Wehe einer meckert?

Ich lebe im Luxus-Lockdown. Keine Geldsorgen, im Homeoffice voll arbeitsfähig, die Kinder alt genug, dass sie sich selbst unterrichten und nicht selten machen sie Hausarbeiten während ich arbeite, backen Kuchen oder kochen Abendessen. Wir haben eine Wohnung, die jedem Kind einen Raum gestattet und ich habe ein eigenes Schlafzimmer mit Arbeitsplatz. Wir haben sogar einen Balkon auf dem zwei Personen gemütlich draußen sitzen können.

Dennoch beneide ich gerade Menschen, die auf dem Land leben und schaue ich mir auf Instagram Bilder von Gärten und von Wäldern oder menschenleeren Feldern an. Ich denke zurück an eine Zeit in der man noch reisen konnte.

In Berlin lebe ich hauptsächlich, weil ich alles machen könnte, wenn ich wollte. Ich könnte ins Theater, zum Poetry Slam, ins Kino, ins Museum, zu einer Kunstausstellung, in eine hippe Bar und ins Restaurant meiner Wahl. Mache ich alles so gut wie nie, aber ich KÖNNTE. Es hat mich deswegen überrascht, dass alleine das nicht können, selbst wenn ich es realistischerweise so gut wie nie tue, ein Gefühl von Einschränkung verursacht. Aber was solls. Uns geht es hervorragend. Wir sind gesund.

So geht es wahrscheinlich (glücklicherweise) vielen. Und genauso wahrscheinlich ist es einigen dieser vielen nicht ganz klar, dass sie in einer priviligierten Bubble leben. Denn wenn ich höre, dass wir jetzt auch mal wieder zum Normalzustand übergehen müssen und „Durchseuchung“ auch ein Weg raus aus der Krise sei (und immer noch „Blabla Grippe“), denn jetzt sei ja auch mal gut, dann möchte ich am Strahl kotzen.

Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass es okay sei, dass andere sterben, damit man selbst wieder im gewohnten Alltag leben kann? Ist man wirklich dermaßen kurzsichtig, dass man davon ausgeht, dass dann eben andere sterben und nicht die eigenen Eltern, Großeltern, die Nichte mit Vorerkrankung oder man selbst elendig tagelang in einer Art Ertrinkungstod verreckt? Und selbst wenn…können einem die anderen wirklich so dermaßen egal sein?

Ich will auch, dass alles bald wieder normal ist. Ich will es v.a. für die alten Menschen in Alten- und Pflegeheimen, die jetzt seit mehreren Wochen in einer Art unverschuldeter Isolationshaft leben, deren einziger Lichtblick es vielleicht ist, dass ein, zweimal am Tag jemand anruft oder mal ein Brief ankommt, den sie worst case ohne Hilfe gar nicht lesen können.

Ich will es für alle Menschen, die zu Risikogruppen gehören.

Ich will es für alle Ärztinnen und Ärzte, für Krankenschwester und -pflegerinnen, die sich tagtäglich dem Risiko aussetzen angesteckt zu werden. Für die Supermarktverkäufer*innen und für die Paket-Zusteller*innen und alle anderen, die durch ihren Beruf gezwungenermaßen Kontakt zu vielen Menschen haben.

Ich will es für all die Schwangeren, die in diesen Tagen sehr wahrscheinlich ohne ihre Partner*innen (und ohne gute Hebammenversorgung) ein Kind auf die Welt bringen müssen.

Für uns alle.

Aber die Lösung kann einfach nicht sein, dass wir zum Normalzustand übergehen. Wir müssen uns weiter zusammenreißen. Hände waschen, Abstand halten, Kontakt nur, wo es unbedingt sein muss, Gesichtsmasken tragen, auf einen Teil der Grundrechte verzichten. Vielleicht sogar vorübergehend Tracing-Apps [1] installieren und mit Lösungen klar kommen, die nicht hundertprozentig zu Ende gedacht sind.

Aber v.a. auch emphatisch sein. Jede/n belastet etwas anderes und wer die Kraft hat, kann das anhören und auffangen. Wir wissen doch gar nicht wie es den Menschen mit den großen Gärten auf Instagram wirklich geht. Ob sie von ihren Großeltern getrennt sind, ob eine schon vor der Krise angespannte Familiensituation jetzt beinahe unerträglich ist, ob die Familieneinkünfte zusehends wegbrechen.

Deswegen: Durchhalten, weiter vernünftig sein, andere nicht aburteilen, für andere da sein (wenn es geht) und auf das hören, was offizielle Stellen jetzt empfehlen.


[1]

P.S. Dingende Leselektüre diese Woche die Kolumne von Christian Stöcker „Corona-Debatte: Das hier ist kein Krieg

„In der Debatte über die Pandemie scheinen bei vielen ein bisschen die Maßstäbe dafür abhandengekommen zu sein, was unsere humanistisch begründeten liberalen Demokratien eigentlich ausmacht.“

Christian Stöcker

38 Gedanken zu „Wehe einer meckert?“

  1. Das Leben auf dem Land hat seine Vor- und Nachteile. Wir sind vor etwa 30 Jahren aufs Land gezogen, weil es in der Stadt keine Mietwohnung gab. Und Eigentumswohnungen oder gar Häuser waren unbezahlbar. Auf dem Land haben wir ein altes Fachwerkhaus gefunden. Renovierungsbedürftig, aber bezahlbar. Vor wenigen Jahren haben wir es vollständig abbezahlt. Die Mietpreisentwicklung kann uns mal.
    Ja, Kultur gibt es im Vergleich zur Stadt deutlich weniger. Aber ich nutze Kulturangebote ebenfalls recht wenig. Und wenn es denn mal sein muss, dann kann ich die nächste Stadt mit dem Auto in knapp einer Stunde erreichen. Unmöglich ist das nicht. Die langen Fahrzeiten sind in der Tat das größte Problem. Ich brauche jeden Tag eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit. Das ist sehr lästig.
    Auf der anderen Seite haben wir einen zwar kleinen, aber gemütlichen Garten, den wir zumindest am Wochenende nutzen können. Sowas würde in der Stadt Unsummen kosten.
    Alles in Allem hat Niemand einen Grund, auf den jeweils Anderen neidisch zu sein. Beides hat seine eigenen Vor- und Nachteile.

    1. Tatsächlich leben wir alle hier in Deutschland auf einer Insel der Glückseligen – denn egal, welche Strategie Anwendung findet, es kostet immer Menschenleben.
      Der Lockdown kostet:
      – v.a. Kinder und Frauen ihre körperliche Unversehrtheit
      – den Lebensmut vieler älterer Menschen
      – stürzt viele Menschen in existenzielle Probleme
      – der Fortschritt der letzten Jahrzehnte in den Entwicklungsländern bricht in sich zusammen, trifft v.a. Frauen besonders hart,
      viele werden hier mit dem Leben bezahlen.
      Nur mal so, keine Ahnung, was richtig ist. Aber ich denke, dass jede „Lösung“ ihren Preis kostet.
      PS: Unser Garten ist super und im Moment liebe ich das Landleben.
      Herzlich
      Petra

  2. Theo Dorn hat sich m.E. ein paar lesenswerte Gedanken zu den negativen Auswirkungen des Abstandhaltens für unsere gefährdetsten Mitbürger gemacht: https://www.zeit.de/kultur/2020-04/sterben-coronavirus-krankheit-freiheit-triage/komplettansicht
    Wenn ich mir meinen alten 75jährigen und seit Jahren an COPD erkrankten Vater anschaue, dann wird die derzeitige Isolation, sollte sie noch einige Monate anhalten, vom kleineren Übel zum gefühlt für ihn bald größeren Übel werden.

  3. was manchmal vergessen wird: die Propagierung des Abstands kann auch negative Auswirkungen auf die Gesundheit geben, das darf man trotz Corona nicht vergessen. Natürlich kann ich das nicht belegen, aber in meiner Notaufnahme ist viel weniger los, es kommen weniger Herzinfarkte,Schlaganfälle etc.- gibt es jetzt weniger? Oder wagen sich die Leute nicht, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen oder erhalten schwerer Zugang? Was passiert mit der psychischen Gesundheit durch Isolation? Ich finde schon, dass auch die negativen möglichen Folgen mit diskutiert werden sollten. Und ich fürchte, die werden zunehmen, je länger die Isolation dauert.

  4. Hmm, die Äußerung „im Strahl kotzen“ klingt jetzt auch nicht nach Akzeptieren anderer Meinungen, sondern eher nach Aburteilen, aber vielleicht täusche ich mich da auch?.
    Diesen „neuartigen“ Corona-Virus kannte noch niemand, deshalb waren diese drastischen Maßnahmen wohl richtig und vernünftig, nun, wo man ihn besser kennt, ist es an der Zeit, mit dem Wissen weiter zu arbeiten. Und, auch wenn das für Betroffene und ängstliche Menschen schlimm klingt, ist es an der Zeit, die Maßnahmen wieder runter zu fahren. Denn tatsächlich, ist Corona nicht viel schlimmer als die Grippe. An der sterben auch pro Saison bis zu Zehntausende meist ältere Menschen. Es wütet halt nicht schlimmer, weil viele geimpft sind. Warum soll es unzulässig sein, das zu sagen? Diesen Vergleich habe ich selbst von Ärzten gehört. Ich denke, wir sind jetzt an dem Punkt, wo es weitergehen muss, das ist besser für die Familien (nicht in allen läuft es so fluffig wie in Deiner), die Einsamen (auch viele Ältere), und die Wirtschaft (ohne die würde auch das Gesundheitssystem zusammenbrechen, das kann doch auch keiner wollen). Mit den Risiken muss man umgehen.

    1. Wenn es darum, dass andere Menschenleben gefährden wollen, dann toleriere ich die Meinung tatsächlich nicht. Dass Corona nicht viel schlimmer sei als die Grippe ist eine Fehlinformation, die gerne gezielt eingesetzt wird, damit man ein Argument hat, die Einschränkungen aufzuheben.

  5. Genauso sehe ich das auch und erwarte keine Voraussagen, wann denn nun die Maßnahmen gelockert werden können, stelle mich lieber darauf ein, dass das noch lange so weitergeht. Wat mutt datt mutt!

  6. Einfach: Danke

    Natürlich geht uns allen in diesen Tagen ein großer Teil unserer Lebensqualität abhanden, auch mein Kind möchte spielen, lernen, Freunde treffen… aber diesen Preis müssen wir annehmen und damit klar kommen.

    Zu dem langen Kommentar weiter oben:
    Nachdenken über diese Situation ist erlaubt, jederzeit. Aber manche Mängel erkenne ich doch in ihrem Text:
    Wann Lockerungen kommen, hängt vom Ablauf und Verlauf der Zahlen der kommenden Tage ab. Davon wieviele nun erst Symptome zeigen.
    Es geht uns gut in diesem Land, zumindest den meisten. Es werden Hilfen angeboten, so dass fast alle eine Chance haben dieses Chaos zu überwinden.
    Und so schwer es auch fallen mag:
    Aber wir müssen abwarten, jeder andere Weg wäre falsch.

  7. Ich habe ehrlich gesagt nicht den Eindruck, dass es viele gibt, die fordern, wieder zum „Normalzustand“ zurückzukehren. Wohl aber wird die Stimme derer lauter, die langsam mal den ungefähren Plan einer Exit-Stratgie erfahren möchten.

    Hintergrund ist: Es werden nur (von allen Seiten) Durchhalteparolen ausgegeben und teilweise sogar weitere, stärkere, längere Einschränkungen gefordert, ohne, dass mal öffentlich eine mögliche „Haltemarke“ gesetzt wird.

    Gängige Allgemeinplätze scheinen mir v.a.:
    – „wir sind noch ganz am Anfang“ (ok, wann ist dann der Höhepunkt erreicht, wenn man schon weiß, wie der Anfang aussieht?),
    – „wir können erst an eine Lockerung denken, wenn das Gesundheitssystem ausreichend vorbereitet ist“ (wann soll das denn sein, wo sich selbst führende Köpfe und Institutionen sowohl uneins über Zahlen (von Intensivpflegeplätzen und Infektionen) als auch Auslegung (Ist ein Bett frei, wenn es frei ist oder muss zum Bett auch noch Beatmungsgerät UND der passende Intensivmediziner zur Verfügung stehen?) sind? Und wer wird das entscheiden? Ist unser Gesundheitssystem dann bereit, wenn es 80 Mio. Betten mit dazugehörigen Ärzten hat?),
    – „es ist noch zu früh…“ (ok, aber welche Voraussetzungen müssen denn ungefähr vorliegen, dass man über Lockerungen nachdenken darf, wenn man schon weiß, dass es jetzt noch früh ist?).

    Bitte nicht falsch verstehen, die Maßnahmen mögen allesamt richtig sein (wir werden es vermutlich nie sachlich aufgearbeitet bekommen und werden im Glauben leben müssen, dass es so wie es gemacht wurde, goldrichtig war), aber ich finde, die Menschen im Land verdienen neben teilweise sechszehn recht unterschiedlichen Maßnahmenkatalogen mit teilweise noch örtlich weiter abweichenden Facetten (in Köln darf man auf öffentlichen Grünflächen sitzen, woanders hat man sogar Parkbänke abmontiert, damit sich ja niemand, auch wenn er es geundheitlich vielleicht bräuchte, sich auch im Entferntesten nur drakdenken soll, niederlassen kann / in manchen Bundesländern sind Baumärkte noch geöffnet, woanders darf man nicht mal am Drive-Through-Schalter vom Baumarkt etwas nach vorherige Bestellung abholen), zumindest ungefähre Kriterien (Verdoppelung der Infektionszahlen alle 7 Tage, 2 Wochen, 1 Monate…? tägliche Neuinfektionen <100?), wann die beispiellose Einschränkung vieler verbriefter Grundrechte wieder zurückgenommen wird.

    Mir ist bewußt, dass selbst Virologen (öffentlich) keine Prognosen wagen, aber ungefähre Kriterien dürfen mMn. schon mal langsam erwartet werden. Und so lange sich da niemand mit zumindest stark schwammigen Eckpunkten aus der Deckung wagt, verstehe ich den Wunsch der wenigen (!) Leuten, denen langsam (ggf. auch trotz großen Gartens auf dem Land) der Geduldsfaden reißt, v.a. wenn sie sehen müssen, wie der eigene Betrieb ziemlich zügig den Bach runter oder der eigene Arbeitsplatz gerade flöten geht.

    1. Hallo,
      genauso ging es mir auch. Mir hat folgendes Video geholfen, die Kriterien und die Ziele etwas besser einzuordnen:
      https://youtu.be/3z0gnXgK8Do
      Das ist von Mailab und ja, am Anfang kommen da auch die üblichen Sätze, aber sie geht im weiteren Verlauf darauf ein. ich finde es darüberhinaus gut recherchiert!

      Im übrigen bin ich auch dankbar, wie gut es uns geht: Ja, mein Gehalt ist wegen der Kurzarbeit gekürzt, aber dafür brauche ich derzeit den Kindergarten nicht zu zahlen. Außerdem ist herrliches Balkon-Wetter und wir können jederzeit spazieren gehen, weil wir zum Glück nicht in einer Großstadt leben. ?

      Haltet durch! Es kommen wieder andere Zeiten! Aber physisch Abstand werden wir wohl noch länger halten müssen …

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