Mein lückenloser Lebenslauf

Christoph Koch schreibt über Lücken im Lebenslauf – Zeiten in denen man einfach mal gar nichts gemacht hat und warum das eigentlich gar nicht so schlimm ist und führt den Werdegang von Steve Jobs und Andreas Altmann als Beispiel ins Feld.

Ein anderes Beispiel, warum man sich für Gammelmonate – ja vielleicht sogar Gammeljahre – wirklich nicht zu schämen braucht, ist Andreas Altmann. Der Bestsellerautor von »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend« fing erst mit dem Schreiben an, als er 38 war.

Der Artikel ist gut geschrieben und natürlich stimmt es, dass man sich wegen einiger Monate, die man mal nicht arbeitet, nicht verrückt machen soll. Jedoch gefallen mir zwei Aspekte daran nicht:

Erstens: Die allerwenigsten von uns werden jemals ähnliches vollbringen wie Steve Jobs oder Andreas Altmann. Das sind die Ausnahmen unter den Ausnahmen. Den Glauben zu sähen, dass wir alle Chancen auf ähnliche Biographien haben, fühlt sich irgendwie falsch an. Wir sind nicht Steve Jobs. Wir sind durchschnittiche Menschen mit durchschnittlichen Begabungen, die durchschnittlich viel Glück oder Pech haben. Die meisten von uns werden einfach irgendeinen Job machen, der Geld bringt (Manchen wird nicht mal das vergönnt sein). Wenn man Glück hat, macht man ihn gerne. Aber selbst die Jobs, die man gerne macht, machen nicht ununterbrochen Spaß. Ich mag es irgendwie nicht Kindern und Jugendlichen diesen „Ihr könnt ALLES werden“-Floh ins Ohr zu setzen. Wir werden nicht alle reich und berühmt.

Das ist sehr spaßbremsig, ich weiß. Ich werde meinen Kindern ganz bestimmt nicht sagen: „DU kannst kein Künstler/Sänger/Autor/… werden.“ Können Sie gerne werden. Warum nicht. Aber ich werde ihnen nicht sagen, dass sie bestimmt den Durchbruch schaffen werden. Ich werde ihnen eher sowas sagen wie: „Klar kannst Du Musiker werden, warum nicht? Aber sei Dir klar darüber, dass das finanziell kein Spaß wird. Du wirst wahrscheinlich von der Hand in den Mund leben und manchmal vielleicht sogar gar kein Geld haben. Vermutlich wirst du dich zehn Jahre anstrengen, bevor überhaupt irgendwas passiert.“

Ich werde sie unterstützen und bestärken, aber mir geht dieses illusorische Vergleichen auf die Nerven.

Ein ganz anderer Aspekt an dem „Mach doch mal ne Auszeit – einfach so“ ist das Finanzielle. Ich habe mein Studium so schnell wie möglich beendet und dann angefangen zu arbeiten, weil ich Geld brauchte. Ich habe von 800 Mark im Monat gelebt. Mehr konnte ich neben dem Studium nicht verdienen. Ich habe Jobs gemacht für die ich pro Stunde 7,40 DM verdient habe. Ich habe jede Baumarktinventur mitgemacht, die zusätzlich am Wochenende aufzugabeln war. In den Semesterferien habe ich durchgearbeitet. Die gräßlichsten Jobs. Nach Abschluss meines Studiums habe ich Nachtschicht gearbeitet, weil das mehr Geld gab und dann habe ich unterbezahlte Praktika gemacht, bei denen ich 60 Stunden gearbeitet habe und hätte mein damaliger Freund mich nicht finanziell unterstützt – ich hätte nicht davon leben können. Ich finde es sehr luxuriös mal eine Auszeit zu nehmen und ich habe es (damals) nie geschafft vorher etwas dafür beiseite zu legen. Schulden wollte ich nicht machen. Also habe ich gearbeitet um einerseits Geld zu verdienen und mir andererseits eine Perspektive zu schaffen später mal (finanziell) sorglos leben zu können und im Idealfall das Geld zu haben, meinen Kindern den ein oder anderen Nebenjob zu ersparen.

Jetzt habe ich einen soliden Job. Ich habe nicht jeden Tag Spaß – aber es gibt sehr viele Aspekte, die mir an meinem Arbeitsleben gefallen. Manchmal denke ich, es wäre schön einen Beruf zu haben, in dem ich mehr schreiben könnte – aber dann lese ich Artikel wie den von Kathrin Passig und das macht mich demütig. Wenn jemand, der so klug und begabt ist, so zu kämpfen* hat, was wäre dann bitte mein Schicksal?

Ich bin vom Thema abgekommen: Ich glaube auch, dass die ein oder andere Lücke im Lebenslauf nicht schlimm ist – aber dies immer damit zu verknüpfen, dass man sich das auch mal leisten soll oder dass Lücken fast schon ein Indikator sind, dass einem eine großartige Zukunft erwartet – nun – das ist Quatsch.

Ich hatte dieses Jahr eine ernüchternde Einsicht: Wenn ich in dem Beruf arbeiten würde, in dem ich meine gerne arbeiten zu wollen, würde ich so gut wie nichts verdienen und das würde mir nicht gefallen. Das war schockierend. Bekommt man doch von allen Seiten dieses Selbstverwirklichungdingens eingehämmert. Anscheinend geht es anderen ähnlich. Anke Gröner schrieb vor einigen Monaten „Anfang des Jahres begann ich, mich in Jobbörsen umzusehen, die irgendwas mit der Oper zu tun haben, aber mir wurde relativ schnell klar, dass ich a) doch zu gerne Geld verdiene, als in diesem Bereich zu arbeiten und b) ich Oper lieber weiter als Zuschauerin wahrnehmen möchte anstatt hinter den Kulissen im Marketing oder in der PR.

(Davon abgesehen bin ich viel zu ängstlich mein Leben auf den Kopf zu stellen – weswegen ich Anke Gröner, die jetzt wieder studiert, sehr bewundere.)

 

Nachtrag: * „Kämpfen“ im Sinne von einen Vollzeitjob haben und trotzdem nicht so viel verdienen, dass man völlig sorglos davon leben und im besten Fall auch noch ausreichend Altersvorsorge betreiben kann – v.a. als Selbständige/r nicht. Ich habe das „ganz normales deutsches Durchschnittseinkommen“ im Text sehr wohl gelesen und finde es eben erschütternd, dass von so einem Gehalt zum Teil ganze Familien ernährt werden müssen.

Kathrin Passig sieht das anders:

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Lieblingstweets 10/12

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Mein Motto für den letzten Monat (das unten stehende bitte, nicht das oben stehende):

(Würde ich zur rp13 gerne mal als Flashmob am Brunnen am Straußberger Platz ausprobieren.)

 

Lieblingstweets 09/12

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Quapsel – Quaputzi – Quappo – Quaxo!

Pädagogisch wertvolle Fernsehsendungen: Heute, die Pokemon (und warum Biene Maja nichts für Kinder ist!)

Ich habe Kinder unterschiedlichen Geschlechts. Das erweitert zumindest die Bandbreite dessen, was man im Fernsehen zu sehen bekommt. Konkret bedeutet das, dass man eben nicht nur Transformers oder Pokemon sondern auch Prinzessin Lillyfee anschauen muss. Pokemon sind schon ziemlich schlimm. Denn – falls das hier jemand nicht weiß – Pokemon können nicht sprechen, sie können nur ihren eigenen Namen sagen. Das schränkt die Tiefe der Dialoge etwas ein.

Eine Folge Pokemon anzuschauen, erinnert mich sehr an die Ebbinghausschen sinnlosen Silben-Experimente zum Erfassen von Gedächtnisleistung. „Quaxo! Quaxo! Quaxo!“ Alle 648 Pokemon und deren Transformationen auseinander halten zu können, ist tatsächlich gar nicht so einfach.

Das alles mag die Gedächtnisleistung schulen. Es lindert aber nicht die Qualen, die ich beim Mitschauen erleiden muss. Andere Protagonisten, wie Prinzessin Lillifee, die eine Schweinefreundin namens Pupsi hat, sind leider nicht einfacher zu ertragen. Die komplexeren Dialoge lauten beispielsweise: „Was ist los Prinzessin Lillyfee?“ „Ach! Ich bin so traurig, ich habe sogar vergessen meine Frühstücksmilch rosa zu zaubern.“

Als ich das alles nicht mehr ausgehalten habe, dachte ich, meine Kinder müßten die Qualitätskinderserien meiner eigenen Kindheit anschauen. Heidi, Pinocchio und vielleicht Biene Maja. Die Erstausstrahlung von Biene Maja, habe ich sehr wahrscheinlich gar nicht mitbekommen, die war 1976. Da war ich erst ein Jahr. Wobei in den 70ern war man eher sorglos. Da haben die Eltern im Auto geraucht und wir Kinder sprangen im Kofferraum durch die Gegend. Vermutlich hat man mich da auch mit 10 Monaten Biene Maja schauen lassen. Sitzen konnte ich immerhin schon und das sollte zum Fernsehen reichen.

Ich hatte Biene Maja seit den frühen 80ern nicht mehr gesehen. Alles an was ich mich erinnerte, schien mir pädagogisch höcht wertvoll. Eine Biene, Mitglied eines Bienenschwarms, schlau und doch immer auf das Überleben der Gemeinschaft bedacht. Überhaupt Bienen eine super Sache – ein Matriarchat angeführt von einer Bienenkönigin, die Gelehrten so wie Biene Majas Lehrerin Kassandra alles Frauen… was könnte da an Biene Maja falsch sein?

Biene Maja war die erfolgreichste Kinderserie im ZDF. Bei der Erstausstrahlung schauten im Schnitt über 4 Millionen Kinder zu. Biene Maja, die in der Original-Anime-Serie übrigens mitsubachi maya no boken heißt, war die erste deutsch-österreichisch-japanische Coproduktion. Angestoßen wurde die Verfilmung der Romanvorlage von Josef Göhlen, dem damaligen Leiter des Kinder- und Jugendprogramms des ZDF, der sich in den USA in einem Motel mit dem Zeichner Marty Murphy traf, um Details der Zusammenarbeit auszubaldowern.

Marty Murphy wurde übrigens später einer der bekanntesten Karikaturisten im Playboy. Hätte ich das vorher gewußt, hätte ich die Kinder natürlich NIEMALS Biene Maja schauen lassen.

Die erste Staffel von Biene Maja beginnt mit der Folge „Maja wird geboren“. Kassandra möchte in den Bienenstock, um bei der Geburt dabei zu sein und wird von zwei Soldaten abgehalten, die den Befehl haben, niemanden herein zu lassen. Nach längerer Diskussion, darf Kassandara passieren. Die Bienen schlüpfen – alle nur eine nicht und das ist Maja, die quasi schon während ihrer Geburt reaktantes Verhalten zeigt. Ab da läuft die Biene Maja nur herum, fragt den Erwachsenen Löcher in den Bauch und macht nie was sie machen soll. Durch ihr leichtsinniges und naives Verhalten befindet sie sich ständig in Lebensgefahr. Schlimmer noch, sie gefährdet durch ihr uneinsichtiges Wesen permanent  die körperliche und seelische Unversehrtheit ihrer Freunde.

Der Grashüpfer Flip begleitet die Serien als Sprecher und statt das Ganze dann pädagogisch noch mal zusammenzufassen: „Ja, die Biene Maja hat viel Unsinn gemacht, aber jetzt hat sie was gelernt, das nächste Mal hört sie auf die erfahrenen Altbienen und bringt mit ihrem sorglosen ausschließlich auf Vergnügen ausgerichteten Verhalten nicht den ganzen Bienenstock in Gefahr!“ NEIN da sagt der noch: „Ja schade, diesmal hat sich die Biene Maja erwischen lassen, aber das passiert ihr nächstes Mal hoffentlich nicht, da muss sie einfach besser aufpassen!“

Nach nur drei Folgen sind wir wieder auf Pokemon umgestiegen. Zwar sind die Dialoge nicht so differenziert, aber wenigstens lernen die Kinder nicht so einen Unsinn, wie alles zu hinterfragen oder selbstständig die Welt zu erkunden – denn sie sind viel zu beschäftigt damit die 648 Pokemon und deren Entwicklungen sowie einzelne Attacken auswendig zu lernen. Das schult das Gedächtnis, fördert die Konzentrationsfährigkeit und das komplexe Denken und wenn man als Eltern dann endlich einsichtig ist – auch die motorischen Fähigkeiten sofern man das Pokemon-Spiel samt Nintendo DS kauft.

Biene Maja gibt es übrigens 2013 mit 78 neuen Folgen im ZDF zu sehen. Damit sie in die heutige Zeit passt, ist sie „rund, etwas greller und vor allem dreidimensional„. Da die alte Anime-Serie den heutigen Sehgewohnheiten von Kindern nicht mehr entspricht, ist sie schneller geschnitten und wird durch eine „dynamische Erzählweise“ belebt.

Experiment Aufwachteller

In den frühen 80ern war es vergleichsweise einfach auszuschlafen. Deswegen pädagogisch wertvoll ausprobiert: den Ausschlafteller.

Als ich klein war, konnten meine Eltern immer ausschlafen. Ich bin einfach um 5 Uhr wach geworden und habe fern gesehen bis sie aufstanden. Das war manchmal so lange, dass ich freiwillig den Frühstückstisch gedeckt habe, weil mir beim Fernsehen langweilig wurde. Obwohls mir nicht geschadet hat und ich trotzdem groß geworden bin, möchte ich das bei meinen Kindern nicht. Allein schon weil es nicht nur einen Sender gibt, auf dem Kindersachen laufen sondern zehn und darüber hinaus weitere zwanzig Sender auf denen 24 Stunden Dinge laufen, die Kinder besser gar nicht sehen. Es gibt auch noch sieben bis dreizehn weitere Gründe warum ich das nicht möchte.

Ich schätze, im Schnitt schlafe ich jede Nacht sechs Stunden. Wenn diese sechs Stunden ohne Unterbrechung sind, dann fühle ich mich am nächsten Morgen sogar frisch.

Dem jüngsten Kind sind die Stunden meiner nächtlichen Ruhezeit ziemlich egal. Es steht atomzeituhrgleich IMMER um 5.58 Uhr auf. Wenn ich also erst spät ins Bett komme, die üblichen sechs Stunden eher vier werden und zusätzlich zwischen eins bis drei Kinder in unserem Bett quer liegen, dann halluziniere ich, dass es irgendeine Lösung für mein Ausschlafproblem geben könnte.

In einer bekannten Elternzeitschrift wird in diesem Kontext ein „Ausschlafteller“ vorgestellt. Man solle einfach für den nächsten Morgen ein Tellerchen für den Nachwuchs anrichten, der schon leer gegessen werden könnte, während die Eltern selig weiterschlafen. Das würde den morgendlichen Hunger ein wenig stillen und stelle gleichzeitig eine schöne Beschäftigung dar. Offen für Vorschläge jeder Art, habe ich das heute ausprobiert. Als ich gegen 1 Uhr ins Bett ging, packte ich einige Maiswaffeln und Rosinen sowie andere getrocknete Früchte auf ein Tellerchen und deckte dieses mit einem zweiten Tellerchen ab. Als Kind 3.0 pünktlich 5.58 Uhr erwachte und fröhlich trompetete: „Alle aufstääähn, isch bin wahaaach!„, wälzte ich mich zur Seite und hauchte: „Auf dem Teppich im Kinderzimmer wartet eine kleine Überraschung auf Dich. Geh doch schon mal dahin und spiele dann ein bißchen.“

Das Kind, sehr interessiert, marschierte gen Kinderzimmer. „WO IS EINE ÜBERRASCHUNK? MAMAAAAAA???!
„Am Teppich steht was zu Essen.“
Und die Überraschunk??
„Das ist die Überraschung.“
Ich höre, wie Kind 3.0 den Teller lüftet und murmelt „Maiswaffel? MAMA, IST DE MAISWAFFL DA ÜBERRASCHUNK?
„Ja, und die Rosinen. Kannst Du alles essen und dann spielen. Ich schlafe jetzt noch.“
Ich höre knabbern, ziehe meine Decke über die Schulter und will gerade die Augen schließen, als Kind 3.o „Kansch auch was trinken?“ Verdammt, daran hätte ich denken müssen. Ich stehe auf, fülle Wasser in eine Trinkflasche, überreiche sie dem Kind und schluffe wieder ins Bett. Das Kind trinkt „Is das nur Wassa? MAMAAAA?“ Ich versuche mich ruhig zu verhalten. „MAMAAAA, ISCH WILL ABER MILSCHSAFTSCHORLÄ!*
„Gibts jetzt nicht, ich möchte schlafen.“
Es folgen 90 Sekunden Ruhe. „Kanne isch was bauen?
„Ja, natürlich“
Ich höre Legosteingeklapper. Das Kind tappt ins Schlafzimmer. „Kannst Du das zusammen bauen?
„Nein, ich möchte schlafen“
RÄÄHHHBÄÄÄHHHH
„OK, ich baue das jetzt zusammen, dann lässt Du mich aber schlafen.“ Ich baue unter Anleitung drei Schiffe und ein U-Boot mit Pferdeanhänger. Das Kind schlappt ins Kinderzimmer zurück.
Sind die Sinen alle fur misch?
(…)
Nach einer Stunde gebe ich auf und trotte wie ein Automat ins Kinderzimmer. Das Kind schmiegt sich liebevoll an mein Bein und fragt mit warmer Stimme: „Hast Du gut ausgeschlafen Mama?“ Der Ärger verfliegt und ein weiterer Tag mit blutunterlaufenen Augen und der Hoffnung auf einen Mittagsschlaf beginnt.

—–
*Auf mehrmalige Rückfrage eine Begriffsklärung: „Milchsaftschorle“, ist ein Konstrukt, das Kind 3.0 erfunden hat: Es stellt ein hypothetisches Getränk dar, das nach dem Abstillen dargereicht wird, um den Übergang zur herkömmlichen Saftschorle zu erleichtern. Kind 3.0 verlangt seit dem 18. Lebensmonat danach.

Einmal im Jahrzehnt ausgehen

Erstaunlicherweise kann man tatsächlich Spaß haben, wenn man abends ausgeht. Erfrischende Erfahrungen beim Balkan Beats hopsen. Hey, Hey, hey!

Betrachte ich mein Umfeld, scheint das Ausgehen und insbesondere das Tanzengehen, eine allgemein anerkannte und praktizierte Kulturtechnik zu sein. Deswegen verspüre ich alle zehn Jahre den Druck mitzumachen. Ich habe dabei nicht vergessen, dass alle vorangehenden Versuche kläglich gescheitert sind. Es ist nicht so, dass ich mich in der Vergangenheit nicht bemüht hätte, ich habe es mit dem Tanzen bereits kurz vor meinem 30. Geburtstag und auch in der Höhe meiner 20er versucht. Jetzt werde ich bald vierzig und da schien die Zeit wieder reif für eine neue Erfahrung und was soll ich sagen: versehentlich habe ich mich amüsiert.

In der Tanzthematik gibt es für mich zwei Hauptproblemfelder. Erstens: Ich stehe sehr gerne sehr früh auf. Am liebsten um fünf. Die Zeit zwischen fünf und sieben Uhr morgens ist für mich die Zeit größter Freiheit. Ich kann Kaffee trinken und meinen RSS-Reader leer lesen. Wenn ich schnell lese und die Körperhygiene auf das Mindestmaß beschränke, kann ich zusätzlich etwas schreiben bevor die Kinder wach werden. Diesen persönlichen Freiraum bezahle ich mit bleierner Müdigkeit ab 22 Uhr. Nach 24 Uhr wegzugehen scheitert folglich meistens daran, dass ich mich bereits in der ersten Tiefschlafphase befinde.

Ein weiteres Problem ist mein Musikgeschmack, der sogar regelmäßig die Algorithmen von Last.fm in die Resignation treibt. Wenn ich tanzen gehe, will sich nie ein Flow einstellen, weil mir mal ein Lied gefällt (Zustand 1=ich tanze) und mal wieder nicht (Zustand 0=ich erstarre zur übellaunigen Salzsäule).

Sich um 23 Uhr irgendwo zum Trinken zu treffen und dann um 1 Uhr tanzen zu gehen, ist somit eine Taktik, die mir ferner kaum sein könnte. Um 23 Uhr direkt in den Club zu gehen ist zwar denkbar uncool, hat aber viele Vorteile. Erstens muss man nur wenige Minuten anstehen um reinzukommen und zweitens bietet die Tanzfläche ausreichend Platz, um avandardistische Modern-Dance Positionen auszuprobieren:

Ich gebe zu, die Stimmung lässt zu solchen Uhrzeiten noch etwas zu wünschen übrig, aber Stimmung wird allgemein überschätzt. In einen Club zu gehen, ist im Grunde eine Aktivität, die einsamer und selbstbezogener kaum sein könnte. Das Kommunizieren findet in erster Linie ohnehin nicht verbal statt. Ich habe schon mal versucht in einem Club einem Interessierten meine Position zum Sozialkonstruktivismus zu erläutern, hatte aber das Gefühl, dass mein Gegenüber nach nur kurzer Zeit das aufrichtige Interesse verlor.

Jedenfalls, um auf den besagten Abend zurück zu kommen. Meine Freundinnen hatten die Idee zu Balkan Beats zu tanzen. Ich hatte keine Ahnung was das genau ist, hatte aber eine außerst positiv konnotierte Assoziation zu der rumänischen Kapelle Fanfare Ciocarlia und war daher bereit eine neue Erfahrung zu machen. Tatsächlich erwies sich der sogenannte Balkan Beat Mix als überaus tanzbar bzw. hüpfbar und als erstmal der ganze Saal hüpfte, passierte, wahrscheinlich gruppendynamisch verursacht, etwas seltsames: ich amüsierte mich und tanzte einfach zum eintönigen Grundrhythmus mit.

Rational betrachtet war alles furchtbar. Der DJ, der im Auflegkurs offensichtlich bei „Wie gestalte ich Übergänge“ krank gewesen ist, die bekloppten Leute, die mit Rotweingläsern in der Hand rumsprangen, dass ich so besudelt wurde, dass ich bald wie der letzte Clochard roch und eine Person im Publikum, die offensichtlich unter starken Blähungen litt.

Allerdings griff eine nie gekannte sorglose Fröhlichkeit um mich, die v.a. meiner Freundin zu Kopfe stieg, die wenige Minuten später eine Bühne erklimmte, um dort weiter zu tanzen. Ich wollte diesen Moment fotografisch festhalten, was von den Bühnentänzern fehlinterpretiert wurde. Man hievte mich freundlich hoch. Es blieb mir nichts anderes als mitzutanzen und das obwohl sich mein Kopf mit wirklich schwierigen Fragen auseinander setzte. Wir tanzten nämlich Sirtaki. Von Sirtaki wußte ich zumindest, dass es sich im engeren Sinne nicht um einen griechischen Volkstanz handelt, sondern dass Sirtaki für den Film Alexis Sobras erfunden wurde, um dem Hauptdarsteller Anthony Quinn, der anscheinend eher tanzunbegabt war, selbiges zu erleichtern. Jedenfalls beschäftigte mich darüber hinaus die Frage, welche Länder neben Griechenland überhaupt zum Balkan gehören. Mir war auch nicht ganz klar, inwiefern die  Triest-Odessa-Linie tatsächlich als geografische Begrenzung für den Balkan zu sehen ist oder nicht.

Meine Gedanken wurden jedoch von einem jungen Mann im Streifenshirt durcheinander gewirbelt, weil er sich gar nicht darum scherte, was mich aktuell bewegte. An diesem Abend fiel ich beschwingt in mein Bett. Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, normal zu sein.

Fragmentarische Gedanken zum Thema Medienkompetenz

Rettet die Kinder vorm Internet. Helft Herrn Spitzer es zu tun. Er selbst kann es nicht. Er hat leider keine Ahnung.

Alternative Überschrift „(…) ansonsten haben wir Kids, die facebook kennen, aber nicht Göthe.“ !!!!111!!!ELF!“

Ich habe den Spitzer noch nie gesehen oder gehört und alles was ich weiß, habe ich aus zweiter Hand. Hätten seine Thesen Hand und Fuß, ich machte mir mehr Mühe. Wie mir jedoch zugetragen wurde, reicht es glücklicherweise Dinge zu behaupten.

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Ich sage also folgendes: Wenn Herr Spitzer behauptet, das Internet mache dumm (und dick) – insbesondere unsere Kinder, dann treibt ihn nicht die Sorge um unsere Kinder, sondern vielmehr die Gewissheit, dass man Geld verdienen kann, wenn man an der richtigen Stelle Benzin ins Feuer schüttet.

In der menschlichen Seele gibt es nämlich einen Mechanismus der zunächst einmal alles, was neu ist, als potentiell bedrohlich einstuft. Für den Urmenschen gar nicht so dumm. Lieber nicht gleich zum noch nie gesehenen Säbelzahntiger rennen und ihn liebkosen, sondern Abstand halten und beobachten. Unser Leben, also das moderne Leben in der ersten Welt, ist im Vergleich zum Höhlenmenschdasein weitaus weniger gefährlich geworden. Die Evolution kommt nicht hinterher, das Gefühlsrelikt ist geblieben: Was neu und unbekannt ist, ist bedrohlich und wenn man sich nicht damit beschäftigt, dann bleibt es das auch. Es kann sogar schlimmer kommen. Wenn man andere trifft, die das unbekannte Ding auch nicht kennen und sich unterhält, so kann man seine Ängste gegenseitig befruchten.

Jetzt ist das Internet kein Säbelzahntiger, doch greift genau dieser Mechanismus bei vielen nicht so technik- oder internetaffinen Menschen. Sie haben Angst, insbesondere sieht die Evolution vor, dass man nicht nur ums eigene Leben fürchtet – sondern um das des Nachwuchses bangt. (Genaueres hierzu aus gegebenem Anlass unter „30 000 Jahre Fehlentwicklung“ nachzulesen).

Das alles weiß Herr Spitzer und deswegen befeuert er diese Angst. Denn die, die Angst haben, sitzen vor ihren Fernsehern und Radios und nicken mit den Köpfen und klatschen in die Hände, wenn Herr Spitzer behauptet, das Internet macht dumm und schlimmer noch: es sei eine ernstzunehmende Gefahr. Am Ende kaufen sie das Buch und schenken es Freunden, die auch schon immer befürchteten, dass das Internet etwas gefährliches sein könnte.

Was ich angemessener fände, wäre sich mal mit der Frage zu beschäftigen, was denn helfen würde. Denn, so wissen wir es alle: das Internet, das geht nicht mehr weg. Es bleibt also zu klären: Wenn es nicht weg geht, was können wir denn für unsere Kinder tun, um sie zu schützen?

Es wäre nämlich auf der anderen Seite Quatsch zu behaupten, das mit dem Internet rein gar keine Gefahren verbunden wären. Denn natürlich gibt es Internetsucht und zwar im Sinne von Spielsucht, von übermäßigem Pornokonsum (wers nicht kennt, eine mögliche Art diesem Problem zu begegnen: Make Love Not Porn) oder als Begleiterscheinung von Depressionen. Betroffenen Menschen sollte tatsächlich geholfen werden, zumal sie in den allermeisten Fällen einen Leidensdruck verspüren und eigentlich ziemlich gut selbst wissen, dass sie Hilfe brauchen.

Um nochmal auf die in der Zwischenzeit uralten Studie zum Thema Internetsucht einzugehen: Hier wurden Onlinezeiten erfasst, die u.a. Internetradio, Videotelefonie, E-Mail schreiben miteinschließen. Eine Sucht hauptsächlich aus den Nutzungszeiten abzuleiten, halte ich für beinahe lachhaft. Deswegen halte ich das viel zitierte Ergebnis „560.000 Süchtige, 2.5 Mio gefährdet“ für zweifelhaft und fände es angebracht die genannten Gruppen (Süchtige vs. Vielnutzer) deutlich zu unterscheiden. Das tut Herr Spitzer, wie so viele andere Internetphobiker, nicht.

Die Frage müsste also besser gestellt lauten: Was fürchten wir und wie gehen wir in Bezug auf unsere Kinder mit diesen Befürchtungen um.

Ich befürchte zum Beispiel, dass mein Kind beim Hausaufgaben machen denkt, dass alles was in der Wikipedia steht, sei richtig und wahr.

Die Maßnahme würde also lauten: Ich spreche mit meinem Kind. Und zwar über den Begriff der Wahrheit im Allgemeinen und erläutere zudem, dass man immer unterschiedliche Quellen heranzieht und dass man vielleicht mal ganz bewusst nach der Gegenthese sucht oder aber, dass man prüft, ob andere Quellen gleiche Aussagen/Zahlen/was auch immer nennen.

Auch befürchte ich, dass mein Kind in Welten eintritt, von denen ich keine Ahnung habe. Die Welt der Apps und Smartphones z.B. Mit selbigen bin ich nämlich nicht aufgewachsen.

Die Maßnahme wäre also: Ich kaufe mir auch ein Smartphone und probiere ein bisschen rum. Lasse mir Apps zeigen und erläutern, warum meine Kinder sie toll finden.

Vielleicht befürchte ich auch, dass mein Kind durch zu viel Internet andere Lebensbereiche vernachlässigt. Dass es gar dick wird, weil es sich so wenig bewegt und nur Junk Food ißt.

Die Maßnahme wäre also, dass es altersgemäß angepasste Onlinezeiten gibt. Dass ich attraktive Alternativen biete. Mit meinem Kind Fußball spiele, zum Spielplatz gehe. Dass ich ausgewogen koche, das Kind gar mitkochen lasse, dass wir gemeinsam essen und nicht jeder nebenher, dass ich mit gutem Beispiel voran gehe. Den Fernseher aus lasse Das internetfähige Telefon aus der Hand lege, usw. usw.

Alles völlig unspektakulär. Man braucht keine besonderen Fähigkeiten, kein Geld – und schon sind die Kinder gerettet. Allesamt! Vielleicht wäre es in diesem Sinne sinnvoller nicht im Kanon zu rufen, wie inkompetent der ehrenwerte Hirnforscher ist, wie wenig Ahnung er hat und anstatt dessen Vorschläge zu machen, wie ein sinnvoller Umgang mit dem Internet aussieht. Klar zu trennen in welche Bereiche das Internet eigentlich fällt, um zu differenzierteren Aussagen zu kommen und ganz am Ende uns an die eigene Nase fassen und ein gutes Vorbild zu sein.

So könnte man das Punkt für Punkt machen – ohne anfeinden und rumschreien. Die Welt wäre friedlich und die ganzen Menschen im Internet müssten sich nicht so aufregen.

Wer lieber was Fundiertes zur Digitalen Demenz lesen möchte, dem empfehle ich: „Zwischenbilanz zu Spitzers DigitaleDemenz“ oder „Kompetenz statt Demenz“ oder „Das Geschäft mit der German Angst oder Wie bringt man ein Sachbuch auf die Bestsellerliste?„.


Lieblingstweets 08/12

Ein Spruch, den man auch gut im Büro anwenden kann:

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