Tag 3 – was bestellt ist, wird auch genommen

Symbolbild Energie unterwöchig

Ich bin immer noch wach. In der Zwischenzeit habe ich allerdings noch „QualityLand“ gelesen. Da steht, dass Roboter alles können, nur nicht Kaffeetassen von A nach B transportieren ohne alles zu verschlabbern. Der ultimative „Ich bin kein Roboter“-Test in der analogen Welt. Auf Websites tut es mir immer ein bisschen weh, wenn ich die Checkbox bei „Ich bin kein Roboter“ anklicken soll, um z.B. etwas runterzuladen. In der Fleischwelt laufe ich jetzt permanent mit einer randvollen Kaffeetasse herum und verkleckere Kaffee.

Apropos Kaffee. Das mit dem Wachsein ist ein wenig schockierend. Ich stelle mir meine Wachheit in einem großen Reservoir vor. Im Alltag ist das Gefäß nach sieben Stunden Schlaf zu 15% gefüllt. Mehr geht offenbar nicht mehr. Wenn ich aufstehe, fließt kontinuierlich Wachsein ab. Kurz nach dem Frühstück stehe ich auf 9%, die restlichen 6% verteile ich auf den Tag, ab und zu mal ein Sekundenschläfchen im Meeting gibt jeweils ein halbes Prozent oben drauf. Um 17 Uhr steht alles auf rot. Wachseinsstand kritisch – möp – möp – möp.

Hier habe ich wohl mein Wachseinsreservoir seit langer, langer Zeit auf 100% aufgefüllt und weil mein Körper gewohnt ist mit etwas weniger als 20% über den Tag zu kommen, werde ich meinen Berechnungen zufolge noch drei weitere Tage wach sein.

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Bitte strömenden Regen dazu denken

Heute regnet es in Strömen. Vorgestern schien die Sonne, gestern schien die Sonne und Spoiler (ich schreibe ja aus der Zukunft) morgen wird die Sonne scheinen – nur heute gießt es in Strömen. Unser Arrangement enthält  jedoch eine Kahnfahrt. Ich gedenke nicht diese aufgrund des Wetters ins Wasser (hahaha!) fallen zu lassen. Pünktlich um elf Uhr stehen wir also an der Kahnablegestelle. Mitten im Regen steht der Kahnkapitän. Ich glaube, er hat sehr gehofft, dass niemand kommt. Er ist sehr nass. Wasser tropft von seiner Nase. Ich frage ihn fröhlich: „Ist das unser Kahn?“ Er nickt. Vierzehn Leute seien gemeldet, wir wären aber wohl die einzigen, die allen ernstes bei diesem Wetter Kahn fahren wollten. Natürlich will ich das. Kahnfahren soll sehr schön sein, habe ich gelesen. Außerdem wird es Eierlikör Tee geben. Der Kahnkapitän entfernt missmutig von einem kleinen Teil des Kahns die Schutzdecke. Dann legt er eine Tischdecke auf den in wenigen Sekunden nassgeregneten Tisch und stellt eine Vase mit einer Dahlie drauf.

Wir setzen uns auf die nassen Sitzpolster der Sitzbank. Der Kahnkapitän hat uns einen Becher und einige Beutel Tee hingestellt. Ich wähle „Frische Bergkräuter“ und lege den Teebeutel in meinen leeren Becher. Der Becher regnet langsam voll. Echtes Spreewaldwasser vom Himmel! Toll.

Wir fahren ein Stündchen durch die Spree. Immer wieder lustig, dass die Spree angeblich ein Fluss ist. Als gebürtige Kölnerin, die den Rhein als Flußarchetyp kennengelernt hat, amüsiert mich dieses Rinnsal doch sehr. Würde ich mich im Spreewald quer durch die „Hauptspree“ legen, wäre ich ein passabler Staudamm. Aufgrund des strömenden Regens müssen wir uns den mitgebrachten Schirm ganz nah über dem Kopf halten. Leider kann man so nichts von der Umgebung sehen. Macht aber nichts. Eine Kahnfahrt ist auch so schön.

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So sah die Frau aus, nur dass ihre Arme einmal um den ganzen Pool gingen. Außerdem war der Pool eckig.

Meine Körpertemperatur ist allerdings während der Kahnfahrt unter 16 Grad gefallen. Das ist selbst mir zu kalt. Ich muss jetzt in den Whirlpool, um mich aufzuwärmen. Ich werfe also meine nasse Kleidung von mir und springe nackt in den Whirlpool (vgl. Tag 1). Diesmal habe ich vorher gefragt und tatsächlich – der Whirlpool gehört zur Saunalandschaft und man darf dort nackt sein. Das Wasser ist wohlig warm. Ich rechne aus wie viel Liter wohl in den Whirlpool passen, wie teuer es ist, ihn 24 Stunden am Tag bei 38 Grad zu halten und beschließe, dass ich, sofern ich Millionärin würde, mir keinen Whirlpool leisten wollte. Man muss ja nicht alles haben. Auch nicht als geistige Millionärin. Während ich hin- und herrechne, gesellt sich eine fremde Frau zu mir in den Whirlpool. Zu meinem Ärger stellt sie den Whirl an. Ich hasse Whirl. Dieses Geblubbere ist erstens total laut und zweitens blubbert es so aggressiv, dass einem größere Wasser-Luft-Gemische in die Augen spritzen oder in den Rachen geraten oder in die Nebenhöhlen schwappen. Außerdem schwabbelt alles hin und her. Die Oberschenkel, der Bauch, die Brüste. Ich bin ein einziges Schwabbel. Jabba the Hutt’s Braut. Die Frau hat da offensichtlich andere Empfindungen. Sie setzt sich direkt auf das Whirlgebläse, breitet ihre Arme nach rechts und links aus, sinkt ein wenig nach unten, schließt ihre Augen und legt ihren Kopf nach hinten. THE FUCK? Mit ihrem stählernen Willen zur Entspannung hat sie mir den ganzen Platz weggenommen. Ich kauere in der Ecke des Whirlpools und bin perplex von so viel Dreistheit. Das war MEIN Whirlpool! ICH hab mich hier gerade aufgewärmt! Ich schiebe mich also passiv-aggressiv Richtung Whirlgebläse und drücke mich gegen die Wand des Pools, wo überall ihre Arme liegen. Um ihr zu zeigen, dass es MEIN Whirpool ist, lege ich meinen Kopf auf ihren Arm. Wir beide tun so als ob wir nichts merken. Ich drücke mich immer weiter an sie bis wir beinahe Wange an Wange liegen. Dabei ersticke ich fast. Überall das sprudelnde Wasser. Aber ich gebe meinen Platz nicht auf! Ich war zuerst hier. ICH HAB ANGEFANGEN MIT ENTSPANNEN!!!

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Die Frau hat nicht nachgegeben. Zwanzig Minuten lagen wir nebeneinander. Dann wurde mir heiß und ich habe mich unauffällig aus dem Pool gleiten lassen. Sie hat die Augen nicht geöffnet. Wahrscheinlich liegt sie heute noch dort.

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Ich hingegen habe einfach noch mehr gegessen und getrunken. Außer essen, trinken, schwimmen, lesen und saunieren kann man hier nichts machen. Achso doch. Geld ausgeben. Wie in einem Computerspiel. Besser gesagt, wie in einem beschissenen Computerspiel, wie in Star Wars™ Battlefront™ II zum Beispiel. Da zahlt man für die Vollversion schon 60 Euro und muss dann aber relevant Geld in In-App-Käufe versenken, um das Spiel ordentlich spielen zu können. So ist es hier auch. Man gibt für ein paar Tage sein halbes Nettomonatseinkommen aus und dann muss man überall ein paar zusätzliche Euro lassen. Aber was soll’s. Ich lausche einfach dem RATATATATATATATRARARARRR, entspanne mich und zahle dann mit der Zimmernummer der Schwiegermutter von Tag 2.

Morgen geht es endlich nach Hause!


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32 Gedanken zu „Tag 3 – was bestellt ist, wird auch genommen“

  1. Viel gelacht bei der Urlaubsbeschreibung, sehr erheiternd und entspannend, quasi schon ein kleiner Wellness-Urlaub für mich. Nur günstiger. Ich werde gleich zwei Kaffees ausgeben.

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