Wir hatten eine gute Beziehung, aber jetzt hat er eine Kaffeemaschine

Es ist so: seit einigen Jahren habe ich einen Partner, mit dem läuft es echt gut. Nicht nur, dass ich in Sachen Haushalt- und Carearbeit versuche meine 50% überhaupt einzubringen, nein, er ist auch sonst wirklich ganz zauberhaft. Kurz gesagt – ich will jetzt nicht überenthusiastisch klingen, aber ich hätte durchaus noch ein bisschen mehr Zeit mit ihm verbringen wollen.

Jetzt ist es leider so, dass er in diesem Alter ist. Dieses Alter, sie wissen schon, das ist das Alter, in dem sich manche Männer die ergrauten Haare so seltsam blauschwarz färben oder sie interessieren sich plötzlich für Weine und diskutieren deren Geschmacksrichtungen in bizarr-blumigen Worten und das niemals ohne den Tanningehalt einzuordnen.

So richtig beschweren will ich mich auch nicht, denn früher sind diese Männer ja mit Frauen durchgebrannt, die bestenfalls das halbe Alter der bis dato-Partnerin hatten – aber nicht wegen deren Körper, sondern weil man so gut mit denen reden kann. Sprich: er färbt sich nicht die Haare und ich denke, er hat auch keine 18jährige Freundin. Allerdings hat er sich eine Kaffeemaschine gekauft. (Würde er diese Zeilen lesen, er rollte mit den Augen, denn natürlich ist es eine Espressomaschine und keine Kaffeemaschine!).

Es fing alles bei einem Freund an. Ich erinnere mich noch genau. Wir waren zu Kaffee und Kuchen eingeladen und etwas unerwartet verschwanden die Männer in der Küche. Dort wurde getuschelt und gekichert und ich hörte viele erleuchtete Ahhhs und Ohhhhs.

Einige Tage später stieg der Internetkonsum meines Partners sprungartig an. Einige Wochen darauf machte er auffällig viele Spaziergänge zu seiner Packstation und plötzlich stand in der Küche eine Espressomaschine. Und eine Mühle, sowie eine Wage, ein Tamper und eine Knockbox[1].

Naiv wie ich war, dachte ich: „Top! Ab heute gibt es leckeren Kaffee!“ und war wirklich erfreut. Vor einigen Wochen hatte ich mich nämlich von meiner Kapselmaschine verabschiedet, weil ich das Unternehmen, das diese Art Maschine erfunden hat, nicht mehr finanziell unterstützen wollte. Ich hatte mir deswegen ein günstiges Ersatzgerät zugelegt, aus dem leider nur – naja sagen wir – sehr unterwältigender Kaffee kam.

Am ersten Abend nach dem Essen, fragte ich meinen Partner: „Na, gibt es jetzt einen Espresso?“ Begeistert sprang er auf und es sah so aus als würde es bald Espresso geben. Natürlich musste die Maschine erstmal 20 min aufheizen. Danach begann mein Freund damit Kaffee zu mahlen, in den Siebträger einzufüllen, kunstvoll zu quetschen, Wasser durchlaufen zu lassen, an dem Kaffee zu nippen, zu fluchen, den Siebträger an der Knockbox auszuschlagen, Kaffeebohnen zu mahlen, in den Siebträger einzufüllen, kunstvoll zu quetschen, Wasser durchlaufen zu lassen, an dem Kaffee zu nippen, zu fluchen, den Siebträger an der Knockbox auszuschlagen, Kaffeebohnen zu mahlen, in den Siebträger einzufüllen, kunstvoll zu quetschen, Wasser durchlaufen zu lassen, an dem Kaffee zu nippen, zu fluchen, den Siebträger an der Knockbox auszuschlagen, Kaffeebohnen zu mahlen, in den Siebträger einzufüllen, kunstvoll zu quetschen, Wasser durchlaufen zu lassen, an dem Kaffee zu nippen, zu fluchen, den Siebträger an der Knockbox auszuschlagen, Kaffeebohnen zu mahlen, in den Siebträger einzufüllen, kunstvoll zu quetschen, Wasser durchlaufen zu lassen, an dem Kaffee zu nippen, zu fluchen, den Siebträger an der Knockbox auszuschlagen, Kaffeebohnen zu mahlen, in den Siebträger einzufüllen, kunstvoll zu quetschen, Wasser durchlaufen zu lassen, an dem Kaffee zu nippen, zu fluchen, den Siebträger an der Knockbox auszuschlagen.

Gegen 23 Uhr sagte er vom Koffein zitternd: „Ich glaube, heute wird das nichts mehr.“ Ich überspielte meine Enttäuschung und unterlegte sie argumentativ, dass es heute ohnehin zu spät für Espresso sei. Wir gingen ins Bett. Mein Freund lag einfach wie Espenlaub zitternd bis zum nächsten Morgen wach, stand um 5 Uhr auf und wiederholte das Vorgehen des Abends bis ich um 6.30 Uhr ebenfalls aufstand. Einziger Unterschied: Er zitterte noch ein wenig mehr, war sehr blass und seine Augen waren stark zusammengekniffen. Ich sagte: „Schatz, ich habe heute überraschend Lust auf Tee. Ich mache mir jetzt einen Beruhigungstee, möchtest du auch einen?“

So geht es seit Wochen. Einmal hat er mir einen Cappuccino hingestellt, der angeblich gelungen sei. Ich habe ihn getrunken. Ich liebe meinen Partner ja. Ich liebe ihn so wie die Kinder, wenn sie mir aus dem Sandkasten „Suppe“ kochen. Das haben sie jahrelang gemacht. Daher bin ich sehr geübt in authentischer Freude ausstrahlen: „Hmmm, lecker“ und wenn das Kind wegschaut, schüttet man schnell die Sandplörre weg.

Wenn mein Freund nicht Espresso kocht, dann liest er in Foren und googelt. Er ist wirklich kaum noch ansprechbar und dass er pro Tag rund 300 Espressos trinkt, das tut ihm einfach auch nicht gut.

Aber was soll ich machen? Ich hab heimlich hinterher gegoogelt und festgestellt, dass die richtigen Siebträgermaschinen so viel wie kleine Porsches kosten. Da kann ich es seiner Psyche nicht absprechen, dass sie Dissonanzreduktion betreibt und ihm einredet, er habe das ja so gewollt und es mache ihm irre Spaß sich an den perfekten Kaffee ranzuarbeiten.

Ich würde halt einfach gerne mal wieder Arm in Arm einen Abend verbringen, vielleicht ein bisschen reden oder einen Film schauen. Das war früher schon sehr schön. Aber er hat jetzt ja diese Kaffeemaschine.

Zuhause gibt es ja keinen Kaffee, deswegen trinke ich gerne auswärts einen Kaffee und freue mich über Kaffeespenden.

 

[1] Mein Freund sagt, ich soll genau beschreiben, was eine Knockbox ist: „ein elaborierter mehrere hundert Euro teurer Bio-Mülleimer, mit dem Fassungsvermögen eines tiefen Tellers, der einzig und allein dazu dient, zu beweisen, dass man sich für beliebige Themen beliebige Fachbegriffe ausdenken kann.“

P.S.

Witzig ist, mein Freund hat so viel Fachwissen aufgebaut, dass ich dieses auf mein Billigmodell angewendet habe und das die Qualität des Espressos wirklich enorm verbessert hat:

  1. Nur entkalktes Wasser benutzen (schmeckt besser und man muss man die Maschine nie entkalken – manche billige Maschinen haben Blei verbaut, das sich durch das Entkalken löst).
  2. Tasse vorwärmen, z.B. indem man Wasser rein macht und sie kurz in die Mikrowelle stellt.
  3. Milchschaum ausklopfen, dann wird er sämiger, denn durch das Klopfen gehen die großen Blasen weg.
  4. Milch nie zu heiß machen, sonst geht der Milchzucker kaputt.
  5. Immer den Siebträger für 2 Portionen benutzen – auch wenn man nur eine macht.
  6. Den Tamper drehen beim Pulver eindrücken. Lieber nicht zu fest drücken.
  7. Nach dem Espressomachen den Siebträger sofort ausleeren und nochmal ohne Espressopulver einspannen und Wasser durchlaufen lassen.
  8. Die Maschine regelmäßig von den Kaffeeölen säubern.
  9. Bei den echten Kaffeenerds möchte ich mich für diese Tipps entschuldigen. Mir haben sie geholfen. Ich kann Geschmäcker aber nur digital einordnen: lecker/ÜÄRKS.

214 Gedanken zu „Wir hatten eine gute Beziehung, aber jetzt hat er eine Kaffeemaschine“

  1. Lol. Das erinnert mich daran, wie ich meine beste Hälfte mit Sauerteig-Brot Backen um unsere gemeinsamen Abende und ihre Nerven gebracht habe. Funktioniert da auch… ?

  2. Guten Morgen!
    :))))) Sehr lustig geschrieben :D
    Und es ist ja tatsächlich so! Das Ziehen eines wirklich guten Espresso, das Aufschäumen eines guten Milschaums, das macht sich nicht von allein. Das braucht tatsächlich Übung und Routine und nicht umsonst will das Handwerk des Baristas gelernt sein.
    Ich teile mit meinem Mann zum Glück die Leidenschaft für wirklich guten Kaffee. Und natürlich besitzen wir eine gute Siebträgermaschine, eine gute Mühle, gute Bohnen etc…
    Aber: Auf Anhieb hat es nicht geklappt.
    Mit der Zeit kommt aber der Schliff rein und dann macht man tatsächlich so nebenbei und aus dem Handgelenk den richtig guten Cappuccino.
    Unsere Maschine hängt an einer durch die Fritzbox gesteuerte Steckdose, so dass sie morgens pünktlich 20 Minuten ehe wir den Kaffee ziehen wollen, anfängt, aufzuheizen :)
    Herzlichste Grüße!
    Silke

  3. Schön geschrieben, danke für den Artikel!

    Bin selbst so überhaupt nicht der Kaffeefan, daher wird es das bei mir wohl nicht geben.
    Aber eigentümliche, hochkomplexe, für Außenstehende langwierige sowie teure Hobbies anzufangen, und dann mit einem gewissen Fanatismus durchzuziehen…
    Jop, das kenne ich gut. Bin froh dass das meine Frau so gut erträgt.

    Gruß
    Aginor

  4. Oh Gott, 100% mein Bruder! Erst die suba duba Espresso-Maschine, da kommt auch nur ausgewählter Kaffee (Espresso!?) rein, also nur die besten Bohnen. Jetzt hat er sich auch noch die Zähne machen lassen und seit neuestem ist er im Schützenverein…..arme Schwägerin ;-))).

    LG, Katja

  5. Was für ein witziger und zugleich liebevoller Text. Musste ziemlich schmunzeln. Frau hat es halt manchmal echt nicht leicht mit den männlichen Steckenpferden. Denn – wenn mein Eindruck nicht täuscht – neigen Männer doch gerne mal zu leichtem Fanatismus. Haben wir hier im Büro auch: Ein Gleitschirmflieger, ein Geocacher und ein Triathlet. Jeder kann sich stundenlang in weitgehend unverständlichem Fachjargon über sein Hobby ergehen. Nur die eine Frau ist ganz normal. Ich bin natürlich einer der drei, verrate aber nicht, welches mein Hobby ist.

  6. @filterkaffeeliebe Wir haben für beide (vor 5 Jahren) 377,- € bezahlt und keine 50 Tassen drauf gekocht, hätten inkl. Porto gern 150,- €; nen guten Tamper legen wir noch dazu. Sie steht nun schon seit einiger Zeit verpackt in unserer Mansarde. Originalverpackung haben wir nicht mehr. Jan kuckt mal, ob sie noch funktioniert. Wir sind sehr sorgsam, möcht nicht sagen pingelig mit unseren Sachen, dürfte nix dran sein. Ok?

  7. Als du beschriebst wie er begann den„ Kaffee zu malen“, Hatte ich ein interessantes Bild vor Augen und dachte die neusten Kaffee drin schon wieder verpasst zu haben. Bis mir klar wurde dass es um Bohnenzerkleinerung Geht , Und er keine Kreise oder sowas aus Kaffee malt.

  8. Oh, das klingt sehr vertraut. So lief das bei uns vor gut einem Jahr auch, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich mich als bis dahin reiner Teetrinker in die Espressoistik eingenerdet habe, um meiner Frau nach dem Umzug in den Außenbereich ohne Cafes in der Nachbarschaft weiterhin mit akzeptablem Cappuccino versorgen zu können. Die ersten ~100 Espressi waren dann wie zu erwarten auch wirklich nur zum weggießen, was vor allem an der zu schlechten Mühle lag (Solis Scala, gute Kaffeemühle, aber für Espresso nicht geeignet). Auf anraten des mitleidigen Verkäufers im Espressomaschinenladen, wo ich die Maschine (eine Rancilio Silvia) gekauft hatte, haben wir uns dann um die Ecke bei Manufactum einen Espresso-Handmühle von Zassenhaus zugelegt, das vermutlich einzige Mal in meinem Leben, dass ich sagen konnte, bei Manufactum die beste und günstigste Lösung für ein Problem bekommen zu haben (80€ für die Handmühle vs 150€+ für eine akzeptable elektrische Espressomühle). Damit ging es dann eigentlich nach einigem Einstellen ganz gut, so dass wir mit viel Gekurbel zumindest trinkbare Resultate herausbekommen.

    Was übrigens eine sehr nette Erfahrung war: Nach dem ganzen Herumprobieren und Herumärgenr mit so einer kleinen Haushaltsmaschine ist das Arbeiten an einer echten großen Gastromaschine traumhaft einfach und unkompliziert – bei der Hochzeit eines guten Freundes hatte ich eine Barrista-Schicht übernommen und es war faszinierend zu sehen, wie einfach das gehen kann.

    Zu 6.: Das Drehen des Tampers hat uns ein Barrista in einem Kurs vehement ausgetrieben. Aber da gibt es bestimmt mindestens so viele Meinungen wie Experten.

  9. Ich kann den Mann ja verstehen… Kopf hoch, irgendwann hat man es raus! Wir haben unsere schon seit 14 Jahren oder so. Mahlgrad, durchlaufdauer usw. muss man pro kaffeesorte durchprobieren.
    Noch ein Tipp von hier: unsere hängt an einer zeitschaltuhr, schließlich will ich noch schlaftrunken erstmal einen Kaffee und nicht erst auf das aufheizen warten (20min reicht eh nicht).
    Viel Erfolg weiterhin!
    Lg, Katharina

  10. Hab mich gerade sehr amüsiert beim lesen. Bei uns bin es ich, die immer wieder mal mit einer Siebträgermaschine liebäugelt. Da ich meinen Kaffee aber gerne gleich trinke und nicht erst vorheizen, mahlen und pipapo will, stehen hier immer noch zwei Mokkakannen im Dauerbetrieb am Herd. Und ich finde den Kaffee wirklich lecker.

  11. Erkenne mich darin wieder. Hatte Glück, dass meine Freundin kaffeesüchtig ist und alles getrunken hat, was ich ihr vorgesetzt habe, und ich ihr jetzt immer eine sehr große Freude machen kann. Hat aber auch recht lang gedauert ??

  12. unsere steht samt Mühle jetzt in der Abstellkammer. Wir haben downgegraded von nem Vollautomaten der irgendwann muckte über die von Dir beschriebene zu ner guten Filtermaschine und der Kaffee ist einfach (und) lecker. Hab den Text direkt mal weitergeleitet und hörte dann ein kleines Grunzkicherkonzert als er ihn las. Ihr seid nicht alleine. ?

  13. Meine Schwiegermutter verschwindet nach dem Essen in der Küche, arrangiert das teure Puppengeschirr, schaltet den Wasserkocher an, reißt 10 kleine Nespresso-Tütchen auf und wenige Augenblicke später hat jeder seinen Espresso. Mag ihren Pragmatismus.

  14. Hab mich wiedererkannt. Meine Espressomaschine hat aber eine eingebaute Mühle und ist gebraucht aus einem Kaffee-Forum für 200 Eur, zum Einstieg. Da hat es mich auch nicht so gestört, dass ich am Anfang verzweifelt bin. Alle deine Tipps habe ich mir auch angeeignet.

      1. Dass mein Mann sofort wusste, dass es sich bei der Abkürzung um eine Espressomaschine handelt, zeigt nur, dass ich das alles auch schon durchgemacht habe! Durchhalten! Irgendwann findet er die richtigen Bohnen und den passenden Mahlgrad und dann gibt es guten Kaffee!

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