Tag 1 – die Ankunft

Symbolbild: Die Autorin verreist und setzt sich auf den Rollkoffer, damit er nicht geklaut werden kann.

Der Zug fährt in den Bahnhof ein. Mein Rollköfferchen ist sehr schwer. Ich habe vorsichtshalber meinen kompletten Kleiderschrank mitgenommen, der – logischerweise auch alle meine Lieblingskleider umfasst. Eigentlich verreise ich nie mit meinen Lieblingssachen. Meine Lieblingssachen lasse ich immer im Schrank. Ich ziehe sie eigentlich auch nie an. Könnte ja was dran kommen. Wenn ich also verreise, nehme ich sie normalerweise nicht mit, denn sie könnten ja geklaut werden.

Deswegen halte ich meinen Rollkoffer seit Berlin fest umschlungen und mustere meine Mitreisenden argwöhnisch. Bestimmt ist eine/r dabei, der/die meinen Koffer mit all meinen wunderschönen Kleidern klauen will!

Jedenfalls steige ich mitten in der Pampa mit meinem 125l Rollköfferchen im Arm aus und schaue mich um. Hier soll irgendwo ein Shuttle-Service in das Nobelhotel sein, in dem ich meine nächsten vier Tage verbringe. Stand jedenfalls auf der Website. Und dass man mit einem Oldtimerbus abgeholt würde. Sehr beschaulich und vornehm stelle ich mir das vor.

„PENDLER VON BÄRLIN INNES WELLNESSHOTELL?“, schreit ein etwas älterer Herr über den Bahnsteig. Ich laufe in seine Richtung. Tolles Organ! Kurz bevor ich ihn erreiche, brüllt er vorsichthalber nochmal mitten in mein Gesicht. Könnte ja noch jemand mitwollen. Er will mir meinen Rollkoffer abnehmen. Nix da. Nice Try! Ich geb das Ding nicht her. Könnte ja jeder kommen. Ich steige in einen silbergrauen Bus ein. Oldtimer? Ist das wie bei Liedern? Nennt man Autos Oldtimer sobald sie in die Jahre gekommen sind? Egal. Autos sind mir wumpe. Ich setze meinen Rollkoffer vorsichtig neben mich und schnalle ihn zärtlich an.

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Symbolbild Hotelteppich

Beim Checkin bin ich sehr aufgeregt. War ich schonmal privat in einem Hotel? Ich hab mir ausgerechnet, dass eine Minute meines Aufenthalts im Durchschnitt 13 Cent kostet. Ich warte 91 Cent, dann erklärt eine sehr schnell sprechende Frau alles, was für die nächsten Tage relevant sein wird. Ich schaue sie fasziniert an. Warum rappt sie nicht? Vielleicht tut sie das ja. Ich überlege, ob ich sie schon mal auf YouTube gesehen habe. Ich fülle viele Zettel aus, der letzte wird mir unter dem Stichwort DSGVO untergeschoben. Ich lese ihn aufmerksam durch. „Und wenn ich meine Daten nicht an Dritte weiter geben möchte?“ „Streichense die Passage“ Ich streiche die Passage. „Und wenn ich keinen Newsletter möchte?“ „Streichense die Passage“ „Und wenn ich mein Erstgeborenes nicht dem Betreiber überlassen möchte?“ … Schon toll, was die DSGVO für mich getan hat. Im Netz klicke ich jetzt noch öfter „OK“ ohne irgendwas zu lesen – oder aber ich kann gar nichts lesen, weil die Seite, die ich anschauen möchte mit einem riesigen Overlay verdeckt wird, das ich nicht wegklicken kann, weil es nicht web-optimiert ist. Da mache ich die Seite dann einfach wieder zu. Spart viel Zeit. Offline bekommt man seitenlange Erklärungen vorgelegt, die einem allen möglichen Tand unterjubeln wollen. Also streiche und streiche und streiche ich. Zwei Euro 47 habe ich in der Zwischenzeit investiert.

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Die Leute, die vor mir eingecheckt haben, bekommen das Gepäck ins Zimmer getragen. Ich werde zum Glück nicht gefragt. Ich WILL mich ja auch gar nicht vom Gepäck trennen. „Cammarata?“, fragt ein junger Mann, vermutlich der Hotel-Boy, forsch. „Ja!“ „Folgen se mir!“ Im Stechschritt geht es durch verwirrende Gänge. Wir biegen einige Male ab. Ab und an begegnen wir Menschen im Bademantel. Wie viele Tage und Monate sie wohl schon unterwegs sind? Ich glaube, sie haben sich alle verlaufen. Bald werde ich meinen Bademantel anziehen und mich zu ihnen gesellen. Einige sehen sehr sympathisch aus. Wir könnten uns an einem der zahlreichen Zimmerbrunnen niederlassen und ein wenig unterhalten, wenn das Durchwandern der Gänge zu anstrengend wird. Ich bin ganz hingerissen von dem psychedelischen Muster des Teppichs, der sich durch alle Gebäudeteile schlängelt. Hotelteppiche – das Faszinosum. Ich würde sofort einen Bildband dazu kaufen.

Im Zimmer angekommen kontrolliere ich erstmal die Qualität. Ich war bei einem meiner Arbeitgeber auch mal Qualitätsmanagerin. Ich krieche also unter das Bett, schaue mir die Fußleisten an, schnüffle am Vorhang, stecke meinen Kopf in die Toilette und lecke am Holztisch. Alles tadellos. Das Zimmer ist jeden Cent wert.

Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich Schwachstellen finde. Das ist gut fürs Bloggen. So wird das allerdings nichts.

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Ich schließe meine Kleider in den Zimmersafe. Zum Glück habe ich vorher schon mal diese Videos im Internet gesehen, die zeigen, wie man effektiv packt, wenn man mit dem Rucksack quer durch z.B. Asien reist. Dennoch finde ich den Safe etwas klein für meine Garderobe. Ich mache einen Minuspunkt auf meine Liste. Da kann man eindeutig mehr erwarten in dieser Preisklasse. Danach ziehe ich mich aus und schlüpfe in die Hotelhausschuhe. Ich wickle mich in den Bademantel und bin jetzt bereit, die anderen Menschen in den Gängen kennenzulernen. Doch was soll ich sagen? Nicht nach Rom, sondern in die hoteleigene Therme führen alle Wege. Egal wo und wie oft man abbiegt – am Ende ist man in der Therme.

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Sehr schön! Vor mir erstreckt sich ein großer, blauer Pool. Ich lasse meinen Bademantel von meinem Körper gleiten und springe nackt hinein. Das Wasser ist warm und schwappt temperamentvoll über den Rand. Ich schwimme einige Bahnen. Das ist das Tolle an Hotelpools. Sie sind maximal sieben Meter lang, das macht es sehr viel einfacher zu behaupten, man sei schon vor dem Frühstück einige Bahnen geschwommen. Völlig erschöpft von so viel Aktivität klettere ich aus dem Pool. Irgendwo sollten hier Handtücher ausliegen. So hat es die Dame an der Rezeption jedenfalls erläutert (Ich hatte mir ihren Vortrag aufgezeichnet und auf dem Zimmer nochmal in halber Geschwindigkeit angehört). Doch ach! Keine Handtücher weit und breit. Während ich durch die Ruhezonen irre, fällt mir auf, dass die anderen alle Badebekleidung tragen. Was ist mit denen los? Wie peinlich ist das eigentlich? In Badekleidung in einer Therme. Hahahaha!

„Hähäm“, höre ich in dem Moment einen Angestellten neben mir: „Es ist hier Vorschrift Badebekleidung zu tragen.“ Ich starre ihn an. „Badebekleidung?“ „Ja.“, antwortet er kühl. „Interessant und wo sind die Handtücher?“ „Die Wäscherei hat heute nicht pünktlich geliefert.“ „Aha!“ sage ich triumphierend und mache geistig einen weiteren Punkt auf meine Meckerliste. Dann ziehe ich wortlos meinen Bademantel über. Kleidungsbereich. Pft. Den Rest des Tages verbringe ich im Kampf um freiwerdende Ruheliegen.

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Symbolbild Gruß aus der Küche

Gegen Abend gehe ich auf mein Zimmer und richte mich für den Abend her. Ein Mehrgängemenü gehört zum gebuchten Paket. Ich ziehe mein allerschönstes Kleid an, suche dann lange nach dem passenden Lidschatten, trage gewissenhaft Lippenstift auf und kämme meine Haare. Dann ziehe ich das Kleid wieder aus. Ich habe Angst, dass ich es beim Essen beschmutze und ich die Flecken dann nicht mehr rausbekomme. Das wäre doch sehr schade. Ich schlupfe also wieder in meine Jeans und gehe ins Restaurant. Laut aushängenden Zertifikaten hat das Restaurant Ende der 90er mal einen Stern gehabt. Muss man den jährlich verteidigen? Bedeutet das, dass ich rund 20 Jahre zu spät essen gehe? Egal. Während ich über die Vergänglichkeit der Sterneküche sinniere, kommt ein sehr vornehm agierender Mann in Hoteluniform auf mich zu: „Zimmernummer?“ Ich sage ihm meine Zimmernummer und werde an meinen Platz geführt. Noch bevor ich mein Gesäß abgesetzt habe, fragt die Bedienung nach meinem Getränkewunsch. Weil ich mich nicht entscheiden kann, ordere ich Wasser und während ich die letzte Silbe ausspreche, wird mir Brot mit Quark und der Gruß aus der Küche auf den Faketeller gestellt. Ich schwöre, der Teller ist aus Plastik. Ich hab drangeklopft und reingebissen. Eindeutig Plaste.

Ich verschlinge Brot und Gruß aus der Küche. Wobei ich mich frage, warum der Koch mich mit Fisch grüßt. Ist das eine Art subtile Beleidigung? Kaum hat meine Gabel das letzte Stück des Arrangements aufgepickt, räumt die Bedienung den Teller ab, während sie an den Nebentischen die ihr offensichtlich Unterstellten dazu anhält schneller abzuräumen. Ich liebe Effizienz. Warum erst Gemütlichkeit aufkommen lassen, wenn man doch auch schon abräumen kann? Bis zum Hauptgang kann man sich nun am Buffet selbst bedienen. Ich hasse Buffet. V.a. reichhaltige Buffets. Ich entwickle einen Zwang ALLES probieren zu müssen und erinnere mich gleichzeitig daran, dass Deutsche im Ausland dafür verschrieen sind, sich ihre Teller übermäßig voll zu packen. Also packe ich mir vornehm leere Teller, bringe sie zu meinem Platz, esse sie rasch auf und hole mir neue Tellerchen. Es ist furchtbar anstrengend, aber so habe ich mir das jetzt ausgesucht. Da muss ich durch. Den Hauptgang kann man sich wieder servieren lassen. Eigentlich bin ich schon total satt, aber ich habe dafür bezahlt, dann muss ich das auch essen! Vielleicht entfernt das etwas den Sand, den ich im Mund habe. Am Buffet gab es nämlich Blutampfer und weil das so aufregend klang, habe ich mir reichlich davon genommen. Leider war der Blutampfer noch sehr erdig. „HatesihnengeschmecktundkannichihnendenHauptgangservieren?“, fragt mich die Kellnerin. „Danke sehr gerne, der Blutampfer am Salatbuffet ist sehr erdig. Vielleicht sollte er lieber ausgetauscht werden?“ „WollenSiedenFischoderdasHauptgerichtmitFleisch?“ lautet die Antwort auf meinen Hinweis. „Ja“, antworte ich.

 

Tag 2 – Bagger und Presslufthammer

Tag 3 – Was bestellt ist, wird auch genommen

Tag 4 – Das Ende (mit Lesungsverlosung)


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51 Gedanken zu „Tag 1 – die Ankunft“

  1. „oder aber ich kann gar nichts lesen, weil die Seite, die ich anschauen möchte mit einem riesigen Overlay verdeckt wird, das ich nicht wegklicken kann, weil es nicht web-optimiert ist.“ – Mache ich genauso und tröste mich mit dem Gedanken, dass ich wahrscheinlich nichts verpasst habe, wenn ich diese Seite nicht besucht habe.

    Die absolute Frechheit, die ich in dem Zusammenhang letztes Jahr erlebt habe, war so ein Banner, das alle, die nicht auf OK klicken owllten, aufforderte, sich zu verp***en.

    1. Ich nehme an, weil die Kinder einen Vater haben, der aufpassen kann?! Oder weil es einen Partner gibt, der auch Kinder betreuen kann?
      Oder Oma & Opa, die dem Kind auch mal eine Auszeit schenken?

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