Gendermarketing abschaffen

Illustration: Till Lassmann

Disclosure: Dieses Jahr habe ich die Ehre Jury-Mitglied bei der Verleihung des goldenen Zaunpfahls zu sein. Der goldene Zaunpfahl ist ein Negativpreis für absurdes Gendermarketing.

In meinem aktuellen Buch „Raus aus der Mental Load-Falle: Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt„* beschreibe ich was Mental Load ist und gehe dann der Frage nach -> Wenn es zu einem Ungleichgewicht gekommen ist, wie schafft man es sich zu entlasten? Ich schaue also nach vorne. In Interviews werde ich hingegen oft gebeten den Blick nach hinten zu richten: „Wieso ist das eigentlich so? Wieso tragen v.a. Frauen den Großteil der mentalen Last für die Familie und die Haushaltsangelegenheiten?“

Die Antwort ist banal und gleichzeitig sehr komplex: Es liegt an der Sozialisation und daran welche Rollenstereotypien es für Männer und Frauen in unserer Gesellschaft gibt und daran, dass sich die meisten Paare spätestens nach der Geburt des Kindes auf eine Aufgabe spezialisieren: Männer werden finanzielle Versorger und Frauen Kümmerer. Viele Menschen halten das – wenn nicht gleich für gottgegeben – mindestens für biologisch selbstverständlich (und ignorieren damit wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass die Möglichkeit sich zu Kümmern nicht am Geschlecht hängt[1].)

Etwas lustiger durch Christian Hanne, Autor des Buchs „Papa braucht ein Fläschchen: Überlebenstipps für das erste Jahr als Vater“* formuliert: „Abgesehen vom Stillen können Sie [als Vater] alles, was mit dem Säugling zu tun hat, genauso gut wie Ihre Partnerin – die hat nämlich erst mal auch keinen Plan.“ Aber genau das wird eben gerne übersehen.

Zementiert durch Glaubenssätze wie „Ein Kind gehört zur Mutter“ oder „Fürsorge liegt den Frauen im Blut“, lernen Mädchen von klein auf, was ihnen liegt und werden für das richtige Verhalten gelobt und verstärkt. Mädchen sind brav, sauber, hübsch und sollen nicht so vorlaut sein.

Dementsprechend werden sie mit Spielsachen versorgt. Ein Mini-Wischmopp, eine rosa Kinderküche, Puppen, die gefüttert und in den Schlaf gewiegt werden müssen. Sie bekommen Kleidchen und enge Hosen ohne Taschen und damit man schon einem Baby ansieht, ob es weiblich oder männlich ist und die entsprechenden Zuschreibungen vornehmen kann, bekommen schon die Säuglinge Ohrringe gestochen und Stirnbänder mit Blumen angezogen.

Niedlich, oder? Und total kleinkindgemäß, nicht?

Den Jungs auf der anderen Seite geht es nicht besser. Sie haben auch keine Wahl. Mann ist wer stark ist, wer Macht ausüben kann, wer im Wettkampf Dominanz zeigen kann, wer sich gerne rauft und v.a. wer bitte nicht rumheult.

Den künstlerisch interessierten Jungs, den Jungs, die gerne tanzen und singen und denen, die tierlieb sind und gerne Puppen versorgen, den wird das schon noch ausgetrieben. Die Werbung zeigt ihnen, was männlich ist und was nicht. Jungs wollen Abenteuer erleben, raus in die Welt. Wenn eine verirrte Seele Sport machen will ohne dass der Wettkampf zentral ist, dann aber bitte Bauch, Beine, Po für Männer![2]

Schon von klein auf interessieren sich Jungs für Technik, nicht wahr?

So begleiten uns die Vorstellungen davon, was „echte“ Frauen und was „echte“ Männer gerne mögen und tun von klein auf. Kein Wunder also, dass Frauen nach der Geburt des ersten Kindes oft gar nicht im Detail nachdenken, was es für Folgen haben wird, wenn sie jetzt ein Jahr oder länger aus dem Beruf aussteigen und dann dauerhaft Teilzeit arbeiten und auch Männer durchdenken die Konsequenzen nicht in den Einzelheiten. Sie schaffen die Kohle ran, bauen bestimmte häusliche Kompetenzen nicht auf: Was es zu essen gibt, welche Schuhgröße die Kinder haben, wie die Klassenlehrerin heißt, wann das Sommerfest ist und was mitzubringen ist: Frauensache – denen liegt das ohnehin viel mehr. Ihnen bleibt der Druck Alleinverdiener zu sein und nie ausfallen zu dürfen, weil dann die Raten fürs Reihenhaus und das schöne Auto nicht abgezahlt werden können.

Natürlich sind nicht nur die Spielsachen schuld, wie gesellschaftliche Bilder vom Mann- und Frausein entstehen, aufrechterhalten und weitergeben werden. Auch die politischen Rahmenbedingungen und Ungleichgewichte wie dass es z.B. bezahlten Mutter- aber keinen bezahlten Vaterschutz gibt, dass es wenig Anreize gibt – wenn überhaupt – mehr als 2 Monate Elternzeit zu nehmen, Ehegattensplitting und einseitige Modelle von Karrierewegen etc. spielen eine große Rolle, dass es nicht so einfach ist, diese tradierten Rollen zu überwinden.

Es ist dennoch nicht zu unterschätzen, wie sehr unsere Kinder von klein auf in Schablonen gepresst und wie ihnen die Wahlmöglichkeiten eingeschränkt werden. Gendermarketing spielt hierbei eine große Rolle. Gendermarketing bedient keine biologischen Gegebenheiten sondern ordnet künstlich zu.

Den Seiten des goldenen Zaunpfahls ist zu entnehmen: „Die Strategie des Gendermarketing verkauft eine Welt, in der nicht nur Farben, sondern auch Interessen, Verhaltensweisen und Eigenschaften streng nach Geschlecht getrennt werden. Wahlfreiheit jedenfalls ist nicht ihr Ziel, und besonders Kinder bekommen das zu spüren.
Der Goldene Zaunpfahl möchte genau darüber einen Dialog anregen und stellt Fragen zu Vielfalt und Identität, zu Zugehörigkeit und Normierung. Er will die limitierenden Botschaften, die traditionellen Rollenvorgaben und unterschätzten Wirkmechanismen von Werbung und Produktdesign offen legen. Er erinnert die Marketingbranche mit ihrem jährlichen Gesamtumsatz von 45 Milliarden Euro an ihre gesellschaftliche Verantwortung.“

Antje Schrupp schreibt in „Gegen den Geschlechterblödsinn„: „Indem wir Gendermarketing tolerieren, zementieren wir Rollen, behindern wir Kinder in ihrer freien Entfaltung. Wir machen es ihnen schwer, zu ihren eigenen, individuellen Vorlieben und Stärken zu finden, indem wir sie schon als Babys darauf trimmen, dass sie als Mädchen dies und als Jungen das zu wollen hätten.“

Das Problem ist also nicht, dass ein Mädchen eine Prinzessin sein möchte, sondern dass viele Mädchen in ihrer Phantasie gar nichts anderes mehr sein können als eine rosa glitzernde Einhornprinzessin und das es auf der anderen Seite gesellschaftlich ein Problem darstellt, wenn ein kleiner Junge davon träumt eine rosafarbene Einhornprinzessin zu sein, weil die Gesellschaft von ihm eben erwartet, dass er bitte der tapfere Ritter ist, der die Prinzessin rettet.

Deswegen unterstütze ich den goldenen Zaunpfahl gerne und bitte euch, eure Nominierungen bis Ende Oktober einzureichen.


[1] „Inzwischen ist aber widerlegt, dass es so etwas wie einen Mutterinstinkt gibt: Ein Forscherteam der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv konnte 2014 zeigen, dass die Amygdala – der für Gefühle zuständige Teil des Gehirns – bei Männern die gleiche, erhöhte Aktivität zeigt wie bei Frauen, wenn sie die wichtigste Bezugsperson eines Babys sind. Mit homosexuellen Probanden gelang der Nachweis, dass für die Entstehung einer starken Bindung nicht das Geschlecht entscheidend ist, nicht einmal die biologische Verwandtschaft, sondern allein, wie viel Zeit man wie intensiv für ein Baby sorgt.

Die Autoren der Studie kamen denn auch zu dem Schluss: «Während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit starke Grundlagen für die mütterliche Fürsorge durch Amygdala-Sensibilisierung liefern, schuf die Evolution andere Wege für die Anpassung an die Elternrolle von Vätern. Und diese alternativen Wege kommen mit Praxis, Einstimmung und täglicher Betreuung.» Beim Haushalt versteht sich von selbst, dass diese Aufgaben von allen erledigt werden können.“

aus „Wie Männer ins alte Muster fallen“ von Paula Scheidt, mehr zu diesem Themenkomplex in dem Buch „Mutter. Sein.: Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs„* von Susanne Mierau.

[2] Wen das Thema (toxische) Männlichkeitsbilder, dem sei „Prinzessinnenjungs: Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien„* von Niels Pickert empfohlen.

*Amazon-Werbelink

43 Gedanken zu „Gendermarketing abschaffen“

  1. kleine Zwischenfrage: Was hat eigentlich das Ehegattensplitting mit Rollenfestschreibungen in Partnerschaften zu tun? Das Splitting hat nur Einfluss auf die Höhe der Vorauszahlungen. Am Ende ist das Steuerrecht völlig neutral in diesem Punkt. Ob das Familieneinkommen 50/50, 80/20 oder 100/0 erwirtschaftet wird, spielt für die tatsächliche Steuerbelastung keine Rolle. Die ist nämlich immer gleich bei ansonsten gleichen Bedingungen.

  2. Mein Großer war ein ausgesprochen schlechter Schläfer, und lange Zeit haben mein Mann und ich uns die Nächte aufgeteilt. Wenn ich auf der „verantwortlichen“ Bettseite schlief, wachte ich sofort auf, wenn er sich meldete. Auf der anderen Seite schlief ich wie ein Stein. Ich bin ein Mensch, der sich sehr für das Wohlergehen Anderer verantwortlich fühlt, habe aber eben auch großes und v.a. berechtigtes Vertrauen in meinen Mann. Die genetische Disposition zum Kümmern halte ich ebenfalls für ausgewiesenen Schwachsinn. Danke dafür!

  3. Warum sollten Männer bezahlten „Vaterschutz“ bekommen? Der Mutterschutz ist doch in erster Linie für die Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes von schwangeren Arbeitnehmerinnen, Wöchnerinnen und stillenden Arbeitnehmerinnen am Arbeitsplatz da. Also hauptsächlich zum physischen Schutz. Der Vater ist weder schwanger, noch stillt er oder hat körperliche Komplikationen durch die Schwangerschaft/Geburt zu ertragen. Oder habe ich was falsch verstanden?

    1. Was spricht dagegen, dass ein Vater die ersten Wochen auch nutzen kann, um sich mit seinem Kind und dessen Bedürfnissen vertraut zu machen und so seine körperlich angeschlagene Frau zu entlasten? V.a. dann wenn es noch ein Geschwisterkind gibt.
      Denn wer genau unterstützt denn sonst die Neu-Mutter, die u.U. nicht mal richtig aufstehen kann und sich nur schwer selbst versorgen kann, während sie auch noch den psychischen Stress hat, dass jetzt bitte alles klappt.

      1. Dagegen spricht gar nichts. Dafür ist doch die Elternzeit da, oder irre ich mich? Das spezielle Konzept „Mutterschutz“ an sich betrifft nunmal nur die Person, die das Kind austrägt.

        1. Meine Elternzeit ist schon länger her, aber Stand damals war, dass man nicht Elternzeit und Mutterschutz parallel nehmen kann und dass ein Vater, der den Mutterschutz begleiten will, deswegen Urlaub nehmen muss.

          1. Das ist heute zum Glück nicht mehr so. Ich habe meinen Mann „verdonnert“ gleich nach der Geburt Elternzeit zu nehmen. Aber leider sehe ich das in meinem Umfeld sehr sehr selten. Viel zu oft muss sich Mama wenige Tage nach der Geburt allein um die Kinder (/das Kind) und sich selbst kümmern. Und das ist oft anstengender oder körperlich belastender als die bezahlte Arbeit, die zum Schutz der Mutter nicht erlaubt ist. Viel zu oft hat es langfristige Folgen für die Mutter, wenn sie diese Zeit eben nicht zur Genesung nutzen kann, weil sie sich um die Kinder kümmern muss, z.Bsp für den Beckenboden – spricht nur keiner drüber. Daher bin auch ich ganz klar für einen „Vaterschutz“ – oder z.Bsp. 1 bis 2 zusätzliche Elternzeitmonate für den Vater, wenn diese direkt nach der Geburt genommen werden.

  4. Was mich wieder daran erinnert, wie es mich geärgert hat, dass mein Mann keine Bonusmonate Elterngeld bekommen hat – weil er nur 20 Stunden arbeitet, und man erst ab 25 Stunden den Zuschuss bekommt (Wir haben das erste Jahr beide nur 20h gearbeitet, dann habe ich aufgestockt)

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