[Servicebeitrag und Wochenendbericht]
Da ich vom Kulturzentrum Merlin in Stuttgart eingeladen war, am Sonntag mit einem parallelen Sendung mit der Maus Screening zu lesen, haben wir uns Samstag mit dem Zug auf den Weg nach Stuttgart gemacht.
Ich bin Bahn-Fan. Von mir aus könnte man alle Autos abschaffen und nur noch mit Bus und Bahn durch die Gegend fahren. Stellt euch das vor: Diese Ruhe! Kein Parkplatzgesuche, keine Staus, keine Abgase, kein Gestank, entspanntes Fahrradfahren überall.
Ich kann Bahn-Bashing nicht nachvollziehen. V.a. dann nicht, wenn es um 10-15 Minuten Verspätung geht*. Das ist albern. Mit einem Auto würde man eine solche Präzision nicht erwarten.
Mit Kindern mit der Bahn zu reisen, ist außerdem 100x entspannter als mit dem Auto zu fahren. Man kann sich bewegen, vorlesen, Karten spielen, Hörspiele hören und aufs Klo gehen.
Was mich gelegentlich auch stresst, ist die Intransparenz in Sachen größeren Verspätungen. Konkret meine ich:
a) wie man spontan umplanen kann (und zwar trotz Zugpreisbindung), weil ein Zug ausfällt oder ein Anschlusszug nicht erreicht wird
b) welche damit verbundenen Rechte man als Fahrgast hat
Ich schreibe deswegen ein paar Zeilen zu meinen Erfahrungen.
Tipp 1: Wenn man eine Zugverbindung online bucht, immer das Häkchen für Verspätungsalarm per SMS ankreuzen.
In der Regel erhält man dann rechtzeitig (manchmal schon Stunden vorher) eine Nachricht, ob mit deutlichen Verspätungen oder einem Ausfall des Zuges zu rechnen ist.
Tipp 2: Die Zugbindung hebt sich automatisch auf, wenn der betroffene Zug ausfällt oder aber, wenn man den Anschlusszug nicht erreichen kann.
Dass das so ist, kann man sich auf verschiedene Arten bestätigen lassen:
Variante 1: Es ist genug Zeit – z.B. meldet der Verspätungsalarm Stunden vorher einen ausfallenden Zug oder der 1. Zug hat so viel Verspätung, dass man noch vor der Abfahrt weiß, dass man den Anschlusszug sicher nicht erreichen wird) – in diesem Fall geht man ins Reisezentrum, lässt sich dort einen Stempel geben, bekommt die neue Reiseverbindung und mit viel Vorlauf sogar eine neue Reservierung.
Dort lässt man sich auch das Formular für Fahrgastrechte geben. Darüber kann man sich verfallene Reservierungen rückerstatten lassen und Entschädigungen auszahlen lassen.
Für 60 Minuten erhält man 25%, ab 120 Minuten 50% des gezahlten Fahrpreises für die einfache Fahrt zurück.
Man geht dann am Zielort entweder mit der Originalfahrkarte direkt ins Reisezentrum und erhält das Geld zurück oder man schickt das Formular per Post und erhält eine Überweisung.
Variante 2: Es ist nicht genug Zeit (man sitzt z.B. im Zug, der unterwegs so viel Verspätung bekommt, dass man den Anschlusszug verpasst) – dann lässt man sich von dem/der ZugbelgeiterIn bestätigen, dass man den Anschlusszug nicht erreichen wird.
Weiteres Vorgehen wie mit dem Formular für Fahrgastrechte weiter oben beschrieben.
Variante 3: Es ist nicht genug Zeit zum Reisezentrum zu rennen, aber man will auch nicht in den Zug steigen, der ohnehin den Anschlusszug nicht erreicht – aber es gibt vor Ort eine etwas später fahrende Alternative, die einen zum Zielort bringt – dann steigt man einfach da ein und hofft, dass die/der ZugbegleiterIn fair ist, die Verspätung nachschaut und die Zugpreisbindung aufhebt.
Tipp 3: Es ist dafür (und auch für das eigenständige Nachschlagen aller Alternativen am Gleis) von großem Vorteil die Bahn-App am Handy zu haben.
Verspätungen werden in der DB Navigator App angezeigt und ggf. überzeugt dann noch ein Screenshot.

Worst Case wäre, dass der/die ZugbegleiterIn sich quer stellt. Dann sehe ich folgende Alternativen: Freundlich nach dem/der Zug-Chefin fragen, und prüfen, ob der/die das auch so sieht und wenn ja: Zugticket neu lösen und dann Rückerstatten lassen, weil die Regel nunmal ist, dass die Zugbindung sich aufhebt, wenn Züge so viel Verspätung haben, dass man den Anschlusszug nicht erreicht.
Es ist übrigens sehr hilfreich sich immer nur über das Worst Case Szeario und nicht über alle möglichen Szenarien den Kopf zu zerbrechen.
Variante 3 wurde mir am Telefon bei der Bahn-Auskunft mitgeteilt. Die Bahnauskunft hat die Nummer 01806996633. Unabhängig von der Dauer des Gesprächs kostet ein Anruf dann 20 Cent aus dem Festnetz und
60 Cent aus dem Mobilfunknetz.
Man klickt sich ggf. mit der Sprachsteuerung durch das Menü bis man bei der Informationsstelle für Fahrgastrechte gelandet ist. Die geben einem Auskunft. V.a. für Variante 3 (keine Zeit irgendwas bestätigen zu lassen) den Namen des Call-Agents merken.
Was jetzt sehr kompliziert klingt, ist im Grunde ganz einfach: Können gebuchte Verbindungen nicht genutzt werden, hebt sich die Zugbindung auf. Geld zurück gibt es auf jeden Fall für die Reservierungen und bei erheblichen Verspätungen, gibt es auch bis zu 50% des Fahrpreises zurück.
Auf dem Weg nach Stuttgart habe ich das ausprobieren können.
Am Hinweg hatte der 1. Zug in Berlin schon so viel Verspätung, dass sicher war, dass wir den Anschlusszug in Hannover nicht erreichen. Wir hätten mit einer Stunde Wartezeit in Hannover nach Mannheim fahren müssen, um dann weiter nach Stuttgart zu fahren (oben Variante 3).
Die Alternative war viel schöner: Einfach in Berlin in den nächsten Zug nach Stuttgart steigen.
Am Weg von Stuttgart nach Berlin, habe ich 4 Stunden vor Abfahrt erfahren, dass unser Zug komplett gestrichen ist. Wir sind dann ins Reisezentrum und haben umgebucht (oben Variante 1).
Das hat uns leider 3 Stunden Stuttgart in der Sonne geklaut, war aber besser als gar nicht mehr nach Berlin zu kommen.

Die Lesung im Merlin selbst war wunderbar. Das Merlin ist einfach wunderbar. Das Merlin ist eine kleine Bühne mit einem dazugehörigen Café. Die Idee eine familientaugliche Veranstaltung zu machen, fand ich supergut und ich hoffe, es nehmen sich andere Veranstalter ein Beispiel daran.


Während ich ab 11.30 gelesen habe, schauten die Kinder parallel im Café Sendung mit der Maus. Als die Sendung fertig war, kamen die Kinder in den Raum mit der Bühne. Es waren auch Eltern mit Babys und Kleinkindern dabei, die ab und an mal Geräusche machten. Das ist ja auch völlig normal mit Kindern. Mir hat das wirklich gut gefallen. Auf der Bühne stört das gar nicht und als Mutter hätte ich mich gefreut samt Nachwuchs zu einer Lesung gehen zu können.
Zwei ältere Kinder haben mir nach der Lesung sogar gesagt, dass sie es sehr lustig fanden.
Für mich war es das erste Mal in zwei langen Blöcken (je 40 Minuten) vor fremdem Publikum zu lesen. Ich hatte ins Publikum gefragt, wer schon Buch oder Blog kennt und den Eindruck, dass tatsächlich 3/4 der Menschen noch nie von mir gehört hatten und trotzdem gekommen waren.
Ich hatte jedenfalls großen Spaß und würde das jederzeit wieder tun. Danke für die Einladung liebes Merlin. Es war mir eine Ehre!

Auf der Rückfahrt war ich so euphorisch, dass ich das erste Mal in meinem Leben ins Zugrestaurant gegangen bin. Der Kellner war so höflich und zuvorkommend, wie ich es bislang wirklich nur in sehr teuren Restaurants erlebt habe. Schon wie elegant er beim Servieren das Zuggewackel mit einigen gekonnten Ausfallschritten auszugleichen vermochte – allein deswegen lohnte sich ein Besuch dort.
Wir bestellten den teuersten Rotwein (2012er Tempranillo Crianza Edición Limitada**) der Karte und dazu ein Chili. Der Rotwein war interessant. Viel zu kalt und für mich das erste Mal, dass ich neben dem Geschmackseindruck „Wein“ weitere Varianten erkannte. Sehr hervorstechend der Nachgeschmack nach Gurkenwasser. Und zwar nicht Wasser und Gurke sondern der Geschmack, den man aus den eingelegten Gurken kennt. Sprich sehr wässriger Senf und Dill.
Das war so scheußlich, dass ich zu jedem Schluck Wein einen Löffel Chili nehmen musste. Das Chili hat wie eine Dosengulaschsuppe geschmeckt und zeichnete sich v.a. durch sehr schön quadratische Pressrindfleischstückchen aus.

Um das Geschmackserlebnis abzurunden, gönnten wir uns eine zuckerstrotzende belgische Waffel als Dessert und wankten mit dicken Bäuchen zurück ins Abteil.
Alles in allem ein sehr gelungenes Wochenende.
*Außerdem gibt es immer noch die Möglichkeit, sich mal von der japanischen Bahn beraten zu lassen. Der Shinkansen-Zug hat eine durchschnittliche Verspätung am Ankunftsbahnhof von sechs Sekunden (Emoji mit offenem Mund).
*Nach rund 14 Monaten Reifezeit in französischer und amerikanischer Eiche, wird der Wein auf der Flasche gezogen, wo er für weitere 10 Monate reifen kann. Die Farbe der Edicion Limitada erinnert an Schwarzkirsche. In der Nase eine komplexe Palette von Aromen, Noten von Brombeere, Lakritze, Nelken und Graphit. Am Gaumen ist er lebendig; Pflaume, Balsamico und Mineralien, die in einen leckeren und sehr runden Abgang verschmolzen sind.
Quelle: Vinehouse.de
























