Meine Erziehungsnemesis

Ich erinnere mich an ein Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Erzieherin: „Hast du noch Fragen?“
Ich: „Ja, äh also, wie ist das bei euch mit dem Essen?“
Erzieherin: „Was meinst du?“
Ich: „Bleibt Kind 2.0 bei euch sitzen?“
*hysterisches Auflachen*

Dann erinnere ich mich an ein weiteres Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Erzieherin: „Hast du noch Fragen?“
Ich: „Ja, äh also, wie ist das bei euch mit dem Essen?“
Erzieherin: „Was meinst du?“
Ich: „Bleibt Kind 3.0 bei euch sitzen?“
*resigniertes Abwinken*

Diese beiden Dialoge fassen unsere gemeinsamen Mahlzeiten eigentlich ganz gut zusammen.

Egal ob Frühstück, Mittagessen oder Abendessen – es ist furchtbar. In meiner naiv romantischen Vorstellung dachte ich, gemeinsame Essen finden so statt: Wir setzen uns alle an den Tisch. Wir nehmen das Besteck in die Hand und essen. Während wir essen, erzählen wir uns vom Tag, wir lachen, gießen uns Saftschorle nach und am Ende lehnen wir uns zurück und plaudern noch ein bisschen mehr. Wir sind alle ganz entspannt.

Werbefernsehromantik, ja, ja. Ich bin wieder drauf reingefallen. Werbefernsehen hat mir eine unrealistische Vorstellung davon vermittelt, wie mein Leben mit Kindern sein könnte.

In Wirklichkeit sieht es so aus: Ich habe bis nachmittags gearbeitet, hole Kind 3.0 vom Kindergarten ab, wir gehen schnell einkaufen. Es ist 17.15 Uhr. Wir kommen zuhause an. Kind 2.0 ist schon da und mich überschwappt eine Welle heuteinderSchuldeunddieAnnahatdannnochaberdahatdannderTimblblblblblblbl schwaaahhhblablablabalbalbalblubblu.

Ich bin müde, total erschöpft, ich will eigentlich nur eines: meine Ruhe.

Ich packe die Einkäufe weg. Kind 3.0 hat jetzt auch was zu erzählen. Ohne Punkt und Komma. Es fällt mir schwer zuzuhören. Ich höre graues Rauschen wie Jen bei der IT Crowd wenn Moss etwas Technisches erklärt.

Ich fange an zu kochen. Die Kinder „spielen“ derweil im Kinderzimmer.

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Mit letzter Kraft schleppe ich mich an den Wohnzimmertisch und rufe „Essen ist fertig!“.

Die Kinder kommen. Kind 3.0 greift mit den Händen ins Essen.

Ich: „Kannst du bitte Besteck benutzen?“

Kind 3.0 verdreht die Augen. Kind 2.0: „Jetzt nimm das Messer, ey!“

Kind 3.0: „Du sollst nisch über misch bestimmen!“

Ich: „Richtig, aber bitte benutz doch das Besteck, Kind 3.0!“

Kind 3.0 wirft wütend die Hand voll Kartoffelpürree, die es gerade aufgenommen hat auf den Teller zurück. SCHLOZ. Soße spritzt auf den Tisch. Kind 3.0 steht auf und stempelt mit den vollgesabberten Händen folgende Gegenstände: Tisch, Stuhl, Türgriff Wohnzimmer, Türrahmen Wohnzimmer, Türgriff Küche, Türrahmen Küche, Ablage Küche, Spüle, unerklärlicherweise Wand, wieder Türgriff Küche, Türrahmen Küche, Türgriff Wohnzimmer, Türrahmen Wohnzimmer, Stuhl, Tisch.

Es „wischt“ die Soße auf.

In der Zwischenzeit hat Kind 2.0 das Essen aus dem Mund fallen lassen: „Ist ja ekelhaft. Ist das wieder so ein komisches vegetarisches Zeug?“

Ich: „Wollte ich mal ausprobieren.“

Kind 2.0: „Ich esse Jogurt!“

Kind 3.0: „Isch auch.“

Ich bin zu schwach Widerstand zu leisten. Jogurt wird geholt. Kind 3.0 ist derweil verloren gegangen.

Ich rufe: „Kind 3.0, bist du fertig mit dem Essen?“

Kind 3.0 aus der Ferne: „Neeee!“

Kind 2.0 fängt an zu singen.

Ich: „Nicht singen am Tisch!“

Kind 3.0 erscheint im Türrahmen und singt mit.

Ich nicke kurz ein. Als ich aufwache, hat Kind 3.0 die Füße auf dem Tisch abgelegt. Kind 2.0 übt Capoeira-Tritte. Eine Flasche Wasser segelt an mir vorbei.

Ich: „Bitte! Könnt ihr bitte leiser sein und normal essen?“

Ich atme durch. Ich zähle langsam im Geiste bis zehn. Ich reiße mich zusammen und frage in meiner lieblichsten Stimme: „Na, wie war es denn in der Schule?“

Kind 2.0: *murmelmurmel*

Kind 3.0: „Also im Kindergarten, da war der Robert und der Robert <insert 20 minütigen Monolog.>“

Kind 2.0: „ICH WILL AUCH MAL WAS SAGEN!“

Kind 3.0: „ABER ICH REDE!!!“

Kind 2.0: „ABER DU HÖRST JA NIE AUF.“

*Gerangel* *Stühle fallen um*

Die Kinder stehen auf.

Ich sitze alleine am Tisch. Einsam und alleine. Alles ist vollgeschmiert.

Ich: „Räumt ihr bitte ab?“

Kind 3.0: „DAS IST SKLAVEREI!“

Kind 2.0: „IMMER MUSS ICH ALLES ALLEINE MACHEN!!!1“

Tagein, tagaus, wochentags, wochenends. Immerzu. Immerzu.

Das gemeinsame Essen ist meine Erziehungsnemesis*. Völliges Versagen. Alles falsch gemacht. Täglich scheitere ich daran. Ich stehe auf, setze mich an meinen Rechner und schaue mir auf YouTube Clips glücklicher Familien beim Essen an.

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*Dafür schlafen meine Kinder immer um 20 Uhr. Immer. IMMER!

Autorin: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

114 Reaktionen zu „Meine Erziehungsnemesis“

  1. Auch wenn’s nicht hilft, aber es ist doch sehr beruhigend, zu lesen, dass es bei anderen auch so aussieht. In meiner naiven Vorstellung, die ich immer noch nicht ganz aufgegeben habe, sitzen wir zu viert friedlich am Esstisch und genießen das Abendessen als einzige gemeinsame Mahlzeit des ganzen Tages. Alle freuen sich über das Essen, dass ich eben schnell nach der Arbeit gezaubert habe. Jeder berichtet von seinem Tag, die anderen hören zu, wenn einer spricht, keiner meckert.
    Die Realität gleicht eher dem, was du geschildert hast. Da wird über das essen gemotzt und aus Trotz nur eine Banane gegessen, alle reden durcheinander, die Kinder fangen an sich anzuschreien und springen vom Tisch auf, weil sie gar nicht essen wollen und sowieso alles doof ist.
    Aber ich habe noch Hoffnung, irgendwann wird’s friedlich und harmonisch und überhaupt. Ganz bestimmt.

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  2. Bei uns das gleiche. Bin auch ratlos, warum das so ist. Sondergimmick: Im Schlafanzug, kurz vorm Zähneputzen, aber definitiv erst dann, wenn der Abendbrottisch wieder leergeräumt ist, wird „ein ganz flaues Gefühl im Magen“ moniert, und „Ich habe Hunger.“ „Wenigstens einen Apfel, bitte.“ Und „Ein trockenes Brötchen reicht.“ (Und ich bin tatsächlich nicht der Typ Mama, der sich dann wortlos hinstellt und nochmal alles rausholt. Aber mit zwei von drei Kindern, die unter der untersten Perzentilekurve rumkurven, bin ich auch nicht tiefenentspannt beim Thema Hunger)

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    1. Als sich meine Kinder in „diesem“ Alter befanden, bin ich auf die Idee gekommen, einmal in der Woche einen „Schweinetag“ einzuführen. Alle Kinder durften essen wie sie wollten. Einer lag mit Teller unterm Tisch, der andere saß neben dem Teller auf dem, Tisch, einer aß nur mit dem Mund, der kleinste riss ein Loch ins Salatblatt, schaute durch und rief „kuckuck“ usw. usw…..dafür wurde dann an den restlichen Tagen „mit Anstand“ gegessen…. und das klappte!

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  3. Wir überlegen, ob wir den Kindern überhaupt noch etwas zu essen geben. Schließlich haben sie auch unseren Traum von einer gemeinsam am Tisch sitzenden Familie zerstört. Und wer nicht zusammen am Tisch sitzt *einer fehlt immer* kann nicht glücklich sein… das schlimme ist, dass wir mittlerweile schmollen, wenn sie doch mit uns zusammen essen wollen. Ist so laut auf einmal… grins… Kaddi

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  4. Unglaubwürdig. Beim Congress sah ich die Nufkinder zuletzt höchst wohlerzogen und vorbildhaft am Tisch eine Mahlzeit einnehmen und eine gepflegte Unterhaltung führen, während meine eigenen Kinder weiter hinten im Saal drei Tische mit Ketchup vollschmierten.

    Bei uns hingegen laufen alle Mahlzeiten so ab, mit Ausnahme des Frühstücks, da K1 bereits seit 5 wach ist, während K2 bis weit nach 7 schläft. Ach ja und: K1 hat hier die Sprechrolle. Seit K2 in die Schule geht, meldet es sich, um auch mal dranzukommen.

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  5. Hm, ihr könnt einfach mal Brotzeit (oder ein schnelles Gericht) machen und GEMEINSAM den Tisch dafür decken? Einer die Teller, der andere das Besteck (von den Kindern) – denn wer essen möchte, muss auch mithelfen.

    Ich hab den Eindruck, dass du ganz ganz viel für die Kids machst und dann wird rumgemäkelt.
    Ändere das und mach ein Miteinander draus – in kleinen Schritten, aber konsequent!

    Biete eine Alternative an, aber benenne auch die Folge.
    Das Kind kann entscheiden, ob es mithilft oder nicht – aber dann muss es auch mit der eigenen Entscheidung (und der Konsequenz draus) leben können.

    So meine Idee…

    Ich drück die Daumen ?

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  6. Boah, hatte ich ein Glück. War mir gar nicht klar. Jetzt sind sie meist nicht da und es fehlt mir. Nie ist man zufrieden.

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  7. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Made my day
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  8. Bei uns wird fast nie um 20:00 uhr geschlafen, aber Essen ist deutlich besser. würde gerne tauschen ;)

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  9. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
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  10. Da würde ich alleine Essen wenn ich ehrlich bin.

    Ich musste nicht und gestehe

    Ich habe ein Kind das fast alles isst ( nicht gerne Brot und Salzkartoffeln)
    Das saß und sitzt immer mit am Tisch völlig ohne Probleme und
    hat auch so gut wie nie mit dem Essen gespielt
    musste nie aufs Klo beim Essen
    hat aber mal die Scheibe Käse an den Kühlschrank geklebt, da war sie 12 Monate denk ich. Es gibt ein Beweisfoto.
    Sie ist auch mal mit dem Kopf ins Leberwurstbrot gefallen weil sie „gar nicht müde“ war.

    Es waren immer traumhafte Zustände, schade ist nur das ich nicht weiss warum und jetzt gar nicht mit klugen Ratschlägen um mich schmeissen kann.
    Das Geheimnis zu enträtseln würde mich wohl reich machen

    Claudia

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  11. Oh kenn ich.
    Bei uns wird gern im Stehen gegessen und irgendwie schafft es immer ein Spielzeug mit an den Tisch. Also beim Junior (7). Der Tochter (9) ist abwechselnd zu hart, zu weich, zu kalt, zu warm. Elso werden noch Kissen geholt, wieder verworfen und Pullover ab- oder übergestreift. Und ach, auf die Toilette müssen sie beide auch noch zwischendurch. Und natürlich fehlt immer noch etwas aus der Küche.
    Yeah!

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      1. Bei uns gibt es ein weiteres Ritual. K2 steht auf und meldet sich zum Pupsen ab. Sehr beliebt, vor allem wenn Besuch da ist.

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