Digitalisierung ohne Herz und Verstand

Da sind wir nun: am Ende der 2. Woche Homeschooling. Ich muss an dieser Stelle zu allererst meine Kinder loben. Unermüdlich sind sie dran geblieben. Keinen einzigen Wochentag haben sie auch nur in Frage gestellt, dass die Schule weitergehen muss. Jeden Tag saßen sie gemeinsam an unserem Esstisch und haben geackert. Sich durch Arbeitshefte und ausgedruckte Blätterstapel gekämpft. Sich gegenseitig beraten und die Älteren haben für die Jüngeren die Unterlagen überarbeitet. Beispiele ergänzt, wichtiges farblich unterstrichen. Gemeinsam haben die Kinder sich Stundenpläne ausgearbeitet und einen Wecker gestellt, der (zunächst) alle 45 min das Ende der Schulstunde eingeklingelt hat.

Es ging also weiter wie bislang, nur zwei Dinge haben die Kinder intuitiv geändert: Schulstart um 9.00 Uhr statt um 7.50 Uhr und sie haben Doppelstunden gemacht, statt zwei Unterrichtseinheiten pro Woche – um sich in die Themen zu vertiefen, wie sie selbst gesagt haben.

Digital lief hier gar nichts. Irgendwas sollte auf Moodle passieren und irgendwas mit Anton. Die Server waren am Vormittag meist so überlastet, dass ein Login nicht möglich war. Um Inhalte in Moodle reinzubekommen, hat es eine Woche gedauert. Die wieder raus zu bekommen ist genau einem Kind in der Klasse gelungen und das hat sie verantwortungsvoll über den Klassenchat an alle anderen Kinder verteilt.

Dazwischen Mails mit Aufgaben und noch mehr Aufgaben und v.a. Aufgaben, die sowas sagten wie „Arbeite dein Arbeitsheft/Lehrbuch von S. X bis S. X durch.“

Einmal kam ein PDF mit nichtklickbaren Links (die ich also abtippen musste), die auf YouTube-Videos verwiesen, die einen Lehrer zeigten, der im Frontalunterricht auf einer Tafel zeigte, wie man multipliziert.

Was man also sieht: Unsere Schule(n) waren bislang komplett analog und jetzt wo sie digital sein müssen, wurde lediglich deutlich, dass Digitalisierung kein Stück verstanden wurde. Denn es geht nicht um Tools und es geht nicht darum, genau das selbe nur mit digitalen Mitteln zu machen. Das funktioniert nicht und v.a. es hat keinen Mehrwert. Ein YouTube-Video mit einem Lehrer, der an einer Tafel steht und Zeug erklärt ist weniger hilfreich als ein Lehrer, der an einer Tafel steht und Zeug erklärt.

Zwischendrin erhalten wir Listen von Lernplattformen. Unendlich lange Listen ohne Kommentierung. Wie hilfreich wäre eine kurze Beschreibung. Geeignet für dieses und jenes Alter, besonders zu empfehlen weil, wir haben da XY gemacht und das hat XY gebracht…

Solche Listen schließe ich einfach wieder. Wenn ich eins nicht brauche, dann ist es noch mehr Arbeit. Es ist doch irre. Statt dass eine Person eine kuratierte, ordentliche Liste erstellt, sollen sich jeweils 30 Eltern hinsetzen und diese Linklisten durchgehen und sie auf Brauchbarkeit beurteilen? Oder dass man wenigstens die Listen online stellt und darum bittet: Wer Zeit hat bitte eine Kurzzusammenfassung mit Tipps und Best Practice Beispielen ergänzen. So dass am Ende eben eine brauchbare Liste entsteht.

Was komplett fehlt: Die aufmunternden Worte, die Wertschätzung, der Kontakt, der Zusammenhalt, die individuelle Aufmerksamkeit.

Keine Anrufe, keine Briefe, Postkarten, virtuelle Sticker, keine Videokonferenzen – nichts.

Und warum? Weil Digitalisierung nicht verstanden wird. Das ist alles so nutzlos, man kann es sich wirklich komplett sparen. Kein Wunder, dass Menschen, die Digitalisierung nicht verstehen und sie so leben, denken: Das kann man sich sparen, das Analoge ist das Wahre und Gute.

Ich habe für mein Buch ein Lesezeichen drucken lassen. Auf dem steht „Beziehung vor Technik-Knowhow“ und das meine ich ernst.

Es geht eben in der Medienerziehung nicht um die Plattform(en) oder die Tools oder die Spiele. Es geht um die Kinder, deren Interessen, deren Bedürfnisse und die Interaktion zu anderen Menschen.

Deswegen könnte Medienerziehung eigentlich ganz einfach sein. Zuhören, sich interessieren, gemeinsam lernen und erkunden, die eigenen Werte des Miteinanders und das eigene Weltwissen vermitteln: Wir gehen respektvoll miteinander um, wir beleidigen und bedrohen nicht, wir geben Fremden keine persönlichen Daten (z.B.).

Stattdessen wird gefragt: Wie viel Minuten darf mein Kind was mit digitalen Medien machen?

Ich kanns nicht mehr hören. Vor was schützt das denn? Dreißig Minuten okay, und bei Minute 31 passiert genau was?

Ich glaube diese bescheuerte Zeitspanne kommt aus den Fernsehzeiten. Da hatten die meisten Kinderprogramme diese Zeitspanne, weil das ungefähr der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsspanne entspricht. Eine andere Erklärung habe ich dafür nicht.

Schaden digitale Medien den Augen? Ja, genauso wie Bücher und Arbeitsblätter. Wenn man NUR Dinge im Nahbereich macht, überanstrengt das die Augen.

Sind acht Stunden Minecraft zu viel? Kommt drauf an, ob wir von 7 Tagen die Woche sprechen oder einen Tag in einer Zeit, in der alles aus den Angeln geraten ist. Kinder sind doch nicht blöd, Leute. Kinder wissen, dass Ausnahmezustand herrscht. Kinder sind anpassungsfähig. Die wissen: In der Schule gelten andere Regeln als bei Oma und Opa. Zuhause gilt was anderes unter der Woche als in den Sommerferien.

Ist es gut nur eine Sache zu machen? Nein. Das gilt auch für Äpfelessen.

Verändert sich das Gehirn durch digitale Medien? Natürlich tut es das. Das Gehirn ist plastisch, es ändert sich immer. Ein Leistungssportler hat ein anderes Gehirn als ein Breitensportler. Ein Programmierer ein anderes als jemand, der töpfert. So what?

Aber nochmal zurück zum Schulthema. Digitalisierung, die digitalisiert, weil es geht, ist für die Katz. Ein Prozess wird nicht besser wenn er von Papier in ein PDF oder wenn er auf eine Website wandert.

Deswegen kann man die Lernsituation mit einem Zitat zusammenfassen:

„Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess.“

Thorsten Dirks

Wenn man also dabei bleibt und eigentlich das selbe wie vor Corona macht: Frontalunterricht, 0815 Arbeitsblätter, dann muss man wenigstens das Zwischenmenschliche weiterpflegen.

Noch wichtiger wäre es jetzt darüber nachzudenken, welche Themen man weiter analog macht und welche digital und wenn man sie digital macht, wie man sie gestaltet, damit sie interessanter, vielseitiger oder lehrreicher sind.

Vielleicht fragen die Lehrer*innen, die sich hilflos und überfordert fühlen mal ihre Schüler*innen. Die organisieren sich nämlich super. Hier findet alles digital statt. Die Kinder schicken sich Nachrichten, machen Videokonferenzen, sie telefonieren (!) miteinander und bearbeiten im Browser zusammen Dokumente. Vor allem aber: Sie bleiben in Kontakt. Das Digitale hat das Zwischenmenschliche nicht gefressen, sondern macht es überhaupt erst möglich!

Wer aber Klöppeln weiterhin für wertiger hält als chatten, der kann das natürlich nicht erkennen. Schade.


Wie in allen Themen: #notallLehrer*innen (natürlich gibt es Schulen und Lehrer*innen, die das sehr gut machen!)

Wenn euch meine Texte gefallen, könnt ihr mir einen Kaffee ausgeben. Darüber freue ich mich! Oder ihr kauft im lokalen Buchhandel mein Buch "Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!".

284 Gedanken zu „Digitalisierung ohne Herz und Verstand“

  1. Lehrerin aus der Mittel- und Oberstufe hier.
    Es ist alles wahnsinnig frustrierend. In unserem Bundesland ist die Digitalisierung noch ganz weit weg… Wir haben am Tag der Schulschließung die Ansage bekommen, dass der Unterricht ersatzlos entfällt. Es darf Material an Schülerinnen und Schüler gegeben werden, muss aber nicht. Eine Bewertung darf nicht stattfinden. Schon dieses wenig Verbindliche nervt mich…
    Plattformen oder weitere Hinweise gab auch es nicht, wie bisher haben die paar Kollegen, die bereits ein wenig digital arbeiten, sich den Kram selbst zusammengesucht und Padlets o.ä. erstellt.
    Wir haben zwar bei uns IServ, sodass jede Familie per Mail erreichbar ist, aber nicht jede nutzt es gleich intensiv, sodass wir nicht einmal sicher sein können, dass jeder seine Aufgaben erhält.
    Ich bin selber so unzufrieden mit dem, was ich grade anbiete, kriege es aber noch nicht hin, das besser zu machen (dabei bin ich in diesem Bereich nicht komplett hinterm Mond…). Schon alleine, weil ich nicht weiß, wie es bei meinen Klassen zu Hause aussieht: Sind die Eltern da? Können die (nicht bei den Aufgaben, aber ggf. bei der Technik) helfen? Brauchen die Geschwisterkinder den Pc auch? Wie stabil ist der Internetzugang überhaupt?
    Im Klassenraum habe ich das mehr im Blick und im Griff, da kann ich die Voraussetzungen absehen. So fühle auch ich mich hängengelassen und abgespeist.

    1. Super Artikel. Ich bin auch enttäuscht, dass in drei Wochen die Grundschullehrerin sich nicht einmal persönlich beim Kind gemeldet hat! Sie haben sogar zwei KlassenlehrerInnen, so dass jeder 12-14 Schülerinnen betreut. Ja, Heftarbeit weitermachen ist hier kein Problem, aber Grundschulkinder leben doch (wie eigentlich alle, aber vllt noch mehr) von der persönlichen Wertschätzung. Im Gespräch liesse sich ja uch herausfinden, welche technischen und familiären Voraussetzungen es gibt, welche Unterstützung es bräuchte.

  2. Liebe Patricia, da in Deinen verschiedenen Beiträgen zum Thema nun schon mehrfach rhetorische Fragen bzgl. der negativen Auswirkungen von Fernsehkonsum auf Kinder aufkamen, erlaube ich mir, hier einmal ein paar wissenschaftliche Studien zum Thema zu posten (wohlgemerkt OHNE dabei zu implizieren, dass die Nutzung von Computern ähnliche Auswirkungen auf Kinder hat! Computer-Nutzung verlangt ungleich mehr kognitive (Inter-)Aktivität vom Kind anstatt nur passiven Konsum, daher macht ein direkter Vergleich wenig Sinn. Aber die schädliche Wirkung von passivem Fernsehkonsum ist tatsächlich gut belegt…):

    Beispiele für wissenschaftliche UNtersuchungen:
    • Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Lese-/Sprachkompetenz bei Kindergartenkindern und Zweiklässlern: http://www.zv.uni-wuerzburg.de/forschungsbericht/fobe-akt/LS-60002040/Fernsehkonsum%20und%20Lesekompetenzen-D.htm
    ? wesentliche Ergebnisse der Studie: „Fernsehkonsum und Sprach- und Leseleistungen: Erste Ergebnisse der Studie zeigen, dass in beiden Kohorten eine Gruppe von Kindern mit besonders hohem Fernsehkonsum (sog. Vielseher) in der Regel die schwächsten Leistungen in den durchgeführten Sprach- und Lesetests erbrachte. In einzelnen Teilbereichen verfügten „vielsehende“ Kinder nicht nur über eine ungünstigere Ausgangslage, sondern sie zeigten im Verlauf eines Jahres auch deutlich geringere Leistungszuwächse als ihre Altersgenossen.“

    • Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und kognitiver Entwicklung bei Kleinkindern im Alter von ca. 29 Monaten: http://www.nature.com/pr/journal/v74/n3/full/pr2013105a.html
    ? wesentliche Ergebnisse der Studie: „Results: Every SD increase (1.2?h) in daily televiewing at 29 mo predicted decreases in receptive vocabulary, number knowledge scores, classroom engagement, and gross motor locomotion scores, as well as increases in the frequency of victimization by classmates.“

    • Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Schulnoten bei Drittklässlern: http://archpedi.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=486061
    ? wesentliche Ergebnisse der Studie: „The household media environment is significantly associated with students’ performance on the standardized tests. It was found that having a bedroom television set was significantly and negatively associated with students’ test scores, while home computer access and use were positively associated with the scores. Regression models significantly predicted up to 24% of the variation in the scores. Absence of a bedroom television combined with access to a home computer was consistently associated with the highest standardized test scores.“

    • Nochmal dasselbe (Fernsehkonsum & Schulnoten) in grün: http://archpedi.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=486063
    ? wesentliche Ergebnisse der Studie: „The mean time spent watching television during childhood and adolescence was significantly associated with leaving school without qualifications and negatively associated with attaining a university degree. Risk ratios for each hour of television viewing per weeknight, adjusted for IQ and sex, were 1.43 (95% confidence interval [CI], 1.24-1.65) and 0.75 (95% CI, 0.67-0.85), respectively (both, P<.001). The findings were similar in men and women and persisted after further adjustment for socioeconomic status and early childhood behavioral problems. Television viewing during childhood (ages 5-11 years) and adolescence (ages 13 and 15 years) had adverse associations with later educational achievement. However, adolescent viewing was a stronger predictor of leaving school without qualifications, whereas childhood viewing was a stronger predictor of nonattainment of a university degree.“

    • Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und antisozialem Verhalten im späteren Erwachsenenalter: siehe http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2013/02/13/peds.2012-1582

    Und dann noch einfach so als weitere mögliche Leseliste von Studien, sofern dich das Thema vertieft interessiert:
    – Zimmerman, F.J./ Christakis, D.A.: Children's Television Viewing and Cognitive Outcomes. A Longitudinal Analysis of National Data. Arch Pediatr Adolesc Med. 2005; 159: 619-625.
    – Wilhelm, P., Myrtek, M. & Brügner, G. (1997). Vorschulkinder vor dem Fernseher. Ein psychophysiologisches Feldexperiment. Bern: Huber.
    – Myrtek, M. & Scharff, C. (2000). Fernsehen, Schule und Verhalten. Untersuchungen zur emotionalen Beanspruchung von Schülern. Bern: Huber.
    – Morgan, M. (1984). Heavy television viewing and perceived quality of life. Journalism Quarterly, 61, 499-504.
    – Johnson, J.G., Cohen, P., Smailes, E.M., Kasen, S. & Brook, J.S. (2002). Television viewing and aggressive Behavior during adolescence and adulthood. Science, 295, 2468-2471.
    – Fetler, M. (1984). Television viewing and school achievement. Journal of Communication, 34, 104-118.
    – Dietz, W.H. & Gortmaker, S. L. (1985). Do we fatten our children at the television set? Obesity and television viewing in children and adolescents. Pediatrics, 75, 807-812.

    Und natürlich berichten auch populäre Medien über das Thema bzw. Studien, so z.B.:
    http://www.lungenaerzte-im-netz.de/lin/linaktuell/show.php3?id=1326&nodeid=18&nodeid=18&query=fernsehen über den Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Asthma bei Kindern
    http://www.welt.de/wissenschaft/article1772306/Kinder-koennen-nicht-aufrecht-stehen.html über Fernsehkonsum und Haltungsschäden

    1. Ist der Fernseher schuld, wenn die Kinder sprachverzögert sind oder sind es andere Umstände in der Familie, die dazu führen, dass die Kinder eher fernsehen und nicht vorgelesen bekommen.
      Ich denke, es ist wie bei Computerspielsucht (die es ja durchaus gibt): Es ist schwer zu sagen (auch in Studien), ob es wirklich ein monokausales Verhältnis ist. Sehr oft werden außerdem Korrelationen mit Kausalitäten verwechselt und na klar: wie es oben auch steht mit dem Äpfelessen: wenn man nur eine Sache exzessiv macht, dann ist das meistens nicht gesund. Sich wenig bewegen ist auch nicht gut. Kennt man ja vom Bürojob. Ob man deswegen Bürojobs verbieten muss oder was sonst aus dieser Erkenntnis erwächst, sei mal dahingestellt.

  3. Gegenentwurf zum Ranten:
    Die Leute die von diesem Thema Wissen haben engagieren sich in der Schule ihrer Kinder, damit es besser wird. Meist braucht es nur eine handvoll Leute die 1-2-3 Jahre am Ball bleiben um substantielle Änderungen zu erzeugen. Gerade in Berlin wo wir in den letzten Jahren als Eltern(-vertreter) schon viele Erfolge gefeiert haben (Kostenlose Kitas, kontinuierliche Verbesserung der Betreuungsschlüssel, bessere Schuleingangsuntersuchungen, kostenloses Essen für alle, kostenfreier ÖNVP für Schüler, viele (meist kostenlose) Hortplätze, Schulbücher für alle kostenfrei), ist der Spielraum (finanziell und zeitlich) vorhanden.
    Ja es ist manchmal anstrengend, aber es ist für unsere Kindern und die nachfolgenden Kinder wichtig das WIR uns einbringen. Wir können den Prozess der Transformierung stark beschleunigen. Es ist wie immer: Vorleben, Helfen, Ansprechpartner sein, Kooperationen schließen und sich daran erfreuen was für tolle Möglichkeiten es heute gibt (und ein wenig trauern das wir sie als Kinder nicht hatten)

    1. Wie Du sicherlich ganz am Anfang gelesen hast, bekommen meine Kinder das super hin. Das ist bestimmt auch, weil sie gelernt haben Verantwortung zu zeigen und einander zu helfen und das Beste draus zu machen. Soviel zu Vorleben, Helfen, Ansprechpartner sein
      Was die Schule angeht, gehen die Scheuklappen hoch, wenn es Hinweise gibt. Vor Corona und auch jetzt.
      Die Überforderung ist da und statt dass konstuktiv mit Kritik umgegangen wird, lügen sich alle in die Tasche oder haben diese „Nur die Harten kommen in den Garten“-Einstellung.

      Und ganz am Ende: Der Text geht um meinen Anspruch, dass erkannt wird, dass jetzt Beziehungspflege wichtiger wäre als irgendwelche Tools. Das ist Einstellungssache.

      Bei uns wird nur die Leistung gesehen. Die muss stimmen und die kommt bitte von harter Arbeit und Disziplin.

  4. Ganz viel Digitalisierung mit Video etc ist besonders fein für SuS die die nötige Hardware nicht haben. Oder nur zu bestimmten Uhrzeiten, weil Eltern und Kinder sich Geräte teilen. Ich stehe dazu, dass mein SuS größtenteils in ihren Büchern weiterarbeiten, die haben sie alle.

    1. Was ich überhaupt nicht falsch finde im übrigen. Mir geht es darum, dass die Beziehungsarbeit zum Unterricht gehört und die fällt eben bei vielen komplett weg. Egal ob digital oder analog.
      Arbeiten im Buch schön und gut, aber wie hält man den Kontakt zu den Schüler*innen? Von mir aus gerne mit Postkarten (siehe Text).

  5. Das ist sowas von richtig was du schreibst. Wir haben Glück: Unsere tolle Grundschullehrerin kann zwar das Digitale nicht so, wie es sein könnte. Aber wir haben schon telefoniert und sie hat eine sehr persönliche und motivierende Email an meinen Sohn geschrieben und ihn für seine Aufgabenbearbeitung in der Anton App gelobt.

  6. Puh, anscheinend haben wir da echt Glück gehabt. Wir haben sowohl von unserer Klassenlehrerin (Grundschule), unserem Hort und dem Kindergarten (Kind 2) bereits mehrere Briefe, E-Mails und Videobotschaften erhalten, in denen es um das Befinden der Kinder und allgemeine Aufmunterung ging. Unsere Lehrerin hat auch schon mehrfach angeboten, dass die Kinder sie anrufen können wenn sie wollen.

    Ich finde diese persönliche Ebene auch total wichtig, nicht das wir nach x Wochen viele ausgefüllte Arbeitsblätter aber dafür traumatisierte Kinder haben.

  7. Hallo ?, danke für diesen Post , er spricht mir aus der Seele. Die Klassenlehrerin meines Sohnes, schreibt neben dem Wochenplan Mails mit lustigen Bildern (1x) und einer Vorlesezeit auf YouTube ( noch nicht mal 1Kapitel) , schreibt aber dann den Kindern, sie könne auf Mails leider erst verzögert reagieren, sie hätte so viel (!) Arbeit …. also ich kann das nicht erkennen, sie will noch nicht mal Ergebnisse sehen oder gibt den Eltern Lösungen .. Ich setzte jeden Tag 3 Stunden mit dem Kind und arbeite 8 Stunden im Home Office … und dann gibt es einen YouTube Link zu einem Backrezept ? Ein Digitalisierter Scheissprozess ?

    Und : es wäre so einfach via Zoom zb sich in der Klasse zu treffen … das machen die Kinder dann aber privat ……

  8. Bei uns gab es 2! Lehrerinnen und Lehrer die vorher schon die gute Platrform mebis genutzt haben. Lehrstoff für das Schuljahr eingestellt und vertiefende Infos. Das sind auch jetzt die einzigen, die Feedback zu den hochgeladenen Aufgaben geben. Der Rest macht genauso weiter, 1/2


  9. Ich ärgere mich über den fehlenden Hintergrund. Bis vor zwei Wochen standen uns Copyright (auch das der Schulbuchverlage), DSVGO, der Lehrplan, die Ausstattung und vieles mehr sehr im Weg. Die Lehrerïnnen dürften z.B. gar keine Schülerkontaktdaten zu Hause haben. Nun geben alle ihr bestes und werden dafür noch so abgeurteilt. Wo soll das ganze geforderte denn über Nacht herkommen? Die Kritik war vorher berechtigt, in der Krisensituation sollten wir andere Prioritäten haben.

  10. Ich bin Lehrerin einer zweiten Klasse und möchte mal ein Stück weit die andere Perspektive darstellen. Meine Schüler*innen sind zwischen 7 und 9 Jahre alt und in meiner Klasse finde ich ein sehr breites Spektrum vor an
    Sprachkenntnis (von kann sich super ausdrücken bis versteht ein paar Brocken, aber nicht wirklich viel),
    Ausstattung (von zu Hause X Konsolen, Handy, Tablet, Laptop, Drucker, Breitbandanchluss und Papier alles vorhanden, über „Wieso noch ein Buch? Sie hat doch schon eins?“ oder spielt mit dem alten Handy der Eltern, bis hin zu haben ein Familienhandy mit geringem Datenvolumen und „Papier im Haushalt? Wozu eigentlich?“ ist alles vorhanden)
    digitaler Vorbildung (von nutzt Internetangebote um sich zu informieren, ist mit Freunden vernetzt über Spieleplattformen, benutzt bis hin zu zockt im sinnvollen Rahmen über zockt extrem zu viel bis hin zu hatte noch nie ein Gerät in der Hand
    finde ich alles in meiner Klasse.
    Im Alltag gleiche ich aus und stelle zur Verfügung: Bücher, Papier, Schere, Kleber, Stifte, Spitzer, Radiergummis, ich bahne an, dass man am Computer Lernspiele spielen, Texte schreiben, Recherchieren kann (im Rahmen unserer Schulausstattung), … Alles zu seiner Zeit.
    Ich habe von allen Familien mindestens eine Telefonnummer, von etwas mehr als der Hälfte eine Mailadresse.
    Unsere Vorgabe war, den Schüler für die Zeit bis zu den Osterferien Aufgaben wie Hausaufgaben an die Hand zu geben. Wir arbeiten mit Lernplänen, die Aufgaben werden bei uns normalerweise im Rahmen des dafür erweiterten Unterrichts erledigt und ich kann nachsteuern, erklären, unterstützen. Das läuft ganz gut und viele arbeiten recht selbstständig und sind an verschiedenen Stellen mit ihrer Arbeit.
    Ich habe also an diesem einen Montag, an dem wir noch mal allen etwas in die Hand drücken durften, Pläne rausgegeben – für drei Wochen. Pläne, wie sonst auch, nicht digital. Ich habe einen Brief dazu geschrieben – einen Teil für alle, teilweise handschriftlich ergänzt, wo mir Kommentare wichtig erschienen.
    Klar, ich habe jetzt versucht, alle Kinder zu erreichen. Ich habe eine Mail geschrieben an alle Mailadressen und habe angefangen, die Kinder abzutelefonieren. Das ist gar nicht mal so leicht, weil manche Kinder können gar (noch?) nicht so telefonieren, wie wir das früher gemacht haben. Manchmal reicht die Sprache nicht. Aber ich habe einiges erreicht und konnte Druck rausnehmen. Nein, man muss nicht jeden Tag 6 Stunden am Plan arbeiten, 30 min sind genug. Wenn man irgendwo nicht weiterkommt, kann man sich gerne Hilfe bei mir holen. Telefonisch, per Mail, ich kann auch Videochat – mit meinem Privatgerät und am besten von zu Hause aus, weil hier das Netz zuverlässiger ist als in der Schule.
    Ich habe die Kinder ermutigt, auch untereinander zu telefonieren oder anders Kontakt zu halten. Manche skypen, manche verbinden sich über Konsolen und spielen gemeinsam, da gibt es unterschiedliche Varianten.
    Was ich aber sehr kritisch sehe, ist dieser Ruf nach irgendwelchen Videokonferenzen von schulseite aus. Klar, kann ich was anbieten, aber was passiert in den Familien?
    Teils reicht die Ausstattung nicht (mit einem zwei Jahre alten Schullaptop haben wir es nicht hinbekommen mit den Videokonferenzen, weil er von der Leistung her komplett überfordert ist), es müssten irgendwelche Softwaren installiert werden. Es müssten eventuell Geräte angeschafft werden, ich würde in die stressige Zeit noch mehr Druck reinbringen über irgendwelche Anforderungen und die, die das nicht mal eben schnell gewuppt kriegen, weil das Datenvolumen für die Kommunikation mit der Familie oder gar die Arbeit benötigt wird und eine Erweiterung nicht so einfach drin ist, weil eh schon alles auf Kante genäht ist. Letzten Endes würde ich genau die, die eh schon benachteiligt sind über die Sprache, das Finanzielle, ihre eigenen Rahmenbedingungen ausschließen und nochmal verschärfen, was Studie für Studie wieder aufgezeigt wird: Der Bildungsstand der Eltern hat extrem große Auswirkungen auf den Bildungsstand der Kinder.
    Das kann keine Entschuldigung sein dafür, dass sich nichts tut. Wir kommen allerdings meiner Meinung nach nur wenig weiter, wenn jetzt mit dem Finger auf Eltern/Lehrer gezeigt wird, sondern es muss überdacht werden, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um Digitalisierung in Schulen möglich und sinnvoll nutzbar zu machen. Nicht nur vor Ort – das ist leicht umsetzbar, sondern auch für zu Hause.
    Mir fehlt zur Zeit, dass bei dem Dach über dem Kopf ein ordentlicher Internetzugang mit dem gleichen Stellenwert mitgedacht wird wie Storm/Heizung/Wasser. Und es fehlt ein Konzept zur Ausstattung der Kinder. Damit meine ich jetzt kein Notdingens, mit dem jetzt mal schnell Firmen in einer Ausnahmesituation alte Geräte an Schüler*innen abtreten, sondern ein tragfähiges Konzept, bei dem man vielleicht drüber nachdenkt, von Schulbüchern auf digitale Geräte umzusteigen.
    Und bei all diesen Überlegungen fehlt noch der Aspekt des Datenschutzes. Was sagt der zu Videokonferenzen via Zoom, Skype, Teams und was da alles gerade stattfindet.

  11. Meine Tochter muss seit letzter Woche zu Beginn jeder Stunde ins Forum der Lernplattform „anwesend“ tippen. Das machen dann fast 1000 Schüler/innen mehrmals am Vormittag. Und WWW steht wieder für World Wide Waiting… ?

  12. Hat auch viel mit der plötzlichen Notwendigkeit zu tun. Die Lehrpersonen dürfen hier Schule neu erfinden und jede’r tut das nach besten Wissen. Und das ist leider nicht überall gleich. Gerne auch, weil viele sich sträuben und diese Aussagen mit den 30 min sie dann zusätzlich verunsichern. Darf ich den Kindern Anton vorschreiben, wenn die Eltern sich drakonisch an diese Zeitvorgaben halten? Wenn mein Kind 15 min Anton machen darf, eine Sprachnachricht per Smartphone an die Lehrperson schickt und als Sport oder Musikunterricht ein YT-Video (mehrfach) ansehen soll sind die 30 min um.
    Dazu muss auch noch überlegt werden, ob tatsächlich alle Kinder den gleichen Zugang zu entsprechenden Geräten haben (wurde hier als erstes abgefragt, hat es W-Lan? hat es ein Gerät (Laptop/Computer) das vom Kind genutzt werden kann?, hat es Geschwister, die evtl auch den selben Laptop nutzen müssen?)
    Digitale Medien werden oft nicht als das Werkzeug gesehen, das sie sind, sondern werden mit dem rein einseitigen Fernsehen verglichen/verwechselt.
    Dazu kommt ein riesiges Angebot, das gefiltert werden müsste. Hat man dafür keine Zeit, weil die Umstellung auf digital JETZT kommt, ist klar, dass das Ergebnis erstmal nicht sehr stromlinienförmig ist.
    Hoffen wir auf eine steile Lernkurve beim Lehrpersonal für die digitalen Medien, während wir die andere Kurve versuchen flacher zu bekommen.

  13. Danke für diesen Text. Hier ähnlich. Lehrerin (Kl.3) hat nach viel Zuspruch Zoom genutzt, um die Kids zusammenzubringen. Die Wirkung war so großartig, dass sie das jetzt drei Mal die Woche macht. Vom Gymnasium dagegen nichts: nur Mails mit Aufgaben. Null Support oder Empathie!

  14. „Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess.“ – Wir müssen unsere Schulen wirklich digitalisieren und nicht nur die bestehenden Wege online anbieten

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