Bringt mich nach Friesland

Neulich haben wir einige Tage Urlaub in den Niederlanden gemacht. Genauer gesagt in Friesland. Da war alles schrecklich.

Also schrecklich wenn man wieder nach Berlin muss. Dabei liebe ich Berlin sehr. Es kommt eben nicht aufs Aussehen sondern auf die inneren Werte an und da hat Berlin neben den vollgeschmierten Hauswänden, den Hundekackhaufen, den aggressiven Autofahrern und der Luftverschmutzung doch einiges zu bieten.

Wobei: Friesland hat beides. Das Aussehen ist unfassbar. Man möchte die ganze Zeit wie ein kleiner Seehund seine Flossen zusammenklatschen und „PITTORESK!“ ausrufen. Die Wiesen sind saftig grün, überall Wasser, kleine Kanäle, Seen und nicht zu vergessen: kleine Dämme mit Schafen und dahinter die Nordsee. Gerade blüht alles. Rosafarbene Kirschbäume, weiße Apfelbäume, sogar der verdammte Löwenzahn ist größer, gelber und schöner als ich ihn jemals zuvor gesehen habe.

Und das war noch nicht alles! Am schlimmsten ist die Radinfrastruktur. Selbstredend gibt es ÜBERALL Radwege. Aber das sind nicht solche Radwege wie in Berlin, die regelmäßig von Autos als Parkplätze missbraucht werden oder die halbherzig nochmal 70 cm an die ohnehin schon engen Straßen geklatscht sind und alibimäßig in irgendeiner Farbe angepinselt werden, damit Autos einen mit einem gefühlten „Sicherheitsabstand“ von 20 cm überholen. Nein! Das sind baulich getrennte Wege, die fast alle fernab irgendwelcher Autostraßen durch Wiesen, Wälder und Felder führen. Je nach Windlage kann man sich entscheiden, ob man lieber den offenen Fahrradweg oder den durch Bäume geschützten benutzen möchte. Entscheiden! HAHAHA! Welchen Weg man nimmt. Also nicht zwischen Sodom und Gomorra – sondern welcher Weg heute entsprechend der Wetterlage besser passt. Ich lache immer noch.

Man will eigentlich nichts anderes machen als Fahrrad fahren. Egal wohin. Eigentlich ist es so schön, dass man Fahrrad fahren möchte OHNE ein Ziel zu haben. Einfach so.

Machen auch alle. Egal wie alt. Von 3 bis 100 fahren alle Fahrrad! Wenn man dann selbst auch Fahrrad fährt, grüßen einen die Menschen freundlich. Man ruft sich „Hoi“ zu. Sollte man mal in die Verlegenheit kommen auf einer Straße fahren zu müssen, wo auch Autos fahren, nehmen die Autofahrer Rücksicht. Und zwar nicht genervt, weil sie müssen, sondern total freiwillig. Sie fahren minutenlang mit angemessenem Abstand hinter einem her, bis sie langsam mit mindestens 1,50 m Abstand überholen können.

Als Berlinerin treibt mir das die Tränen in die Augen. Man stelle sich vor, man könnte jeden Tag ohne Angst um sein Leben haben zu müssen Fahrrad fahren. Was würde das für die Bevölkerung bedeuten? Wie würden Herzkreislauferkrankungen zurückgehen? Und weil dann viel weniger Menschen Auto fahren, geht die Feinstaubbelastung zurück und damit auch die Lungenerkrankungen! Vom abnehmenden Stress gar nicht zu sprechen. Nie mehr 30 min Parkplatz suchen, ständig im Stau stehen oder Hupen hören, weil die Ampel schon seit 0,01 sec auf grün steht.

Was mir außerdem aufgefallen ist: In Supermärkten gibt es überall Wasser und Kaffee for free und für Kinder Bananen und Mandarinen. Es gibt Tonnen an Lebensmitteln für spezielle Bedürfnisse. Lactosefrei, glutenfrei, vegan. Selbst Eisläden haben eigene glutenfreie Waffeln. Man kann einfach an allem teilhaben und wird nicht angeschaut wie ein glibschiges Alien, wenn man etwas anders braucht als die anderen 90% der Menschheit.

Barrierefreie Bauweise ist nicht die Ausnahme, sondern Standard. Ich hab noch nie so viele Menschen in Rollstühlen einfach so im Straßenbild gesehen wie im Urlaub.

Wenn man in Klamottenläden geht, ist bei Kleidergröße 42 nicht Schluß und  es gibt keine speziellen Designs für die größeren Größen sondern die schönen Sachen einfach in größer.

Hören die Leute beim Zahlen, dass man nicht niederländisch spricht, sprechen sie entweder absolut perfektes Englisch oder Deutsch mit einem. Wenn man etwas nicht versteht, sprechen sie nicht lauter und schimpfen, dass man doch gefälligst die Landessprache sprechen können soll, sondern versuchen mit allen Mitteln freundlich zu kommunizieren.

Es ist zum Augenauskratzen.

Es gibt unfassbar viele Menschen mit Hund, aber die Hunde sind keine aggressiven Kläffer sondern wohlerzogene Fellwuschel, deren Besitzer einfach deren Ausscheidungen wegräumen.

Und jetzt das allerschlimmste: Selbst die Flagge sieht freundlich aus. Kind 3.0 ist nämlich großer Flaggenfan und deswegen will es immer Flaggen und Wappen als Erinnerung mitnehmen. Das macht bei mir immer ein komisches Gefühl, weil das Flaggenschwenken in Deutschland nicht unbedingt positiv konnotiert ist. Die friesische Flagge zeigt jedoch kleine, rote Seerosenblätter, die aussehen wie Herzchen. Eine Herzchenflagge! Wenn Kind 3.0 sie schwenkt, kommen von überallher freundliche Friesen (egal wo man ist) und freuen sich und erzählen eine Anekdote aus Friesland.

Außerdem haben sie Olifantenslurf! Aus so einem Land kann nur Gutes kommen!

54 Gedanken zu „Bringt mich nach Friesland“

  1. Von unserer Haustüre radeln wir vor den Toren von München, einsam selbst am Osterwochenende, durch den Forstenrieder Park. Ja, so etwas gibt es noch!

  2. Ich bin ein großer Fan der Niederlande! (Im niederländischen Friesland war ich bisher noch nicht, nur weiter im Süden. Von Friesland kenne ich nur den deutschen Teil.)
    In den Niederlanden funktioniert die Infrastruktur überall ausgezeichnet – außer der wahnsinnig guten Fahrradinfrastruktur sind auch die Züge und die Autobahnen gut – an alles wird gedacht, und alles funktioniert. Das habe ich noch in keinem anderen Land, in dem ich gewohnt habe, so erlebt (wohne gerade in meinem 6. Land).

  3. Und dafür wählen sie gern Faschisten und werben im Naturschutz seit Jahren dafür die funktionierenden Standards der EU zu zerstören, haben das versauteste Trinkwasser dass man sich denken kann und wickeln in großem Maßstab den weltweiten Blumenhandel auf Kosten der Natur ab. Ja, Friesland ist nicht die ganzen Niederlande. Ich weiss. Drum die kleine Erinnerung. Aber ja, die Fahrradkultur ist fantastisch!

  4. Wunderbar, dieser Bericht! Die Gelassenheit und die Lebenseinstellung der Friesen wünsche ich mir auch so oft hier – vor allem aber, daß sich unsere Obrigkeiten ein Beispiel daran nehmen und das nachmachen, denn offensichtlich ist es ja möglich…
    Einen freundlichen Gruß von
    Zitante Christa

  5. „Man stelle sich vor, man könnte jeden Tag ohne Angst um sein Leben haben zu müssen Fahrrad fahren. “

    Ich habe auch gelesen in Holland trägt fast niemand einen Fahrradhelm, während man hierzulande sexistische PR Kampagnen in’s Leben ruft, weil man Radfahrer offensichtlich nicht anders schützen kann oder will.

    1. Helm tragen dort ausschließlich deutsche Touristen.
      Und Friesland ist nicht Holland. Das ist ungefähr so als würdest du einen Schotten als Engländer bezeichnen…

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