Das ubiquitäre Paar

Am Wochenende war ich bei „Text & Töne“ einer Veranstaltung des Literarischen Colloquiums Berlin. Wer noch nicht da war (mir ist das in mehr als zehn Jahren Berlin bislang entgangen), dem kann ich diesen Ort – unabhängig von der Veranstaltung – sehr ans Herz legen.

Am Samstag traten Dota, Cora Frost, Christiane Rösinger, Frank Spilker (Die Sterne) und Francesco Wilking (Tele) mit Moritz Krämer sowie Tilman Rammstedt (der las und nicht sang) auf.

Am 15. August gibt es übrigens den zweiten Teil des Konzert- und Leseabends und wer sich vorstellen kann, an einem lauen Sommerabend einigen SchriftstellerInnen und SängerInnen mit einem Glas kühlen Weißwein in der Hand zu lauschen, während hinter selbigen die Sonne im Wannsee untergeht, dem kann ich die Veranstaltung sehr ans Herz legen. Auch mit Kindern im Übrigen. Man kann eine Decke mitnehmen und ein paar Stullen und ein bisschen Kindergehopse rundet den entspannten Abend eher ab als dass es stört.

Aussicht LCB

Jedenfalls was ich eigentlich schreiben wollte: Christiane Rösinger, eine der Gründerinnen der Lassie Singers, kannte ich noch nicht. Was mein Begleiter mittelmäßig verwundert feststellte: „Aber sie ist doch AUCH Feministin!“

Nun. Ich habe zwar italienische Vorfahren, aber leider kenne ich nicht jeden Ort in Italien und auch nicht jede regionale Spezialität. Das entrüstet meine Gesprächspartner gelegentlich (ABER DU BIST DOCH ITALIENERIN?), aber so ist es eben. Ich kenne auch nicht alle Feminstinnen. Auch nicht wenn sie singen, auch nicht wenn sie so großartige Texte singen.

(Im Übrigen könnte ich jetzt im Thesaurus „großartig“ eingeben, um die anderen SängerInnen des Abends zu beschreiben. Cora Frost zum Beispiel, die so inbrünstig performte und eine Strophe auf den Wannensee schrie und eine weitere zu meiner großen Freude gurgelte – aber es würde ja allen nicht gerecht. Einfach zum 2. Termin am 15. August hingehen!)

Christiane Rösinger sang von der Liebe und wie überbewertet sie ist und davon dass sie einen Faible für Idioten hätte und von der Sinnlosigkeit alles Handelns und das in ausgesuchter Fröhlichkeit. Es war ein Fest.

In einem der Lieder prangerte sie das Paarleben an. So blieb es mir in Erinnerung. Also den Drang sich eigentlich nur komplett und vollwertig in der Gesellschaft zu fühlen, wenn man eine/n PartnerIn hat. V.a. weil das der Jugend so vorgelebt werde, die ja dann mit dieser Idee aufwachse.

Mich haben diese Textzeilen sehr nachdenklich gemacht. Warum ist das eigentlich so? Warum hat man als erwachsener Mensch meistens das Gefühl irgendwas stimme nicht, wenn man nicht mit jemanden das Leben teilt? Irgendwie ist es bei den meisten ja ein Thema sobald sie allein sind: Die Partnersuche. Und was lebt man da tatsächlich den Kindern vor? Schwebt für meine Kinder wahrnehmbar mit „Die Mama bekommt das zwar alles hin, aber eigentlich wäre alles besser (?) wenn da noch jemand wäre.“?

Tatsächlich hat mir meine eigene Mutter immer vermittelt, dass das Wichtigste im Leben der Partner ist. Ohne Partner ist man nicht komplett. Dass ich jetzt wieder alleine lebe (was ja z.B. bezogen auf das Thema Kinder gesehen auf die Verantwortlichkeiten so auch gar nicht stimmt), beunruhigt sehr. Besser wäre es ja schon, wenn da jemand wäre, der für mich sorgt…

Gerade finde ich mein Leben im Alltag alleine ja sehr schön. Aber es überkam mich zumindest auch schon des öfteren das Gefühl das Schöne teilen zu wollen. Das Unschöne auch und überhaupt: das Teilen.

Es gibt von der WM ein Videoschnipsel eines deutschen Tors, in dem Angela Merkel hochspringt und sich freut. Eine Millisekunde später schaut sie sich suchend um, mit wem sie ihre Freude teilen kann, umarmt Gauck und schaut dann zur anderen Seite, ob sich die anderen mitfreuen. Putin sitzt derweil wie eine Statue daneben und freut sich betont nicht. Er unfreut sich kältlich sozusagen.

Um zum Thema zurück zu kommen. Ich habe diesen Teildrang auch. Ich vermute, viele – wenn nicht sogar alle Menschen haben ihn. Der Anblick eines Sonnenuntergangs ist schön. Man kann ihn sich alleine anschauen und genießen, aber irgendwie schlummert latent das Teilenwollen. Gemeinsam auf die untergehende Sonne blicken. Wenn das nicht geht, ein Foto machen, das Foto jemanden später zeigen oder – den sozialen Medien sei dank – das Foto instagrammen und es so teilen.

Ich weiß nicht, ob das Streben nach Zweisamkeit wirklich zum großen Teil von diesem Dinge mit jemanden teilen wollen angetrieben wird. Im Moment fühle ich es so. Und deswegen bin ich froh, dass es Twitter, Facebook und instagram gibt. Ich fühle mich dann nicht einsam. Ich hab Menschen dabei mit denen ich mein Erleben, meine Freude und manchmal auch meinen Frust und meine Traurigkeit teilen kann.

Ja, man kann jetzt wieder die ganze Diskussion mit den sogenannten „echten Menschen“ und der Wertigkeit der „echten Freunde“ führen. Man kann es aber auch sein lassen. Ich kenne den Unterschied nicht und manchmal, wenn ich mich zum Beispiel schlecht fühle und das twittere und mir jemand mit „.“ antwortet und mir damit einfach sagt: „Ich nehme dich wahr, ich fühle mit Dir, mehr gibt es nicht zu sagen.“, dann hilft mir das. Mich erreicht das Mitgefühl der anderen und es tut gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich für mich interessieren.

Hach ja, ich wollte gar keinen Jammertext schreiben. Viel mehr fühle ich mich wirklich ermuntert meinen Kindern nicht vorzuleben, dass ich nur jemand bin, wenn ich zu zweit bin. Dass etwas fehlt, wenn ich alleine lebe. Im Gegenteil. Ich hätte gerne, dass sie sehen, dass mir mein Leben gefällt, dass ich gerne eigene Entscheidungen treffe, dass es mir gut tut mich nicht permanent mit jemanden abstimmen muss. Dass es eben Vorteile gibt alleine zu leben – so wie es Vorteile gibt als Paar zu leben. Dass beide Formen gleichwertig sind, dass sie ihre Berechtigung haben, dass das eine nicht wertiger ist als das andere und dass es viele Formen von Gemeinschaft gibt, von Lebensmodellen. So dass sie aufwachsen mit jemanden vor Augen, der ihnen irgendwie eine Art Zuversicht schenkt, dass man sein Leben selbst gestalten kann, dass man die Wahl hat und dass man sich gegebenenfalls auch umentscheiden kann. Jederzeit. Mit 16, mit 30, mit 40 und auch noch mit 50 oder 60, jederzeit eben. Und dass sie verstehen, dass es viele Formen von Gemeinschaft und Beistand gibt.

24 Gedanken zu „Das ubiquitäre Paar“

  1. Hat es nicht etwas von, sagen wir, seelischer Homöostase, die jeweilige aktuelle Situation positiv zu bewerten?
    Sie als die fürderhin einzig vorstellbare zu bezeichnen, hat dagegen bereits einen Hauch von Selbstbetrug: Ist man [glücklich] allein, weiß man doch nie, welch fabelhafter Mensch, der das alleinsein zur Einsamkeit machen könnte, einem den Weg kreuzen kann. Und, entgegengesetzt, kann man ebenso nie wissen, zu welcher Perfidität der aktuell vergötterte Lebenspartner so in der Lage ist …

  2. Das Teilen ist ja ein wichtiges Moment, aber die Frage ist doch, warum das ausgerechnet ein_e Partner_in sein muss, schließlich könnten ja auch wechselnde Menschen dafür zuständig sein (und realistisch betrachtet ist das ja auch bei vielen so und funktioniert gut). Dennoch bleibt die Sehnsucht nach der zweiten Person, und das stelle ich sowohl forschend als auch persönlich fest (seufz). Ich glaub ja, dass es die Exklusivität ist. Und dass die (bzw. der Mangel daran) auch die weit verbreitete Bevorzugung von Partnerschaft gegenüber Freundschaft ausmacht, wo sie sich doch ansonsten strukturell sehr ähnlich sind. Schade nur, dass es an meiner eigenen Wahrnehmung nichts ändert, wenn die Hormone zuschlagen :)

  3. Was mir bei der „Kinder nur als Paar“ Diskussion fehlt, ist das es den Kindern relativ wurst ist, wer da noch ist, der Sicherheit bieten kann. Eine 5-köpfige WG, in der sich jeder für das Kind verantwortlich fühlt, kann diese Aufgabe genauso erledigen wie eine klassische Paarbeziehung.

    Ansonsten merkt man doch auch als Erwachsener, das einer so gut wie keiner ist, weil wenn der ausfällt (sei es im Job, oder auch nur bei Verabredungen zum Kaffee) ist nunmal keiner mehr da. Aber wer im Endeffekt diese zweite Person ist… das sei doch jedem selbst überlassen.

    Ich stimme übrigens auch dem Punkt meiner Vorrednerinnen zu, dass es für viele Menschen immer befremdlich ist, wenn ein Paar nicht alles zusammen macht. Ich habe mich z.B. diese Woche mit einem Kumpel auf ein Getränk verabredet und er meinte nur so „Was sagt denn dein Freund dazu?“ Was soll er dazu sagen? :-/ Wenn ich meinem Partner noch nichtmal für einen Nachmittag vertraue, sollte ich das Experiment Beziehung doch gleich lassen…

  4. Genau, genau, genau! Für mich auch genau zum richtigen, auf die Sekunde genau, richtigen Zeitpunkt, danke Universum dafür!
    Love, love, love an dasnuf sendend!

  5. Bei diesem Thema fällt mir immer der Tatort ein, wo die Existenz getrennter Betten (von Opfer und Partner/in) regelmäßig als schlagkräftigstes Argument dafür herhalten muss, dass wohl in der Beziehung was nicht stimmte. Die Vorstellung, dass Menschen auch „einfach so“ ein Bedürfnis danach haben könnten, auch als Teil eines Paares ein Individuum zu sein, ist wohl zu absurd.
    Auch nach vielen Jahren Beziehung ist für mich die Vorstellung, nicht mein eigenes Ding machen zu können und nicht meinen Rückzugsraum (mit eigenem Bett!) zu haben ein Graus. Ich hoffe sehr, dass ich das meinen Kindern eines Tages auch vermittele.

    Und Christiane Rösinger: Ein dickes Ausrufezeichen! Grandiose Texte!

  6. christiane rösinger <3

    ich habe ihre ansichten immer sehr gemocht, gerade als mann, weil: nie humorlos. ein sehr erfrischender, alternativer blick auf die welt …

  7. Ach ja, das Pärchen-dings und die Eltern… Meine Eltern hab sich früh getrennt (ich war ca. 6 Jahre) und meine Mutter hat mir leider immer vorgelebt, dass man nur mit Mann was gilt und dafür auch gerne mal mit Vollpfosten zusammen sein kann. Ich habe das große Glück, das mein Mann kein Vollpfosten ist und wir auch viel alleine unternehmen (also jeder für sich), aber ich kann gut nachvollziehen, dass das schwer fällt.
    Eine sehr gute Freundin hat sich letzte Woche eine eigene Wohnung gemietet um aus dem Familienhaus ab und zu auch mal abhauen zu können. Sie musste sich von fast allen fragen lassen, warum sie das möchte und ob sie sich trennen will. Die Gesellschaft an sich ist komisch.

  8. Ich hab mal für eine Frauendisco aufgelegt und wir hatten gut Spßa mit der Pärchenlüge von den Lassie Singers:

    Das Leben ist schon hart genug
    alleinstehende haben’s doppelt schwer
    Pärchen sind wie Parasiten
    Pärchen werden immer mehr
    Sie küssen wo sie gehn‘ und stehn‘
    und schaun sich niemals um
    Pärchen bitte draußen bleiben
    uns wird’s jetzt zu dumm
    Pärchen stinken, Pärchen lügen
    Pärchen winken und fahr’n nach Rügen
    Cocktails trinken, Kartoffelchips essen
    Händchen halten und die Freunde vergessen

    Irgendwie wirkt das wohl auch umgekehrt, daß manche Pärchen sich so ignorant verhalten, daß man fürchten könnte, man würde übersehen, wenn man nicht auch zu zweit lebt.

  9. Falls du es noch nicht kennst, such mal nach dem TED-Talk von Brené Brown zum Thema Verletzlichkeit. Da gehts auch um das menschliche Urbedürfnis nach Verbindung. Äußerst spannendes Thema!

  10. Liebe Patricia,

    ich bin seit 4,5 Jahren allein und habe bis auf gelegentliche Hormonschübe nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Genauso wie du schreibst, substituiert für mich der Online-Clan die Schulter zum Anlehnen, wenn mal etwas auf der Seele brennt. Und meine Kinder kennen es nicht anders, den Gedanken, dass ich einen Partner hätte, fänden die sehr befremdlich. Ich auch. :)

    Was ich also sagen wollte: Ja, genau!

    Viele Grüße, Christine

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    Genau! Genau! Genau!
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  12. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
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    Ich bin froh, dass mir meine Mutter – auch wenn meine Eltern nun schon über 40 Jahre verheiratet sind – das nie suggeriert hat. Vielmehr bestärkt sie mich, dass ich als ich was bin und nicht erst als Teil eines Paars etwas werde.

    Der Gedanke mit dem “ mit jemandem Dinge teilen“ ist sehr schön und – auch für mich – sehr richtig. Der Mensch ist nun mal ein Rudeltier. Und zwei zusammen sind ein verdammt kleines Rudel.

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