Wie bin ich in die Sache mit dem Feminismus bloß reingeraten?

Es ist so. Über die meisten Sachen kann ich nicht eloquent sprechen, weil mir jegliche theoretischen Untergebäude fehlen. Ich kann keine wichtigen Personen zitieren, kenne den genauen gesellschaftlichen Kontext nicht und allem voraus kenne ich die Wahrheit nicht. Ich habe nur eigene, wahrscheinlich sehr naive Gedanken, die sich aus den Fragmenten bilden, die ich tagein, tagaus aufsauge.
Ich weiß nicht genau wie, aber ich bin jetzt ja Feministin. Das merke ich z.B. daran, dass ich in letzter Zeit häufiger mit „Ihr Feministinnen, …“ angepöbelt werde oder dass mir Bekannte sowas sagen wie „Neulich war ich in einem Vortrag, da wurde ausschließlich die weibliche Form in der Ansprache verwendet, da musste ich an dich denken.“ oder dass sie Unterhaltungen beginnen mit „Mir ist Sachverhalt xy begegnet und da habe ich mich gefragt, wie du als Feministin das siehst.“

Wie bin ich bloß in diese Sache reingeraten?

Tatsächlich habe ich die üblichen Postionen der folgenden Art vertreten: „Warum sollte es hier um die Ausgeglichenheit der Geschlechter gehen? Es geht doch nur um Qualität und Können?“, „Ich finde das voll übertrieben darauf zu bestehen, dass auch immer die weibliche Form verwendet wird, das ist doch anstrengend.“ oder „Feministinnen meckern immer nur rum, Humor haben die ja keinen.“*
Als Studentin war mir das alles wurscht. Ich hatte es lauschig in meiner kleinen Uni. Ich studierte ein Fach, das Frauenüberschuss hat. Das Thema Arbeitswelt, die Rolle der Frau, die Rolle der Frau als Mutter, die politischen Rahmenbedingungen etc pp – das alles war fern und mir piepegal.
Erst mit dem Eintritt in das Jobleben hatte ich überhaupt Zeit Zeitungen und Internet zu lesen und sah plötzlich die Unterschiede. Noch viel stärker als ich mich als (berufstätige) Mutter mit kinderlosen Frauen oder gar berufstätigen Vätern verglich. Ein Artikel über Familienpolitik da, ein Artikel über Altersarmut bei Frauen hier. Ein paar Zahlen. Yo, erstaunlich. Aber kannste ja nix machen.
Ich habe mir nie die Mühe gemacht, das alles in meinem Kopf zu einem konsistenten Bild zu sortieren.
Allerdings habe ich gemerkt, dass durch bestimmte Sichtweisen und Argumente, die mir begegneten sich meine Art zu denken veränderte. Das Internet hat dazu am meisten beigetragen. Blogs, um es genauer zu sagen. Und um es noch genauer zu sagen, Blogs von Müttern. Ja genau. Diese viel verlachten Mama-Blogs. Die mit Basteln, Kochen und Kinder (gibt ja nüscht anderes!).
Es gibt da die Blogs, die aus der Vogelperspektive über die Themen des Feminismus schreiben, wie z.B. Dr. Mutti – und genauso gerne lese ich z.B. Mama arbeitet, die mehr aus der persönlichen Perspktive schreibt.
Dann gab es Blogs, die ich am Anfang mit großer Skepsis gelesen habe. Teilweise sogar geschockt war, wie anders man das sehen kann. Wie anstrengend! Dazu gehören z.B. Fuckermothers, Mutterseelenalleinerziehend, alsmenschverkleidet, aufZehenspitzen und glücklich scheitern.
Ich las in der Mädchenmannschaft, beim Missy Magazin, bei Pink Stinks und auch bei Antje Schrupp.
(Ok, das sind jetzt keine Mama-Blogs mehr, aber sie gehören in meine Denkquellen.)
Ich kann wirklich sagen, dass einzelne Beiträge meine Denk- und Beurteilungswelt komplett durcheinander gebracht haben. Es trifft natürlich nicht jeder Artikel meine persönliche Meinung, manchmal sogar eher im Gegenteil und es gibt auch die Variante, dass ich den Artikel lese und erstmal denke „So ein Quatsch!“ und dann mein Kopf aber immer und immer weiter arbeitet und ich eines morgens mit einer komplett anderen Haltung aufwache.
Als Beispiel „Wusstest Du schon beim Vorstellungsgespräch, dass Du schwanger bist?“ von fuckermothers und „Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen“ von Antje Schrupp.
Zu ersterem hatte ich sogar eine Abwehrhaltung. Es geht hier um die Dreistigkeit sich schwanger um einen neuen Job zu bewerben.

“Wusstest Du schon beim Vorstellungsgespräch, dass Du schwanger bist?” “Hast Du das Deinem Chef vorher gesagt?” Oft wird die Frage überrascht gestellt. Manchmal eher beiläufig und in nüchtern-sachlichen Ton. Meistens aber leicht augenzwinkernd oder mit einem verschwörerischen Lächeln auf den Lippen – so, als würden wir beide gerade ein schmutziges Geheimnis teilen.

In dem Artikel von Antje Schrupp geht es um die Frage, warum es eigentlich OK ist, wenn Mädchen Jungssachen tun, wieso es aber nicht OK ist, wenn Jungs Mädchensachen tun.

Eine Ursache dafür ist, dass in unserer Kultur trotz Gleichstellung das “Weibliche” immer noch als untergeordnet, tendenziell defizitär oder aber zumindest partikular als “nur für Frauen” betrachtet wird, während das “Männliche” weiterhin als das Übergeordnete, Normale, Erstrebenswerte gilt. Entsprechend war der Anreiz von Frauen, dieses “Männliche” in ihr Repertoire aufzunehmen, viel größer als der Anreiz für Männer, das “Weibliche” in ihres aufzunehmen.

Ich könnte noch viele Beispiele nennen. Der Punkt ist: Am erhellendsten sind eigentlich nicht die Artikel selbst sondern sehr oft die Reaktionen und Kommentare darauf (und ich gehe davon aus, dass ein nicht unwesentlicher Teil an angreifenden und beleidigenden Kommentaren gar nicht erst zu lesen ist).
Auch hierzu könnte ich einen Roman schreiben. Bin allerdings so tippfaul. Ich möchte nur eine Anregung geben.
Diese (extreme) Abwehrhaltung gegen bestimmte Themen und Bitten aus dem sog. feministischen Lager, warum ist das alles so ein Problem?
Wenn jemand einen komplizierten Namen hat, den ich nachdem ich ihn erstmal nur lese, falsch ausspreche und die/derjenige bittet mich: Sprich den Namen doch bitte soundso aus – ist es dann wirklich angemessen zu sagen: Nein! Ich mache das nicht, das ist doch lächerlich, da steht „cz“, dazu sage ich nicht „sch“!!1!
Sprich. Wenn mich jemand bittet: Ich fühle mich nicht angesprochen, wenn in deiner Anrede nur „Liebe Mitarbeiter“ steht, kannst du nicht auch „Mitarbeiterinnen“ schreiben? Was könnte mich davon abhalten, dieser winzigen Bitte nachzukommen. Jetzt mal von Ungehobeltheit abgesehen?
Das ist ein winziges Beispiel. Ein Nichts, aber schon da tun sich die Fronten auf und es werden irgendwelche absurd überdimensionierten Waffen aufgefahren. Warum? Was kostet es einen selbst diesem Wunsch nachzukommen?
Das gilt ja nicht nur für die weibliche Form. Das gilt für alle sprachlichen Nuancen. Warum stur „taub“ verwenden, wenn mir jemand gesagt hat, das er/sie sich mit „gehörlos“ (aus Gründen) besser fühlt?
Ich kann das wirklich nicht verstehen.**
So naiv bin ich, das muss man sich mal vorstellen.

 

P.S. Als Ergänzung zu den bereits genannten Blogs Ich mach mir die Welt und das Buch der Autorin „Die Rosa-Hellblau-Falle„, das ich leider noch nicht ganz gelesen habe, es aber auch schon 1/3 gelesen empfehlen kann.


*Ich freue mich jetzt schon über die Treffer der Google-Suche, die auf meiner Seite landen werden

**Ich habe bewusst ein Beispiel gewählt, das klitzeklein ist, das vielleicht unwichtig erscheinen mag, weil genau das zeigt, wie wenig die meisten bereit sind aufeinander zuzugehen, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen und sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

rp14, Tag 1, Muddi hat da noch was zu sagen

Da ich selbst (dauerhaft sehr ernst dreinblickend) als Quotenfrau an einer Diskussion zu Papa-Blogs teilgenommen habe, habe ich am ersten Tag der re:publica nicht so wahnsinnig viele Sessions besucht.
Wer möchte, kann sich das „Sind bloggende Väter eine Nischenerscheinung?“ Panel hier anschauen (erstaunliche Geschwindigkeit mit der das heutzutage geht):

Jedenfalls. Sehr gefreut habe ich mich auf den Vortrag von Sascha Lobo „Rede zur Lage der Nation“. Die Kurzzusammenfassung zu der Rede lautet wie folgt:

Etwas differenzierter möchte ich (nun als offizielle Muddi-Bloggerin der Nation) folgendes loswerden:
Auch mich bedrückt die Situation. Die Überwachungssituation als solches, die Untätigkeit der Politik und die Unbesorgtheit der Masse.
Ich fühle mich auch unverstanden und machtlos. Auch ich habe das Gefühl, man müsste alle so lange durchrütteln, bis sie ENDLICH verstanden haben, dass das so nicht geht, das wir was tun müssen.
Deswegen bin ich auf Demos gegangen und habe schon vor längerer Zeit einen Dauerauftrag eingerichtet, der monatlich etwas auf ein Konto eines netzpolitischen Projekts überweist, das ich gut und wichtig finde.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten im Publikum irgendwas getan haben, seit wir durch Snowden eine vage Vorstellung davon haben welches Ausmaß die (Internet)-Überwachung hat und sei es am Ende, dass gebloggt wurde, Petitionen initiiert und/oder gezeichnet oder einfach nur Zeitung gelesen wurde. Es ist egal. Ich bin mir sicher, wir alle haben wenigstens im kleinen etwas getan.
Deswegen war Sascha Lobos Rede falsch adressiert und tatsächlich klang sie in meinen Ohren eher nach Rede vor uninformierten Abgeordneten, die sich mit zahlreichen Themen beschäftigen, zu denen unter anderen das Thema Überwachung gehört und nicht wie eine Rede, die zur re:publica und deren Besucher passt.
Wir, die Internetgemeinde, wir kennen uns aber aus mit dem Thema Überwachung und sind bereits wach gerüttelt.

Es mag vielleicht blöd klingen, aber ich musste wirklich die ganze Zeit an meine Kinder denken. Es gibt diese Situationen als Mutter, in denen ich genau weiß, was passieren wird, in denen ich genau weiß, was das Richtige ist und trotzdem tun meine Kinder nicht das was ich ihnen sage. Ich sage es freundlich, ich argumentiere, ich wiederhole, ich wiederhole, ich schimpfe, ich erkläre, ich bitte, ich bettle, ich werde wütend, ich versuche am Ende sogar zu befehlen, immer und immer wieder: aber diese widerspenstigen Kinder tun nicht was ICH möchte und richtig finde und zwar obwohl ich Recht habe.
Zehn Jahre mit Kindern haben mir gezeigt, es wird niemals irgendwas bringen immer und immer weiter auf genau dieser Schiene zu bleiben.
Immer mehr vom Gleichen hilft einfach nicht mehr. Es hilft nicht, egal wie gerne ich das möchte. Egal, wie sehr ich im Recht bin.
Wenn ich also nicht weiter komme, muss ich darüber nachdenken, welche Wege es außerdem gibt. Wege, die ich noch nicht gegangen bin. Paradoxe Intervention vielleicht, umgekehrte Psychologie, am Ende vielleicht Liebe und Wertschätzung statt Schimpfe und Druck. Mich in die Kinder rein versetzen, ihre Perspektive einnehmen, uns alle irgendwie dazu zu bekommen darüber zu lachen, die Situation eben auflösen mit dem Ziel Energien zu mobilisieren, Energien zu neuem Handeln und nicht Energien, die dazu führen, dass wir uns reiben, dass wir die Fronten verhärten, dass beide Seiten trotzig werden und sich keinen Millimeter mehr bewegen. Wir müssen Partner bleiben. Wir dürfen keine Feinde sein.
Das ist alles leichter gesagt als getan. Auch das weiß ich aus meinem Leben mit Kindern. Manchmal hilft nämlich gar nichts. Da kann ich mir noch so viele Gedanken machen. Dann hilft vielleicht nur noch selbst ein gutes Vorbild zu sein und zu hoffen, dass das irgendwie mitreißt.
Aber schimpfen hilft nicht. Schimpfen hilft nicht. Schimpfen zeigt nur die Ohnmacht des Schimpfenden.

Außerdem, um nochmal auf die Adressaten zurück zu kommen.
Man kann ins Lächerliche ziehen, was wir, die jämmerliche Internetgemeinde tun. Petitionen zeichnen. Buh! Schilder für Demos malen. Buhhhuuuuuhu!
Aber ganz ehrlich. Wenigstens ein kleines bisschen machen wir doch. Nicht genug, ok. Mehr geht immer. Aber jemanden, der bereits aktiv ist, nicht aufzubauen und zu sagen: „Ja, das ist super was du machst!“ sondern „Na großartig, was ist das für ein jämmerliches Engagement!“, das ist psychologisch einfach unklug.
Das hemmt Handlungsimpulse statt sie zu fördern.
Ihr verschlüsselt Emails, ihr benutzt Threema? LÄCHERLICH!
Ganz ehrlich. So geht das nicht. Das weiß jede/r, der mal Kind war.

Wenn man mit dem Start eines Meetings 30 Minuten wartet und dann die Person schimpft, die zu spät kommt, straft man v.a. die anderen, die pünktlich waren.
Wenn man ein Kind schimpft, weil die Spülmaschine nicht normgemäß und/oder vollständig eingeräumt ist, wird man nicht erreichen, dass das Kind die Spülmaschine das nächste mal besser oder gar lieber einräumt.
Ich hätte da noch drölfzig Analogien, die zum Thema passen.

Jedenfalls. Ich möchte nicht geschimpft werden. Niemand möchte das.
Ich hab gut verstanden, was da vor sich geht. Ich bin nur hilflos. Ich brauche einen Weg. Ich brauche Gelegenheiten. Ich brauche Anleitung, Ermunterung. Ach und übrigens, ich bin faul. Ich brauche technische Weiterentwicklungen, die mir das alles (das nicht überwacht werden) einfach und bequem machen. Ich brauche Ersatz für Kupferverkleidung meiner Wände und den Aluhut am Kopf.

Zum Selbstansehen:

P.S. Nur, dass ich jetzt nicht geschimpft werde: ich hab den Vortrag zu Ende geschaut. Nur eben nicht live.

Lieblingstweets 04/14

https://twitter.com/Rothochzwei/status/460476612547317761

Digital Actors Special

Kindererziehung – eine griechische Tragödie mit Chorbegleitung

Der Vorhang erhebt sich. Ein weiß gekacheltes Badezimmer ist zu sehen. Ein Kind turnt auf einem grünen Hocker. In der einen Hand hält es eine Zahnbürste, in der anderen eine Tube Zahnpasta. Der Deckel ist bereits entfernt, die Zahnpasta quillt über den Tubenrand, mehrere Zahnpastaschlangen zieren das Waschbecken.

Die Mutter betritt die Szenerie: „Putz jetzt bitte die Zähne!“
Im Hintergrund zwei weitere Kinder: „Die Zähne sollst du jetzt putzen!“
Irritiert dreht sich die Mutter zu den anderen beiden Kindern im Schlafanzug: „Ihr sollt auch Zähne putzen!“
„Zäääähne putzen, Zääähne!“ ruft das erste Kind vom Hocker.

Das erste Kind dreht den Wasserhahn auf. Auf maximaler Stufe. Fünfzig Liter Wasser pro Sekunde stürzen in das Waschbecken und ergießen sich sprudelnd in einer Fontäne.

„Vorsicht! Dreh den Hahn nicht zu weit auf!“ (Die Mutter, mahnend)
„Pass auf! Pass auf! Das Wasser! Es spritzt!“ (Zwei Kinder aus der anderen Zimmerecke)

Eigentlich sage ich zuhause nichts ohne dass es ein Kinderecho gibt.
Manchmal versuche ich mich zu wehren. „Ich bin die Erziehungsbrechtigte! Ihr müsst nicht alles wiederholen, was ich sage!“
Kind 1.0: „Was ich sage!“
Kind 3.0: „Müssen wir nisch wiederholen“
Kind 2.0: „Weil du die Erzieeehungsberechtigte bist!“

So ging es Aischylos vermutlich auch. Ich konnte nichts zur Anzahl seiner Kinder recherchieren. Nur dass er 525 vor Chr. geboren wurde und der älteste der drei großen, griechischen Tragödiendichter war. Da er aber (Mit)Erfinder des griechischen Theaterchors war, gehe ich davon aus, dass er auch mindestens drei Kinder hatte.
So konnte er die Idee des Chors entwickeln, der während des Theaterspiels eine Vielfalt von Hintergrundinformationen lieferte oder Geschehnisse an den zentralen Stellen nochmal wiederholte oder zusammenfasste.

Der Theaterchor hilft dem Publikum dabei, der Handlung zu folgen.

Ich denke, diese Funktion übernehmen die Geschwisterkinder auf meiner Lebensbühne. Wer das Publikum ist, ist mir noch nicht ganz klar. Aber ich denke, darauf komme ich schon noch.

„Kommst du schon noch!“
„Du!“
„Wirst es noch erfaaaaahren!“

Linksammlung

„Beim Geld hört die Gleichberechtigung auf“ – Ein Artikel über Altersarmut bei Frauen.

„Uns demütigen nicht Falten, uns demütigt der „Rentenbescheid“. […] Die Hälfte der Frauen unserer Generation arbeitet Teilzeit. Und damit nicht genug. Minijobs werden zu 60 Prozent von Frauen bedient. Im Niedriglohnsektor sind sogar 70 Prozent der Beschäftigten weiblich. Diese Jobs sind das erbärmliche Gegenstück in einem Konstrukt, das in Deutschland noch immer Standard ist: die Zuverdiener-Ehe, vom Staat großzügig gefördert durch das Ehegattensplitting, das ungleiche Einkommen mit Steuerrabatt belohnt. […] Der „Gender-Pay-Gap“, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, ist in Deutschland mit 22 Prozent einer der größten in den OECD-Ländern.“

Ich versuche das Thema zu verdrängen. Denn jedes Mal wenn ich die Zahlen lese, wird mir ganz schlecht. Hier gleichberechtigte Welt, Artikel lesen und Zahlen am Ende des Artikels im Gehirn zergehen lassen.

Danach diesen Artikel in der SZ „Sonst noch was?

Aber es reicht halt immer noch nicht. Und deshalb sollen die Politiker doch bitte noch bessere Bedingungen dafür schaffen, damit endlich beides gleichzeitig möglich ist: Beruf und Familie, Kinder und Karriere. Also noch mehr Kindergeld. Noch mehr Homeoffice. Noch mehr Kita-Plätze. […]  wird der Konflikt auf dem [Rücken] der Kinder [ausgetragen], weil sie entweder gar nicht mehr geboren oder halt gestillt, gewickelt und oft recht schnell an eine Betreuungsstätte abgeschoben werden.“ 

Ich hoffe, der Autor ist einfach naiv und in seiner Filterbubble gefangen und hat alle anderen Realitäten leider übersehen. Er findet nämlich, dass es langsam mal reicht. Immer nur von den armen Politikern fordern. Verzichten ist der Ausweg. Und verzichten sollen v.a. die Frauen, die ihre Kinder vor lauter Karrieregier fremdbetreuen lassen.

Eine schöne Antwort auf den Artikel gibt es bei Dr. Mutti „Wir

Ob manche Politiker was geraucht haben, muss man sich schon fragen, wenn man über die tolle Idee des Geburtenindex liest:

„Was hat man nicht schon alles versucht, um die gebärfaulen Deutschen zum Kinderkriegen zu animieren. Kindergeld erhöht, Elterngeld eingeführt, Ganztagsschulen gefördert und Krippen ausgebaut. Doch es war alles vergebens. Nichts davon konnte die sinkenden Geburtenraten stoppen. […] Tauber schlägt deshalb vor, regelmäßig eine Art Geburtenindex zu veröffentlichen, „um zu zeigen, dass uns Familie viel bedeutet“.“

Und zum Abschluss und auch wenn der Eintrag schon älter ist, die Idee des Vaterschutzes finde ich großartig.

Elterngeld

Ich recherchiere gerade zum Thema Väterbeteiligung an der Familienarbeit. Hobbymäßig und nicht empirisch, wenn ihr also andere, bessere Quellen habt und mehr wisst: ich freue mich über Hinweise. Ich dachte, ein Ansatz diese Frage irgendwie mit Argumenten zu untermauern, könnte vielleicht das Thema Elterngeld sein.

  • 27,3 % der Männer nehmen Elternzeit
  • 95,0 % der Frauen nehmen Elternzeit
  • 77 % der Männer nehmen maximal zwei Monate Elternzeit
  • 7% der Männer nehmen zwölf Monate Elternzeit
  • Durchschnittlich erhalten Männer 1.204 Euro Elterngeld
  • Durchschnittlich erhalten Frauen 869 Euro Elterngeld
  • Je niedriger das Familieneinkommen, desto kürzer die Elternzeit
  • Je niedriger das Einkommen des Mannes, desto wahrscheinlicher, dass er in Elternzeit geht
  • Es kann empirisch nicht bestätigt werden, dass die meisten Männer am Ende des ersten Lebensjahres des Kindes in Elternzeit gehen
  • 31% der Männer, die in Elternzeit gehen, beantragen bereits für den ersten Lebensmonat des Kindes Elternzeit
  • Es gibt ein starkes Ost-/Westgefälle
  • Westdeutsche Frauen bleiben nach der Geburt deutlich länger zuhause (3 Jahre)
  • Allgemein normt das Elterngeld jedoch die einjährige Erziehungspause
  • Profiteure des Elterngeldes sind Akademikereltern in ihren 30ern, die in einkommenstärkeren Regionen Deutschlands wohnen

Fazit:

Seit Einführung des Elterngeldes steigt die Väterbeteiligung kontinuierlich. 2006 haben weniger als 4% der Männer Elternzeit genommen. 2013 sind es schon 27%.

Der Erwerbsanteil von Müttern hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht. Das Elterngeld hat den Effekt leicht verstärkt. Ausschlaggebend ist jedoch der Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Sehr schön dieses zart optimistische Zitat aus der Studie „Wie wirkt das Elterngeld„:

„Die Beteiligungszahlen weisen darauf hin, dass mehr als ein Viertel der heutigen Vätergeneration Erfahrungen mit der Fürsorge von Babys machen kann, die in dieser Intensität für frühere Generationen kaum denkbar war. Es ist daher nicht unplausibel, dass diese Erfahrungen zu einem kulturellen Wandel führen, der Paarbeziehungen, Vater-Kind-Beziehungen und vielleicht auch den Arbeitsmarkt betrifft. Ein solcher Wandel wäre zunächst von einer Gruppe moderner Väter getragen und könnte in die gesamte Gesellschaft diffundieren.“(S. 6)

Weitere Quellen der Zahlen:
Elterngeld-Monitor – Kurzzusammenfassung
Statistisches Bundesamt – Pressemitteilung zur Väterbeteiligung

Zahlen, die mich interessieren würden:

  • Wie viel Prozent der Männer machen ALLEINE Elternzeit? (Ich habe den Eindruck, dass die meisten parallel mit der Frau Elternzeit machen – zumindest die, die sich auf die 2 Monate beschränken)
  • Wie viel Prozent von den 7% der Männer, die zwölf Monate Elternzeit machen, unterbrechen damit tatsächlich ihre Berufstätigkeit?
  • Wie viel Prozent der Männer, die Elternzeit machen, reduzieren im Anschluss dauerhaft ihre Arbeitszeit?
  • In wie viel Prozent aller Familien, arbeiten beide Partner Teilzeit und teilen sich die Familienarbeit?
  • Steigt oder sinkt der Anteil der Männer in Elternzeit beim 2. und 3. Kind?

Und dann würde ich gerne noch Sprüche sammeln, die man manchmal so hört (und die mir persönlich den Magen umdrehen), wie:

  • „Ich kann mit kleinen Kindern nichts anfangen. Wenn die erstmal laufen und reden können, unternehme ich gerne was mit meinen Kindern.“ (öfter bei Männern, noch nie bei Frauen gehört)
  • „Windelwechseln/Füttern macht mir eben keinen Spaß. Das können Frauen doch ohnehin viel besser.“