Jammert lauter!

Neulich erschien mal wieder einer dieser unsäglichen „Moderne Eltern, stellt euch nicht so an“-Texte, denn so die Logik der Autorin „die Mütter früher haben das auch alles geschafft und sich nicht beschwert“*. Im Subtext ein Appell an die Eigenverantwortung. Ein bisschen zusammenreißen müsse man sich jetzt eben und wie man aus diversen (überflüssigen) Social Media Konversationen weiß: „$BELIEBIGERMISSSTAND ist viel schlimmer“.

Glücklicherweise bin ich keine Journalistin und deswegen müssen meine Texte nur zwei Sachen haben: Ein Anfang und ein Ende und dazwischen schreibe ich einfach, was mir in den Sinn kommt.

Wie der Zufall es will, bereite ich gerade eine Reihe von Vorträgen zum Thema Mental Load vor, denn erfreulicherweise interessieren sich immer mehr Unternehmen für das Thema. Als die ersten Anfragen vor einigen Jahren eintrudelten, habe ich mich gewundert: Warum ist das so? Warum interessieren sich Unternehmen für privaten Mental Load?

Das Zauberwort heisst Fachkräftemangel. Dabei gab es in den Personal-Abteilungen wohl folgende Erkenntnisse:

  • Es gibt nicht genug Männer mit der entsprechenden Qualifikation, die wir einstellen können.
  • Für die Männer, die es gibt, können wir nicht unendlich im Faktor Gehalt konkurrieren. Es gibt andere Gründe, warum sich qualifizierte Leute für den einen oder anderen Arbeitgeber entscheiden. Ein großer Hebel ist hier Vereinbarkeit.

Kaum hatte man sich zum Thema Vereinbarkeit Gedanken gemacht, kam die nächste naheliegende Erkenntnis:

  • Wenn es nicht genug Männer gibt, die wir einstellen können, vielleicht gibt es ACHTUNG! Frauen, die wir einstellen können?
  • Oh, viele qualifizierte Frauen sind durch die Verantwortlichkeiten in ihrer Familie ausgelastet. Deswegen arbeiten sie viel öfter Teilzeit, unterbrechen ihren beruflichen Weg viel öfter und länger als Männer (für Elternzeit z.B.) und trauen sich seltener Führungskräftepositionen zu.
  • Wenn wir uns ohnehin schon zum Thema Vereinbarkeit Gedanken gemacht haben – wäre es dann nicht naheliegend uns auf Frauen zu fokussieren und dann zu schauen, wo wir sie privat entlasten können, so dass sie ihre Ressourcen im Job besser einbringen können?

Und Tatsache – das ist ein – wenn nicht DER Schlüssel. Männer können (verallgemeinernd gesagt) berufstätig sein. Frauen können berufstätig sein, wenn sie es schaffen Familie und Haushalt so zu organisieren, dass sie genug Zeit und Energie haben zusätzlich erwerbsarbeiten zu gehen. Wenn man Frauen nun Teile der Sorgearbeit abnimmt, dann haben sie mehr Zeit und Energie übrig. Ziemlich einfache Rechnung.

Diese Einsichten haben sich Arbeitgeber zu nutze gemacht. Sie machen sich Gedanken, wie man qualifizierte Männer anlockt und ihnen sagt: Ja, wir zahlen gut, aber wir ermöglichen Dir v.a. auch Vater zu sein (z.B.). Teilzeit für Männer, Führungspositionen in Teilzeit, Elterngeldaufstockung, überhaupt Elternzeit auch mehr als zwei Monate ohne Diskussion zu ermöglichen – all das waren und sind zunehmen gute Argumente für Männer sich für einen Arbeitgeber zu entscheiden.
Und als – wie sagt man das eigentlich? Kollateralnutzen lockt das auch die Frauen an.

In der Techbranche geht es dann noch weiter: Man bietet haushaltsnahe Dienstleistungen an – eine Putzkraft; jemanden, der Wäsche abholt und gebügelt zurück bringt; mobile Friseure; Caterer für ländliche Regionen, in denen es keine Hortversorgung für Schulkinder gibt, so dass diese Mittagessen bekommen… Betriebskindergärten, Ferienbetreuungsprogramme, Unterstützung bei der Pflege von Angehörigen.

Hewlett Packard Enterprise zum Beispiel bietet seit 2019 Müttern und Vätern bei Geburt oder Adoption eines Kindes eine sechsmonatige Elternzeit bei voller Bezahlung. Auch SAP ist hier zukunftsweisend in den Rahmenbedingungen für seine Mitarbeiter*innen: »[Die rund 21 000 Mitarbeiter in Deutschland können] fast gänzlich frei entscheiden, wann sie von wo arbeiten. […] Außerdem hat das Unternehmen Krippen- und Kindergartenplätze, Eltern-Kind-Büros und Sonderzahlungen nach der Geburt eines Kindes im Angebot. Ein SAP-Sprecher sagt, die Rückkehrquote der Eltern nach der Elternzeit betrage 100 Prozent.«

Auch letzteres – also Fachkräfte, die zurückkommen und die lange bleiben – eine riesige Ersparnis, denn neue Mitarbeiter:innen zu akquirieren und einzuarbeiten – kostet einfach sehr viel Geld.

So und was hat das eigentlich zu tun mit: „Eltern, jammert nicht so viel“?

Ganz einfach: es gibt einen sehr wichtigen Satz, den man in der Sache im Hinterkopf haben muss: Überforderung kann auch durch unzureichende gesellschaftliche Organisation von Sorgearbeit entstehen.

Unzureichend war Sorgearbeit schon lange organisiert. Zu wenig Kita- und Hortplätze, zu wenig qualifiziertes Personal, zu wenig bezahlbare Plätze für kranke und alte Angehörige, zu wenig alles. Die Probleme von Alleinerziehenden hat man im Großen und Ganzen einfach ausgeblendet. Selbst schuld, wären sie doch bei ihren Partnern geblieben. Selbst schuld, was bekommt ihr auch Kinder, wenn ihr sie nur wegorganisieren wollt. Selbst schuld, selbst schuld, selbst schuld. Deswegen: Klappe halten!

Und das war VOR der Pandemie.
In der Pandemie dann völlige Ratlosigkeit. Es gibt keine Konzepte und kein Geld. Nur „Kita auf/Kita zu“, „Schule auf/Schule zu“ und sorry: lüften.

Dass das Leben von Eltern Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat langsam auseinanderfällt, die Energien schwinden, Nerven blank liegen und alles auf Burnout zusteuert, das interessiert nicht. Einzig und allein die Wirtschaft zählt. Die produktive Arbeit! Die Erwerbsarbeit! So als sei das alles völlig losgelöst vom Thema Sorgearbeit, als habe das nichts miteinander zu tun.

Dabei gibt es keine Erwerbsarbeit ohne Sorgearbeit. Die gibt es einfach nicht.

Sorgearbeit soll bitte leise, unsichtbar und selbstverständlich stattfinden und wehe (!) eine*r beschwert sich! Dann kommt die ganz emotionale Keule! Kann es sein, dass ihr eure Kinder nicht liebt? Würde sich jemand, der jemanden liebt, beschweren, wenn der Arbeit macht? Und pfui! Schon das Wort „Arbeit“ – „Sorgearbeit“ – wie herzlos ist das bitte?

Ja. liebe Turbokapitalist*innen – Sorgearbeit ist Arbeit. Auf jeder Ebene**. Egal, ob mit Kindern oder kranken und pflegebedürftigen Angehörigen. Und Sorgearbeit macht Erwerbsarbeit erst möglich. Und weil Erwerbsarbeit ja so wichtig ist, ist es auch Staatspflicht Sorgearbeit zu übernehmen. Denn das eine geht nicht ohne das andere.

Der Staat hat die Pflicht nötige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, wenn das System funktionieren soll: Es muss ausreichend und gute Betreuungsplätze (Kita, Schulen, Hort) geben, es braucht eine Pflegeinfrastuktur, es braucht bezahlbare Mieten, es braucht eine nutzbare Verkehrsinfrastruktur und eine Versorgung mit Breitbandinternet.

Nur leider wird genau in diese Themen nicht oder nicht ausreichend investiert. Weder in Euro noch konzeptuell. Im Gegenteil. Es wird abgebaut. Man denke nur an die Hebammen, die Zerwirtschaftung von Krankenhäusern und die Verheizung von Pflegepersonal.

Es ist alles ein riesiger Fuck-up. Bis zur Pandemie schleichend und jetzt steht alles kurz vor dem tatsächlichen Kollaps. Die Pandemie hat bereits viele Tausend Menschenleben gekostet und es wird noch sehr schlimm werden, wenn die derzeitigen Bedingungen – und so sieht es ja aktuell aus – bestehen bleiben.

Und deswegen ist der Ruf nach Eigenverantwortung Quatsch. Es hilft nicht, sich als Eltern zusammenzureißen und einfach still seine Überforderung hinzunehmen. Im Gegenteil, das vereinzelte Jammern müsste sich vereinen zu einem nicht zu überhörenden Urschrei.

Eltern werden die unzureichende und im Moment nicht mal vorhandene Organisation von Sorgearbeit nicht wuppen. Egal wie schnell sie im Hamsterrad rennen. Irgendwann ist die Luft raus.

Als ich persönlich kurz vor einem Burnout stand, hatte ich auf dem Weg in die Arbeit jeden Morgen das Gefühl, ich müsste mich auf den Asphalt legen. Vielleicht müssen wir Eltern uns mal gemeinsam vor das Reichstagsgebäude auf den Boden legen und dabei schreien. Und jede*r schreibt auf den Rücken wie viele Stunden Erwerbsarbeit der Wirtschaft verloren gehen, wenn wir verloren gehen.

ENDE


*Glücklicherweise gibt es schon eine gute Replik „Werdet erwachsen, zeigt Schwäche! Den ursprünglichen Text verlinke ich nicht. Der hat keine Klicks verdient.
** Die Geringschätzung von Sorgearbeit ist übrigens auch der Grund warum Berufe, die mit dem Thema Sorge zu tun haben, so beschissen bezahlt werden (Erzieherinnen, Pflegepersonal im Krankenhaus, Alternpflege – you name it).

475 Gedanken zu „Jammert lauter!“

  1. Komisch….. 79,5% aller Frauen in Deutschland leben in einem Haushalt ohne Kinder unter 14 Jahren (Quelle: Statista.com). Finde daher die These ziemlich steil, dass Frauen wegen Kinderbetreuung nicht oder nur Teilzeit arbeiten können. Deckt sich auch mit meinem Umfeld. Da betreut wirklich niemand (mehr) Kinder und ich kenne auch nur eine Frau, die ihre Mutter pflegt. Trotzdem arbeitet fast keine Frau in Vollzeit.
    Die Wahrheit: Man muss die meisten Frauen ständig umhegen und umpflegen, damit sie überhaupt im Unternehmen bleiben. Da kann jeder, der Schicht- oder Stundenpläne aufstellen muss ein Liedchen von singen. Zuerst kommen die Frauen mit ihren 100.000 Extrawünschen (auch die ohne Kinder) und dann wird mit den Männern aufgefüllt. Bei denen geht man nämlich unverändert davon aus, dass sie ihre privaten Belange hintenanstellen.

    Damit wir uns nicht missverstehen: Ich begrüße die Entwicklung entschieden, denn allmählich profitieren auch die Männer davon. Nicht wie noch vor nicht allzu langer Zeit, als man(n) bedingungslos seine Leistung zu bringen hatte. Da konnte das Kind Krebs haben oder die eigene Mutter im Sterben liegen. Hat niemanden interessiert.

    1. Ich hätte ja gerne den genauen Link auf die Verteilung, weil mich das wirklich interessiert. Quelle statista.com ist ja ungefähr so genau wie wikipedia.org
      Das wäre ja auch nochmal nach Alter aufzuschlüsseln. Die unter 25jährigen und die über 65jährigen machen ja auch einen beachtlichen Teil aus. Die leben wahrscheinlich alle in einem kinderlosen Haushalt.

      Aber ich freue mich, dass du es auch so siehst: Vereinbarkeit ist Menschenfreundlichkeit. Denn jede/r hat sein Päkchen zu tragen und mentale und körperliche Gesundheit ist schwer zu erhalten, wenn man sich halb totarbeitet. Egal ob Erwerbs- oder Sorgearbeit (oder „und“).

  2. „Es hilft nicht, sich als Eltern zusammenzureißen und einfach still seine Überforderung hinzunehmen. Im Gegenteil, das vereinzelte Jammern müsste sich vereinen zu einem nicht zu überhörenden Urschrei.“

  3. Liebe Patricia,
    am liebsten würde ich unsagbar laut jammern, und am besten sogar noch lauter!!!! Als ich über Hot Bowl, den Newsletter der emotion, auf deinen Beitrag Jammert lauter aufmerksam geworden bin und dieser mir größtenteils zutiefst aus der Seele gesprochen hat, finde ich es auch absolut okay zu jammern. Daaaaaaanke!
    Aber auch einen Kommentar von Zeit Redakteur Hannes Leitlein muss ich für mich überdenken: „Als ich ein Kind war, sagte meine Mutter,… , hin und wieder zu uns Kindern diesen gar nicht so seltsamen Satz: „Ich bin erschöpft, ich leg mich einen Moment hin, weckt ihr mich in einer halben Stunde?“ Mama war müde, wir Kinder fanden das nicht weiter komisch und beschäftigten uns eine Weile alleine – und waren stolz wie Bolle über die Verantwortung, die sie uns übertrug, sie rechtzeitig wachzurütteln (was manchmal gar nicht so leicht war). …. Machen wir Eltern heute tatsächlich zu großen Wirbel um unsere Komfortzone?… By the way: auch wir haben unsere Mama nach einer halben Stunde Mittagsschlaf geweckt und fanden es gar nicht komisch. Daher musste ich schmunzeln und fühlte mich an meine Kindheit erinnert.

  4. „Es hilft nicht, sich als Eltern zusammenzureißen und einfach still seine Überforderung hinzunehmen. Im Gegenteil, das vereinzelte Jammern müsste sich vereinen zu einem nicht zu überhörenden Urschrei.“ Vor den Reichstag legen? Bin dabei ?

  5. Wann machen wir das? Uns vor den Reichstag stellen?
    Von mir aus auch sehr gern ganz konform mit Abstand und ohne schreien, ein großes Schild mit Zahl darauf sollte auch funktionieren.

    Wir müssen nur viele sein!


  6. Ja, das ist alles sehr richtig – vielen Dank für die Eloquenz.

    Eltern, die ihre Kinder in der Pandemie gerne zuhause lassen und dort beschulen würden (im Saarland gibt es eine Präsenzpflicht!), weil sie die luxuriöse Möglichkeit dazu hätten, sind eine Minderheit.

    Wie kann es sein, dass wir in der Minderheit sind?? Das Hamsterrad ist sehr effektiv. Die Ablenkungsmaschinerie ist sehr effektiv. Menschen sind gut im Verdrängen. Das Organisieren in der Pandemie frisst Energie. Die habe ich nicht noch übrig, um Leute wachzurütteln, zumal mir Sendungsbewusstsein fehlt.

    Aber wann, wie spät, durch welche Umstände, kommt eine kritische Masse zustande?

    Mir graut vor der Antwort.

  7. Danke. Einfach nur Danke!
    * vom Küchentisch/Homeofficearbeitsplatz gesendet, während drei Kinder vor dem TV entspannen bevor es ins Bett geht.

  8. Zum Glück gibt es so kluge Antworten auf derart saudumme Artikel. Mir verschlägt es bei dieser Art Meinungsmache immer umfassend die Sprache. Ich brauche solche Artikel wie diesen, um sie wiederzufinden. Danke!

  9. „In der Techbranche geht es dann noch weiter: Man bietet haushaltsnahe Dienstleistungen an, (…) Betriebskindergärten, Ferienbetreuungsprogramme, Unterstützung bei der Pflege von Angehörigen.“

    Ich bin in der falschen Branche.

  10. Ich denke seit gestern Abend laut über die Möglichkeit eines Eltern-Generalstreiks nach. Krankschreibungen en masse wegen Erschöpfung. Bzw. damit man die Kinder daheim betreuen kann.

    Leise geht nicht mehr, lauter jammern ist gut. <3

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