Nichtstun

Wenn ich in einer Sache richtig schlecht bin, dann im Nichtstun. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal so genau was das ist. Am ersten Tag bei meinem Spaziergang habe ich gedacht: „Toll. Jetzt mache ich mal nichts.“ Ich hatte auch nichts dabei. Nur mich und meine Anziehsachen. Keine Tasche, kein Geld, nichts. Allein das fühlte sich komisch an. Ich war auch einfach los gegangen. Ohne was zusammenzusuchen, ohne Maiswaffeln, Wasser, Taschentücher, (bedauerlicherweise) Mückenspray, Pflaster, Desinfektionsmittel. Was ich halt so mitschleppe wenn ich mit den Kindern irgendwo hingehe. Ich hatte nicht mal ein Ziel.

Ich lief einige Meter, fühlte mich frei, ohne Verantwortung und, wie gesagt, kurz bevor alle Belastung von mir abfallen und ich in Tränen der Erleichterung ausbrechen konnte, haben mich die Mücken erwischt.

Auf dem Rückweg habe ich mich gefragt: Ist Spazierengehen Nichtstun? Oder gilt das nicht, weil es ja Spazieren ist?

Also habe ich mich heute auf die Bank vor meine Hütte gesetzt. Mit nix. Ich hab den Vögeln zugehört und mich auf das Zwitschern einer Kohlmeise konzentriert. Ich dachte, es sei EINE Kohlmeise, aber als ich genauer hingesehen habe, habe ich festgestellt, es handelt sich um zwei Kohlmeisen, die im Vogelhäuschen, das an meiner Hütte befestigt ist, ihren Nachwuchs versorgen. Ich war ganz erstaunt wie viele unterschiedliche Rufe und Melodien die Meisen haben. Auch wie sie sich über längere Distanzen unterhalten. Nach einer Weile hatte ich das Gefühl, ich verstehe die Zwiegespräche.

„Hier, die brauchen noch mehr Wurm.“ Aus der Ferne: „Yo! Bin schon dabei. Mach‘ mal nicht so nen Stress.“ Auf der Tanne vor mir: „Ich mach kein Stress, ich sag nur, wie es ist.“ Neben mir im Vogelhäuschen: „Hunger, Hunger, Hunger!“

Und da hatte ich den Salat. Ist jetzt auf einer Bank sitzen und den Vögeln zuhören Nichtstun?

Also habe ich überlegt, warum bin ich eigentlich mit dem Vorsatz nichts zu tun alleine in den Urlaub gefahren? Was habe ich damit gemeint?

Mittagessen = Kindheitsessen (eigentlich mit Fenchelwurst, aber die gibt es hier nicht)

Beim Essen fällt mir auf: Nichtstun ist vielleicht eher sowas wie Sachen nacheinander und nicht gleichzeitig zu machen. Essen zum Beispiel. Einfach essen. Ich sitze vor meinem Teller, piekse ein Stückchen Wurst auf, zerdrücke eine Kartoffel und esse. Dabei schaue ich mir die Sachen auf meinem Teller an und schmecke sie. Es läuft keine Musik, keine Serie, niemand redet. Wann hab ich das das letzte Mal so gemacht? Wie kartoffelig so eine Kartoffel schmeckt! Toll.

Und dann überlege ich, ob das Nichtstun auch eher sowas wie ein Durchhalten, ein sich für etwas Zeit nehmen sein könnte?

Ich setze mich mit meinem Buch „Nähe: Wie wir lieben und begehren“ (Amazon Werbelink) hin und sage mir: „Jetzt lese ich 100 Seiten!“ Dann lese ich tatsächlich 20 Seiten und denke: „Wow, jetzt hab ich 20 Seiten gelesen, das hat Spaß gemacht“ und lese nochmal 20 Seiten und denke: „Naja, so dolle ist das Buch jetzt leider nicht, aber ich muss ja noch 60 Seiten.“ und dann lese ich nochmal 10: „Puh. Warum werden Menschen in der Wissenschaft immer mit Präriemäusen und Ratten gleichgesetzt, aber ich muss noch 50 Seiten!“ und dann lese ich nochmal 20: „Ja, ok. Bald bin ich bei 100.“ und mache eine Pause, schaue auf die Tannenzweige, die sich im Wind hin und her wiegen und lese den Rest der 100 Plan-Seiten. So schlimm wars gar nicht. 100 liegen noch vor mir. Dann habe ich endlich mal wieder ein Buch in einem Schwung durchgelesen. Und ich habe dafür nicht Wochen gebraucht, weil ich immer wieder den Faden verloren hab.

Aussicht beim Lesen

Aber ist Lesen Nichtstun?

Also höre ich ein bisschen Musik. Ohne weiterskippen aber. Ein Album von vorne nach hinten. Mit hinhören und Text wahrnehmen. Nicht als Hintergrund. Die Sonne scheint auf die Bank und mich. Mir wird warm, ich höre Regina Spektor und bin froh, dass sie entdeckt hat, dass sie Sängerin werden muss, denn ihre Stimme ist ein Gottesgeschenk (oder ein Geschenk des Heiligen Spaghettimosters – je nachdem an was man glaubt).

You’re young until you’re not
You love until you don’t
You try until you can’t
You laugh until you cry
You cry until you laugh
And everyone must breathe
Until their dyin‘ breath

Aus „On the Radio“ von Regina Spektor

Dann höre ich Dota und dann Die Höchste Eisenbahn und mir fällt auf, dass es total toll ist, dass ich auf einer Bank sitzen und die Augen schließen kann ohne zu befürchten, dass sich 25 kg voller Liebe und Enthusiasmus auf mich werfen. Mit Kindern in meiner Nähe bin ich immer darauf vorbereitet, dass das passieren kann. Ich schließe nie länger die Augen ohne damit zu rechnen, dass etwas auf mich springt oder mir aus Versehen einen Hammer auf den Kopf haut.

Und dann muss ich ein bisschen weinen, weil die Musik so schön ist und weil er wirklich sehr entspannend ist einfach rumzusitzen und niemand will was von mir.

Es ist 13.30 Uhr.

Lies auch Tag 1 und Tag 2 meines Urlaubs.

Neu: Micropaying-Dienste sind tot. Musik macht offenbar glücklich, Du kannst spenden, damit ich Geld für mehr Musik ausgeben kann.

26 Gedanken zu „Nichtstun“

  1. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Made my day
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

    Ich bin auch so schlecht im Nichtstun und ich hoffe, ich kann es dir eines Tages gleichtun.

  2. Ich denke das trifft es schon ganz gut. :)

    „Nichts tun“ ist eben nicht _nichts_ tun sondern eine einzelne Sache tun, eine auf die man Lust hat, und die nicht irgendwie Teil eines großen ganzen ist das man tun _muss_.
    Ich würde „Zeitvertreib“ dazu sagen, aber für mich impliziert das, dass man die Zeit vertreiben müsse, was für mich etwas negatives ist.
    Es geht viel eher darum, den Moment als solchen zu erleben und zu genießen.

    Ich mache das gerne, besonders im Urlaub. Ich paddle gerne mit einem Boot über einen See. Einfach so weil er da ist. Andere Leute angeln (ohne unbedingt das Ziel zu haben den Fisch zum Essen zu fangen), sonnen sich (ohne wirklich braun werden zu wollen), lesen (ohne die Absicht etwas dabei zu lernen), wandern (ohne die Notwendigkeit, ein konkretes Ziel zu erreichen), oder spielen Federball (non-kompetitiv, ohne die Absicht zu gewinnen). Ich persönlich finde (Lenk-)Drachen steigen lassen noch ungemein entspannend. Einfach müßig hin- und herbewegen und dabei an nichts wichtiges denken.

    Und Bezug nehmend auf Deinen Beitrag über Stadt vs. Land: Dafür liegt meiner Meinung nach eben das Land sehr weit vorne. In einer Stadt (mit vielen Menschen, Autos und dergleichen) fällt – mir zumindest – genau das sehr schwer.
    Da ist die Notwendigkeit für gezieltes Handeln einfach mehr vorhanden. Und viele (fremde) Menschen, was also bedeutet, Hirnkapazität für das Einhalten von sozialen Regeln zu verwenden, wie etwa Hosen anzuziehen, sich an Tag- und Nachtzeiten zu halten usw.

    Gruß
    Aginor

Mentions

  • Maximilian Buddenbohm

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