Der Wald, das Auto, die Axt

Die Anreise

“Wenn du glaubst, es geht nicht mehr weiter – weiterfahren. Zu deiner linken kommt irgendwann ein kleiner Friedhof, dann nach 500 Metern eine Pferdekoppel. Dann sind es noch rund 800 Meter.”

Ich gebe die Adresse bei Google Maps ein und tatsächlich zeigt mir die Karte etwas:

“Sehr gut, denke ich. Wenn das Navi das findet, dann finde ICH das auch. Man muss ja nicht immer was von oben sehen.”

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Natur(tor)tour

Einmal um den See, das kann nicht so anstrengend sein. Knapp 15 km, zu heiß ist es auch nicht. Macht bestimmt Spaß, sagt er. Mountainbikes sollen wir lieber nehmen, sagt der Verleiher. Wegen des Wurzelwerks. Ja, ja, denke ich. Wurzeln. So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Gestern waren wir dort spazieren. Klar, waren da Bäume, ist ja auch ein Wald. Dann sind da auch Wurzeln, aber gleich die 5 Euro teureren Mountainbikes? Ich weiß ja nicht. Aber immer die Spaßbremse sein, will ich nun auch nicht.

(Man leiht sich Mountainbikes)

Hui! Das wiegt ja höchstens ein Zehntel von dem was mein Fahrrad zuhause wiegt. Ich will es in die Luft schleudern! Oho! Und es bremst. Upsi. Fast runtergefallen. Nichts anmerken lassen.

(Das war das Stück Asphalt)

Oh. RRRrrrrRRRRrrrRRRRrrr. Ganz schön holprig. Hätte ich ja nicht gedacht. Orrr. Meine Güte. Ok, ok, ganz langsam! Sind ja doch mehr Wurzeln als gedacht. Merkt man beim Spazieren gehen gar nicht so.

(Das war das erste Stück Wald)

Wo ist der Weg? Ich sehe keinen Weg! Wo ist der Typ? Ich … muss … schneller … RRRrrrrRRRRrrrRRRRrrr … fahren. Bei den meisten Sportarten ist es ja so, dass schneller besser geht. (tritt in die Pedale, Blätter und Äste spritzen zur Seite). RRRrrrrRRRRrrrRRRRrrr

(Die ersten 500 Meter sind geschafft)

Macht gar nicht mal so viel Spaß, stelle ich langsam fest. Immer dieses Gewackel. Ok, ich muss hart sein, darf jetzt bloß nicht rumjammern. War bestimmt noch kein Kilometer. Ab wann kann ich wohl anfangen zu jammern? Was da wohl angemessen wäre? Und v.a. wie merke ich das? Nicht dass der denkt, dass wir das morgen wieder machen…

(Der erste Kilometer wurde bezwungen)

1 3 2HAHAHAHA. Nur noch 13 Mal die selbe Strecke. Also ungefähr. Falls es jetzt nicht auch noch bergauf geht. Oh, Mann. Fahrradfahren! Wieso keine Elektrobikes? Ich bin doch jetzt in dem Alter eigentlich? Nur weil der jünger ist… man sieht auch gar nix von der Landschaft oder von dem See. Welcher See eigentlich. Achso, dahinten rechts. Man muss ja immerzu auf diese ***** Wurzeln starren. Ich hasse Wurzeln. Warum können die das hier nicht asphaltieren?

Mir wird langsam heiß.

Boaaaahhh! Wenn man schneller fährt und mit dem Lenker immer so ein bisschen hin und her wackelt, dann macht es doch Spaß. Ganz schön cool. Also ich jetzt meine ich. Ok, vielleicht nächstes Mal nicht im Kleid und in Wandersandalen. Optisch geht da noch was, aber sonst also für mein Alter RRRrrrrRRRRrrrRRRRrrr ganz schön *ächts* cool!

Ich glaube, ich verdurste. Doch. Ich glaube, ich muss sterben. Hier im Wald, am Fahrrad. Wie da wohl die Schlagzeile lautet? Erfolgsautorin kippt tot vom Fahrrad. Klingt ja auch doof. Ne, dann sterbe ich jetzt doch nicht.

Oh, Mann, warum gibt es denn hier keine ordentliche Infrastruktur. Schon 10 km mindestens und kein einziges Café. Moooaaaahhhh. Jetzt ein kühles Getränk. Aber ne, ist ja Naturschutzgebiet. Ich hasse Natur. Die ganzen Bäume da, die versperren doch die schöne Sicht. Die könnte man doch adrett abholzen. Da hätten doch alle was von.

ALTER! Ich schwitze! Ich will nicht mehr. Wie lange dauert das denn noch? Und das Geholpere ist kein Stück besser geworden. Jetzt dreht er sich auch noch um und fragt, obs mir gefällt.

„JA, SEHR TOLL HIER SCHATZ! HMJA, DIE NATUR! WUNDERSCHÖN! JAJA!“

Oh Gott, wie ich das hasse. Die ganzen Spinnennetze hier. Die Mücken. Orrrr! Hoffentlich sagt er jetzt nicht, dass er ein Häuschen am Land haben möchte.

„JAAA! EIN HÄUSCHEN AM LAND, DAS WÄRE ECHT VOLL SCHÖN, SCHATZ!“

Nur Edge. Nicht mal Internet gibt’s hier. Es ist echt die Pest. Apropos Pest, was stinkt hier denn so widerlich? Das ist dieses verrottende Holz überall. Naturbelassen. Furchtbar. Einfach furchtbar. Da riecht ja das Ostkreuz besser.

„SCHWIMMEN? JETZT HIER SCHWIMMEN? KLAR! GANZ TOLLE IDEE!“

Das ist bestimmt saukalt. Und Algen gibt es bestimmt massig. Das ist ja ekelhaft. Man kann bis auf den Grund schauen, da sieht man das ganze Getier und Geschmodder. OHGOTTOHGOTT! Kalt ist ja gar kein Ausdruck. Ich glaube, ich sterbe. Bloggerin erstarrt zur Eissäule. Ne, das mache ich jetzt auch nicht. Will kein Naturdenkmal werden.

WEITERFAHREN? JA, DAS KLINGT GROSSARTIG!

Dann hat die ganze ******* hoffentlich bald ein Ende. Das Fahrrad muss schließlich wieder abgegeben werden.

„Und, hatten sie Spaß?“

 

Schlagzeile: Urlauberin explodiert unerwartet

 

Landleben

Für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, ob es schön wäre ein Wochenendhaus zu haben. Dann stach mich eine Mücke.


Mindestens einmal im Jahr zieht es uns aufs Land. Der Kinder wegen. Die armen Stadtkinder sollen auch mal erfahren was Freiheit bedeutet, wie schön es ist, durch ein Roggenfeld zu rennen (möglichst schneller als der Bauer, den man damit verärgert).

Von seinen Geschwistern erfährt Kind 3.0 dass es eine zutrauliche Katze geben soll. Deswegen befüllt es gleich nach unserer Ankunft den Napf, der vor der Haustür steht mit Katzenfutter und legte sich auf die Katzenlauer. Regungslos verharrt es im Halbdunkel des Fliederbaumes und hofft, dass sich irgendwann die Katze der Nachbarin zeigen würde.

Als es dämmert, gibt unser Jüngstes auf und bohrt kleine Löcher in den Boden. In diese legt es die unangetasteten Katzentrockenfutterkroketten und gießt jede einzelne gewissenhaft. Ein Katzenfutterbaum möge dort wachsen, murmelt es, als es die bepflanzten Mulden mit Humus überschüttet.

In der Zwischenzeit betrachtet Kind 1.0 sehr lange ein Poster, das im Inneren des Wochenendhäuschens hängt und stellt fest: “Xsara Picasso ist aber nicht alt geworden. Wahrscheinlich waren die dicken Finger an seinem frühen Tod schuld.”

Am zweiten Tag erscheint an unserem Gartentor überraschenderweise ein Junge im Alter von Kind 1.0. Er ist außer sich vor Freude. Noch nie hat er ein anderes Kind im Dorf gesehen. Seit seiner Geburt fahren seine Eltern mit ihm Sommer wie Winter, Wochenende für Wochenende in das Brandenburger Hinterland. Früher hätte es noch Ziegen gegeben, auf denen er hatte reiten können, aber die seien jetzt tot. Der Zahnfehlstellungen wegen. Die Ziegenzahnspange hätte 6.000 Euro gekostet. Man habe die Ziegen dann lieber eingeschläfert. Ob er denn immer alleine sei? Im Grunde ja, berichtet der Junge. Es gäbe in den Nachbarsdörfern Kinder, er hätte sie alle mindestens einmal gesehen, aber die hießen alle Uwe, so wie ihre Väter und Onkel und irgendwie seien sie komisch. Der Junge führt uns zu seinem Hof. Dort leben drei Wollschweine. Ich schätze, dass sie fünfzig Jahre alt sind. Ihr Fell ist grau. Jedes einzelne wiegt 600 kg. Sie sind unfassbar riesig und ihre fußballgroßen Rüssel beschnüffeln gierig unser Kind 3.0, das ich nicht mehr unbeaufsichtigt lasse. Ich denke, wenn ich mich rumdrehe, fressen sie Kind 3.0 auf. In einem Haps. Ich habe Animal Farm von George Orwell gelesen, lasse ich sie wissen, mir macht ihr nichts vor.

Während ich sie betrachte, frage ich mich. Was macht man wenn eines dieser Halbtonner verendet? Wie viel Uwes braucht es, um ein einziges totes Schwein auf den Kompost zu zerren. Wie ist seine biologische Halbwertszeit? Oder muss man es zersägen? Aber was macht man mit den Einzelteilen?

Am Abend sitzen wir vor dem Haus und schauen den Hornissen zu. Einige Spinnen gesellen sich zu uns. Ich schlage im 10-Sekunden-Takt Mücken tot und denke: “Ach so ein Wochenendhaus *klatsch*, das wäre schon was *klatsch*. Unsere Kinder könnten auch auf Ziegen reiten *klatsch* und ich würde Gemüse anbauen *klatsch*. Zucchini zum Beispiel *klatschklatsch* und dann gäbe es jeden Tag Zucchinisuppe, gebratene Zucchini, gedünstete *klatsch* Zucchini, marinierte Zucchini *klatsch* und *klatsch* vielleicht auch Zucchiniauflauf. Hach! Das wäre *klatsch* echt schön.”