Was Squid Game mit der FDP zu tun hat

Das rot-blaue Eum und Yang-Symbol steht für das Universum und die in ihm enthaltenen Gegensätze, beispielsweise Gut und Böse, Gewinner und Verlierer…

Die Jugend von heutzutage hat es wirklich nicht leicht. Was kann sie schon tun, um die Elterngeneration zu provozieren? Ja gut, Kinder und Jugendliche aus CDU-Haushalten können der Linksjugend beitreten – aber sonst ist es echt schwer. Wobei, Fleisch entsagen, den Führerschein nicht als großes Ziel mit 18 machen, auf Demos gehen, gendern, sich für Gleichberechtigung einsetzen, … also ok, das alles provoziert einige Menschen doch noch erheblich, aber sonst ist es wirklich schwer!

Jedenfalls: In meiner Social Media Timeline ist schon wieder die Hölle ausgebrochen, denn “KINDER SPIELEN DIE BRUTALE NETFLIX-SERIE SQUID GAME AUF DEM SCHULHOF NACH”. Ich bin sogar auf Artikel gestoßen, die Schul-Briefe zitieren, die Eltern darüber informieren, dass Kinder, die Squid Game nachspielen, bestraft werden (…). Jedenfalls sollen die Eltern sich mal zusammenreißen und den Kindern verbieten Squid Game zu schauen und die Medienzeit mal begrenzen etc. pp.

Ja gut. Wer Squid Game gesehen hat, der wird sich jetzt zu Recht denken: das ist keine Serie für Kinder. Ganz grob kann man die Serie dem Genre Torture Porn zuordnen und wenn man den Inhalt zusammenfasst, geht es darum dass 455 Menschen grausam in 6 Runden kompetitiven Spielen hingerichtet werden, so dass am Ende ein Spieler mit 45,6 Millarden Won (umgerechnet 33 Mio EUR) nach Hause gehen kann. Die “Besonderheit”: die Spiele, bei denen die Kandidat*innen um ihr Leben spielen, sind Kinderspiele.

Ich habe die Serie gesehen und als ich las, dass Kinder sie nachspielen, hab ich mich gefragt: Was genau bedeutet das? Ich gehe mal davon aus, dass Kinder sich auf den Schulhöfen nicht gegenseitig umbringen. Also habe ich mal bei einigen Lehrer*innen nachgefragt und es stellt sich heraus: Die Kinder erleben ein Revival von alten Kinderspielen. Das Spiel “rotes Licht”/”grünes Licht” aus der Serie ist ja im Wesentlichen das, was wir von Kinderpartys als “Stopptanz” kennen.

Also: Kinder spielen Kinderspiele. Wow.

Aber Moment mal! Sollte es uns als Eltern nicht beunruhigen, dass Kinder (z.T. in der Grundschule) die Serie Squid Game überhaupt kennen?

Die Antwort mag erstaunen – aber schlicht: nein.

Denn dass Kinder etwas altersunangemessenes kennen heißt noch lange nicht, dass sie es aus erster Hand kennen, also wirklich gesehen haben. Ganz bestimmt gibt es Kinder, die die Serie gesehen haben, obwohl sie noch nicht 16 sind. Aber umgekehrt hat nicht jedes Kind, das über die Serie spricht oder auf sie referenzieren kann, die Serie wirklich gesehen.

Kinder erzählen viel um sich wichtig zu machen. Ich hab z.B. als Zehnjährige gerne erzählt, ich wäre mal in einer Achterbahn stecken geblieben. Mit der Story war ich in jeder Gesprächsrunde sofort im Zentrum.

Squid Game hat nahezu unerschöpfliches Mem-Potenzial* und das ganz bestimmt nicht aus Zufall. Ich bin der festen Überzeugung, dass es heutzutage Expert*innen gibt, die Filme- und Serienmacher*innen beraten, was ihr Produkt braucht, um sich über Social Media zu verbreiten und ggf. auch ordentlich Geld über die Vermarktung einzelner Merch-Artikel zu machen.

Fangen wir mit den einfachen Sachen an. In Squid Game gibt es drei Symbole, die immer wieder vorkommen: Quadrat, Dreieck, Kreis.
Eine Referenz auf Einfachheit (jedes Schulkind kann diese Formen zeichnen), die in der Serie die Hierarchie der Spielwärter*innen symbolisiert.
Zufällig erinnern die Symbole auch an etwas Vertrautes, das viele Kinder und Jugendliche zuhause rumstehen haben oder zumindest rumstehen haben wollen: dem Controller der Play Station.

Zufall! (So wie es bestimmt auch reiner Zufall ist, dass die Wächter bei Squid Game ein bisschen wie die Among Us Figuren aussehen…)

Und apropos Vertrautheit: Die Spiele, die bei Squid Game gespielt werden, sind koreanische Kinderspiele. Einfache Regeln, leicht nachzuspielen, eine minimale Variation von dem was Kinder auch in Europa seit Jahrhunderten spielen. Leicht imitierbar. Nichts muss eingeübt werden, die Spiele passen in jede Hofpause.

Dann noch eine Prise Verbot und einen Hebel Erwachsene zu provozieren und zack ist Squid Game so verrucht wie Fortnite. Untergang des Abendlandes! Ihr erinnert euch: Die Grundschüler*innen tanzen Fortnitetänze auf den Schulhöfen! Das tun sie jetzt nicht mehr. Dafür spielen sie Squid Game auf den Schulhöfen – was ja im Wesentlichen bedeutet, dass sie Kinderspiele auf den Schulhöfen spielen.

Stellt sich die Frage, warum diese Spiele an sich so einschlagen. Weil die ganze Welt auf Wettbewerb getrimmt ist. Jedes noch so harmlose Mensch-ärgere-Dich-nicht ist ein kompetetives Spiel, in dem es darum geht, andere zu besiegen. Sich gegen andere durchzusetzen, als Gewinner*n hervorgehen – das hat eine lange Tradition in unserer Gesellschaft.

Auf YouTube gibt es ein ganzes millionenfach geklicktes und gerne konsumiertes Genre: “Challenges”
Challenges sind fester Bestandteil von Kinder- und Jugendkultur. Und natürlich nicht nur auf YouTube. Auch TikTok und Twitch sind voll von Challenges.
YouTube und TikTok sind im übrigen sehr wahrscheinlich die Plattformen von denen die Kinder die Eindrücke von Squid Game haben (wenn sie sie nicht durch Erzählungen von anderen Kindern haben). Squid Game ist einfach hervorragend memisierbar. Wegen der Symbole, wegen der Farben, wegen der Einfachheit und weil es einfach unendlich viele Challenges gibt, die man sich ausdenken kann – die dann auch sehr lustig sein können:

(Ich gebe zu, die Challenge von Paul Bokowski oben ist nicht so lustig für Kinder, aber sie ist einfach zu gut, um sie nicht zu zitieren)

Wahrscheinlich fällt es vielen Erwachsenen, die selbst nicht auf YouTube und TikTok unterwegs sind, schwer diese Hintergründe zu erkennen. Sie kennen Squid Game nur direkt von Netflix oder aus den ganzen Artikeln der Regenbogenpresse, die vor Squid Game warnen.**

Und ganz zu letzt scheint es ja noch ein anderes Thema in unserer Gesellschaft zu geben: Der festsitzende Glaube an “Jede*r kann es schaffen, wenn er/sie es nur will und sich anstrengt”.

Für viele gab es nach den Wahlen einen kleinen Schock. Ganze 23% der Erstwähler*innen hatten sich für die FDP entschieden.***

Auch hier gibt es eine starke Korrelation zu den Sozialen Medien, die Kinder- und Jugendliche nutzen und was sie dort zu sehen bekommen bzw. welche Vorbilder sie dort haben. Viele der großen YouTuber*innen, Twitch-Streamer*innen, Influencer*innen auf Insta haben eins gemeinsam: Sie haben es geschafft! One in a Million! Vom normalen Typen zum Millionär, der seine Millionen auf Madeira vor der gemeinen Besteuerung zum Spitzensteuersatz in Deutschland retten muss.

Das ist am Ende auch das Thema in Squid Game. Auch wenn die Chancen gering sind, auch wenn der Preis hoch ist: Am Ende kannst DU gewinnen!

So ist Squid Game am Ende also nichts anderes als ein Spiegel für unsere kapitalistische Gesellschaft und die Ideale, die wir in diesem Rahmen vermitteln.

Wenn es also was zu kritisieren gibt, dann vielleicht, dass wir unseren Kindern von klein auf das wettbewerbsorientierte Denken einhämmern. Dass wir ihnen beibringen sich gut zu fühlen, wenn sie andere besiegen. Dass es eine Gewinner- und eine Verliererseite gibt. Das Gegenteil wäre für uns und unsere Zukunft hilfreich. Solidarität, Gemeinschaft, schwächere schützen, Wohlstand aufteilen. Aber Puh! Ich bin ein elender Hippie.

Es ist natürlich viel einfacher die Popularität des Mems Squid Game unter Kindern und Jugendlichen als Versagen der Medienerziehung zu werten und die alten Forderungen nach Regulierung der Medienzeit und Überwachung der selbigen rauszukramen.

tl;dr

  • Die meisten Kinder, die was über Squid Game erzählen, haben die Serie nicht selbst gesehen.
  • Erfolgreiche Serien nutzen bewusst Strategien/Bildsprache, um sich über Social Media zu verbreiten.
  • Besonders hilfreich um die Bekanntheit einer Serie zu erhöhen ist es, sie zu verteufeln.
  • Statt verbieten, hilft immer noch: mit den Kindern sprechen, sie fragen, warum sie die Serie interessant finden, was genau sie da auf dem Schulhof spielen, woher sie die Serie eigentlich kennen.

*

Mein Lieblings-Squid-Game-Mem: Quelle leider unbekannt

**Im Übrigen: all diese Artikel, die davor warnen tun das mit lebhaften Beschreibungen der Brutalität der Serie und mit entsprechenden Ausschnitten. Ironischerweise helfen genau diese Artikel die Serie so bekannt zu machen und die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

*** (Mehr zu den FDP-Erstwählern hier im Thread von Raphael Knipping)

310 Gedanken zu „Was Squid Game mit der FDP zu tun hat“

  1. Ich wollte gerade das Beispiel bringen, das Jugendliche es ganz natürlich schaffen, gegen die Elterngeneration zu rebellieren. Dann kam auch schon das FDP-Beispiel und genau das ist es. Mit linken Jugendorganisationen wird heute nicht mehr rebelliert, das wird doch von Lehrern, Medien und vielen Elternhäusern propagiert.
    Nein, wenn der Sohnemann mit Hemd in Hose der Generation X-Eltern erklärt, das er auf die Bucerius Law School müsse. Oder wenn den Eltern erklärt wird, das sie Kindergeneration mit Atheismus doch nicht so viel anfangen kann, dann passiert etwas in der Elterngeneration. Aber das Thema wird hier ja schon angeschnitten.

  2. Ich persönlich glaube, dass vor allem die failed Corona-Politik von CDU, Grünen und SPD dazu beigetragen hat, dass die FDP bei Erstwählern so gepunktet hat. Und wir können um jeden in dieser Altersgruppe froh sein, der nicht bei AfD und Querdenkern landet. Ihnen mangelnde Medienkompetenz vorzuwerfen anstatt zu fragen, was ihre Ängste und Bedürfnisse sind, ist auch ein bisschen kurzgegriffen. Offlinewahlkampf mit den Bundestagskandidaten oder Wahlkampfhelfern zum Reden vor Ort hat in meinem Viertel dieses Mal zum Beispiel gar nicht stattgefunden.

    1. Ich werfe den Jugendlichen doch keine mangelnde Medienkompetenz vor in meinem Artikel (und im Übrigen ist das FDP-Thema nicht Hauptthema das Artikels sondern steht im Kontext der Attraktivität von Challenges und der liberalen Idee, dass jede*r es an die Spitze schaffen kann, wenn er/sie sich ausreichend bemüht).

  3. Gut und differenziert geschrieben. Jugendkultur, bisschen Angeberei, etc. Interessant finde ich eher die Diskussion, ob FSK überhaupt noch großartig Sinn ergibt. Denn abgesehen von Tik Tok und YouTube, etc. werden Snippets auch direkt über Messenger geteilt. WhatsApp, etc. Die sind dann manchmal auch etwas länger und um zur Angeberei zurückzukommen. Es gibt durchaus Situationen, wo man damit angeben kann, den längsten Ausschnitt der Serie vorzeigen/teilen zu können.

    Und da glaube ich hilft nichts, außer darüber zu reden und zu entdramtisieren. Aber eben auch nicht zu verharmlosen.

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