikalen Tugendwächter halten.
    Der hat superwirksam gehandelt, genau das bekommen, was er wollte. Der Mann tut mir wirklich nicht leid.
    NB: Dass er während der Anhörung gelogen hat, ist ja auch mehr als offensichtlich – ich sage nur boffing, devil’s triangle usw. usf.

  2. Ich sehe das mit Frau Maurer anders.
    Sie hat sich falsch verhalten, und hat dafür meines Erachtens zu Recht Ärger bekommen (von dem abgesehen dass ihr die 7000€ kaum weh tun werden, aber darum geht es nicht. Und btw. kann auch sein dass sie da nochmal rauskommt, sie hat Rechtsmittel eingelegt und Absatz 3 des Beleidigungsparagraphen könnte da helfen).

    Beleidigung ist (in Österreich zumindest, laut dortigem §115 StGB) nur dann strafbar wenn sie öffentlich ist. Das sollte man vielleicht ändern, aber es hat mit dem was der Mann getan hat, (und was ich zutiefst ablehne, ich teile ihre Einschätzung über den Charakter der Person, die die an sie gerichteten Zeilen verfasst hat), nichts zu tun.

    Gegen solche Leute muss man vorgehen, aber nicht auf die Weise wie sie es getan hat. Seine persönlichen Daten zu veröffentlichen (ihn quasi zu „doxen“) und ihn zu beleidigen lässt weder das Problem verschwinden, noch zeugt es von einem Verständnis von Rechtsstaatlichkeit, das ich von jedem Politiker eines zivilisierten Landes erwarte.

    Ich finde es sehr bedrückend, dass ihr Verhalten gerechtfertigt und verteidigt wird. Und nein, ich denke das hilft gegen das Patriarchat überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich glaube dass Aktionen wie diese der Sache im Wege stehen.
    Andere Frauen machen das besser. Die Beleidigungen inhaltlich öffentlich zu machen, und an der Diskussion und Ächtung solches Verhaltens mitzuwirken, laut dafür einzutreten dass ein solches Verhalten strafbar wird, all das sind Dinge die jeder tun kann und sollte.

    Ich finde dass manche da mit zweierlei Maß messen. Man stelle sich einmal vor hier hätte ein Flüchtling auf unflätige Weise einen Nazi beleidigt, und der postet dann den Namen des Flüchtlings und die Adresse der Wohnung desselben zusammen mit einer Beleidigung im Internet, worauf dann Angriffe (digitaler, verbaler, später vielleicht auch tätlicher Art) auf diese Unterkunft erfolgen.
    Natürlich hätte sich der Flüchtling falsch verhalten, und ich würde erwarten dass er dafür Konsequenzen erfährt, aber das was der Nazi in meinem Beispiel gemacht hat würde in der Öffentlichkeit zu recht gegeißelt werden, und hoffentlich auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

    Der Zweck heiligt nicht die Mittel, und die Bewertung eines solchen Falles sollte nicht davon abhängen, wer die beteiligten Personen sind (Geschlecht, Alter, Herkunft, politische Einstellung etc.).
    An das Recht müssen sich alle halten, auch Flüchtlinge, Nazis, Arschlöcher, und Politikerinnen.

    Gruß
    Aginor

    1. Püh. Wenn ich Deinen Kommentar lese, weiß ich gar nicht wo ich da anfangen soll. Was der alles vermischt. Frauen, Politikerinnen, Rechtsstaat, Nazis, Flüchtlinge. Einmal alles zusammengemischt und geschüttelt. Den Cocktail kann man dann „Rundumkeule mit Schuß“ oder so nennen.

      Aber gut. Du findest es bedrückend, dass Menschen Verständnis für ihre Reaktion haben. Ich finde es bedrückend, dass man kein Verständnis für ihre Reaktion hat.
      Da werden wir meinungstechnisch wohl nicht zueinander finden.

      1. Sehr geehrte Nuf,

        ich glaube es geht Aginor nicht um das Verständnis für Frau Maurer, sondern eher darum, zu Erklären, das es sich um ein Gerichtsurteil handelt. Es dementsprechend nach Recht und Gesetz gefällt wird, und dementspechend un-GE-recht sein kann. Ob es wirklich rechtmäßig war wird die Berufungsverhandlung zeigen.

        Liebe Grüße Amar

        1. Danke Amar, das ist ungefähr was ich meinte. :)

          Liebe Nuf, BITTE lies meinen Kommentar nochmal. Langsam. Er hat nämlich mit der Rundumkeule als den Du ihn bezeichnest nichts zu tun. Außer in der Hinsicht dass das Recht eben für alle gleich sein muss.
          Beim lesen Deiner Antwort kommt das Gefühl auf Du hättest nur den letzten Satz gelesen, und das ist sehr schade, da ich sehr viel Zeit in diesen Kommentar hineingesteckt habe, um ihn möglichst sauber und präzise zu formulieren.

          Ich habe absichtlich einen Nazi und einen Flüchtling als extreme Gegenpositionen im Beispiel verwendet (der Nazi könnte von Frau Maurer als grüne Politikerin nicht weiter weg sein), um damit aufzuzeigen dass Geschlecht, Herkunft, politische Einstellung, sozialer Status oder ähnliches in der Betrachtung nichts zu suchen haben.

          Und bitte nicht falsch verstehen: Ich habe sehr wohl _Verständnis_ für ihre Reaktion. Ich verstehe die Gründe warum sie es getan hat, und auch dass sie emotional gehandelt hat. Vermutlich hätten viele andere auch genauso (falsch) reagiert.
          Aber _gutheißen_ kann ich es nicht, da es falsch war. Und ich finde es nicht bedrückend, Verständnis für ihre Reaktion zu haben, sondern ich finde es bedrückend, ihr objektiv falsches Verhalten aus emotionalen Gründen zu verteidigen.

          Vor allem dann nicht wenn es darauf hinausläuft dass die Einordnung ihres Verhaltens aufgrund ihrer Person stattfindet. Sie hat genau das gleiche gemacht wie der Nazi in meinem fiktiven Beispiel.
          Für den würde wohl kaum jemand von den Leuten, die jetzt Frau Maurer verteidigen, das gleiche tun. Weil er ein Nazi ist. Nicht weil sein Handeln richtig oder falsch war.
          Hier entsteht (zu Recht oder nicht) der Eindruck, es würde mit zweierlei Maß gemessen. Dass bei ihr als Frau, die aufs übelste angegangen wurde, ein größeres Recht darauf bestünde, jemanden zu beleidigen oder zu doxen, als dies beim fiktiven Nazi der Fall wäre.
          Und das sendet das falsche Signal und hat eine negative Auswirkung auf den Feminismus und die Feministinnen.

          So darf Recht nicht funktionieren, und so sollte niemand handeln, für den der Rechtsstaat ein hohes Gut darstellt. Egal ob es hier den richtigen getroffen hat oder nicht.
          Wut auf das Patriarchat zu haben ist in Ordnung. Sich von ihr leiten zu lassen nicht.
          Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

          Ich hoffe dieser Folgekommentar hat jetzt nochmal ganz klar gestellt was ich meine. :)

          Gruß
          Aginor

  3. Tja, leider würde nichts besser, wenn man die Verhältnisse einfach rumdreht.

    Und man sollte nicht vergessen, dass die meisten Menschen einfach nur in Ruhe und Frieden leben wollen und auch ganz vernünftig miteinander umgehen. Twitter ist leider das perfekte Medium für durchgeknallte Extremist*innen, die sich dort gegenseitig immer weiter hochdrehen. Was für unglaublich widerwärtige Typen da rumlaufen.

    Und zur Causa Kavanaugh: Ich habe politisch selten etwas so Schreckliches gesehen. Die arme Frau Ford, die gegen ihren Willen rücksichtslos instrumentalisiert und vor diese Anhörung geschleppt wurde. Und die sich bravourös geschlagen hat, aber trotzdem ihre Anschuldigungen nicht erhärten konnte. Wie auch nach 35 Jahren. Aber auch Kavanaugh. Ich hätte wirklich gejubelt, wenn man dieses evangelikale und reaktionäre Arschloch zur Strecke gebracht hätte. Aber doch nicht so! Soll das der Standard werden? Das man praktisch jeden Mann (egal ob links oder rechts) jederzeit durch einen Angriff aus dem Hinterhalt zur Strecke bringen kann? Einen Angriff, gegen den es keine Verteidigung gibt, denn ein solcher Vorwurf kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Da sind die Überlebenschancen ungefähr genauso hoch wie bei einer mittelalterlichen Hexenprobe.
    Jetzt haben alle verloren. Was nutzt ihm der Job, wenn der Ruf ruiniert ist? Was soll man von Frau Ford halten, die keine juristischen Schritte einleitet? Beide erhalten Morddrohungen und das gesellschaftliche und politische Klima in den USA wurde noch mehr vergiftet.

    Ich fürchte übrigens, dass die ganze Sache schlimm nach hinten losgehen wird und das die widerlichen Reps jetzt die Midterms gewinnen werden.

    1. Wer sagt denn, dass die Verhältnisse rumgedreht werden sollen?
      Gleichberechtigung ist nicht, wenn als nächstes weiße Männer unterdrückt werden.

      Und zu den 35 Jahren: Wenn Du den Fall Sigi Maurer (exemplarisch, es gibt ja aktuell noch viele, viele andere) verfolgst: Da wurde direkt reagiert und mit welchem Resultat? Dass gerichtlich bestätigt wird, dass man(n) sich so benehmen kann und es keinerlei Konsequenzen hat, außer dass man auch noch Schmerzensgeld bekommt.

      Und was nutzt ein Job als oberster Richter, wenn man einen „ruinierten Ruf“ hat? Einen Ruf, der dann vom Präsidenten selbst verteidigt wird in den Reihen der Machtinhaber? Sorry, dem hat es rein gar nichts geschadet. Ich glaube, der fühlt sich nicht mal schlecht.

      1. Stimmt, das schreibst du nicht. Aber du bist nicht die Erste, die eine feministische Terrorgruppe als konsequent bis zum Äußersten zu Ende gedachten radikalen Feminismus erwähnt (–> Mirna Funk z.B.).

        Den Fall von Frau Maurer finde ich sehr ärgerlich. Das miese Arschloch kann nicht bestraft werden wegen einer Lücke im Gesetz und so ist nur sie dran, da sie öffentlich zurück beleidigt hat. Allerdings sie hat versucht, seine wirtschaftliche Grundlage zu beschädigen, was ich aus ganz grundsätzlichen Überlegungen ablehne.

        Dem Kavanaugh macht das nichts? Das er und seine Familie bedroht wurden (die Frau kriegte ’ne Nachricht, dass sie doch bitte ihren Mann zum Selbstmord auffordern solle) und er als angeblicher Teilnehmer an Serienvergewaltigungen hingestellt wurde (nicht von Frau Ford). Der machte aber einen ganz anderen Eindruck. Nach der Anhörung von Frau Ford dachte ich: Der ist erledigt! Und dann kam er und trat auf wie ein Mensch voller Entsetzen, dass er mit so einer schrecklichen Anschuldigung konfrontiert wird. Der musste heftig um Fassung ringen und kämpfte zeitweise mit den Tränen. Ich hatte den Eindruck, dass beide felsenfest davon überzeugt waren, die Wahrheit zu sagen. Oder einer von beiden ist ein wirklich begnadeter Schauspieler.

        Männer sind jedenfalls keine gefühllosen Klötze. Noch nicht einmal dann, wenn sie miese evangelikale Reaktionäre und Abtreibungsgegner sind.

        1. Ja natürlich musste der um Fassung ringen. Schließlich ist er der Meinung, dass er doch in seiner Jungend nichts Schlimmes gemacht hat. Machen doch schließlich alle, oder? Und deswegen sind natürlich alle Männer verletzlich gegenüber solchen Anschuldigungen.
          Und weißt du, das Problem ist, dass Männer die zu Kavanaughs Studienzeiten jung waren, vermutlich wirklich mehr Taten begangen haben, die heute als Verbrechen gelten und damals als „über die Stränge schlagen“ und „Sind halt Jungs“. Und selbst wenn man sie juristisch nicht mehr belangen kann, rettet die entstehende Diskussion hoffentlich die jetzt heranwachsenden jungen Männer vor ähnlichem Denken und die heranwachsenden Frauen vor Übergriffen.

  4. Ich bin weiterhin verunsichert ob ich Dietland schauen will. Vielleicht schau ich mir mal die erste Folge an.
    Ansonsten gebe ich dir recht, momentan ist alles sehr deprimierend. Aber diese Momente des Optimismus kenn ich auch. :)

  5. Ich hab die Serie sehr gemocht. Fast schon Euphorie überkam mich bei der eher beiläufigen Szene, in der es die Männer sind, die verunsichert durch die Straßen laufen und hinter jeder Frau eine Terroristin vermuteten.

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