Jugendjahre

Jugendjahre
Ich habe kein passendes Bild gefunden. Deswegen nehme ich einfach dieses geheimnisvolle Bild.

Vielleicht sollte ich mein Blog umbenennen in „Patricia Cammarata mag bestimmte Worte nicht.“ Neulich habe ich über den Begriff „Working Mom“ geschrieben. Seit vielen Monaten ärgere ich mich zeitgleich im Stillen über den Begriff „Pubertier“. Ich weiß, dass das Wort in Zusammenhang von Jan Weilers Buch Verbreitung gefunden hat und ich weiß, dass Sprache Formulierungen neu aufnimmt, wenn sie bekömmlich sind. Jugendliche „Pubertiere“ zu nennen, ist natürlich auch eine Art Bewältigungsmechanismus und Akkumulation aller Herausforderungen, denen man sich als Eltern in den Jugendjahren der Kinder gegenüber sieht.

Dennoch nervt mich die zunehmende Verwendung des Begriffs, weil in ihm in meinen Augen ein Nichternstnehmen der Kinder in dieser Entwicklungsphase mitschwingt.

Zweifelsohne ist die beginnende (und später voll ausgeprägte) Pubertät eine ziemlich herausfordernde Lebensphase. Nur eben nicht nur für die Eltern sondern auch für die Kinder. Sich dabei über sie lustig zu machen, trägt ganz sicher nicht zur Entschärfung bei.

Wenngleich ich insgesamt (auch absichtlich) sehr vergesslich bin, ist mir meine eigene Pubertät noch gut in Erinnerung. Sie war bis auf einige wenige Phasen durchgängig furchtbar. Nie habe ich mich alleiner, verzweifelter und mehr Fehl am Platze gefühlt als in dieser Zeit. Ich will nicht auf Details eingehen, aber es gab auch ungünstige Rahmenbedingungen, die ihren Höhepunkt fanden als ich mir in der 12. Klasse eine eigene Wohnung suchen musste und mein Abi und später das Studium nur geschafft habe, weil mich Menschen außerhalb der Familie unterstützt haben. Vermutlich bin ich deswegen übersensibel was Formulierungen und Gespräche anderer Eltern angeht, denen ich folge (egal ob off- oder online).

Ich finde den Umgang mit den Kindern in diesem Alter als Mutter auch oft schwer. Bestimmte Themen und Verhaltensmuster findet man ja überall. Auch wir werden nicht von endlosen Diskussionen, mangelndem Verantwortungsbewusstsein, Anklagen, Unzuverlässigkeiten, mangelndem Enthusiasmus in der Umsetzung von Pflichten etc. verschont. Ich muss auch ganz ehrlich sagen: Am ermüdendsten finde ich gar nicht die Umstände als solches sondern dass ich als Mutter immer und immer und immer wieder das selbe sagen muss. Ich erlangweile mich schier selbst damit. Um mich von diesem ewigen Ermahnen selbst zu befreien, bin ich ja auch schon in Eltern-Streik getreten.

Ich konnte mich deswegen nur all zu gut in dem Text „Die Herzdame startet ein Experiment“ wiederfinden:

Die Wünsche der Söhne (8 und 10 Jahre) und unsere Wünsche gehen gerade komplett auseinander. Die Kinder wollen mehr iPad, mehr Spieleapps, mehr Serien, mehr Fernsehen, mehr Youtube-Videos, mehr Hörspiele, mehr Abhängen, mehr Chillen, mehr Süßigkeiten, mehr Tiefkühlpizza. Außerdem lieber weniger frische Luft, weniger Hausaufgaben, weniger Lernen, weniger gemeinsame Mahlzeiten, weniger gesundes Essen, weniger Tischdeckaufgaben, weniger Spülmaschineausräumen, weniger Müllrunterbringen, weniger Zähneputzen, weniger Körperpflege. Genau genommen all das am liebsten gar nicht. Und alleine ins Bett gehen schon mal überhaupt nicht.

Ähnlich wie Maret bin ich es einfach leid, ständig diese Kaskadierung von erinnern, meckern, zetern, flehen, erklären abzutanzen.

Das aber nur als Hintergrundinformation zu meinem inneren Zustand. Ich bin sehr gespannt, wie das Experiment im Hause Buddenbohm ausgeht. Mit meinem Eltern-Streik bin ich grandios gescheitert.

Wenn ich also vor solch elterlichen Herausforderungen stehe und mit meinem Latein am Ende bin, fange ich meistens an Sachbücher zu lesen. In der Babyzeit hat mir das wahnsinnig geholfen. Wenn man weiß, dass es physiologische Mechanismen gibt, wenn man weiß, dass bestimmte Dinge (durchschlafen) eben NICHT funktionieren können, weil sie evolutionstechnisch nicht sinnvoll sind, dann schwindet bei mir der innerliche Widerstand und die Verzweiflung und ich kann meine Elternaufgabe einfach annehmen.

Wie erfreulich war es also für mich zu lesen, dass die Pubertät im Grunde eine ähnlich herausfordernde Phase wie das erste Lebensjahr ist. Im Kind wird soviel neu angelegt und umgebaut, dass es oft gar nicht anders kann als sich genauso zu verhalten, wie sich ein Großteil der Teenager eben verhalten.

Ich stelle es mir also so vor wie im Säuglingsalter – da hat man ein schreiendes Wesen, man weiß nicht so recht was los ist und wie man helfen kann, man ist auch gestresst – aber man nimmt das Baby in den Arm, man tröstet es, man ist da und man versucht geduldig zu sein und dem Kind Verständnis entgegen zu bringen. Auch wenn es anstrengend ist, auch wenn es nervt. Und so versuche ich die Teenager zu sehen: Sie sind mal wütend, mal unzuverlässig, mal stur und alles könnte im Grunde so einfach sein, denn sie sind kognitiv anders ausgestattet als die Babys – aber auf der anderen Seite eben doch nicht und im Kopf ist alles durcheinander und wahrscheinlich brauchen sie eben doch nur Rückhalt, Liebe und Verständnis.

(Und dazu gehört eben nicht, sich über die Kinder mit Worten wie „Pubertier“ lustig zu machen.)

Man muss eben rausfinden was hilft. Ich war neulich in einer Elterngruppe, da hat eine Mutter zum Thema „Das unaufgeräumte Kinderzimmer“ gesagt: Unsere Regel ist ganz einfach – sie heisst „Tür zu“. Statt sich Don quijotemäßig dem aussichtslosen Kampf um Ordnung zu stellen, kann das Kind in der Unordnung versinken und sie entlastet sich mit dem Schließen der Kinderzimmertür. Ziemlich clever finde ich.

Zumal ich auch immer sehr unordentlich war und es als Erwachsene doch geschafft habe ein gut organisiertes (wenngleich verkrümeltes) Leben zu führen. Meine Mutter hätte sich womöglich die Energie von 10.000 Ermahnungen sparen können.

Natürlich passt das nicht für jede/n. Die Kinder sind ja auch nicht alle gleich. Manche brauchen auch einfach ihre Ruhe. Ich habe z.B. einen Freund , der ein sehr integerer, zuverlässiger und kompetenter Erwachsener ist. Als ich seine Mutter kennenlernte, habe ich sie gefragt, wie sie diesen sehr gelungenen Sohn hinbekommen hat und erhoffte mir tolle Erziehungstipps. Sie hat nur sehr gelassen gesagt: „Ich hab ihn in Ruhe gelassen.“

Auch das ist keine leichte Aufgabe als Mutter.

Wobei ich ja persönlich finde, dass „In Ruhe lassen“ immer auch heißt, dass man da ist, wenn was ist und dass man das Kind unterstützt.

Ich höre in bestimmten Kreisen zunehmend Elternstimmen, die immer öfter sagen: „Nicht mein Problem, das muss das Kind jetzt alleine regeln.“ Als Mutter bin ich da wahrscheinlich völlig verweichlicht, aber mir tun die Kinder da schnell leid. Auch wir haben immer wieder die Situation in der dem Kind um 20 Uhr einfällt, dass es 20 leere Klorollen oder dringend eine Packung Rosenkohl zum nächsten Schultag benötigt.

Das nervt natürlich ungemein, aber ich fände es sehr hart, dem Kind zu sagen: „Ja, Pech, weißt du bestimmt schon eine Woche, musste jetzt mit leben, dass du das morgen nicht hast.“

Das ist natürlich kontextabhängig. Wenn das Kind 16 ist und man die Situation schon hundert mal hatte, ist das vielleicht was anderes als bei einem 11jährigen, das z.B. die Schule gewechselt hat und parallel noch andere Entwicklungsaufgaben hat.

Ich finde, dass es in einer Gemeinschaft dazu gehört einander zu unterstützen. In einer Eltern-Kind-Beziehung ist die Gewichtung da sicherlich nochmal eine andere (sprich, die Eltern machen mehr). Für uns kann ich nur sagen: wir sind sehr weichherzig und machen viel, was das Kind sicherlich auch schon vorgestern mal hätte erwähnen können – aber auf der anderen Seite begrüßen uns unsere Kinder mit: „Du hast heute so lange gearbeitet, da hab ich schon mal die Wäsche abgehängt und gefaltet.“ oder kochen, wenn ich krank bin.

Deswegen mein Plädoyer: Respektvoller und geduldiger Umgang statt Härte. Aber so sind wir Latte Macchiato Helikopter Berlin Hippie Mütter eben.


Ein weiterer Lesetipp in diesem Zusammenhang „Das Ende der Debatten“ (zumal ich auch fest daran glaube, dass es für alles eine technische Lösung gibt).

108 Gedanken zu „Jugendjahre“

  1. Kann ich komplett so unterschreiben !
    Zum unaufgeräumtem Zimmer:
    Reiner Kunzes kleine Text – Hommage an (vermutlich) die Tochter in „Die wunderbaren Jahre“:
    Fünfzehn

    1. Sie erwähnte mal Renz-Polsters Born to be wild. Wie die Evolution unsere Kinder prägt, Zumindest meine ich, den Tipp von hier zu haben.

      Das Buch ist super.

  2. Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Ich wurde von meinem strutzdummen Großvater sehr überheblich behandelt. Ein Mensch, der mir nicht im Geringsten das Wasser reichen konnte, hat mich ständig belehrt und bevormundet. Ich leide noch heute darunter und ich werde nie damit “ fertig werden“. Ernst nehmen, keine Überheblichkeit, klare Grenzen setzen ja, aber keine verdammte Überheblichkeit !

  3. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

  4. Überraschenderweise ist gerade das (ernsthafte) Nachwort in Weilers zweitem Buch „Das Reich der Pubertiere“ einer der besten Texte, die ich bislang über Eltern und Kinder in der Pubertät gelesen habe.

    1. Ich werde es mal im Buchladen lesen. Ich weiß auch um den generell respektvollen Umgang Hr. Weiler mit der Privatsphäre seiner Kinder. Er ist Autor und in diesem Sinne kann er das alles überspitzen und beschreiben wie er mag. Es ist ja nicht alles wahr.
      Mich stört es tatsächlich eher wenn damit konkrete Kinder von ihren Eltern so bezeichnet werden.

  5. „Respektvoller und geduldiger Umgang statt Härte.“ Und liebevoller Rückhalt. Kann ich hundertprozentig unterschreiben. Wobei zum Rückhalt eben auch gehört, das Kind mit manchen Sachen dauerhaft zu nerven, wenn man selbst der Überzeugung ist, dass es langfristig etwas davon hat. Hängt natürlich auch vom Alter ab. Ich verfolge beispielsweise beim Aufräumen auch die Tür-zu-Politik, aber Rechtschreibung und Vokabeln muss der 11-Jährige üben, ob er will oder nicht. Da geht es halt um Grundlagen für eine Zukunft, die er einfach noch nicht komplett überblickt. Bei der 15-Jährigen verschiebt sich der Rückhalt deutlich mehr in Richtung Zuhören, einfach da sein, wenn es nötig ist, weniger im Rumnerven, was sie noch alles machen muss, das weiß sie sehr gut selbst, und wenn sie es nicht hinkriegt, dann hat das tiefere Gründe.
    Es ist ein Abenteuer, wie beim Kleinkind, und wenn man halbwegs verstanden hat, was sich in dieser Phase gerade abspielt, sind sie auch schon weiter und fangen die nächste Phase an – aber sonst wäre es ja auch kein Abenteuer.

    1. Ja, ganz unbedingt. V.a. muss man einfach differenzieren (so wie du es mit den Vokabeln beschreibst). Das spart aber den Eltern auch Energien, denn man muss dann nicht 20 Sachen durchsetzen sondern eben 3.

    1. Noch schlimmer als “Pubertier“ finde ich, wenn Leute Pupertät schreiben. (Ok, und Pubertist finde ich auch furchtbar.)

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