[Anzeige] Let’s talk – Cyber-Mobbing Teil 1

„Let’s talk“ S04E07 zusammen mit SCHAU HIN!

Im Zentrum meiner Serie „Let’s talk“ stehen die Chancen, die digitale Medien mit sich bringen. Nachdem ich in der ersten Runde v.a. allgemein über Nutzung und Plattformen gesprochen habe, wurde es in der Folgerunde konkreter und Eltern berichteten mir von ihrem Familienalltag mit digitalen Medien. Im Anschluss kamen Jugendliche selbst zu Wort. In der 4. Staffel ging es um konkrete Erfahrungen, die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern sammeln können. Die letzten drei Beiträge in diesem Jahr bieten Orientierung in Themen, die im Zusammenhang mit digitalen Medien und Kindern viel diskutiert werden.

Quelle: geralt@Pixabay

Cyber-Mobbing ist ein ernstzunehmendes Problem. Ich schaue sehr gerne optimistisch auf das Thema Kinder und digitale Medien. Das heisst aber nicht, dass es nicht auch Herausforderungen gibt, auf die man Kinder vorbereiten muss. Brennpunkt des Cyber-Mobbings ist oft der Klassenchat, wo Betroffene massiv beleidigt oder bloßgestellt werden. Deswegen ist es so wichtig, dass ein Klassenchat nicht gestartet wird, bevor sich die Schüler*innen auf einen Verhaltenskodex geeinigt haben.

Gemobbt zu werden kann zu jahrelangem Leid und sogar zu Suizid führen. Expert*innen schätzen, dass 20 Prozent der Selbstmordfälle von Schüler*innen durch Mobbing ausgelöst werden. Mobbing darf deswegen auf keinen Fall bagatellisiert werden.

Oft ist zu lesen, Cyber-Mobbing gehe von Unbekannten im Internet aus. Das ist Quatsch, denn Opfer und Täter*innen kennen einander meist und das Mobbing findet sowohl off- wie online statt. Bei Cyber-Mobbing lösen sich räumliche und zeitliche Grenzen auf. Außerdem können Cyber-Mobbing-Attacken durch die technischen Möglichkeiten sehr viel leichter einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Das peinliche Foto, das früher vergleichsweise aufwändig von Kind zu Kind gereicht werden musste, kann jetzt öffentlich gepostet oder einfach über einen Gruppenchat verschickt werden. Einmal unter Leute gebracht, lässt sich ein solches Foto kaum noch löschen.

Wichtigster Hebel ist hier die Prävention. Macht eure Kinder zu Verteidiger*innen von Mobbing-Opfern. Da Mobbing ein verbreitetes Phänomen ist, solltet ihr eure Kinder schützen, indem ihr im Vorfeld über Mobbingmechanismen sprecht. Denn viele Mobbing-Situationen entstehen leider, weil sich Kinder keine Gedanken über die Auswirkungen ihres Verhaltens machen.

Ich empfehle auch, sich Verbündete im Kampf gegen Mobbing zu suchen. Sprecht die Schule an, schlagt beim Elternabend Präventionskurse vor, wendet euch an die Präventionsstellen der Polizei und organisiert Kurse.

Aber: Nicht jede Meinungsverschiedenheit unter Kindern – selbst wenn Schimpfworte fallen – ist Mobbing. Daran sollten Eltern bitte auch denken.

Von Mobbing spricht man, wenn Personen über einen längeren Zeitraum wiederholt beleidigt, bedroht, bloßgestellt oder belästigt werden. Meist gibt es ein Macht-Ungleichgewicht zwischen Opfer und Täter*innen (in der Regel sind es mehrere).

Wie beim Thema Klassenchat, sollte hier die Schule miteingebunden werden. Wenn sich die Schule rechtzeitig darum kümmert, indem sie präventiv tätig wird, dann bedeutet das für sie vielleicht den Invest eines Projekttages oder einiger Schulstunden – letztlich erspart man sich damit jedoch viele Stunden, die auflaufen, wenn unterschwellig gemobbt wird und es dadurch im Unterricht immer wieder zu Irritationen und Störungen kommt. Da nun mal ein Großteil der Mobbingfälle im schulischen Umfeld auftritt, empfiehlt es sich, den Klassenverbund aktiv zu stärken und für ein gutes Klima zu sorgen. Das beugt nicht nur Mobbing vor, sondern ist auch für den Unterricht im Allgemeinen von Vorteil.

Zwei Gründe sprechen dafür, schon in der Grundschule mit der Prävention anzufangen:

  1. Kinder entwickeln im Grundschulalter ihr Wertesystem, weshalb Prävention in dieser Phase besonders effektiv ist.
  2. Mobbing findet vermehrt im Teenageralter statt; wer also gewappnet ist, hat bessere Chancen, die negativen Folgen abzuwenden. Ganz zu schweigen davon, dass Prävention vielen möglichen Opfern seelische Qualen erspart.

Als Eltern solltet ihr grundlegende Themen mit euren Kindern klären. Dazu gehören:

  • Wie schütze ich meine Privatsphäre?
  • Was poste ich und was nicht?
  • Warum es sowohl problematisch ist mitzumachen als auch einfach wegzuschauen.
  • Wer hilft im Fall der Fälle?

Kinder sollten Stellen kennen, an die sich wenden können, wenn sie Hilfe benötigen. Dazu gehört z. B. Juuuport.de oder das Kinder und Jugendtelefon (und Chat) bei der Nummer gegen Kummer (Tel 116111). Es ist wichtig Anlaufstellen jenseits der Eltern und Lehrer*innen zu kennen.

Rollen und Wirkdynamiken beim Mobbing

Zur Prävention gehört auch, über Rollen und Wirkdynamiken beim Mobbing zu sprechen. Den meisten ist bekannt, dass es in einem Mobbing-Fall Opfer und Täter*in gibt. Oft ist aber nicht klar, dass es innerhalb des Systems noch weitere Rollen gibt:

  • Assistent*innen (die den/die Täter*in unterstützen)
  • Claqueure (beteiligen sich nicht aktiv, sind aber billigendes und verstärkendes Publikum)
  • Verteidiger*innen und potenzielle Verteidiger*innen (stellen sich bestenfalls an die Seite des Opfers, um es zu unterstützen)
  • Unbeteiligte (würden sich der Situation gerne entziehen und reden sich ein, dass die Situation sie nichts angeht)

Kinder können je nach Situation durchaus unterschiedliche Rollen einnehmen und auch zwischen den Rollen wechseln. Hat man das erst mal verstanden, ist auch klar, wie Eltern (präventiv) aktiv werden können: Sie müssen es schaffen, ihre Kinder zu Verteidiger*innen zu machen, was jedoch oftmals gar nicht so einfach ist.

Vielfach wissen die Kinder, dass hier Dinge passieren, die nicht in Ordnung und mindestens moralisch fragwürdig sind. Sie befürchten aber, selbst Opfer solcher Attacken zu werden, und halten sich deswegen zurück. Sagt euren Kindern. dass sie sich auch mit anderen Kindern zusammentun können, um gegen die Täter*in vorzugehen.

Leider haben nicht wenige Kinder gelernt, dass es als Petzen diffamiert wird, Erwachsene um Hilfe zu bitten. Etwas, was ich bei meinen eigenen Kindern immer wieder beobachten musste (und das mich sehr wütend macht). Wann immer sie sich in schulischen Konfliktsituationen an ihre Erzieherinnen gewendet haben, wurden sie mit den Worten „Jetzt sei doch nicht so eine Petze und klär’ das selbst” weggeschickt. Eine unmögliche Ansage, auf die wir als Eltern dringend aufmerksam machen sollten, und zwar im persönlichen Gespräch mit dem/der jeweiligen Erzieher*in bzw. Lehrer*in.

Tatsächlich verstehen Kindern oft nicht von allein, dass sie den/die Täter*in mächtiger machen, indem sie diese als Claqueure bestätigen, sobald sie zum Beispiel Inhalte liken oder selbst weiterverbreiten. Wer sich in konkrete Mobbing-Fälle vertieft, wird erstaunt feststellen, dass vielen Kindern gar nicht klar ist, wie sehr sie dazu beitragen, wenn bestimmte Fotos des Mobbing-Opfers aus den Klassenchat in andere Gruppenchats gelangen und am Ende der ganzen Schule bekannt sind. Das bedeutet: Wie müssen ihnen vor Augen führen, dass sie dann mitverantwortlich sind für die Schädigungen, die ein/e einzelne/r Täter*in oder eine kleine Gruppe an Täter*innen initiiert hat.

(Erwachsenen ist das übrigens auch nicht so klar. Denn es sind nicht selten dieselben Erwachsenen, die sich über das Posten von Kinderfotos im Netz als Todsünde echauffieren, selber aber vermeintlich lustige Pannenvideos liken, die Kinder in peinlichen oder bloßstellenden Posen zeigen, und sie dann – weil sie ja so lustig sind – auf ihren eigenen Profilen teilen.)

Kommt es zu Mobbing im Klassenkontext, können Eltern auf ihre Kinder einwirken. Aber auch das Lehrpersonal sollte die entsprechenden Rollen und Dynamiken kennen und sich für eine durch Respekt geprägte Team- und Kommunikationskultur einsetzen. Eine sinnvolle Maßnahme ist die Gründung eines Klassenrates, der einen Verhaltenskodex entwickelt. In diesem wird festgelegt, wie die Kinder selbst behandelt werden und wie sie miteinander umgehen wollen. Das stärkt und mehrt (potenzielle) Verteidiger*innen, weil sich Kinder dem vereinbarten Werterahmen verpflichtet führen und für dessen Einhaltung eintreten.

Was tun, wenn Mobbing auftritt?

Kommt es zu konkreten Attacken, empfehle ich folgende Schritte:

Sprecht mit dem Opfer, ggf. auch mit dem/der Täter*in und bildet Allianzen!

Sofern euch als Erwachsene klar wird, dass ein Kind gemobbt wird: Bietet eure Unterstützung an. Lehnt das Kind eure Hilfe ab, bleibt hartnäckig, macht konkrete Vorschläge. Gebt dem Kind das Gefühl, dass ihr da seid und dass ihr die Probleme ernst nehmt. Wenn ein Kind unter Mobbing leidet, vermeidet Bagatellisierungen („So schlimm ist das jetzt auch wieder nicht”) und Schuldzuweisungen jeglicher Art („Wäre dein Profil nicht öffentlich, hätte das gar nicht passieren können!”). Schließt euch mit Klassenlehrer*in, Schulleiter*in, Sozialarbeiter*in und/oder Schulpsycholog*in zusammen. Sprecht den/die Täter*in selbst an. Sprecht seine/ihre Eltern an.

Dokumentiert die Vorfälle!

Sichert konkrete Beweise per Screenshot. Führt Listen, in denen festgehalten wird, wer wann was genau getan hat. Je detaillierter, desto besser. Das kann für das Kind psychisch belastend sein. Beleidigungen löscht man schließlich lieber, als sie festzuhalten. Ich kenne Frauen, die nur deshalb beleidigt und bedroht werden,  weil sie in der Öffentlichkeit stehen. Einige von Ihnen haben eine vertraute Person, die solche Nachrichten vorscannen und ggf. dokumentieren. Am besten nehmt ihr euren Kindern die Dokumentationsarbeit ab.

Meldet/blockt den Angreifer!

Je nach Plattform lassen sich Mobber*innen blockieren und melden. Das sollte man unbedingt tun. Geschieht ein Angriff öffentlich, hilft es manchmal, Freund*innen zu bitten, den/die Angreifer*in ebenfalls zu melden, so dass er oder sie nicht nur für das Opfer geblockt, sondern komplett von der Plattform verbannt wird.

Erstattet Anzeige!

Je nach Dauer und Heftigkeit der Angriffe, sollte man Anzeige erstatten, insbesondere wenn Gespräche im Vorfeld nichts gebracht haben und das Mobbing weitergeht.

Seltsamerweise kostet es Überwindung, jemanden anzuzeigen. Selbst wenn er oder sie einem massiv geschadet hat. Der rechtliche Rahmen ist aber dazu da, um zu schützen. Wird er übertreten, ist es euer Recht, auf die Einhaltung zu pochen.

Das Thema Mobbing ist sehr umfangreich. Deswegen wird auch der kommende Beitrag um Mobbing gehen. Er beschäftigt sich mit der Frage, was zu tun ist, wenn ein Kind zum Mobber wird.

Weiterführende Links auf SCHAU HIN!

Unter der Kategorie „Medienmomente“ findest Du weitere Beiträge der „Let’s talk“-Serie.

15 Gedanken zu „[Anzeige] Let’s talk – Cyber-Mobbing Teil 1“

  1. Es ist wirklich schrecklich wie einfach es geworden ist jemanden zu mobben und dabei auch noch anonym zu bleiben! Mein Sohn ist mit seiner Behinderung auch ein gefundenes Fressen geworden! Wir haben jetzt die Reißleine gezogen und haben die Accounts in den Social Media Netzwerken gelöscht! Traurig wie die Welt manchmal ist!

  2. Vielen Dank (einmal mehr!) für diesen informativen Artikel!
    Mich würde darüber hinaus noch interessieren, in wie weit Du solche Thematiken mit Deinen Kindern besprichst, eher anhand von Erfahrungen, die die Kinder machen und die im Nachhinein „ausgewertet“ werden oder setzt Ihr Euch präventiv zusammen?
    Ich denke, die erste Anlaufstelle sind die Eltern, ansonsten bin ich sehr für Medienkompetenz for Schulfach (gibts das an den Schulen Deiner Kinder?)!

    1. Auf jeden Fall präventiv. Ich schildere, was passieren kann, was zu Mobbing gehört, welche Formen Mobbing haben kann, wie man selbst dazu beiträgt (auch wenn man glaubt, man sei nicht der/die Täter/in), wie Kinder sich fühlen, denen sowas passiert, was man tun muss, wenn man Mobbing mitbekommt etc.

      Und Medienkompetenz als Schulfach gibt es (bei uns) leider nicht.
      Aber weil Mobbing so viel im schulischen Umfeld stattfindet, finde ich, dass die Lehrer*innen sich auch damit befassen sollten.

  3. Hallo. Ich denke, das Thema ist extrem wichtig. Genauso wichtig ist Real-Life Mobbing.
    Mein Kind geht in die erste Klasse. Ich denke gerade, es ist vermutlich nicht zu früh für präventive Workshops. Wie sind denn deine Erfahrungen mit den Schulen: haben diese oft schon ein präventives Programm? Sind diese im allgemeinen offen für solche Veranstaltungen? Wer macht sowas? Und gibt es unterschiedliche Angebote/Ansätze je nach Alter?
    Ist eine Vereinbarung von Klassenregeln analog zu den Klassen hat-Regeln sinnvoll? Ich sehe bei meinem Sohn vor allem Regeln wie „still sein“, „aufzeigen“…

    1. Die Schulen machen da in der Regel von alleine nichts. Das müssen Eltern anstoßen. Da das je nach Bundesland unterschiedliche Anbieter sind, muss man selbst suchen. Die bedienen dann auch unterschiedliche Altersgruppen. Manchmal kosten die Programme auch Geld, aber das kann man ja unter den Eltern vielleicht aufteilen und einen Teil über Fördervereine finanzieren.

      Und ja, die Klassenregeln, die dann oft in solchen Programmen entwickelt werden, stellen eine Art Verhaltenskodex dar, an denen sich Kinder orientieren und so z.B. in Mobbingfällen eher zu VerteidigerInnen werden statt zuzusehen, was da passiert.

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