Allein, allein

Alleine Urlaub machen
Optimistisch stimmende Natur

Früher war es sehr einfach alleine zu sein

Ich kann sehr super alleine sein. Seit rund 15 Jahren bin ich es aber nicht mehr. Meistens nicht mal am Klo. Ich glaube, das nennt sich Familie.

Meine Kindheit habe ich mit einem sehr verständnisvollen Hund und sehr vielen Kaulquappen verbracht. Meine Jugend halb schlafend, halb lesend und wenn ich zwischendrin mal wach war, hab ich mich kurz verliebt. Dann kam das Studium und es wurde aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen schwieriger alleine zu sein. Ich wollte Wissenschaftlerin werden, am liebsten eine mit weißem Kittel und dicker Brille, weil der dauerhafte Blick durchs Mikroskop die Augen so belastet. Eines Tages hätte ich dann einen anderen Wissenschaftler mit einem Nachnamen, der mindestens 17 Buchstaben hat (Peter Kunkeladelwandsteiner z.B.), kennengelernt und wir hätten geheiratet und der Nachwelt in den Lehrbüchern unsere wichtigen Hypothesen unter dem Namen Cammarata-Kunkeladelwandsteiner-Hypothese zum performativen Kronkanzteleportionszyklus hinterlassen. Statt Kinder eben.

Dann bin ich aber doch in dieses Kinderthema reingerutscht und war fortan nie mehr alleine. Die Kinder sind immer da. An allen Orten zu allen Uhrzeiten. Einmal hab ich sogar eins im Kleiderschrank gefunden. Mit Kindern ist es immerzu laut und ich habe es jetzt nicht wirklich gemessen, aber gefühlt sagt alle 35 Sekunden jemand „Mama“. Das verspannt mich etwas.

Vielleicht wäre Wellness-Urlaub was für mich

Deswegen kam irgendwann die Idee auf, ich könnte doch alleine Urlaub machen. Eine ganze Woche – nur ich. Irre. Ich begann also mögliche Urlaubsszenarien zu recherchieren. Meine Freundinnen rieten mir zu Wellness. 2018 wollte ich das Thema erneut angehen. Also sichtete ich sog. Wellness-Hotels. Wellness-Hotels sind entweder modern – was so viel heisst wie: karg eingerichtet und mit viel blankem Metall verziert – oder sie sind gemütlich – was so viel heißt wie piefig. Jedenfalls in der Preisklasse, die ich mir ausnahmsweise gönnen würde. Außerdem haben Wellness-Hotels Pools und Saunas.

Ich stellte mir also vor, wie ich jeden Morgen um 5 Uhr gemütlich aufstehe und meine Runden im Pool ziehe, bevor ich mich dann zum Frühstück begebe und dort ein wenig Schnittkäse auf ein labbriges Brötchen lege und einen Filterkaffee trinke, von dessen Röstaromageschmack Tim Mälzer (oder war es Jamie Oliver?) nur träumen kann. Dabei rechne ich die ganze Zeit Kopf. Wenn die Nacht inkl. Frühstück 85 Euro kostet, hat das Frühstück mindestens einen Anteil von 15 Euro. Mein Brötchen kostet dann 10 Euro und der Kaffee 5 Euro. Wenn ich noch ein Brötchen esse, dann kostet ein Brötchen nur noch 5 Euro und der zweite Kaffee 2,50. Wenn ich also sechs Brötchen esse und drei Kaffee trinke, komme ich in vertretbare Preisklassen. Saft ist auch sehr teuer. Ich könnte also zusätzlich einen Saft zum Frühstück nehmen. Allerdings mag ich Saft gar nicht und Nahrungsmittel wegschmeißen oder -schütten ist natürlich nicht so toll. Einmal schwimmen vier Euro. Macht 66 Euro für das Zimmer. Für 66 Euro muss ich aber mindestens 12 Stunden schlafen, was ich niemals schaffe, was außerdem auch mit meinem Vorhaben um 5 Uhr entspannt aufzustehen kollidiert. Ich müsste also mindestens drei Mal am Tag schwimmen gehen, damit sich das mit dem Schlafen wieder ausgleicht. Wahrscheinlich möchte ich aber auf der anderen Seite doch mehr schlafen, denn weil das Frühstück so teuer war, werde ich auf keinen Fall mittag- oder abendessen und deswegen werde ich sehr hungrig sein, was ich besser aushalte wenn ich schlafe.

Mein Freund meinte daraufhin Wellness-Urlaub sei vielleicht doch nicht das richtige für mich.

Urlaub alleine im Wald – das ist es!

Alleine Urlaub machen
Das ist nicht die Försterin

Also habe ich nach Alternativen gesucht. Irgendwas in der Natur zum Beispiel. Natur soll ja sehr erholsam sein. Wobei ich nicht plane wirklich in die Natur rauszugehen, denn das ist kalt, nass und dreckig. Ich dachte da eher an ein Haus in der Natur, also eines, wo ich zum Fenster raus in die Natur schauen kann. Ich habe also alle Ferienwohnungsportale nach naturnah durchsucht und bin immer wieder auf Inserate gestoßen, die man vielleicht mal ausprobieren will, wenn man ein Buch schreiben möchte. Man kann z.B. bei einer Försterin wohnen, die einem helfen möchte dem Alltag zu entfliehen. Wenn ich versuche mir vorzustellen, wie sie das machen möchte, spielt mein geistiges Auge mir in mein Kopfkino gleich einen weißen Romantikfilter, der alles ein bisschen verwäscht und die Försterin wartet dann im dunkelgrünen Spitzennegligee auf meine Ankunft.

Ich suche also weiter und weiter. Die Vermieter sollen nicht in der Nähe sein, ich möchte keinen Menschenanschluss, nur Ruhe. Auf Google Street View irre ich durch Dorfstraßen, an Waldrändern entlang und manchmal auch tief ins Grün hinein bis ich endlich eine geeignete Unterkunft finde.

Im Umkreis von einem Kilometer kein menschliches Leben. Das geht in Deutschland nur in der Schorfheide. Das ist nämlich Deutschlands größtes zusammenhängendes Waldgebiet. Das Häuschen, das ich gefunden habe, hat keinen Strom und kein Wasser. Leider auch keine Toilette. Die Toilette befindet sich mit dem Bad im 150 m entfernten Waschhäusschen. Gut – waschen muss ich mich im Urlaub eigentlich nicht, aber auf Klo gehen wahrscheinlich schon. Ich stelle mir also vor, wie ich um 19.41 Uhr ein letztes Mal bevor die Sonne untergeht, pullern gehe und dann die ganze Nacht hoffe, nicht nochmal gehen zu müssen, denn ich werde auf gar-keinen-Fall mitten in der Nacht mein Haus verlassen. Wer weiß was mir da auf dem Weg zum Klo passieren kann und noch viel schlimmer: Was, nachdem ich ja 10 min weg war, im Haus auf mich warten könnte. Ich müsste mich also, wenn ich wirklich, wirklich pullern müsste, mitten in der Nacht auf halben Weg zwischen Klo und Haus unter altem Laub eingraben, damit mir der irre Wald-Mörder nicht auflauert, und auf den Sonnenaufgang warten. Der irre Wald-Mörder würde sich dann so dolle langweilen, dass er spätestens um 5 Uhr wieder geht und ich dann endlich in mein Bett kann. Vermutlich hätte er auch noch meine Essensvorräte aufgefressen und ich hätte nichts zum Frühstücken da. Auch ärgerlich. Also besser nicht Pipi machen gehen.

Was mich prinzipiell aber auch nicht vor Irren im Wald rettet. Ich denke, es ist deswegen besser, ich nehme die Zweihandaxt meines Freundes mit, die er noch vom Liverollenspiel über hat. Die ist aus hochgummierten Schaumstoff, was sie jetzt nicht wirklich als Kampfinstrument geeignet macht, aber sie sieht zumindest sehr bedrohlich aus. Wäre sie aus Eisen, fiele sie mir ohnehin nur auf eine Extremität und so ungeschickt wie ich manchmal bin, würde ich mich furchtbar verletzen und vermutlich in meinem Waldhaus einfach verbluten. So kann ich sie jedoch bequem, aber sehr demonstrativ, mit ins Waldhaus nehmen und dann dort gut sichtbar im Fenster platzieren. Nachts müsste ich sie dann irgendwie beleuchten, sonst sieht sie der Irre im Wald ja nicht. Da es aber keinen Strom gibt, müsste ich das mit einer Kerze oder einer kleinen Fackel machen. Wobei bei offenem Feuer kann ich ja gar nicht gut schlafen, also könnte ich die ganze Nacht kein Auge zumachen. Macht aber nichts, denn dann bin ich eben nachts wach und schlafe tagsüber. Sollte der irre Waldmörder sich dann tagsüber Zugang zu meinem Häuschen verschaffen, sieht er die Axt im Fenster und denkt sich: „Wie praktisch, kann ich die ja nehmen, wenn ich diese Städterin erledige.“ Jahaa und dann ist seine Überraschung groß, wenn er mit ein bisschen hochgummierten Schaumstoff auf mich einhackt! Wahrscheinlich wäre er dann so geschockt, dass er wegläuft und ich in Ruhe den Rest der Woche Urlaub machen kann.

Klingt eigentlich ganz entspannt. Ja doch. Urlaub in der Natur liegt mir auf jeden Fall mehr als dieses Wellnessgedöns.

 

Neu: Micropaying-Dienste sind tot. Spende mir lieber ein Hundertstel einer übertrieben teuren Nacht im Luxushotel mit verschließbarer Eichenaußentür, wenn Du Freude an meinen Texten hast. Noch toller: Wenn Du mich doof findest, kannst du mir beim Spenden eine extragemeine Nachricht hinterlassen!

 

110 Gedanken zu „Allein, allein“

  1. Die Lösung ist offensichtlich: Der Rest der Familie hat wegzufahren und du kannst dich allein zuhause amüsieren.
    Tatsächlich ist mehr als eine Stunde die Wohnung für mich haben, eines der Dinge von denen ich vor dem Kind nicht wusste dass es Luxus ist…

  2. Und um Illusionen zu nehmen. In keinem Wellness Hotel kann man schon um 05:00 in den Pool! Oft macht der erst gg 10:00/11:00, weil Wellness für die meisten heißt, bis 12:00 schlafen!!! Wenn man wie ich schon gg 06:30 immer wach wird, wird es sehr schnell sehr langweilig.

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