Es ist so. Über die meisten Sachen kann ich nicht eloquent sprechen, weil mir jegliche theoretischen Untergebäude fehlen. Ich kann keine wichtigen Personen zitieren, kenne den genauen gesellschaftlichen Kontext nicht und allem voraus kenne ich die Wahrheit nicht. Ich habe nur eigene, wahrscheinlich sehr naive Gedanken, die sich aus den Fragmenten bilden, die ich tagein, tagaus aufsauge.
Ich weiß nicht genau wie, aber ich bin jetzt ja Feministin. Das merke ich z.B. daran, dass ich in letzter Zeit häufiger mit „Ihr Feministinnen, …“ angepöbelt werde oder dass mir Bekannte sowas sagen wie „Neulich war ich in einem Vortrag, da wurde ausschließlich die weibliche Form in der Ansprache verwendet, da musste ich an dich denken.“ oder dass sie Unterhaltungen beginnen mit „Mir ist Sachverhalt xy begegnet und da habe ich mich gefragt, wie du als Feministin das siehst.“
Wie bin ich bloß in diese Sache reingeraten?
Tatsächlich habe ich die üblichen Postionen der folgenden Art vertreten: „Warum sollte es hier um die Ausgeglichenheit der Geschlechter gehen? Es geht doch nur um Qualität und Können?“, „Ich finde das voll übertrieben darauf zu bestehen, dass auch immer die weibliche Form verwendet wird, das ist doch anstrengend.“ oder „Feministinnen meckern immer nur rum, Humor haben die ja keinen.“*
Als Studentin war mir das alles wurscht. Ich hatte es lauschig in meiner kleinen Uni. Ich studierte ein Fach, das Frauenüberschuss hat. Das Thema Arbeitswelt, die Rolle der Frau, die Rolle der Frau als Mutter, die politischen Rahmenbedingungen etc pp – das alles war fern und mir piepegal.
Erst mit dem Eintritt in das Jobleben hatte ich überhaupt Zeit Zeitungen und Internet zu lesen und sah plötzlich die Unterschiede. Noch viel stärker als ich mich als (berufstätige) Mutter mit kinderlosen Frauen oder gar berufstätigen Vätern verglich. Ein Artikel über Familienpolitik da, ein Artikel über Altersarmut bei Frauen hier. Ein paar Zahlen. Yo, erstaunlich. Aber kannste ja nix machen.
Ich habe mir nie die Mühe gemacht, das alles in meinem Kopf zu einem konsistenten Bild zu sortieren.
Allerdings habe ich gemerkt, dass durch bestimmte Sichtweisen und Argumente, die mir begegneten sich meine Art zu denken veränderte. Das Internet hat dazu am meisten beigetragen. Blogs, um es genauer zu sagen. Und um es noch genauer zu sagen, Blogs von Müttern. Ja genau. Diese viel verlachten Mama-Blogs. Die mit Basteln, Kochen und Kinder (gibt ja nüscht anderes!).
Es gibt da die Blogs, die aus der Vogelperspektive über die Themen des Feminismus schreiben, wie z.B. Dr. Mutti – und genauso gerne lese ich z.B. Mama arbeitet, die mehr aus der persönlichen Perspktive schreibt.
Dann gab es Blogs, die ich am Anfang mit großer Skepsis gelesen habe. Teilweise sogar geschockt war, wie anders man das sehen kann. Wie anstrengend! Dazu gehören z.B. Fuckermothers, Mutterseelenalleinerziehend, alsmenschverkleidet, aufZehenspitzen und glücklich scheitern.
Ich las in der Mädchenmannschaft, beim Missy Magazin, bei Pink Stinks und auch bei Antje Schrupp.
(Ok, das sind jetzt keine Mama-Blogs mehr, aber sie gehören in meine Denkquellen.)
Ich kann wirklich sagen, dass einzelne Beiträge meine Denk- und Beurteilungswelt komplett durcheinander gebracht haben. Es trifft natürlich nicht jeder Artikel meine persönliche Meinung, manchmal sogar eher im Gegenteil und es gibt auch die Variante, dass ich den Artikel lese und erstmal denke „So ein Quatsch!“ und dann mein Kopf aber immer und immer weiter arbeitet und ich eines morgens mit einer komplett anderen Haltung aufwache.
Als Beispiel „Wusstest Du schon beim Vorstellungsgespräch, dass Du schwanger bist?“ von fuckermothers und „Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen“ von Antje Schrupp.
Zu ersterem hatte ich sogar eine Abwehrhaltung. Es geht hier um die Dreistigkeit sich schwanger um einen neuen Job zu bewerben.
“Wusstest Du schon beim Vorstellungsgespräch, dass Du schwanger bist?” “Hast Du das Deinem Chef vorher gesagt?” Oft wird die Frage überrascht gestellt. Manchmal eher beiläufig und in nüchtern-sachlichen Ton. Meistens aber leicht augenzwinkernd oder mit einem verschwörerischen Lächeln auf den Lippen – so, als würden wir beide gerade ein schmutziges Geheimnis teilen.
In dem Artikel von Antje Schrupp geht es um die Frage, warum es eigentlich OK ist, wenn Mädchen Jungssachen tun, wieso es aber nicht OK ist, wenn Jungs Mädchensachen tun.
Eine Ursache dafür ist, dass in unserer Kultur trotz Gleichstellung das “Weibliche” immer noch als untergeordnet, tendenziell defizitär oder aber zumindest partikular als “nur für Frauen” betrachtet wird, während das “Männliche” weiterhin als das Übergeordnete, Normale, Erstrebenswerte gilt. Entsprechend war der Anreiz von Frauen, dieses “Männliche” in ihr Repertoire aufzunehmen, viel größer als der Anreiz für Männer, das “Weibliche” in ihres aufzunehmen.
Ich könnte noch viele Beispiele nennen. Der Punkt ist: Am erhellendsten sind eigentlich nicht die Artikel selbst sondern sehr oft die Reaktionen und Kommentare darauf (und ich gehe davon aus, dass ein nicht unwesentlicher Teil an angreifenden und beleidigenden Kommentaren gar nicht erst zu lesen ist).
Auch hierzu könnte ich einen Roman schreiben. Bin allerdings so tippfaul. Ich möchte nur eine Anregung geben.
Diese (extreme) Abwehrhaltung gegen bestimmte Themen und Bitten aus dem sog. feministischen Lager, warum ist das alles so ein Problem?
Wenn jemand einen komplizierten Namen hat, den ich nachdem ich ihn erstmal nur lese, falsch ausspreche und die/derjenige bittet mich: Sprich den Namen doch bitte soundso aus – ist es dann wirklich angemessen zu sagen: Nein! Ich mache das nicht, das ist doch lächerlich, da steht „cz“, dazu sage ich nicht „sch“!!1!
Sprich. Wenn mich jemand bittet: Ich fühle mich nicht angesprochen, wenn in deiner Anrede nur „Liebe Mitarbeiter“ steht, kannst du nicht auch „Mitarbeiterinnen“ schreiben? Was könnte mich davon abhalten, dieser winzigen Bitte nachzukommen. Jetzt mal von Ungehobeltheit abgesehen?
Das ist ein winziges Beispiel. Ein Nichts, aber schon da tun sich die Fronten auf und es werden irgendwelche absurd überdimensionierten Waffen aufgefahren. Warum? Was kostet es einen selbst diesem Wunsch nachzukommen?
Das gilt ja nicht nur für die weibliche Form. Das gilt für alle sprachlichen Nuancen. Warum stur „taub“ verwenden, wenn mir jemand gesagt hat, das er/sie sich mit „gehörlos“ (aus Gründen) besser fühlt?
Ich kann das wirklich nicht verstehen.**
So naiv bin ich, das muss man sich mal vorstellen.
P.S. Als Ergänzung zu den bereits genannten Blogs Ich mach mir die Welt und das Buch der Autorin „Die Rosa-Hellblau-Falle„, das ich leider noch nicht ganz gelesen habe, es aber auch schon 1/3 gelesen empfehlen kann.
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*Ich freue mich jetzt schon über die Treffer der Google-Suche, die auf meiner Seite landen werden
**Ich habe bewusst ein Beispiel gewählt, das klitzeklein ist, das vielleicht unwichtig erscheinen mag, weil genau das zeigt, wie wenig die meisten bereit sind aufeinander zuzugehen, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen und sich gemeinsam weiterzuentwickeln.


