Mein Lager ist die Straße

Der Vorgarten

Mein Lager ist die Straße – jedenfalls in Berlin. Ich habe einen Grundvorrat an Lebensmitteln in der Wohnung, das schon, aber wenn etwas fehlt, dann gehe ich eben was einkaufen. Der REWE um die Ecke hat von Montag bis Samstag nur eine Stunde geschlossen. Am Sonntag komme ich klar. Oder ich gehe essen. In eines der kleinen Restaurants oder in einen der Imbisse in meiner Straße. Rund 50 gibt es im Laufnähe. Ach was. 200 eher. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schaue ich wahrscheinlich auf eine Auswahl von rund 100.000.

Im Moment geht das nicht. Ich habe meinen Plan verwirklicht und meine Stadtwohnung gegen ein Landhaus eingetauscht. Es ist der Wahnsinn hier. Der Vorgarten ist so groß, da würden 10 Berliner Familien ein Urban Gardening Areal draus machen. Der eigentliche Garten ist ein Feld. Ein bewiestes Feld, aber „Wiese“ kann ich es nicht nennen, es würde sich einfach zu klein anhören. Es gibt hier Platz, Platz, Platz im Überfluss. Keine Nachbarn. Die Kinder rennen rum und grölen und ich muss mir eingestehen, ich habe sie gar nicht jahrelang wegen der armen Nachbarn zur Ruhe ermahnt. Ich hab es einfach für mich getan. Denn jetzt fällt das Argument „Nachbarn“ einfach flach. Kein Nachbar weit und breit. Einen Jodelkurs könnte ich machen. Nachts um 3 Uhr. Niemand würde sich beschweren. Wie sinnlos die Kinder zu ermahnen.

Wenn ich morgens auf die taunasse Wiese trete, denke ich: „WHAT THE FUCK! WARUM RIECHT DAS HIER SO GUT?“, denn mir weht Morgen für Morgen irgendein wohlriechender, würziger Duft entgegen, den ich inhaliere wie man sonst nur das Zeug inhaliert wenn man Nebenhöhlenentzündung hat. Keinen Schimmer was das ist. Wahrscheinlich keine Kräuter sondern Ausdünstungen der Schafe oder Pferde, die es hier zu Hauf gibt. So sind die Städterinnen. Keine Ahnung von nix, rennen um 6 Uhr morgens wie Heidi über die Wiese und inhalieren Tierfürze.

Der Seitengarten

Außerdem ist es hier unglaublich still. Wenn ich mich auf die Terrasse setze, höre ich nur Insektenbrummen und -summen. Ab und an kommen Vögel herbei geflogen, ungefähr wie in Walt Disneys Schneewittchen und ich denke: „MEINE GÜTE SIND DIE NIEDLICH!“, denn sie sind wirklich super niedlich. Rostrot oder strahlend grün und manche haben einen Iro aus Federn auf dem Köpfchen.

Es könnte alles so schön sein, gäbe es ausreichend Essen. Also Essen nach meinen Gelüsten. Aber woher weiß ich denn am Montag, was ich am Mittwoch Abend um 22 Uhr unbedingt essen will? Das kann ja sowohl Macadamia-Eis mit gesalzenen Karamellstückchen als auch Bibimbap sein. Niemand kann so etwas wissen und so frage ich mich: Wie kann man auf dem Land überleben? 16 km entfernt vom nächsten und einzigen Supermarkt, der vielleicht nicht mal die Zutaten für Bibimbap oder Shakshuka hat. Fuck! So kann doch keiner leben? Klar waren wir einkaufen. Lebensnotwendige Grundvorräte, aber damit war dann der Kühlschrank auch schon voll. Und einen Keller gibt es nicht. Sonst würde ich natürlich preppern. Ich hab schließlich die dazugehörige Netflix-Doku gesehen und weiß wie man Boeuf Stroganoff so zubereitet, dass es 50 Jahre haltbar ist.

Da sitze ich also zwischen Schafen auf meiner Wiese, lausche den Insekten und fühle mich wie im Dschungelcamp. Die Kinder haben wieder keine Sterne geholt und ich muss hier blanken Reis fressen. Das Landleben ist so unfassbar hart und Berlin ist so weit weg. Ich weiß nicht, ob ich bis zum Ende durchhalte.

Gestrüpp am Wegesrand

65 Gedanken zu „Mein Lager ist die Straße“

  1. Ich komme zwar weder aus Berlin, noch aus einer anderen Großstadt. Aber meine härtesten Jahre waren die 2 Jahre auf einem Dorf in Niederbayern. Dabei hatte ich sogar Nachbarn und einen Dorfladen vor Ort. Der hatte zwischen 12 und 2 Uhr Mittagspause. Das war echt hart für unsere Versorgung mit Grundnahrungsmittel.
    LG Sabienes

  2. Ruhe – als Abwesenheit von fremd erzeugten Geräuschen – ist so viel wert, oder? Landleben heißt aber auch: Theater und Kino planen statt einfach mal losgehen, Kunstausstellungen bedeuten weitere Anfahrt, Essen aller Länder ebene nicht um die Ecke zu bekommen, Menschen, …. Wir haben übrigens zur Zeit zusätzlich ne Stadtwohnung. Aber irgebdwie findet man immer eine Grund, da nicht hinzufahren. Muß wohl doch ganz nett sein auf dem Land.

  3. die indirekte verarschung der bescheuerten großstadtmenschen, denn nur mit wohlwollen kann man eine bereits abgestumpfte/von der natur entfremdete seele, v e r s u c h e n zu retten

  4. Aaaahahahaha!
    Das ist wieder ein typischer Nuf-Text. :D
    Genau wegen Texten wie diesem habe ich angefangen hier mitzulesen. Danke! :)

    Gruß
    Aginor

  5. Liebe Patricia, ich bin mir sicher, du schaffst das irgendwie. Zur Not musst du ein Schaf von der Weide essen. Oder ein Pferd. Oder beim nächsten Einkauf in die vollen gehen.
    Ich jedenfalls bin neidisch. Sieht einfach toll aus dein Landhaus nebst Umgebung. Genieße es (:

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