Draußen, das Meer

Einmal im Jahr muss ich ans Meer. Der Zug dorthin ist voll. In einer 4er Sitzkombination sitze ich mit zwei älteren Damen. Ein Mann um die 50 gesellt sich zu uns. Ob da noch frei wäre, fragt er und deutet auf den Platz neben mir. „Na klar“, antworte ich. Woraufhin er sich an mir vorbei drückt. Er hat einen klitzekleinen Koffer, den er sich zwischen seine Beine stellt. Der Koffer ist anscheinend so etwas wie ein Scheinriese. Sieht klein aus, aber nimmt waaaahnsinnig viel Platz weg. Der Mann drückt mich deswegen zur Seite. 2/3 des Platzes gehören jetzt ihm, 1/3 mir. So hab ich mir das nicht vorgestellt. Seine Jacke fällt halb über mich, sein Ellbogen in meiner Seite. Sein linkes Bein drückt auf mein rechtes Bein.

Der Typ im Zug ist wie ein Hefeteig. Ein Hermann. Hermann-Teig fand ich schon immer gruselig. Er lebt für immer und breitet sich aus. Ich mache mich kleiner und der Hermann nimmt sich noch mehr Platz. Gleich falle ich von der Sitzbank. Doch dann fasse mir ein Herz. Ich bitte ihn, sein Minigepäck unter dem Sitz zu verstauen: „Dann haben Sie mehr Platz und ich auch.“ Dabei achte ich darauf, dass ich keine Kopfstimme einsetze. Er schaut mich genervt an, verstaut dann aber sein Zwergenköfferchen. Die beiden älteren Damen lächeln mir verschmitzt zu. Dieses Mal hat der Hefeteig verloren. Ich bin so stolz als hätte ich gerade was wirklich wichtiges für die Menschheit erreicht.

Wir kommen an. Mit meinem Röllköfferchen rattere ich durch die kleine Stadt. Ich hab das billigste Hotel gebucht, das in Meeresnähe zu finden war. Einzelzimmer Waldseite. Ich wollte Berlin entfliehen. Ausnahmsweise ein bisschen Ruhe.

Zimmer 307. Ich drehe den Schlüssel im Schloß – wie lange war ich nicht mehr in einem Hotel mit echtem Schloss? Statt des gebuchten Einzelzimmers erwartet mich ein großes, sehr häßlich eingerichtetes Zimmer mit Turmerker. Ich bin begeistert. Auf der Website stand unter „Besonderer Komfort“: Teppichboden. Ja, den hat es. Das Muster des Teppichs, beisst sich mit dem der Gardinen und dem des Bettes. Ich laufe zum Erker und sehe, dass ich freie Sicht auf das Meer habe. So ist das wenn man 288 Grad Fenster hat. Also zumindest stehen die Chancen dann recht gut.

Ich schnappe mir meinen Rucksack und laufe zum Meer. Am Himmel flattern die Drachen. Kinder in Winterjacken laufen barfuß durch das Wasser. Ich hebe einen Stein auf. Den nehme ich nicht mit. Diesmal bin ich nicht eine von den Touristinnen, die jährlich 20 Tonnen Ostseesteine verschleppen. Ich laufe weiter über die Seebrücke und dann zurück in die Stadt. Ich muss jetzt irgendein Fischbrötchen essen. Ich lasse es mir einpacken und gehe weiter zum nächsten Supermarkt. Da stehe ich ratlos vor einem Regal als auf der anderen Seite des Regals jemand unglaublich laut furzt. Wenige Sekunden später läuft sehr langsam und bedächtig eine ca. 70jährige Dame an mir vorbei. Wir tun beide so als seien wir unsichtbar.

Zurück im Hotel lege ich mich aufs Bett und höre dem Meeresrauschen zu. Es ist unfassbar laut. Fast so wie eine Autobahn. Ich kann nicht schlafen.

Am nächsten Morgen stehe ich um 7 Uhr auf. Endlich mal ausschlafen. Das Meer ist immer noch da. Es rauscht und rauscht. Ich nehme die Treppen in den Frühstücksraum, wo ich mich wie eine ordentliche Deutsche am Buffet eindecke als ob es die letzte Mahlzeit ist, die ich jemals bekomme. Die Brötchen sind wunderbar. In Berlin gibt es nie gute Brötchen. Egal in welche Bäckerei man geht, es gibt nur Aufbackbrötchen. Die echten Bäcker sind alle weggezogen. Irgendwo in Brandenburg gibt es ein ganzes Dorf in dem nur Bäcker leben. Der Kaffee ist dafür umso schrecklicher. Eine dünne Flüssigkeit, die trotzdem wahnsinnig bitter ist. Ich trinke ihn trotzdem. Gewohnheiten darf man nicht einfach brechen. Dann stecke ich mir noch heimlich winzige Marmeladenpakete in die Taschen. Umweltsünden, aber mein Vater hat mir früher von Geschäftsreisen immer welche mitgebracht. Das fand ich toll, obwohl ich schon als Kind keine Marmelade gegessen habe.

Dann gehe ich zum Meer und laufe. Ziellos. Bis ich keine Lust mehr habe. Schließlich drehe ich um und laufe durch den Wald zurück. Es riecht nach Pilzen und Kiefern. Es ist wunderbar. Aber ich frage mich: Darf ich durch den Wald laufen, wo ich Wald doch viel leichter als Meer haben kann? Habe ich nicht eine Meerlaufverpflichtung?

Die Sonne scheint, es ist so warm, dass ich meine Jacke nicht brauche. Wahnsinn. Ich möchte Fahrradfahren. Also gehe ich in die Stadt zurück, esse eine Brezel und suche den einzigen Fahrradverleih im Ort. In der Zwischenzeit ist es Mittag geworden. Als ich nach einem Fahrrad frage, schaut mich der Fahrradmensch an, als sei irgendwas mir mir nicht in Ordnung. „Jollakulla ei ole kaikki muumit laaksossa“, schreibt mir genau in diesem Moment meine Freundin. Das ist finnisch und heisst jemand habe seine Mumins nicht alle im Tal. „Das Fahrrad wollen sie für heute?“ „Ja“ „Aber es ist schon 12.30 Uhr!“ „Ich nehme es trotzdem?“ „Hmmm. Ist ja ihre Sache.“ Jollakulla ei ole kaikki muumit laaksossa, diese Touristinnen!

Ohne Helm setze ich mich auf das Rad. Ich trage sonst immer Helm. Ich fühle mich seltsam und dann fahre ich und fahre ich und fahre ich. Durch den Wald, über Radwege, an den Dünen entlang, quer durch ein Dorf auf die andere Seite zum Achternwasser, wo ich merke: Ich bin ein Achternwassermensch. Das wusste ich noch nicht. Ich setze mich auf eine Bank und schaue auf das Schilf. Ich liebe Wasser, aber das Gerausche und der Wind, das ist schon ein bisschen anstrengend. Hier auf der anderen Seite ist es friedlich.

So verbringe ich meine Tage. Beim Frühstück beobachte ich Paare, die sich nichts zu sagen haben. Frauen, die ihren Männern kleine Frühstücke vom Buffet zusammenstellen und sie servieren. Männer, die sich hinter Zeitungen verstecken. Frauen, die sehnsüchtig auf Zeitungswände schauen. Ab und an sehe ich entspannte Familien. Quirlige Kinder, den Eltern hinterher oder vorausstapfende Teenager. Und jeden Tag das Meer.

Am letzten Abend gehe ich ein Restaurant. Ich werde an einen Tisch gesetzt, der vor einem Spiegel steht. Der Single-Tisch. Wie ein Wellensittich fühl ich mich. Neige meinen Kopf, schaue freundlich mein Spiegelbild an. Hallo. Hallo! Du isst ja das selbe wie ich. Wir haben so viel gemeinsam. Das verbindet.

Wenn euch meine Texte gefallen, könnt ihr mir einen Kaffee ausgeben. Ich trinke ihn in Berlin. Darüber freue ich mich!

144 Gedanken zu „Draußen, das Meer“

  1. Einmal im Jahr allein ans Meer, herrlich hässliche Einrichtung, Meerlaufverpflichtung, sich von Fisch ernähren – yesss!

    Unser beider Bedürfnisse und Gedanken dazu sind ähnlich, scheint mir!

    Danke für’s „In-Worte-gießen“!

  2. Oh, Ostsee my love. Ich denke jetzt schon an den nächsten Sommer, um wieder hineinzuspringen und schöne Fotos mit Sand und viel Blau zu machen. Schöne Reiseerzählung!

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