SCHLÜÜBEDÜSCHAAAATZ!

Laura Müller schenkt Michael Wendler einen Pickup-Truck und das Internet dreht durch.

Meine Timeline jedenfalls. Wobei ich z.B. nicht mal wusste wer die beiden sind*. Der Name Wendler fiel lediglich ab und an im Zusammenhang des Klischees, dass sich bestimmte Männer irgendwann Frauen „zulegen“, die sehr knapp dem Teenagarealter entkommen sind. Kennt man ja. Ein Ü40-Mann kommt in die Midlefcrisis, färbt sich die ergrauten Haare einige Nuancen zu dunkel, so dass es offensichtlich ist, dass sie gefärbt sind, trennt sich von der Frau, die jahrelang zurückgesteckt hat, damit der Mann Karriere machen kann und wird durch ein knapp 20jähriges Model ersetzt. Der Mann sagt: „Es ist nicht der Körper, zu dem ich mich hingezogen fühle. Wir können einfach so gut miteinander reden.“

Da ich weder ein Fernsehgerät besitze, noch Boulevardmagazine lese, hat mich das oben verlinkte Video über Twitter erreicht ohne dass ich eben Details über Müller und Wendler kannte. Ich habe das Video dann aber ziemlich oft geschaut und musste sehr, sehr herzlich darüber lachen.

Alles daran ist zum Schreien. Vor allem aber die sich immer wiederholende „Schatz“-Ansprache, die Künstlichkeit des Dialogs insgesamt, die abgebrochenen Sätze – und für mich persönlich, der Wunsch nach dieser Art Monsterauto, während sich Menschen in meiner Bubble über jeden noch so kleinen Kauf Gedanken über die CO2-Bilanz und die Nachhaltigkeit machen.

Ich liebe es deswegen wenn Menschen im Internet sofort den Mem-Charakter bestimmter Dinge erkennen und dann in wenigen Stunden Beiträge wie dieser hier von Paul Bokowski auftauchen:

Und die interessante Frage ist ja: Was in uns Menschen wird angesprochen, wenn wir so eine Passage sehen (das Müller-Original) sehen? Was macht die Mem-haftigkeit aus?

Kommt das Wort Mem eigentlich aus dem Griechischen von mimeisthai (nachahmen) und mimos (Mime, Schauspieler)? Das würde hier zumindest gut passen, denn besonders authentisch wirkt ein Liebesgeständinis, das nicht dem Partner zugewandt sondern einem anonymen Publikum entgegen gesprochen wird, nicht.

SCHLÜÜBEDÜSCHAAAATZ!

In der Biologie geht es, wenn ich mich halbwegs korrekt erinnere, beim Mem um das Nachahmen. Ein kleiner unschuldiger Schmetterling ahmt mit der Musterung seiner Flügel ein gefährlicheres Insekt nach, um einen möglichen Fressfeind zu ängstigen. Vielleicht passiert auch das mit dem Menschen, wenn er sich bestimmte Elemente aus Bildern oder Passagen aus solch absurden Inszenierungen aneignet.

SCHLÜÜBEDÜSCHAAAATZ! Ich schenke Dir einen Dodge Ram. Hier 70.000 Euro in Form von Stahl inkl. Fußtritt. Hier Schatz, hier, nimm.

Mit dem darüber witzeln verhalten wir uns wie ein männlicher Pfau, der protzend sein Rad schlägt.

Ich liebe Dich, hier! Schatz! Schatz! Den einen kleinen Moment kann ich auch eine sein, die 70.000 Euro in der Portokasse rumliegen hat.

Gleichzeitig ist ein Internet-Mem immer ein Insiderwitz. Es markiert uns als Eingeweihte. Als Teil einer Gruppe. Als Teil eines Geheimbunds. Durch Mems können wir uns einen eigenen Kulturraum schaffen. Rufe ich meiner Freundin SCHLÜÜBEDÜSCHAAAATZ! zu und sie lacht, dann haben wir uns verbündet. Wir wissen beide auf was wir uns beziehen. Alle Außenstehenden verstehen unsere Referenz nicht. Sie gehören nicht in unseren kleinen Club.

Wer auf der anderen Seite schafft, ein Mem zu erschaffen, der ist ein Marketing-Genie. In dem Fall Laura Müller. Den Mems werden von Person zu Person weitergetragen und genau durch diesen persönlichen Bezug, die Verbindung zwischen den Menschen, die persönliche Ebene, verankern sie sich tief ins unser Gehirn.

Der Pickup-Truck als Liebesbeweis.

Eine bessere (und weitaus günstigere!) Werbekampagne als jedes Banner, jede Plakatwerbung, jeder Fernsehspot. Hut ab, Laura Müller! Hut ab! Du bist ein Role-Model.

Steht er da noch?

Was ist das jetzt für ein Scheiß hier, ja?

Wer hat sich denn da so hingestellt?

Aber, der Briefkasten steht doch noch

Schatz, Schatz!

Nicht dein Ernst, oder?

Was ist das?

Schatz?

Was ist das?

Schatz?

Schatz, hör’ auf jetzt!

Ist das dein Ernst?

Baby!

Ich hab noch nie… sowas… warum?

Warum machst du das?

Das musst du gar nicht machen!

Das musst du gar nicht machen!

SCHATZ!

– Ende –


*Die Suchmaschine sagt, er sei Sänger und Songschreiber. Bei Laura Müller sagt die Suchmaschine, sie sei Wendler-Freundin und 28 Jahre jünger als der Wendler. 350.000 Follower auf Instagram hat sie. Pro Kooperation bekommt sie angeblich um die 40.000 Euro. Wendler hat 125.000 Follower – dabei gibt es die Plattform Instagram doch seit knapp 10 Jahren. Bekannt scheint er aus zahlreichen Fernseh-Trashformaten zu sein. 2016 hat seine Plattenfirma Insolvenz angemeldet. Überfliegt man die Trefferliste zu den beiden ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass tatsächlich Laura Müller das Geld hat ihrem Partner das Auto zu kaufen als dass sie es von seinem Geld erworben hat, um es ihm dann zu schenken.

18 Gedanken zu „SCHLÜÜBEDÜSCHAAAATZ!“

  1. Ha Ha kenne ich auch …

    Eine Ü40-Frau kommt in die Midlefcrisis, färbt sich die ergrauten Haare einige Nuancen zu dunkel, so dass es offensichtlich ist, dass sie gefärbt sind, trennt sich von dem Mann, die sie jahrelang unterstütz hat, damit Frau Karriere machen kann und wird durch ein knapp 40jährigen Singelmann ersetzt. Die Frau sagt: „Es ist nicht der Körper, zu dem ich mich hingezogen fühle. Wir können einfach so gut miteinander reden.“…

  2. Schöner Text.
    Empfehle zum Thema Memetik unbedingt den Vortrag von Frau Birkenbiehl. Und mein Buch, das ich in 5 Jahren mal darüber schreiben will. (Vielleicht schreibe ich auch meine MA darüber, das wäre super!)

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