Der Wald, das Auto, die Axt

Die Anreise

„Wenn du glaubst, es geht nicht mehr weiter – weiterfahren. Zu deiner linken kommt irgendwann ein kleiner Friedhof, dann nach 500 Metern eine Pferdekoppel. Dann sind es noch rund 800 Meter.“

Ich gebe die Adresse bei Google Maps ein und tatsächlich zeigt mir die Karte etwas:

„Sehr gut, denke ich. Wenn das Navi das findet, dann finde ICH das auch. Man muss ja nicht immer was von oben sehen.“

Ich steige also ins Auto und nach gefühlten 20 Staus, 10 Baustellen, 50 LKWs fahre ich von der Autobahn ab. Etwas mehr als eine Stunde habe ich gebraucht. Da bin ich also, im viel zitierten Berliner Umland, genauer gesagt in der Schorfheide. Noch sieht es normal aus. Es gibt Straßen, die ich eindeutig als Straßen klassifizieren würde. Mein Navi überrascht mich nach wenigen Metern auf einer Dorfstraße mit „links abbiegen“, wo ich eigentlich keine Straße im engeren Sinne mehr sehe. Eher so ein loses Pflastersteingeröll. „Ah“, denke ich, „so waren die Straßen damals in der DDR. Will ich mal nicht so etepetete sein und fahre weiter.“

Der Pflastersteinweg wandelt sich in einen Sandweg. Immerhin sieht man noch deutliche Spuren von Reifen. Kein Problem also. Wenn andere hier fahren, fahre ich weiter.

Mein Navi zeigt: noch 2,9 km. Der Feldweg wird zum Waldweg. Die Schlaglöcher sind beachtlich. Ich fahre sehr langsam, befürchte dennoch, dass das Auto Schaden nehmen könnte. Normalerweise wäre ich hier schon lange nicht mehr weitergefahren. Lediglich das Navi, das darauf beharrt, dass der Weg korrekt ist und die Beschreibung des Anfahrtswegs der Unterkunft, lassen mich weiterfahren.

Der Weg ist jetzt so breit wie das Auto. Die Bäume rechts und links werden immer dichter. Das Navi sagt: „Jetzt rechts!“ Tatsächlich biegt da irgendetwas wie ein Trampelpfad ab, ich lenke zögerlich nach rechts, doch dann bleibe ich stehen. Mein Auto sieht aus wie nach der Rallye Paris-Dakar, nur dass ich leider keinen Allrad-SUV fahre, den man ja eigentlich als Städterin hat. Schade eigentlich.

Ich versuche auf der Karte zu schauen, wie weit es noch ist. Die Karte verschluckt sich vor Schreck und sagt „Ätsch. Jetzt hab ich nur Edge und weiß überhaupt gar nicht wo du bist.“ Ich schwitze. Wenn mich ein Förster entdeckt, werde ich sofort in Tränen ausbrechen. Das muss ich nicht mal spielen. Meine Verzweiflung ist echt. Was soll ich bloß tun? Ich bin fernab jeder Zivilisation mit einem geliehenen Auto, ohne Internet im Wald gestrandet.

Ich wäge meine Optionen ab. Ich habe ungefähr Essen für eine Woche dabei. Überleben ist also kein Problem – nur – wenn ich alles aufgegessen habe, muss ich ja trotzdem zurück. Ich rufe den Vermieter an, der leider nicht ans Telefon geht. Ich rufe meinen Freund an, der, so fällt mir in diesem Moment ein, derzeit leider kein Telefon hat. Die Nummer meiner Mutter kenne ich nicht. Ich fürchte, sie könnte ohnehin nicht helfen. Helfen könnte jetzt nur ein Transporthubschrauber, was mich traurig an eine Bekanntschaft mit einem Transporthubschrauberpiloten denken lässt. 2001 muss das gewesen sein. Ich hätte mich vielleicht doch nochmal melden sollen. Mist.

Vor Stress läuft mir der Schweiß jetzt wirklich in Strömen runter. Weiterfahren geht wirklich nicht, das wäre irre (also noch irrer als was ich schon gefahren bin und das war wirklich total irre, wenn das jemand gesehen hätte, hätte er mich gleich mal meine Schaltkreise auf Unversehrtheit checken lassen).

Ich entschließe mich also zurück zu fahren. In meinem Posie-Album steht: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“ Danke, Steffi aus der 3a! Ich konnte dich nie leiden, aber diese Weisheit hilft mir jetzt wirklich weiter.

Zurück.

Zurück heisst in dem Fall rückwärts. Was kann es schon schlimmeres geben als einen Weg mit tiefen Schlaglöchern, eng wie eine Schlucht, staubig wie die Wüste vorwärts durch den Wald zu fahren? Richtig! Die ganze Scheiße rückwärts fahren.

Drecksschmierige Sumpfkartoffel! Hinkender Zeckenbiss! Rülpsende Kalknuss! Dumpfe Stinkschwarte! Grunzender Speckpickel! Verdammte Spuckpest! Krummer Eiter-Beutel! Hohler Gülle-Eimer! 

Ein bisschen Hass hilft immer. Als ich schließlich am Sandweg ankomme, kommt mir ein anderes Auto entgegen. WTF? Soll das hier wirklich ein offizieller Weg sein? Mir doch egal. Ich stelle mich so weit es geht an den Rand und warte. Das andere Auto rauscht als Staubwolke an mir vorbei.

Im Dorf angekommen, rufe ich nochmal den Vermieter an: „Ja, ja. Das sei bestimmt die richtige Straße.“ „Denken sie bitte daran, dass ich verweichlichte Städterin bin. Gibt es denn nichts mit Asphalt?“ „Doch, doch. Nehmen sie aber ruhig den anderen Weg, er ist 3 km kürzer!“ „D.h. es GIBT eine echte Straße zu ihnen?“ „Ja, die fährt nur niemand.“ „OK, ich will sie fahren. Bitte sagen sie mir wie ich fahren muss!“

Mein Vermieter findet mich komisch, beschreibt mir nach einigen Diskussionen dann doch noch den Weg und so stehe ich nach 15 min wieder vor einem Waldweg. Ich fahre zittrig hinein. Doch als der Friedhof kommt, bin ich erleichtert. Diesmal scheint es richtig zu sein. Und tatsächlich. Auch hier wäre ich normalerweise NICHT weitergefahren, aber nach wenigen Minuten stehe ich vor meinem Haus.

Die Natur

Ich muss mich erstmal erholen. Völlig fertig bin ich. Ich räume meinen ganzen Krempel ins Haus und dann gehe ich in den Wald. Diesmal zu Fuß. In Flip Flops und kurzen Hosen, so wie es sich für eine Städterin gehört. Die Sonne scheint, es ist wunderbar! Ich laufe und laufe, immer weiter und plötzlich denke ich: Charlotte Roche hat Recht! Ich muss mich im Dreck wälzen, durch den Bach schwimmen, mich nackt ausziehen, schreien, alles rauslassen!

Doch kurz vor der alles reinigen Katarsis entdecken mich die Mücken. Vermutlich angelockt durch meinen Angstschweiß der Fahrt stürzen sie sich auf mich. Wie Wanderheuschrecken auf die Weizenernte.

Dazu stand doch was in der Bibel?

Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf (na gut es war ein Bach), und es stieg auf ein Rauch aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen Ofens, und es wurden verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch des Brunnens. 3 Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken Mücken auf die Erde, und ihnen wurde Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben.   4 Und es wurde ihnen gesagt, sie sollten nicht Schaden tun dem Gras auf Erden noch allem Grünen noch irgendeinem Baum (ist ja Charlottes Natur!), sondern allein den Menschen, die nicht das Siegel Gottes haben an ihren Stirnen (Mist! Mir also?)

Na super. Fahre ich EINMAL aufs Land, schickt der Herr die Plagen der Apokalypse und wen müssen sie fressen? Mich! Mitten in der Schorfheide. Top.

In wenigen Sekunden bin ich völlig zerstochen. Die Mücken stören sich nicht daran, dass ich sie zerschlage. Für jede, die ich erwische, kommen zwei nach. Patsch! Patsch! Patsch! Ich muss mich bewegen, ich muss laufen, nur so habe ich eine Chance. Also renne ich um mich schlagend zurück zu meiner Hütte, direkt ins Waschhäuschen, wo ich mich so lange unter das kalte Wasser stelle, bis die Stiche nicht mehr so schmerzen. Sogar ins Kinn und in die Lippe haben sie mich gestochen.

Gut dass es ab morgen regnet. Fünf Tage lang.

Das Haus

Das Haus sieht aus wie auf den Fotos, die ich vorher im Internet gesehen habe. Ganz zauberhaft. Die Axt für den Axtmörder liegt auch schon bereit:

Ich untersuche sie nach Blutspuren und verstecke sie dann unter meinem Auto. Ganz so leicht will ich ihm es nicht machen.

Im Haus war schon länger niemand mehr. Imposante Spinnennester zieren verschiedene Stellen, wie z.B. die Vorhangfalten. Eines der Nester ist trichterförmig. Als ich daran wackle kommt eine große schwarze Spinne nach dem Rechten sehen. Sie passt leider nicht in das Weinglas, das ich aus der Küche hole. Während ich nach einer besseren Möglichkeit suche, sie liebevoll aus meiner Behausung zu transportieren, macht sie sich aus dem Staub. Na vielen Dank auch. Hoffentlich frisst sie wenigstens ordentliche Mengen an Mücken.

Auf der Schattenseite des Häuschens steht eine Bank. An der selben Wand ist ein Vogelhäuschen befestigt. Ich setze mich mit meiner Urlaubslektüre auf die Bank. Die Kohlmeise, die im Vogelhäuschen wohnt, schaut empört auf mich herab. Sie fliegt auf den Ast der Tanne vor mir und schimpft. „Aha“, denke ich „So klingen also die Kohlmeisen.“ Überhaupt sehr viel Vogellärm hier. Außerdem summen Fliegen, brummen Hummeln, bssssn Bienen und käfern Käfer. Dazu kommt dröhnendes Baumrauschen. Unfassbar wie laut das alles ist. In dB bestimmt nur unwesentlich leiser als die Stadtgeräusche, die ich sonst höre.

Ich gehe wieder ins Haus. Die Mückenstiche schmerzen. Auch vor den Zecken soll ich mich hüten, hat der Vermieter am Telefon gesagt. Es ist ohnehin viel zu hell da draußen.

Im Haus schneide ich mir eine Kohlrabi auf. Kohlrabi ist nicht mein Lieblingsgemüse. Aber die Kinder mögen Kohlrabi gar nicht und ich habe mir geschworen im Urlaub endlich mal all die Dinge zu essen, die ich nie esse, weil die Kinder sie nicht mögen (Am 1.6. erscheint „Mit Kindern Leben“ Folge 6: Essen, da könnt ihr mich dazu ausführlich jammern hören). Ich mümmle meinen Kohlrabi und lese weiter in meinem Buch. Als ich auf Seite 100 angekommen bin, schaue ich auf die Uhr. Krass. Erst 30 min seit meiner Ankunft vergangen!

 

Neu: Micropaying-Dienste sind tot. Landluft ist unbezahlbar, aber Du kannst spenden, damit ich in die Stadt zurückfinde.

 

32 Gedanken zu „Der Wald, das Auto, die Axt“

  1. Huiuiui, Sie sind aber hoffentlich nicht ernsthaft ohne Insektenschutzmittel dorthin gereist? (mückenstichkratzend gesendet, nachdem ich das Antibrumm am Samstag in selbigem Wald ca. 10 Minuten zu spät auftrug.)

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