6. August 2014, 7 Uhr

Als Du gestorben bist, habe ich noch geschlafen. Als mich die Nachricht erreicht, fahre ich gerade Tretboot. Ich bin 500 km von dem Ort entfernt an dem es passierte. Du warst auf dem Weg zur Arbeit. Wir sind jahrelang gemeinsam in die Arbeit gefahren und auch wieder zurück. Ich denke an das letzte Mal, an dem wir uns gesehen haben. Im Büro. Wir haben gesagt „Bis Donnerstag!“. Das war der Tag, an dem Kind 2.0 mit im Büro war. Es korrigierte uns: „Donnerstag hast Du frei, Mama.“ Wir lachen. „Dann bis Freitag!“ „Da hast Du Homeoffice, Mama.“ Wir lachen noch mehr weil das Kind meinen Terminkalender besser kennt als ich. Also verabschieden wir uns bis nach dem Urlaub. Denn seit Montag habe ich frei.
An meinem ersten Urlaubstag telefonieren wir, weil noch etwas zu klären ist. Du stellst mich durch.
In der letzten WhatsApp-Nachricht schickst Du mir Regenbogenbildchen und wünschst mir eine schöne Zeit.
Wir sehen uns nie wieder.
Ich kann nicht glauben was passiert ist. Ich google nach dem Unfall und finde ein Bild von Deinem Fahrrad. Du hast es umlackiert. Ich erkenne es sofort. Es ist völlig verbogen. Auf dem Stadtplan schaue ich mir die Stelle an, an der es passiert ist. Als würde das helfen, besser zu verstehen, was passiert ist.
Den ganzen Tag denke ich: was wäre, wenn. Was wäre, wenn es geregnet hätte? Dann hättest Du das Auto genommen. Was wäre, wenn wir gemeinsam gefahren wären? Dann hättest Du eine andere Strecke genommen. Wenn doch eine der Ampeln auf der Strecke rot gewesen wäre. Nur zwei Minuten Verzögerung hätten genügt.
Ich weine den ganzen Tag während die Kinder im Freibad planschen. Abends trinke ich so viel Wein, wie ich kann. Ich hoffe, dass der Gedanke an deinen Todesmoment verschwindet. Dass ich müde werde. Aber ich kann nicht schlafen. Ich habe gelesen, dass Du nicht sofort tot warst, sondern Deinen Verletzungen erlegen.
Wir waren Freundinnen, haben uns fast jeden Tag gesehen. Wir waren aus zwei Welten und trotzdem hat uns so viel verbunden. Du hast immer ein offenes Ohr für mich gehabt und immer einen klugen Rat. Du hast nie oberflächlich oder sozial erwünscht geantwortet. Ich konnte mich darauf verlassen, dass Du mir sagst, was Du wirklich denkst. Was du mir aus deinem Leben erzählt hast, hat meine Probleme erblassen lassen. Du hast es nie leicht gehabt und ich hab nie verstanden, warum einem Menschen so viel Scheiße passieren muss. Du warst deswegen nicht verbittert. Hast Dich aus allem rausgewunden. Deine Energie hat nie nachgelassen. Du hast immer das Beste daraus gemacht. Immer einen Trick gewusst.
In unserem letzten privaten Gespräch hast Du gesagt: „Ich hab schon lange keine Lust mehr, Kompromisse zu machen.“
Mich tröstet der Gedanke, dass Du lebenshungrig warst und dass Du Deine Zeit nicht verschwendet hast.
Du hast mir unerschütterlichen Optimismus hinterlassen und die Gewissheit, dass es immer weiter geht. Ich danke Dir dafür.
Meine liebe Freundin, wo Du auch immer bist, danke für alles.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

66 Gedanken zu „6. August 2014, 7 Uhr“

  1. Sehr traurig, es tut mir sehr leid.
    Und ein Anstoß für mich, den sinnlosen Streit mit meiner Freundin beenden. Was für eine Verschwendung unserer kurzen Lebenszeit. Danke.

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  2. Wir haben ganz in der Nähe übernachtet, als ich morgens im Radio die Nachricht hörte. Kurze Zeit später sind wir direkt an der Unfallstelle lang gefahren, da war die Spurensicherung noch bei der Arbeit.
    Schon zu diesem Zeitpunkt hat mich das ergriffen, aber jetzt wo ich lesen muss, dass es deine Freundin und Kollegin war, wird mir gleich noch einmal ganz anders.

    Ich wünsche Dir viel Kraft und gute Gedanken!

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  3. Es tut mir sehr sehr leid.

    Mein Mitgefühl gilt allen ihr in positiver Weise verbunden Menschen.

    Ich weiß aus eigener Erfahrung, was für ein Schock so etwas ist. Meine beste Freundin starb auf ähnliche Weise (mit Fahrrad unterwegs zur Arbeit). Ich konnte es auch lange nicht fassen und glauben.
    ((((Patricia))))

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  4. Mein tiefstes Mitgefühl an Dich und vor allem an ihre Familie.
    Verstehen kann man das nicht, akzeptieren nur schwer.
    Ein sehr schön geschriebener Nachruf

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  5. Ich fahre täglich am Unfallort vorbei und kann spüren, wie betroffen die Menschen daran vorüber gehen. Ich habe deine Freundin nicht gekannt, aber ihr Tod hat mich mitgenommen. Mein herzliches Beileid!

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  6. Oh Mann.. tut mir sehr sehr leid, das zu lesen. Wünsch Dir ganz viel Kraft und gute Freunde, damit klar zu kommen.
    Ganz liebe Grüße!
    Sebastian

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  7. Als ich die Meldung las, war ich den ganzen Tag über, weil selbst Radlerin und Mutter, wieder einmal erschüttert und dachte zuerst, welch unsäglich-sinnloses Leid wegen einem Moment der Unachtsamkeit, bzw unglücklicher Umstände und dass die arme, unschuldig verunfallte Frau wahrscheinlich Kinder hat, an die Trauer der Eltern oder des Partners und das Foto vom liebevoll bemalten Fahrrad verstärkte alles zusätzlich.
    Jedes Mal erzähle ich meiner Tochter, ebenfalls Radfahrerin, mahnend von diesen fürchterlichen Unfällen…und jetzt, nach Ihren Zeilen, muss ich weinen.
    Es gibt keinen Trost für solches Leid, aber ich wünsche viel Kraft gegen Schock und Trauer, gute Erinnerungen und mögen die Hinterbliebenen gute Unterstützung erfahren.
    (…und die Rad-Sicherheit in endlich Berlin verbessert werden!!!)

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    1. Es tut mir so leid – aber was für ein wunderbarere Nachruf. Ich hoffe, er wird allen die sie kannten viel Trost spenden.

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  8. Da läuft es mir richtig kalt den Rücken herunter, denn mein Vater ist am 8. Mai 1946, als noch kaum Autos auf der Straße fuhren, auch mit dem Fahrrad von einem LKW überfahren worden. Jetzt als Erwachsene habe ich ihn so unendlich vermisst, obwohl ich ihn nie gekannt habe.
    Ich wünsche Ihnen, dass der Schmerz irgendwie einen Sinn in ihrem Tod findet, damit nicht nur Wut und Verbitterung zurückbleibt.

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  9. Ich sitze hier in Amerika, bin seit geraumer Zeit eine stille Leserin, kannte diesen offensichtlich wunderbaren Menschen nicht und weine. Es ist so traurig! Mein herzliches, ehrliches Mitgefühl an dich und alle ihre Lieben.

    We think we have all the time in the world…….

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  10. Ich hab die Nachricht an dem Tag gelesen. Und ich war erschüttert und hab gedacht: Furchtbar. Eine Kurzmeldung im Tagesspiegel. Aber irgendwer kennt diese Frau und für den ist es alles andere als eine Kurzmeldung.
    Hier als meist stiller Leser davon zu lesen hat das auf sehr tragische Weise in eine spürbare Realität geholt.
    Unbekannterweise mein aufrichtiges Mitgefühl.

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  11. kann auch nicht aufhören zu weinen. Es schmerzt. Ihr Optimismus, ihre Lebensenergie, ihr unaufhörlicher Wille, Dinge mit positiven Augen zu sehen. Ich wünschte, ich wäre besser für sie dagewesen. Soviele Dinge, die man ihr noch sagen möchte. Soviele Momente, die da noch kommen sollten. Das Leben ist manchmal einfach nicht fair.

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  12. Oh. Mein aufrichtiges Beileid.

    Es ist so furchtbar eine Freundin zu verlieren, und dann noch bei so einem Unfall. Was auch immer man sagt – der Tod kommt nie zum rechten Zeitpunkt. Aber manchmal eben so schlimm zu früh und falsch.

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