Hä?

Annetts Eltern hießen nicht wie die anderen Eltern Frau und Herr Behrendt sondern Klaus und Gerti. Das fand ich als Kind sehr verwirrend. Die Familie Behrendt war ohnehin sehr verwirrend. Sie packten ihrem Kind Möhrensticks und Selleriestangen in die Brotbox, während alle anderen Kinder ordnungsgemäß Graubrot mit Marmelade hatten. Eines nachmittags fragte mich Annett, ob ich mit zu ihr spielen kommen möchte und da lernte ich ihre Eltern kennen, die ich brav siezte. Die Mutter lachte und sagte: „Du kannst gerne Gerti sagen und das da ist der Klaus, Annetts Stiefvater.“

Ich war total verwirrt. Eltern, die Vornamen hatten. Und dann tat mir Annett sehr leid. Offensichtlich war ihr leiblicher Vater gestorben. Wie sonst wäre sie zu einem Stiefvater gekommen?

So war das in den 80ern in Bayern. Alle, die deutlich älter als ich waren, habe ich gesiezt. Sogar 16jährige. Bis auf Gerti und Klaus, hatte das niemanden irritiert. Niemand hatte mir jemals das „Du“ angeboten. Auch nicht die Nachbarin, neben der wir mehr als fünf Jahre wohnten.

Zudem gab es keine getrennten Eltern. Scheidung, das kam direkt nach Wohngemeinschaft. Das Wort hatte ich mal im Fernsehen aufgeschnappt. Menschen, die in Wohngemeinschaften lebten, das waren Absonderlinge, die irgendwie aus der Gesellschaft gefallen waren und Scheidung, das kam nur in asozialen Familien vor. Familien, die ich höchstens mal bei Bärbel Schäfer oder Hans Meiser hab sitzen sehen.

Ein paar Jahre später ließen sich dann meine Eltern scheiden und ich saß oft weinend im Unterricht, weil ich mich so schämte. Das war der Anfang vom Ende. Mit geschiedenen Eltern war meine Zukunft dahin. Jetzt war ich nicht nur eines der wenigen Ausländerkinder, sondern auch noch eines mit geschiedenen Eltern.

Zum Glück konnte ich aus Bayern auswandern und aus mir ist doch noch was geworden und in der Zwischenzeit ist es mir seltsam fremd geworden Menschen zu siezen. Klar, es gibt Umgebungen, in denen das noch üblich ist – die Argumente dafür finde ich weiterhin seltsam. Wegen des Respekts und „Sie Arschloch“ käme einem nicht so leicht über die Lippen als die Du-Variante.

Mein erster Freund in Berlin wusste, glaube ich, gar nicht, dass man Menschen siezen kann. Ich war mal dabei als er den Bürgermeister Berlins traf und ihn so selbstverständlich duzte, dass es mir erst gar nicht aufgefallen war. Als mir gewahr wurde, dass er gerade den BÜRGERMEISTER geduzt hatte, durchfuhr mich ein Peinlicheitsschauer, so wie in Träumen, wenn einem auffällt, dass man gerade eine Rede vor hundert Menschen hält, nur dass man leider vergessen hat, eine Hose anzuziehen.

Und plötzlich werde ich gesiezt. Was ist nur mit der Jugend von heute los? Die Klassenkameraden meiner Kinder siezen mich brav, sagen danke und bitte und räumen ohne Aufforderung den Tisch ab. Am Anfang war ich so irritiert, dass ich den Impuls unterdrücken musste hinter mich zu schauen. Stand da eine Erwachsene? Also eine Person, die offensichtlich gesiezt werden musste? Meinten die Kinder wirklich mich?

„Du kannst gerne Patricia sagen.“ Die Kinder schauen mich leer an. Drei Minuten später siezen sie mich wieder. „Hä?“ sage ich. stünde nicht im Duden, sagt eines der Kinder. Das hieße „Wie bitte?“.

Ich verlasse das Kinderzimmer. „Frau Cammarata, kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“ „THEFUCK“, denke ich und gieße ein Glas Wasser ein. „Bin ich jetzt erwachsen oder was?“. Dann google ich, ob „Hä“ wirklich nicht im Duden steht. Steht es aber!

[h?(?)]

  1. (salopp) Ausruf, der einer Frage zur Verstärkung nachgestellt wird
  2. (landschaftlich) Ausdruck des Nichtverstehens, Unwissens; wie bitte?

Synonyme:

Bitte; ich habe Sie nicht verstanden, was haben Sie gesagt?, was meinen Sie?, wie war das?; (salopp) was?

 

Ich habe noch keine Einbauküche! Ich bin noch nicht erwachsen! Ich bin einfach eine Frau, die zufällig Kinder hat.

 

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126 Gedanken zu „Hä?“

  1. Einfach die Kinder ganz offensiv zurücksiezen! :D

    Aber im Ernst, ich fühle mich beim siezen auch einfach wohler, und finde es befremdlich jemanden außerhalb der Familie und des Freundeskreises zu duzen.
    Hmmm… außer im Internet. Da passe ich mich an die jeweilige Community an, d.h. da duze ich üblicherweise.

    Gruß
    Aginor

  2. Ich sehe jung aus für mein Alter und daher nervt es mich gelegentlich, wenn mich fremde Erwachsene auf der Straße, beim Arzt oder im Laden (die ich natürlich sieze) selbstverständlich duzen. Weil es ausdrückt, dass sie mich als Kind sehen.
    (Dabei habe ich einen Doktortitel! Auf den bestehe bei der Anrede allerdings auf keinen Fall.)

    Auf meiner Arbeit wird English gesprochen und alle reden sich mit dem Vornahmen an, wenn wir also mal in kleiner Runde Deutsch reden, ist das Duzen da sehr natürlich. Und da stört es mich auch kein bisschen; siezen wäre in dieser Situtation gestelzt.
    Ich lasse mich auch von den Studenten, die ich unterrichte, mit Vornamen ansprechen (ist auch auf Englisch). So lange ist es dann auch noch nicht her, dass ich dort gesessen habe…

  3. In Kroatien ist es unter nicht verwandten oder nahestehenden Erwachsenen üblich den Vornamen mit dem Siezen zu verknüpfen. Oder auch „Sie, Frau Ana, was möchten Sie trinken?“ zu sagen. Mich irritiert es und geht mir schwer über die Lippen, dort ist es normal.

  4. Ich habe das Gefühl, dass Jugendliche sich oft wohler fühlen, wenn sie beim „Sie“ „bleiben dürfen“. Jugendliche Bekannte fallen immer wieder ins „Sie“, auch wenn wir ihnen das „Du“ angeboten haben. Ich habe damit auch kein Problem. Bin eh kein Berufsjugendlicher und mache mein Ego nicht am für-mich-gefühlten-Alter Anderer oder dem tatsächlichem Alter fest. Mir war es früher auch eher unangenehm, dieses joviale „Du kannst mich ruhig duzen“ von den „alten“ Leuten.

  5. Ich fand es als Kind nicht schlimm, zu siezen, und finde es auch jetzt nicht schlimm, wenn ich gesiezt werde. Allerdings lege ich den Kindern in der Wohnanlage nahe, mich zu duzen, was die dann auch tun. Es würde mich stören, wenn sie mich nicht grüßen würden, aber ob sie mich duzen oder siezen, ist mir egal. Ich finde, siezen ist ein Zeichen des Respekts, das ja kein Fehler ist.
    Ich biete meinen Oberstufenschülern immer an, sie zu siezen, weil das ein Stück weit signalisieren würde, dass ich sie für (fast) erwachsen halte, und sie mich ja auch siezen. Das lehnen sie immer ganz erschrocken ab und möchten bitte geduzt werden bis mindestens zum Abi, gerne auch für immer.
    Für die Freundin meiner kleinen Tochter bin ich „Juliasmama“, oder sie nennen mich eben beim Vornamen, wie auch nicht. Wir kennen uns, seitdem sie kleine Hosenkacker sind, bei so langer gemeinsamer Geschichte duzt man sich, Punkt.

  6. I like! Meine Gerti und Klaus hießen damals „Uli und Hildegard“ und ich war ebenso verwirrt wie du. Genauso wie ich es bin, wenn ich von kids heute gesiezt werde. Übrigens gibt es viele Hinweise und Studien, dass das Siezen in unserer Sprachkultur wohl demnächst das Zeitliche segnen wird. Für die Demonstration von Nähe und Distanz braucht man es nicht, kann ich aus längeren Aufenthalten in Skandinavien sagen.

  7. Ich bin knapp über 60, und für mich ist das Siezen mehr oder weniger eine Selbstverständlichkeit. Ich habe das halt so gelernt. Auch, wenn mir das „Du“ heute sehr viel leichter fällt. Prinzipiell habe ich Nichts gegen das „Du“. Allerdings geht durch dessen excessive Verwendung die Unterscheidung zwischen Freunden und Fremden verloren. Das heisst, es fehlt eine Ausdrucksmöglichkeit. Das finde ich schade. Nach meinem Empfinden entwertet es den Status „Freund“. Das „Du“ will erst mal verdient sein. Allerdings gebe ich zu, dass ich das heute oft viel zu leichtfertig verwende. Vermutlich aus Bequemlichkeit, weil es heute so üblich ist. Vielleicht sollte ich wieder mehr auf meine Sprache achten.

  8. Im gesellschaftlichen Umgang in Deutschland werden erwachsene Menschen mit „Sie“ sowie „Herr“ und „Frau Sowieso“ angesprochen, soweit nichts anderes vereinbart ist. Kinder müssen das irgendwann lernen.

    1. „Im gesellschaftlichen Umgang“. Ja dann wäre ja alles geklärt. Und Kinder sowieso. Erinnert mich an den ehemaligen Bayern-Coach Louis von Gaal, der von seinen Kindern gesiezt wurde.

  9. Ich hatte in der zehnten Klasse mal bei einer Freundin zwei Wochen Hausverbot (das erst nach einer förmlichen Entschuldigung aufgehoben wurde), weil ich ihre Mutter nur mit „Hallo“ gegrüßt hatte. Da wurde in der Anrede durch Gastkinder auch Wert auf den Doktortitel gelegt. Die zwei Wochen habe ich gebraucht, um mir zu überlegen, ob ich da überhaupt nochmal hingehen soll…

    1. Ich umschiffe dieses Problem immer noch! Ich kenne meine Freundin nun seit 22 Jahren (bin 28), aber wenn ich ihre Eltern treffe, weiss ich immer noch nicht, ob ich nun duzen oder siezen soll. Welch schrecklich schönes deutsches Problem ;)
      Ich werd‘ wohl mal meine Freundin fragen, wie sie das sieht :D

      Ganz grausig fand ich es während der Ausbildung. Man kommt in eine Abteilung in der sich die Kollegen und Kolleginnen untereinander alle Jahre kennen und duzen. Teils sogar den direkten Vorgesetzten. Und dann kommt man da als u20 Jährige hin, und wird als einzige mit „Sie“ angesprochen. Ich fand das so unangenehm…

  10. Hahaha!
    Meine Mutter (Bayern, eh klar) achtete sogar darauf, dass sie meine Freundinnen und Freunde anfing zu siezen, als diese über 16 wurden. Sie allerdings mit Vornamen ansprach (dass diese Kombination „Hamburger Sie“ heißt, wusste ich damals noch nicht).

  11. Ich komme aus Nordfriesland. Da duzt man sich auch mit wildfremden Einzelhandelspersonen und auch mit dem Bürgermeister, auch wenn man den noch nie vorher gesehen hat.
    Und jetzt soll ich hier in Niedersachsen die Erzieherinnen im Kindergarten siezen?!?

  12. Also ich bin ein Ruhrgebietskind und da war mir das „Sie“ bis zur Schulzeit so gut wie unbekannt. Leute, die man nicht mit Vornamen kannte (also die meisten), wurden automatisch zu Tante und Onkel. Somit war es selbstverständlich, dass die Nachbarin als Tante Müller angesprochen wurde, und damit das Du als Anrede festgeschrieben war.

  13. Ich bin eine dieser Menschen , die nicht nur geschiedene Eltern hatte, sondern sogar in einer WG/Kommune lebte. Ich hatte großes Mitleid mit allen Kindern, deren Eltern gar keine eigenen Namen hatten, sondern nur Mama oder Papa genannt wurden. Komischerweise finde ich das bei meinen Kinden sehr schön. Aber als Kind war es für mich sehr verwirrend und schwer zu entscheiden, wen man siezt oder duzt. Ich hab das immer falsch gemacht, weil bei uns eben auch nur geduzt wurde. Wurde entsprechend auch oft als asoziale, Berliner Hinterhausgöre abgestempelt. Und ja: die Kinder heute sind alle krass höflich. Schockierend!

  14. Ich finde ja auch merkwürdig, wie pikiert manche Leute vom duzen sind.
    Mein Sohn hat mal (mit etwa dreieinhalb) eine Kassiererin etwas gefragt und ihr einzige Reaktion war die Belehrung, dass das sie und nicht du zu heißen habe.
    Ist ihr gar nicht aufgefallen, wie unhöflich es ist, als Dienstleister die Frage eines Kunden nicht zu beantworten.

    1. Ist es nicht viel unhöflicher, die Frau nur oder zuerst als Dienstleisterin anzusehen und nicht als einen Menschen, der einen gewissen Wert auf Höflichkeit und Respekt ihr gegenüber legt und das auch zum Ausdruck bringt?

      1. @Claudia: Wenn ein Dreijähriger mit einer Kassiererin spricht, fällt es mir schwer, darin Kunde und Dienstleister zu sehen. Eher: Kind spricht mit Frau.

        @Kiki: Genau so schwer fällt es mir schwer, das auf die Ebene zu transportieren, in der Mensch zum Ausdruck bringt, dass sie einen gewissen Wert auf Höflichkeit und Respekt ihr gegenüber legt und deshalb von einem Dreijährigen gesiezt werden will. Eher: Frau spricht mit Kind.

  15. schwer verwirrend für das „gemeine Volk“ war hier (im tiefsten Burgenland anno 1990), dass meine Tochter mich Rudi, und nicht Papa oder Vati oder so nannte…
    vom allgemeinen duzen abgesehen…

  16. Haha! ?
    Hier im Schwabenland finde ich es noch verwirrender:
    Grundsätzlich siezt man sich, aber wenn man mehrere anspricht, wechselt man in die zweite Person plural und sagt Ihr. ?
    Aber auch, wenn die Menschen hier etwas verschlossener sind, als ich das von „zuhause“ gewohnt bin, ist man im privaten Bereich sehr schnell beim Du …

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