Abi-Ball

In der Süddeutschen schreibt Matthias Drobinski über den Brauch des Abi-Balls und findet leider die beste Überschrift, die man zu dem Thema „Abi-Ball“ finden kann: Abiballaballa

Ich habe den Abi-Ball gehasst.

Ich weiß nicht genau, was in meiner Sozialisation zur Frau „falsch“ gelaufen ist, aber ich kann und konnte nie diese „alles muss perfekt sein und ich lebe für diesen einen Tag und gebe gerne dafür Unsummen aus“-Hysterie nachvollziehen. Zur Hochzeit nicht und auch schon nicht zum Abi-Ball. Abi habe ich 1995 gemacht. Erschreckend wenn es offenbar noch genauso ist wie vor 23 Jahren:

Die große Feier zum Schulschluss wird so zum Teil des großen Lebensdesigns, bei dem selbst das Ausgelassene durchgestylt und makellos sein muss.

Auch bei mir gab es unter den Mädchen Wochen vorher kaum ein anderes Thema als: WIE SIEHT DEIN ABI-KLEID AUS? (UND WAS KOSTET ES?)

Ich weiß nicht, ob ich allein schon wegen des Geldes Reaktanz hatte. Ich war damals schon von Zuhause ausgezogen (worden) und knapp bei Kasse. Ich konnte mir gerade so mein Leben leisten und nicht selten war ich mittags oder abends bei Freundinnen zu Besuch und sehr glücklich, wenn es üppig zu essen gab. Eine Lehrerin brachte mir regelmäßig Gemüse aus ihrem Garten mit. Stets unter großem Bekunden, dass sie gar nicht wüßte wohin mit dem ganzen Zeug. Ich hab erst Jahre später kapiert, dass sie mich sehr großzügig unterstützt hat.

Jedenfalls wäre ich nie im Leben auf die Idee gekommen 100 oder mehr Mark für ein Kleid auszugeben.

Um mich herum wurde alles immer hysterischer. „Wie trägst du die Haare?“, „Wie schminkst du dich?“, „Welche Schuhe trägst du?“

WTF? Wir hatten Abi gemacht – im Grunde war ich einfach nur froh, dass die Schulzeit vorbei war. Ich wollte gerne weg aus dem Kaff und endlich meine Ruhe haben.

Und überhaupt: Warum musste man sich so verstellen. Auch die Jungs kamen alle in Anzug und Krawatte. Selbst die, die sonst wirklich alles andere als spießig waren.

Irgendwann habe ich mir gedacht – entweder ich gehe da in Jeans hin oder ich übertrumpfe sie alle auf eine total bescheuerte Art. Also bin ich in die nächste Stadt zu einem Kostümverleih (wie hat man früher – ohne Internet sowas gefunden? – ich erinnere mich nicht) und habe mir ein rosafarbenes Barockkleid mit Reifrock* geliehen. Es hat 50 Mark inkl. Reinigung gekostet, aber das war mir der Spaß dann doch wert. Eine Extraschicht kellnern. Ich hatte nach den Prüfungen ohnehin frei. Den Preis der Eintrittskarten musste ich mir ja auch noch verdienen.

Symbolbild (genau so war es in meiner Erinnerung!)

Als ich in dem Kleid auf dem Abi-Ball erschien, waren einige Eltern so entsetzt, dass sie mich sogar ansprechen mussten, ob das wirklich mein Ernst sei. In Bayern war das wahrscheinlich rebellischer als nackt zu kommen.

Da wir, passend zum sonstigen Brimbamborium, in einem Schloß feierten, ernannte mich der Barmann zur Prinzessin des Hauses und ich musste für meine Getränke nicht zahlen. Das war super. Ich konnte den ganzen Abend Eltern und MitschülerInnen schocken, indem ich einfach an der Bartheke saß, rauchte, trank und die Welt hasste, während die anderen ihre Skills des Tanzkurses zum Besten bringen konnten.

Ein Abschlussritual gerne – aber muss es wirklich so ein künstlich aufgeblasener Quark sein?

 

*So war es in meiner Erinnerung. Nachdem ich den Abi-Film angesehen habe, musste ich feststellen: Kein Reifrock und Barock – naja… ähäm vielleicht auch nicht.

Rosafarben bestätigt der Bildbeweis. Der Rest: Phantasie
Ich sehe seltsam fröhlich aus. Dabei fand ich alles doof. Ich schwöre. Ich musste hier Geld schnappen, das der Direktor bei einem illustren Partyspielchen dem Abi-Jahrgang „spendierte“. Zu seinem Ärger und meinem Erstaunen, habe ich alle Scheine gefangen.
Lad' mich zu einem Kaffee ein, wenn Du mir eine Freude machen möchtest.

69 Gedanken zu „Abi-Ball“

  1. Abiball stand damals für alles, was ich an meinem Jahrgang und meinem Leben verachtet habe. Ich war dann statt auf dem Ball auf dem Dynamo in Eindhoven – gibt es das heute eigentlich noch? –
    und habe mir eingeredet, viel cooler zu sein, als der Rest. Eigentlich fand ich es schade, denn wie du schreibst, es steht und fällt mit dem Umfeld. Das hat leider durch die gesamte Schulzeit nur wenig gepasst.
    Meine Große ist jetzt im Abi-Ball-Komitee. Das Ziel ist, durch andere Veranstaltungen so viel Kohle zu scheffeln, dass der Ball so günstig wie möglich, ggf. sogar kostenlos, wird. Letztenendes soll es einfach ne ordentliche Party mit Freunden und Familie werden.

  2. Oh je, Abiball… Ich habe 2001 Abi gemacht und statt Geld für Kleid und Schuhe auszugeben, habe ich mein erarbeitetes Geld für Hurricane Tickets ausgegeben. Das Festival fand direkt am Abiball WE statt und war mir persönlich viel mehr wert als Rumgetanze u Unwohlsein in einem Kleid, das ich sicher nie mehr getragen hätte…

    1. Meine Eltern haben mit mir „was vernünftiges was du nochmal anziehen kannst“ ausgesucht.

      die Schuhe hatte ich seitdem einmal wieder unfreiwillig zu einem Ball an. Sie sind unbequem.

  3. Hach, verehrte Frau Nuf, was für eine super Geschichte!!! Vielleicht könnte man eine Zeitschrift rausgeben „Der Abiball“ – Hochzeitsmessen gibt es ja schon //augenroll//

  4. Hmm… Ich (Abi 2010) mochte meinen Abi-Ball und auch mein Kleid. Für mich war es ein gelungener und entspannter Abschluss einer sonst stressigen Zeit. Auch im Nachhinein fühlt es sich immer noch sehr angebracht an, das gebührend zu feiern, zusammen mit MitschülerInnen, LehrerInnen und Familie.
    Im Alltag trage ich meist sehr legere Kleidung (Typ „sportlich“ und wenig elegant), aber ich mag mich auch gerne schick anziehen, wenn es Anlass dazu gibt. Das Abi-Ballkleid habe ich seitdem auf 4 weiteren Bällen getragen (und es passt mir immer noch!), würde also sagen, es hat sich gelohnt.

    Ich stimme absolut zu, dass der Ball nicht an einem extrem teuren Veranstaltungsort stattfinden sollte — das ist wirklich nicht fair gegenüber SchülerInnen, die nicht so viel Geld haben.
    An unserer Schule verdient der Jahrgang durch die Veranstaltung von eintrittspflichtigen Partys und Verkäufen im Voraus genug Geld, um die Abi-Ball-Tickets erschwinglich zu halten. (Kann mich zugegebenermaßen nicht erinnern, wie viel es bei uns gekostet hat, aber nicht mehr als ein teureres Abendessen. Und die Tanzkarten ohne Essen kosten jedes Jahr unter 10€.)
    Der Ball findet außerdem nicht in einem Schloss oder Hotel statt, sondern in einer einfachen Veranstaltungshalle oder sogar der Schule selbst, die dann halt nett dekoriert werden.

    1. Habe gerade noch mal gesehen, dass es Fälle geben soll, in denen eine Familie 1000€ für den Abi-Ball berappt. Das ist natürlich massiv übertrieben und das wäre mir ein Abi-Ball auch nicht wert.
      Die Organisation muss absolut so laufen, dass es nicht mehr als 60-80€ pro Person kostet, und bei uns an der Schule werden regelmäßig schöne Abibälle mit Tickets unter 50€ veranstaltet.

      1. 60 bis 80 Euro finde ich schon irre. Ich hatte damals 400 Mark nach Abzug aller Festkosten von denen ich leben musste. Hätte das entsprechend so viel gekostet, wäre ich definitiv nicht gegangen.
        Wenn die Tickets um die 50 Euro kosten – gibt es ein Konzept die Familien zu beteiligen, die sich das nicht leisten können?

  5. 1994 in Ba-Wü gab’s sowas (noch?) nicht. Also, einen Abiball. Zumindest bei uns. Wir hatten eine Party und jeder hatte das an, was man halt so auf Parties anhatte. :D 1994 also Jungs wie Mädels Jeans, T-Shirt, Converse und Flanellhemd (oder NMA-Bandshirt).
    Es gab so einen Abend mit irgendetwas Offiziellem, bei dem auch Eltern zugegen waren, aber auch da war der Dresscode ziemlich wumpe. Und das, obwohl ich auf einem sehr konservativen humanistischen Gymnasium in einer schwarzregierten (natürlich, damals in Ba-Wü gab’s auf’m Land nur schwarz) Kleinstadt, war.

    Wenn ich das so lese … ich habe auf der Insel der Seligen gelebt! :)

  6. Hätt ich auch drauf verzichten können, ehrlich gesagt. Mittlerweile sind es die Weihnachtsfeiern auf dem Geschäft, die man sich sparen kann ;-).

    Liebe Grüße, Kathrin

  7. Ich habe unseren Abiball gemocht. Manche kamen in Abendgardarobe und andere in Shorts. Ich denke es kommt viel auf das Umfeld an, wie so ein Abiball wird. Ich finde es eine schöne Sache.

    Das ist auch bei anderen Sachen so (Oper, Theater, Comedy) – manche kommen so und andere so. Wenn sich am Ende dann noch jeder für sich wohl fühlt, um so besser.

    Schlimm scheint es dann zu werden, wenn es einen Gruppenzwang gibt.

  8. Hey, was gibt es denn an DEM Kleid zu meckern – das ist doch total süß. Aber zum Thema Abiball muss ich nun wirklich überlegen, wann das bei uns angefangen hat. Nach 1987 vielleicht? In dem Jahr habe ich nämlich mein Abi gemacht, und unsere Feier sah so aus: nach der Verkündung der Ergebnisse ging’s nach draußen vor die Turnhalle, und mehrere Pullen Sekt wurden geköpft.

    Mir hat schon der Abschlußball der Tanzschule keinen Spaß gemacht, da bin ich im Nachhinein froh, dass mir dieses „Highlight“ zum Ende meiner Schulzeit erspart geblieben ist.

    LG
    Ulrike

  9. Abiball. War auch bei mir eher nicht so geil. Weil die Party dann irgendwann teuer wurde, haben die drei Organisatorinnen ernsthaft durchgerechnet, ob nicht der ganze Jahrgang zur Blutplasmaspende gehen könnte, weil das 35 € pro Person gab und man dann damit den Ball finanzieren könnte. Mein Vorschlag zur Werbung (Zahlt mit Eurem Blut!) wurde dann abgelehnt und der ganze Plan wurde fallen gelassen. Die Party selber war extrem unterwältigend, in Tempelhof gegenüber von dem TÜV/Dekra Gelände in einer Halle, mit einem DJ aus der Hölle und dem hässlichsten Fotohintergrund der Welt mit den wohl unmotiviertesten Fotografen der Welt.

    Ich glaube, mit dem Abiball und anderen Abschlussbräuchen ist es so wie mit dem Nationalismus. Wenn du sonst nix hast, auf dass Du Stolz sein kannst, sei halt stolz auf Dein Land. Analog dazu: Wenn du sonst nix geleistet hast, feier halt, dass du eine willkürlich abgesteckte Zeit in der Schule überstanden hast, die sehr sehr viele Menschen auch überstehen. Das Besondere in der Mittelmäßigkeit suchen beschreibt zumindest in meinem Jahrgang ganz gut den Unterschied zwischen den beiden Gruppen der Abiballfans und der Abiballhasser. Wer sonst schon (persönliche) Erfolge erlebt hatte, sah im Abiball viel mehr eine lästige Traditionsveranstaltung als einen besonderen Abend. Wer sonst komplett auf dem Durchschnitt geschwommen ist, für den oder die war die Aussicht darauf, ein Kleid oder einen Anzug auszusuchen und sich die Augen zu machen der größte Spaß den sie so im Leben bekommen haben.

    Es gibt übrigens auch eine große Überschneidung zwischen denen, die den Abiball feiern und denen, die zu Klassentreffen nach zehn Jahren kommen. Das sind die, für die Schulzeit die aufregendste Zeit des Lebens war und die sehr traurig sind, jetzt außerhalb von Klassenzimmern leben zu müssen.

  10. Ich mochte die Idee des Abiballs sehr – ich hatte aber auch eine nette Truppe an meiner Schule. Mein Kleid war ein kleines Schwarzes aus den Sechzigern. Sehr schön und vintage in Berlin gekauft.

  11. Ich war froh dass sich in meiner Schule das Abi Musical als Tradition durchgesetzt hatte. Darin wurde die Schule und vor allem die Lehrer aufs Korn genommen und zusätzlich gab’s ne eher einfache Feier.

  12. Die Tochter hat ihren Abiball gerade hinter sich und hat nach langem Gesuche einfach ein zwanzig Jahre altes, gut getragenes Kleid von mir angezogen. :-) „Wozu sollen wir ein Kleid kaufen, das ich dann nie wieder trage!“

  13. Kostümverleih! Ich auch! 1993, und ich hatte nicht dran gedacht, zum himmelblauen Kleid Schuhe tragen zu müssen, so hatte ich keine und mein Moderationspartner in Frack und Fliege (Kostümverleih!) trug Birkenstock, die er immer trug.

  14. Haha, das finde ich aus Gründen sehr schön.
    Unser Jahrgang war eher zweigeteilt. Die einen, denen es wichtig war, eine Abiband zu haben und möglichst viel zu feiern und die, die dann beschlossen, zum ersten mal seit Jahrzehnten im Städtchen einen Abiball im örtlichen Saalbau zu veranstalten.
    Einer aus Gruppe 2 drückte mir (Gruppe 1) die Einladung in die Hand, deutete auf die Zeile „um festliche Kleidung wird gebeten“ und sagte: „das ist für Leute wie Dich“.
    Dass er bis ca. zur Elf mein bester Freund war machte die Sache noch trauriger.

    Ich fuhr ins nahe Ruhrgebiet, kaufte im dortigen Waver-Shop ein Rüschenhemd, lieh mir eine enge schwarze Hose und ein Jacket und der Rest der Geschichte ähnelt sich. Nur Geld hat mir niemand zugeworfen. Schade eigentlich.

  15. Ich habe meinen Eltern vorgerechnet, was der Abiball mich/sie kosten würde, und gefragt, ob sie mir stattdessen eine Fahrt nach Taizé bezahlen. Haben sie gemacht. Am Wochenende des Abiballs war ich dann auf’m Bauernhof bei ’ner Freundin…
    Zum Abiball eines Geschwisters waren Teile des Familie dann, Jahre später – aber allesamt in Kleidung, die im Kleiderschrank schon existierte und nicht erst gekauft werden musste.
    :)

  16. Zwar gab es bei uns auch das „Was-ziehe-ich-an“ Thema. Nachdem aber shcon zwei meiner Freundinnen im Anzug kamen (was eigentlich mein Plan war) entschied ich mich für ein einfaches kleines Schwarzes. Hat nicht viel gekostet. Weil geld hatte ich auch keins. Die Schuhe lieh ich mir von meiner Schwester. Damit konnte ich kaum laufen und stakste so zur Bühne. Ansonsten mochte ich den Ball sehr. Ich genoss das, einfach nochmal mit meinen Freunden beisammen zu sein, ausgelassen zu tanzen, zu trinken und Spaß zu haben.
    Viel krasser finde ich jetzt bei den Ladies die Aufbrezelung zu sowas wie einer Präsentation der Abschlussarbeit oder eben dem Abschluss. Da geht es auch schon Wochen vorher in der Whats-App Gruppe heiss her über hochhackige Schuhe und bodenlange Abendkleider. Krass.

    1. Ich glaube, hätte ich mehr Menschen im Jahrgang gehabt, die ich gerne mochte, hätte mir der Ball auch gefallen. Steht und fällt eben alles mit den FreundInnen.

Reposts

  • Sunnypug
  • SZ Familie

Mentions

  • Jana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken