Urlaub

Tag 0, die Ankunft

Der Chef der Unterkunft ist ein Mann mit sehr dünnen Beinen und einem großen, kugelrunden Oberkörper. Sein Kopf ist immer rot. Er hasst das Gesundheitsamt. Er wird nicht müde das zu betonen. Eigentlich sagt er es in jedem Satz.

„Der Checkin hat früher 1,5 Minuten gedauert, heute dank Gesundheitsamt SECHS Minuten!“ „Macht nichts“, entgegne ich „Ich habe viel Zeit mitgebracht.“

Die Zimmer seien gereinigt und auf Bakterien geprüft, das wolle das Gesundheitsamt so. Dabei wedelt der Mann mit einer Schwarzlichtlampe vor meiner Maske herum. Ich versuche noch den Zusammenhang zwischen Schwarzlicht, Bakterien und Corona zu erkennen, als er mir die Frühstücksregeln erläutert. Alles furchtbar, ihr ahnt es, des Gesundheitsamts wegen natürlich.

Bislang hatte ich mit meinen Unterkünften immer Glück. Sie waren entweder okayisch oder die Lage war gut oder ich habe ein Upgrade bekommen, das mir unerwartet eine Badewanne bescherte. Diesmal habe ich kein Glück. Mein Zimmer sieht aus wie ich mir Gefängniszimmer vorstelle oder jemand vom Gesundheitsamt hat den Besitzer gezwungen kurzfristig einen kargen Büroraum mit dem Charme eines kleinstädischen Industriegebiets eilig in ein Hotelzimmer umzugestalten. Apfelgrüne Lamellen kaschieren die Aussicht auf den zubetonierten Parkplatz, der mit ca. vier Schildern darauf hinweist, dass widerrechtlich abgestellte Autos umgehend entfernt werden.

Egal, denke ich, der Wetterbericht verheisst sommerliche Temperaturen, ich kann also v.a. draußen sein. Am ersten Abend laufe ich zum Strand, wo ich so guten Internetempfang habe wie Hilary Swank in der Serie „Away“ auf dem Weg zum Mars. Nochwas Gutes also. Ich kaufe auf dem Rückweg Postkarten und eine Portion Pommes. In meinem Gefängniszimmer schaue ich in einem Schwung die Serie „Devs“ durch. Sie wurde mir empfohlen und ich habe gar nicht nachgeschaut um was es geht. Ich habe etwas wie „IT-Crowd“ erwartet, aber wenn man alle IT relevaten Teile der 8-teiligen Serie zusammenschneidet, kommt man wohl auf 10 Minuten Sendezeit.

Um 21 Uhr schlafe ich ein, um dann um 4 Uhr hellwach zu sein. Super. Noch vier Stunden bis zum Frühstück. Ich fange an eines meiner mitgebrachten Bücher zu lesen. Es heisst „Pixeltänzer“ und diesmal geht es wirklich hier und da um IT, besser gesagt um alberne Startup-Kultur aber auch um entführte Roboterfische und ausgedruckte Schallplatten. Das Buch ist super und es gibt einzelne Sätze, die möchte ich küssen.

Tag 1

7.45 Uhr stehe ich auf, dusche mich und laufe mit Maske zum Frühstücksraum. Ich bin ganz alleine im Saal, man muss Gummihandschuhe tragen und ich finde es super, wie so vieles, was Corona in Sachen Hygiene gebracht hat. Der Pensionbesitzer hasst das – schließlich ist es eine Auflage des Gesundheitsamts. Früher, da konnte noch jeder mit seinen ungewaschenen Fingern die Wurst betatschen und den Käse am Buffet begriffeln. Das waren noch Zeiten!

Ich setze mich mit meinem Frühstück und einer großen Kanne Filterkaffee in die allerhinterste Raumecke und öffne heimlich alle Fenster. Nach und nach kommen ein paar Gäste dazu. Es sind alles Paare jenseits der sechzig. Die Männer laufen mit ihren Frauen zum Buffet, aber als sie sehen, dass man sich Gummihandschuhe anziehen muss, sehen sie verzweifelt und überfordert aus. Sie schauen traurig zu ihren Frauen, die ihnen gestatten schonmal Platz zu nehmen. Kaum sitzen sie, rufen sie ihren Frauen Dinge zu: „Rührei!“, „Extrabutter!“, „Keine dunklen Brötchen!“. Die Frauen laufen im Schnitt fünf mal zwischen Platz und Buffet hin und her.

An einem Tisch will der Mann anfangen zu essen, aber seine Frau weist ihn liebevoll darauf hin, dass er erst die Maske absetzen muss.

An einem anderen Tisch versucht der Mann doch die Gummihandschuhe anzuziehen, aber er gibt auf. Egal wie oft er in die Tüte mit den Handschuhen greift, er findet nur Handschuhe für seine rechte Hand.

Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich mal gelesen habe. Es ging um Männer und ihre Rente und plötzlich erfüllt sich mein Herz mit Mitgefühl. Vom Abteilungsleiter zum hilflosen Kind. Wenn die Erwerbsarbeit der Lebensmittelpunkt ist und man am sonstigen Leben nicht teilnimmt, ja sogar den Kaffee nie selbst machen oder holen muss, dann ist so eine Rente vermutlich kein Spaß.

Es wird schweigend gegessen. Mir soll es Recht sein. Je weniger gesprochen wird, desto weniger Aerosole. Vielleicht sitze ich aber auch einfach zu weit weg und die Paare flüstern miteinander. Ich weiß es nicht. Ich putze meine Brille mit einem Brillenputztuch. Durch meine sauberen Brillengläser versuche ich Zeichen von Zugewandheit bei den Paaren zu entdecken. Anscheinend ist meine Brille zu zerkratzt.

Dann gehe ich zurück zu meinem Zimmer, prüfe den Wetterbericht, creme mich mit Sonnencreme ein, packe mir eine Flasche Wasser ein und laufe zum Strand. Heute laufe ich nach Osten bis zum nächsten Städtchen. Es sind nur 3 km, aber ich brauche fast 2 Stunden. Ich höre dabei mehrere Folgen des Podcasts „Der Moment“, in denen Menschen ihre Geschichte erzählen, die durch einen bestimmten Moment eine dramatische Wendung bekommt. Die Geschichte von Vanessa Münstermann (Staffel 3, Folge 2) nimmt mich ganz schön mit und die Folge über Marco Büchel (Staffel 2, Folge 8) überrascht mich, denn ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich für das Ende einer Skifahrerkarriere interessieren könnte.

Ich esse Quarkbällchen und halte dabei Ausschau nach örtlichen Wappen. Das jüngste Kind liebt Wappen. Ich will sie fotografieren. Tatsächlich finde ich eins. Ein gelbes Schiff auf blauen Untergrund in der oberen Hälfte, getrennt von der unteren, grünen Hälfte mit gelben Reh von einer weißen Welle. Das Kind wird zufrieden mit mir sein.

Tag 2

Heute wache ich erst um 7 Uhr auf. Wenn das bis Mittwoch so weiter geht, dann habe ich bis Dezember 2020 vorgeschlafen. Wahnsinn.

Das Frühstücksbuffet ist karg. Es gibt Reste von gestern. Ich muss an Malcom mittendrin denken und dass es dort freitags einen Auflauf von den Resten der Woche gibt. Ich glaube, das machen die hier auch. Nachhaltig ist das und gefährlich wird es erst wenn in dem Auflauf der Woche der Auflauf der Vorwoche auftaucht. Also gebe ich alles um die Reste aufzuessen.

Danach gehe ich wieder zum Meer. Diesmal wandere ich den Strand in die andere Richtung. Kurz vor dem FKK-Strandabschnitt, rennt ein sehr großer schwarzer Hund auf mich zu. Er ist total enthusiastisch und ich gebe mir größte Mühe ihn komplett zu ignorieren. Fürs Herrchen. Würde ich ihn tätscheln (den Hund, nicht das Herrchen), wäre das eine Verstärkung und das würde den Hund bestimmt veranlassen andere Fremde ebenfalls freudig zu umhüpfen.

Dem Hund ist meine behaviouristische Vorkenntnis total egal. Er stubst mich an meiner Hand. Rennt um mich herum.

Ich laufe Richtung Steilhang, um dort ein bisschen zu lesen. Der Hund denkt sich: „Hey, wir sind beste Freunde! Ich komme mit.“

Also breite ich mein Tuch aus, krame mein Buch raus und der Hund setzt sich, ich möchte schon sagen freudestrahlend daneben. Ich schaue ihn an und erkläre ihm: „Du musst jetzt wieder gehen, weißt Du. Dein Herrchen guckt schon ganz komisch.“

Meine Worte sind dem Hund egal. Er freut sich, dass ich ihn jetzt doch beachte. Er wedelt so wild mit dem Schwanz, dass der Sand um uns wirbelt.

Das Herrchen ruft und pfeift, aber der Hund bleibt standhaft. Er schaut nicht mal in die Richtung. Ich mache einen Shruggy Richtung Hundebesitzer. Der kommt in meine Richtung. „Er mag sie wohl.“ „Sieht so aus.“ „Komm jetzt, Timo“ „Nö“, sagt der Hund in Hundesprache. 

Der Mann ist nackt, was den Hund nicht stört, nur mir ein bisschen Mühe macht ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen, was hauptsächlich daran liegt, dass ich im Sand auf einem Tuch sitze und der nackte Mann vor mir steht.

Der Mann nimmt den lustigen Hund an die Leine und verabschiedet sich nach einiger Zeit.

Ich lese in meinem Buch und dann fällt mir ein, dass ich gestern Steine gesammelt habe und heute die Acrylstifte eingepackt habe, um sie zu bemalen. Mit großem Enthusiasmus beginne ich also die Steine zu bemalen. Komischerweise sehen sie nicht aus wie die, die ich auf Instagram gesehen habe. Genau genommen sehen sie alle einer häßlicher als der andere aus.

Ich lasse sie trocknen und später lege ich sie in der Nähe von Kindern aus. Sollen sie sie finden und sich freuen, dass ein offensichtlich 3jähriges Kind so viel Freude am Steine anmalen hatte.

Am Nachmittag esse ich eine leere Panade, die eigentlich „Backfisch“ hätte sein sollen und bestelle einen Kartoffelsalat dazu. Ich bin durch meine freie Zeit so gechillt, dass ich nicht ausraste als ich entdecke, dass Apfelstückchen im Kartoffelsalat sind. 

Abends trinke ich Himbeerfassbrause und hoffe, dass meine Kinder wissen, dass Erwachsensein nicht das allerschlechteste ist.

31 Gedanken zu „Urlaub“

  1. „… und es gibt einzelne Sätze, die möchte ich küssen.“

    Gut. Aber: süß, sauer oder Dauer?
    Als Teenager spielten wir Polnische Hochzeit. Wir saßen in großer Runde, und wenn man an der Reihe war, jemanden zu küssen, durfte derjenige sich aussuchen, ob er/sie süß, sauer oder Dauer geküsst wird: auf den Mund, auf die Backe oder Zungenkuss. Ich mein nur. Fiel mir gerade ein.

  2. Ich kenne tatsächlich so ein paar traurige Figuren (nur Männer), für die die Lohnarbeit der Lebensmittelpunkt war und die mit dem Ruhestand nicht klarkommen. Das ist wirklich sehr, sehr traurig. Was für ein verschenktes Dasein. Da sind die meisten Frauen klüger: Anstatt ihre Seele an irgendeinen beschissenen Konzern zu verkaufen, achten sie schön auf ausgewogene Lebensinhalte und sind daher gesünder, glücklicher und leben länger. Allerdings bekommt man dann auch nicht den Vorstandsposten, denn nicht einmal Frauen können alles haben.

    Die anderen Männer (ich werde hoffentlich bald dazu gehören) triffst du übrigens nicht in gammeligen Frühstückspensionen, denn da ist es viel zu langweilig. Ich war vor Kurzem mit dem Campervan drei Wochen in Skandinavien. Habe ehrenamtlich in einem Permagarten gearbeitet, gefischt, Krebse gefangen, Beeren und Pilze gesammelt, Nachts unterm Sternenhimmel im See gebadet, Holz gemacht, Abends am Lagerfeuer gesessen und in der Stille und Einsamkeit geschlafen wie ein Baby. Wir waren vier Männer und eine Frau und es war großartig. Gesamtkosten für meinen alten Kumpel und mich waren keine 1.500 Euro.

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