Eine gute Partie

Essen
Wenn ich Prepperin werde, gibts lecker Eingemachtes. JEDEN Tag.

Es soll Menschen geben, denen Essen relativ egal ist. Sie füllen pflichtbewusst und regelmäßig ihre Energiespeicher – aber mit was ist ihnen egal. Die Krönung dieser Gleichgültigkeit stellen wohl Menschen dar, die ihre Ernährung auf Soylent [1][2] und ähnliche Präparate umstellen.

Für mich hingegen ist essen nicht nur überlebenswichtig sondern stellt auch einen großen Teil von Lebenszufriedenheit dar. Das heißt nicht unbedingt, dass ich mich auf eine bestimmte Art ernähre oder dass mein Essen besonders hochwertig ist – mich macht auch Currywurst mit Pommes glücklich – aber es gibt eine bestimmte Art von Minderwertigkeit, die mich abstößt.

Noch schlimmer und Garant für Instant-Übellaunigkeit ist bei mir: Gar nicht essen.

Ich weiß wirklich nicht wie Menschen fasten oder diäten können – ich könnte das bestenfalls als Eremitin in einer Einöde. Da würde ich mich sehr miesepetrig in eine Höhle zurück ziehen und die Steinwände anstarren, so dass mich das satte Grün von Bäumen oder Wiesen der Umgebung nicht irgendwie an köstlichen Brokkoli oder Salat erinnert und meine Laune in Bereiche bringt, die für Mitmenschen lebensgefährlich werden könnte.

Ein echter Schock war für mich deswegen als ich letztes Jahr um 20.30 Uhr auf Hiddensee versucht habe, etwas zu essen zu bekommen.

Die Supermärkte hatten bereits um 16 Uhr geschlossen – das war mir klar. Völlig überrascht hat mich der Umstand, dass auch die Kneipen und Restaurants um diese Uhrzeit nicht nur kein warmes Essen sondern gar kein Essen mehr boten.

Genauer gesagt, lief das so ab:

20.30 Uhr, wir betreten die Kneipe, in der wir am Tag zuvor am Nachmittag ein Stück Kuchen zu uns genommen haben.

Gleich im Eingangsbereich an der Theke grüßt und die Bedienung:

– Guten Abend!
– Guten Abend, sage ich und eigentlich rein rhetorisch gemeint, während ich schon meine Jacke ausziehe: haben sie noch warmes Essen?

Einen kurzen Moment steht die Zeit still. Den Herren am Stammtisch gleich links neben mir stockt der Atem. Zwei reißen ungläubig die Augen auf, die anderen beiden, sie hatten gerade ihr Bier angehoben, stoppen in der Bewegung.

Man starrt uns an. Die Bedienung, ebenfalls mit entgleisten Gesichtszügen, atmet durch und sagt dann: Es ist 20 Uhr 30.
Ich schaue sie verständnislos an. Denke: Ja, das ist richtig, aber was will mir das sagen?

– Nach 20 Uhr gibt es kein warmes Essen mehr.
– Verstehe, sage ich noch fröhlich, dann nehmen wir etwas Kaltes. Brot und irgendwas?
– Haben wir nicht.
– Aufwärmbare Suppen?
– Nein.
– Kuchenreste?
– Nein.
– Spiegelei?
– Nein. Es gibt kein Essen mehr.
– Gar keins?
– Korrekt.
– Gibt es auf der Insel vielleicht ein anderes Restaurant, das noch Essen hat?
– Nein
– Auf der ganzen Insel nicht?

Die Bedienung schüttelt den Kopf. Ich blicke zum Stammtisch. Höchstens der „Dünenkönig“, sagt einer der Anwesenden zögerlich.
– Wo finden wir den? (Auf Hiddensee gibt es auch kein mobiles Datennetz!)

Um die Geschichte abzukürzen: Auch der „Dünenkönig“ hatte kein warmes Essen mehr. Schon gar nicht um 21 Uhr!

Völlig verdattert stapfen wir in unsere Ferienwohnung. Ich wühle in meinem Rucksack. Von der Anreise habe ich noch drei Kekse und ein halbes, vertrocknetes Brötchen. Wir teilen alles in zwei Teile und essen schweigend unsere Ration.
Es ist in der Zwischenzeit 22 Uhr. Frühstück bietet unsere Unterkunft erst ab 8 Uhr. Ich muss 10 Stunden ohne Nahrung überleben.

Von diesem Urlaub habe ich noch ein kleines Trauma. Deswegen muss ich immer, wenn ich eine Ferienwohnung neu beziehe, sofort erstmal einkaufen gehen und die Schränke befüllen.

So auch dieses Mal. Dreißig Minuten nach Ferienwohnungsbezug stehen wir bei EDEKA.
Zu zweit kaufen wir so viel wie wir tragen können.
Beim Abendbrot vertilgen wir zu meinem Erschrecken ein ganzes Brot. Um 21 Uhr sind wir brotlos. Wie immer habe ich gegen 22 Uhr wieder Hunger. Es gibt noch Wurst, Käse und Schinken – aber ohne Brot kann man das doch nicht essen. Gottlos wäre das!

Zum Glück haben wir am Nachmittag gefragt, wann der örtliche Bäcker öffnet. 7 Uhr!
Ich trinke ersatzweise drei Tassen Tee und gehe dann ins Bett.
6 Uhr stehe ich auf und mache mich auf den Weg zum Bäcker.

Dort kaufe ich für das gesamte Bargeld, das ich einstecken habe, Dinge. Es ist schließlich Sonntag. Der Bäcker macht um 11 wieder zu. Ob es Restaurants oder Cafés gibt, die sonntags geöffnet haben (und Essen verkaufen!), kann ich nicht mit hundert prozentiger Sicherheit sagen.

Ich muss also so viel kaufen, dass wir bis Montag 7 Uhr überleben.
Wir sind vier Personen. Bestimmt sind alle so hungrig wie ich. Ich kaufe also sicherheitshalber zehn Brötchen. Da ein Brot fürs Abendbrot nicht genügt hat, kaufe ich zwei Brote.

Wir wollen später spazieren gehen, also kaufe ich noch einen kleinen Wegesproviant. Käsebrötchen, Splitterbrötchen, einen Hefezopf, ach Croissants könnte ich ja auch noch nehmen.

Es gibt auch Kuchen. Vielleicht wollen wir später Kuchen essen. Also kaufe ich lieber noch ein paar Stück Kuchen.
Hinter mir wird die Reihe immer länger. Man schaut sich nervös um. Ich verstehe es ja, die Auslage wird gefährlich leer. Aber da hätten sie eben früher aufstehen müssen. Jetzt bin ich erstmal dran.
Ich überlege: Morgen Früh erst frühstücken können und dann einkaufen, wäre auch schön. Ich kaufe also noch mehr.
Was ist, wenn wir heute lange wach bleiben und ich wieder Appetit bekomme? Lieber ein drittes Brot.
Ich schaue in mein Portemonnaie. Ich habe nur 50 Euro Bargeld dabei. Ich rechne alles im Kopf nach. Ach – Puffer für einige Brezeln ist auch noch!
Schwer bepackt schleppe ich alles nach Hause.

Dort decke ich den Tisch und wecke den Freund, der sich wider Erwarten gar nicht soooo freut, dass ich ihn um 8 Uhr an einem Sonntag im Urlaub wach mache.

Genau genommen sieht er so aus, als hätte ich ihn um 3 Uhr nachts geweckt. Er sieht gar nicht die Brötchenberge, den Brotstapel und all die anderen Leckereien. Ihm ist wohl gar nicht klar, dass er mit mir den Glücksgriff einer Jägerin UND Sammlerin gemacht hat.

– Schon mal darüber nachgedacht Prepper zu werden?, fragt er mich.
– Prepper?

Den Begriff habe ich noch nie gehört. Ich lasse mir erklären, was das ist: Prepper sind Menschen, die auf Katastrophen und andere apokalyptische Zustände vorbereitet sind. Sie sind „prepared“.

Fantastisches Konzept!
Gegen Jahresende 1999 – zur Jahrtausendwende – hatte ich bereits erste Ansätze dieses namentlich nicht bekannten Konzepts verfolgt.
Alles sehr unwahrscheinlich mir diesem Jahrtausendcrash – ABER zur Sicherheit doch lieber einige Hundert Liter Wasser im Keller eingelagert und Dosensuppen und andere nützliche Nahrungsmittel kann man ohnehin immer brauchen…

Selbst die Bundesregierung verlautbart: „Die Bevölkerung ist angehalten, einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen vorzuhalten.“
So hält es der allseits ungeschätzte Innenminister de Maizière für notwendig für die Erstversorgung pro Person und Tag zwei Liter Trinkwasser vorzuhalten.
In der Stadt ist das Überleben kein Spaß. So viel ist sicher.

Auf dem Land ist das anders. Mein Vater z.B. hat einen Garten. Da könnte man Gemüse anbauen, Schafe und Hühner ziehen, einen Trinkbrunnen graben und durch die staatliche Förderung von Solaranlagen, die deswegen jeder normale Mensch auf dem Dach hat, ist man sogar was Strom und Warmwasser angeht, autark.

Wir Stadtmenschen dagegen sehen dagegen alt aus. Zumindest WIR Stadtmenschen mit Balkon gen Norden. Da lassen sich nur sehr kleine Erdbeeren ziehen. An Erbsen, Bohnen, Tomaten und Hokaidokürbisse ist da gar nicht zu denken.
Vielleicht könnte man sich ein paar Balkonkaninchen halten, die man nach und nach schlachtet… aber so richtig lange würde man nicht überleben.
Es sei denn: man ist vorbereitet.

In Zeiten eines wahnsinnigen Staatsoberhauptes mit Zugang zu einem Atomwaffenarsenal ist das preppern, je mehr ich darüber nachdenke, tatsächlich eine hervorragende Idee.

Szenarien wie der Tag in Hiddensee möchte ich eigentlich kein zweites Mal erleben.

Wenn wir wieder aus dem Urlaub zurück sind, werde ich mich mal ein bisschen einlesen. Seile, Trockennahrung, Stromgeneratoren, Wasser, Dosennahrung, Desinfektionsmittel, Kerzen, notfallmedizinische Ausrüstung, Wasserfilter.

Und dann wird immer nur gegessen, was abläuft.
Nie mehr unsinnigerweise das auf was man gerade Lust hat.

Mein Freund hat es so gut mit mir!
Ich bin die beste Versorgerin!
Jede Apokalypse kann man mit mir überleben!

– NEIN SCHATZ! NICHT DER MAIS. HEUTE WERDEN DIE EINGELEGT… SCHATZ!? ES GIBT JETZT BOHNEN!
Ja, Schatz. Wir essen seit Wochen Bohnen, aber die laufen eben ab… nein, Schatz. Nein, Schatz! Das frische Brot wird jetzt eingela… lässt du sofort das frische … SCHATZ???!

[1] Sehr gut gefällt mir der Name des Konkurrenzprodukts: Joylent!

[2] Soylent – hat seinen Ursprung im Film Soylent Green

Humor schadet doch nie!

Mit meiner zunehmenden Feminisierung ist mir in manchen Themen der Humor abhanden gekommen. Das gilt v.a. in den Bereichen, in denen bitte herzlich über Klischees gelacht werden soll.

Das Erstaunliche ist, ich habe früher selbst über diese Art Witzchen gelacht und sie auch selbst gemacht.

In der Zwischenzeit denke ich aber, man kann sich das sparen, weil diese Art Weltsicht wesentlich dazu beiträgt Klischees am Leben zu halten und damit Gleichberechtigung zu verhindern.

Für mich gehört alles dazu, was Richtung „Idiot Dad“ und „Der arme, überforderte Mann im Haushalt“ geht.

Ach wie lustig, schau mal wie mein Mann die Kinder angezogen hat. Haha.

Oh schau mal, mein Mann kann keine Wäsche aufhängen. LOL!

Heute gibts Reis mit Ketchup. Das hat mein Mann aus dem Männer-Kochbuch. HAHAHAHAHA!

Es geht also indirekt (mal wieder) um das leidige Thema Verteilung der Aufgaben im Haushalt und mit den Kindern.

Es geht einfach nach wie vor nicht in meinen Kopf – selbst wenn die Frau nicht arbeitet – warum alle Arbeiten rund um Haushalt und Kinder nach, sagen wir 19/20 Uhr, die Uhrzeit zu der man(n) vielleicht durchschnittlich von der Arbeit nach Hause kommt, nicht 50/50 geteilt werden sollten.

In verschiedensten Kontexten lese ich immer wieder von Überforderung und Burnout bei Frauen, v.a. in den ersten Jahren mit kleinen Kindern. Je näher am klassischen Versorgermodell (Mann arbeitet, Frau Zuhause), desto wahrscheinlicher diese Erschöpfungszustände.

Und dann lese ich auch oft, Frauen ließen sich ja nicht helfen. Oder sie äußerten ihre Bedürfnisse nicht klar genug.  Maternal Gatekeeping auf der einen Seite und der unglückliche Umstand, dass Frauen nicht klar kommunizieren könnten (im Gegensatz zu Männern) und ihre Männer nicht angemessen einbinden würden.

Zack ist mein Blutdruck schon wieder auf 180. Ich kann einfach nicht verstehen, warum Männer EINGEBUNDEN werden müssen.

Es ist scheint gottgegeben und selbstverständlich, dass Frauen für Haushalt und Kinder verantwortlich sind und zwar unabhängig von ihrer Lebenssituation. Egal ob sie zuhause sind oder 40 Stunden arbeiten. Sie sind zuständig für beides (und machen auch anteilsmäßig mehr).

Männer hingegen nicht. Die müssen darauf hingewiesen werden, da soll kommuniziert werden, klar gemacht werden. „Du Schatz, was wäre aber schön, wenn du abends auch mal die Windeln wechselst.“ „Du Schatz, wenn das Baby nachts schreit, das wäre superlieb von dir, wenn du auch mal aufstehst.“

Es. erschließt. sich. mir. nicht.

Klar besteht Partnerschaft aus Kommunikation und Absprachen. Aber jetzt mal ehrlich? Als Frau soll ich meinen Partner zu diesen Dingen auffordern? Und wenn ich es nicht tue, dann bin ich am Ende an meiner Überforderung selbst schuld?

Sehr gerne kommt in diesem Kontext dann das Argument: Ja, also ich kenne Frauen, die lassen sich nicht helfen! Mann wedelt mit der Maternal Gatekeeping Keule.

Gut, Maternal Gatekeeping mag es geben, aber gesehen auf die Grundgesamtheit aller Frauen handelt es sich um ein Ausnahmephänomen. Es ist nicht die Regel. Die Regel ist nicht, dass Frauen geil auf Haushalt und Kinder sind und verhindern, dass engagierte Männer sich einbringen.

Und selbst wenn: Himmelherrgott. Ich muss mir ständig anhören: Die Frauen müssen besser kommunizieren und sagen was sie brauchen!

Gilt das für die angeblich verhinderten aber stark gewillten Männer nicht? Können die nicht klar sagen: „Hasi, unser Baby hat sich eingekackt, die Windel wechsle ICH jetzt.“ und „Oh, 19 Uhr! Fütterungszeit! Jetzt rühre ich den Brei an und füttere!“ oder „20 Uhr! Bettgehenszeit, das würde ich heute gerne übernehmen!“

(Und wieder versuche ich mir die Tausendschaften von Frauen vorzustellen, die sich wehren, sich krümmen, den Männern die Babys entreißen und rufen: NEIN! ALLE WINDELN SIND MEIN!!1!)

Egal.

Zurück zum Thema Humor. Wenn es schon so ist, dass Männer – aus welchen Gründen auch immer – weniger Erfahrung mit Kindern und Haushaltsaufgaben haben – wie witzig ist es dann, sie bloß zu stellen, wenn sie es versuchen?

(Ja, es gibt auch die Fälle, in denen sich Männer über ihre Unfähigkeit selbst lustig machen… ich sehe da keinen Unterschied in der Wirkung).

„HAHA, schau mal, mein Mann kann keine Wäsche waschen.“

Ist das nicht eine wunderbare Ausrede? Der Mann KANN eben nicht. Es ist ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Er hat kein Putz-Gen. Kein Aufräum-Gen. Kein Nachtsaufsteh-Gen. Kein Fütterungs-Gen.

Da kann man nix machen. Frustrierend ist das – aber man kann nichts machen. Also ausser sich darüber lustig machen. Man muss es eben mit Humor nehmen.

Der ungeschickte Mann im Haushalt. Der überforderte Papa. Uiuiui. Zwei linke Hände. Da kann man nix machen. Kann man nicht. Ist eben so.

Super Ausrede für den Mann. Der erfüllt sein Soll ja im Bezahljob. Da hat er seinen Feierabend ja auch mal verdient, nä?

Und weil Männer ja so ungeschickt sind im Haushalt (das dauert ja auch alles, meine Güte!), mache ich es als Frau geschwind selbst.

Das stellt sicher, dass er es auch niemals können wird.

Ich merke gerade, da fehlt mir nicht nur der Humor. Nein, da bin ich sogar verbittert. Ich denke da nämlich: Ja, macht euch nur lustig über eure Männer, jetzt da ihr ein Kind habt und noch nicht wieder arbeiten geht, da kann man das auch alles noch wuppen. Aber wartet mal bis das zweite Kind da ist und ihr wieder in den Job einsteigt. Mal sehen wie lustig es dann ist, dass der Mann leider nicht die Wäsche waschen oder aufhängen kann, dass er die Kinder nicht anziehen, waschen, ins Bett bringen kann, wie schreiend komisch es ist, in der Nacht drei Mal aufzuwachen und wir ihr euch dann fühlt, am Ende der Kräfte und ihr bekommt noch zu hören: „Ja, du hättest halt klarer deine Bedürfnisse kommunizieren müssen.“

Und dann sehe ich, wie falsch und eklig diese Gedanken sind, denn sie richtigen sich gegen die Frauen, die am Ende überfordert und in Not sind. Lest besser den Kommentar von Rona, den sie unter einen Artikel zum Thema Einbindung von Vätern geschrieben hat:

Es sollte sich unter Vätern durchsetzen, sich gegenseitig in den Hintern zu treten, um sich an der Familienarbeit von sich aus zu beteiligen. Und es sollte extrem uncool und unmännlich werden, das nicht zu tun. Sonst wird das nämlich alles nix.[…]. Die Erschöpfung ist – wie Du es ja auch beschreibst – häufig so groß, dass die Kraft, um Hilfe zu bitten und die Kraft für evtl. Auseinandersetzungen um eine gerechtere Verteilung der Familienarbeit schlicht und ergreifend fehlt. Bevor frau sich z.B. um 2 Uhr nachts bemüht, erstmal den selig schlafenden Vater zu wecken, macht frau den Job mit dem schreienden Kind oft dann doch direkt allein, weil diese Situation keinen Aufschub duldet und weitere (wertvolle) Kraft kosten würde.Ich finde, man darf und sollte 2017 von einem erwachsenen Mann, der auch Vater ist, erwarten dürfen, dass er sich von sich aus und eigenverantwortlich beteiligt und einbringt. Das Argument, „ich habe es ja gar nicht bemerkt, wie erschöpft Du bist“, zieht für mich nicht, denn die hohen Anforderungen und die Erschöpfung sind meist sehr deutlich sichtbar und spürbar. Wer das nicht sieht, will es vielleicht auch einfach nicht sehen, weil er sich dann ganz anders in diese wirklich anstrengende Arbeit einbringen müsste.

Und genauso darf und sollte man erwarten, dass sich niemand darüber lustig macht, wenn es wirklich versucht wird. Das wäre wirklich, wirklich eine Hilfe.

Who you gonna call? ALSO AUF KEINEN FALL EINE FRAU!!1!

Ich hab es endlich geschafft. Ich habe das Ghostbusters Reboot gesehen. Sie erinnern sich? Der Ghostbusters Film mit den vier Frauen und dem etwas dümmlichen Eye-Candy Chris Hemsworth.

Mit der Veröffentlichung des Trailers im März 2016 ging das Gezeter los. Unter dem Trailer die absonderlichsten Kommentare. Vier Frauen? WTF? Das geht ja mal GAR nicht.

„Women are NOT funny. Deal with it.“

„Feminism is cancer.“

„Here..ladies and gentlemen is your fucking boring politically correct world…“

Insgesamt über eine Millionen Dislikes. Kein Trailer hat bislang jemals mehr Dislikes bekommen und das obwohl Sony rund 400.000 (!) negative Kritiken entfernen lassen konnte. In den Kommentaren verspricht Man(n) aktuell sogar „Do not worry guys, with Donald Trump this won’t happen again.“

Die Empörung war groß und warum? Einfach weil vier Frauen die neuen Ghostbusters sind. Ein wesentlich anderer Grund lässt sich nicht festmachen.

Der Film ist voller liebevoller Referenzen an seine beiden Vorgänger und auch Bill Murray, Dan Aykroyd, Ernie Hudson und Sigourney Weaver haben Gastauftritte.

Ich habe die beiden Vorgänger Mitte der 1980er auf VHS gesehen und fand sie superlustig und Sigourney Weaver wahnsinnig toll.

Über diese Erinnerungen hab ich mich gefreut, wie ich mich über den grünen Schleim gefreut habe. Ich bin nämlich ein furchtbar schreckhafter Mensch. (Ich hab schon mal davon berichtet, dass mir jemand die Handlung von „The Ring“ nacherzählt hat und ich deswegen zwei Wochen kaum schlafen konnte?) Wenn die Musik im Film spannend wird, hab ich schon Angst. Ein Geisterfilm in dem Geister neongrünen Schleim auf Menschen erbrechen, das ist genau das Richtige für mich.

Zu meinem großen Erstaunen hab ich mich auch über die Witzchen schlapp gelacht. Kevin, der Rezeptionist z.B. hat einen Hund, der Mike Cat heisst (Michael Cat eigentlich. Das ist wie die Katze von Helge Schneider, die Orang-Utan-Klaus heisst, oder? Ich lache schon wieder!).

Der Film hat mich wirklich schwer amüsiert. Leicht bekömmlich, schöne Wortgefechte und wunderbarer Unfug mit dem „wissenschaftlichen“ Geisterkram (man muss nur den Protonenstrom strambultieren, um dann über quantenmechanische Quarulenzen die Energie zu akkumulieren!).

Genau wie seine Vorgänger und mein Intellekt hat sich offenbar in den letzten dreißig Jahren auch nicht wesentlich weiterentwickelt. Ich kann immer noch hervorragend über Pupswitze lachen.

Ob Ghostbusters jetzt wirklich ein feministischer Film ist, weil vier Frauen die Hauptpersonen spielen sei mal dahin gestellt. Immerhin besteht er den Bechdel-Test…

1. It has to have at least two [named] women in it – Ja
2. Who talk to each other – Ja
3. About something besides a man – Ja

Über die eigentliche Qualität eines Films sagt der Test zumindest erstmal nichts aus.

Es ist aber sehr bedrückend mitzuverfolgen wie hart die Darstellerinnen zum Teil attackiert wurden. Diese beiden Tweets nur als Beispiel:

Ich fand den Film auch deswegen interessant, weil ich am 33C3 das erste Mal den Podcast Teenagersexbeichte vollständig gesehen (ja gesehen nicht gehört, er war im Sendezentrum auf der Bühne) habe.

Aus meiner Filterbubble habe ich schon viele lobende Worte vernommen. Alles irre witzig (v.a. weil ja Parodie und so). Während also mein Umfeld intellektualisiert hat, was die Teenagersexbeichte nun wirklich so irre lustig macht* – hab ich mich gefragt: ist das vielleicht alles nur albern und eine Art Comic Relief für die redlich bemühten Männer in Sachen Feminismus und politischer Korrektheit?

Es ist ja im Alltag schon anstrengend, dieses politisch korrekt sein, das gendern, das Frauen ausreden und zu Wort kommen lassen…
Ist es dann nicht eine große Erleichterung endlich mal all die sexistischen Witzchen zu machen, die einem einfallen? Endlich mal irgendwas mit ficken und Pipikackawitze und einfach nur lachen – ganz ohne schlechtes Gewissen?

(Ich muss dazu sagen, den einen Typen von der Teenagersexbeichte hab ich ja sehr, sehr gern und den anderen (neu kennengelernt), finde ich sehr sympathisch.)

Ich will gar nicht festlegen, ob der Podcast auf der Metametaebene kluges Ad Absurdum Führen sämtlicher Klischees ist oder nicht.

Meinem stichprobenartigen Eindruck nach ist es einfach Klamauk mit sich wiederholenden Referenzwitzen. Ich konnte sogar 2x lachen.

Allerdings habe ich mich gefragt: Wenn zwei Frauen genau das selbe machen würden, würde da auch gelacht werden?

Ghostbusters 3 gibt mir die Antwort. Denn für einen Großteil der Menschen sind Frauen eben per se nicht witzig. Fertig.

Sicherlich gäbe es keinen Shitstorm wenn die Teenagersexbeichte mal von zwei Frauen gemacht würde, aber ich wette für die Fanschaft wäre das schwer zu verschmerzen.

 

Die selben Witze von einem Mann gemacht und alle liegen schenkelklopfend auf dem Boden.

So ist das auch 2016.

Frauen sind nicht witzig und wenn man einen Remake einer Filmreihe macht, die für eine halbe Generation identitätsstiftend war, dann bloss nicht mit Frauen. Da hört der Spass einfach auf.

(Die armen Männer mussten ja auch schon die Feminisierung von Mad Max verkraften!)

Mir hingegen haben Leslie Jones, Kristen Wiig, Melissa McCarthy und Kate McKinnon als Geisterjägerinnen gut gefallen. Vielleicht ist die Welt eines Tages sogar so weit den Charakteren unabhängig von der Hautfarbe einen akademischen Grad zu verleihen.

2099 oder so.


* u.a. Ralf Stockmann im Sendegate

Natürlich sind Malik und Johnny Kunstfiguren, das ganze ein Hoax. Auf der SUBSCRIBE8 habe ich dazu von der Seite jemanden sagen hören: „mann muss schon ein sehr guter Musiker sein, um so falsch spielen zu können“. Das trifft es sehr gut – was die beiden wirklich auszeichnet, ist dass sie über 40 Minuten ernst bleiben können, in einer gelangweilten „so wir müssen das hier durchziehen“ Attitüde. Das ist schon ziemlich großes Tennis, in Anbetracht der oft ins Dadaistische reichenden Absurdität, an der auch Helge Schneider seine Freude hätte. […] Das ist schon zum Schreien komisch:

2016

Pexels @Pixabay

Ich bewundere ja diese Menschen, die sich Dinge aufschreiben, die Listen führen und alles erfassen. Wenn man irgendwann alt ist, dann ist das bestimmt wunderbar. Ich merke immer wieder wie viel ich vergesse und wenn ich dann Fotos sehe oder Texte lese, dann frage ich mich, wie ich das alles vergessen konnte und bedauere sehr, so nachlässig in der Dokumentation zu sein.

Ich finde ja, wenigstens Netflix und Co. könnten am Ende des Jahres eine schöne Statistik zusammenstellen. „Sie haben 273 Stunden Serien geschaut. Folgende Serien waren das: …“ Aber nein! Alles muss man sich selbst merken.

Aber zurück zum eigentlichen. 2016 war ein Jahr mit vielen Auf und Abs. Für mich ist das ganz neu: Gefühle. Den janzen Tag! Für meine Kinder hatte ich schon immer große Gefühle, doof finden konnte ich auch immer ziemlich viel, aber Nuancen das ist neu!

Wobei, ich bin immer noch ein ein bisschen aus dem Takt geratener Roboter. Früher war alles schön 0 oder 1. SUPERTOLL! oder eben TOTAL DOOF! HUNGER! oder PAPPSATT! AUF JEDEN FALL! oder NIEMALS! AN oder AUS.

Jetzt gibt es gelegentlich Abstufungen. Wobei mir das immer noch sehr schwer fällt.

Was gab es aber an großen Veränderungen?

Die großen Kinder

Eine irrsinnige Veränderung ist die Selbständigkeit der Kinder. Ich kann es manchmal gar nicht glauben, was alles plötzlich ohne mich geht und ich muss mich zusammenreißen nicht wimmernd hinter den Kindern herzuschleichen – weil früher! früher hab ich das doch alles (mit)gemacht.

Jetzt kann ich auch mal länger arbeiten, die Kinder bringen sich selbst nach Hause und manchmal komme ich in die Wohnung und muss in den Kalender schauen, wo die Kinder eigentlich sind.

Sie haben eigene Interessen und Freunde und bewegen sich frei im Kiez. Manchmal finde ich einen Zettel. „Mama, ich bin bei Paula. Zum Abendessen bin ich zurück.“

Sie machen ihre Hausaufgaben, geben Infozettel aus der Schule ab und verpacken die Geschenke für die Kindergeburtstage, bei denen sie eingeladen sind, selbst.

Oft helfen sie freiwillig im Haushalt, oft nur unter Protest, aber ich arbeite daran, das auszuhalten. Wäsche sortieren, Wäsche auf- und abhängen, manchmal zusammenlegen, wegräumen, Tisch decken, abdecken, Spülmaschine ein- und ausräumen, beim Kochen helfen, Tee und Kaffee machen, staubsaugen, darf ich bitte bitte bügeln?

Ich bestehe darauf, dass wir ein Team sind. All diese Aufgaben machen nur mäßig Spaß, jeder muss altersgemäß mitanpacken.

Das Durch- und „Ausschlafen“

Ich hab es nicht für möglich gehalten, aber es ist tatsächlich so, dass die Kinder irgendwann einfach von abends bis morgens schlafen und der Erwachsenenschlaf sich erholt.

Alles ist so wie früher. Abends die Augen schließen, morgens wieder öffnen. Sieben Stunden am Stück geschlafen. Verrückt.

Im Februar haben wir Winterurlaub gemacht. Da hat der bis dahin größtenteils kinderfrei lebende Freund zu den Kindern gesagt: „Ihr lasst uns bitte bis halb zehn schlafen, ja?“

Trocken gelacht habe ich da (Unwissender!) und mit den Augen gerollt (als wenn die Kinder auf sowas hören!).

Was soll ich sagen: Seitdem schlafen* wir Erwachsenen am Wochenende und im Urlaub bis 9.30 Uhr.

Irre.

Winterurlaub

Da haben wir auch angefangen Gesellschaftsspiele zu spielen. Sowas wie Robo Rally [Werbelink] oder Rage [Werbelink].

GROSSARTIG! Spiele spielen, bei denen man nicht immer gegen Kinder verliert (Memory) oder sich zu Tode langweilt (Socken zocken und ähnliche Spiele).

Das ist so großartig, dass wir regelmäßig einen Spielenachmittag machen (Nur Monopoly bleibt verboten)

(Wer Spieletipps hat, immer her damit!)

Apropos Urlaub

Ich habe geschafft 2016 meinen Geiz zu reduzieren. Es muss jetzt nicht immer das billigste vom billigen sein. Zur Entspannung gehen wir manchmal Pizza essen oder fahren ein Wochenende irgendwo hin. Wenn die Ferienwohnung 10 Euro am Tag mehr kostet, weil sie eine Spülmaschine hat… ich kann es aushalten.

Das tut uns allen gut. Dafür werde ich wahrscheinlich niemals meine Küche renovieren oder mir ein neues Sofa kaufen oder einen Fernseher – aber ich denke, damit lässt sich ganz gut leben.

Mein Buch

Ja, mein Buch. Es bereitet mir immer noch Freude. Ich bekomme oft wunderbare Emails, die darüber berichten wie Elternpaare sich Kapitel gegenseitig vorlesen und sich dabei schlapp lachen und darüber manchmal vergessen, dass so ein Leben mit Kindern doch auch anstrengend sein kann.

Da geht mir wirklich das Herz auf.

Toll waren auch die Lesungen in Hannover und in Stuttgart und die anschließenden Gespräche und Signierstunden, in denen ich mir vorkomme wie ein Weltstar, weil ich meinen Namen in mein Buch schreiben darf.

Kinderfrei

Ich hatte viel kinderfrei. Zum einen natürlich aufgrund der Trennung und der damit verbundenen Zeiten, die die Kinder beim Vater verbringen, zum anderen aber auch weil die Kinder auf Klassenfahrten sind oder bei Freundinnen und Freunden übernachten. Ja, sie sind sogar so alt, dass man sie mit diesem Bahnbegleitservice quer durch Deutschland zu Verwandten reisen lassen kann.

Ich denke oft, wenn ich mit dem Kinderhaben nochmal neu anfinge, dann würde ich auch mit dem Kinderfreihaben früher anfangen. Das hilft bei so vielem.

Tatsächlich weiß ich nicht, ob ich das wirklich könnte. V.a. im Baby- und Kleinkindalter fiel es mir sehr, sehr schwer von meinen Kindern getrennt zu sein.

Selbst für einen Abend im Kino oder ein Essen mit einer Freundin. Richtig frei und wohl hab ich mich nie gefühlt.

Ich weiß nicht, wie die Faktoren sind, damit man sich gut fühlt als Mutter ohne seine Kinder zu sein. Vermutlich ist es einfacher, je größer sie sind und je mehr man der Person vertraut, bei der die Kinder sind.

Vielleicht ist es die ersten Jahre auch anders, wenn man Familie in der Nähe hat und die Kinder dort abgibt. Ich weiß es nicht genau.

Ich hab tatsächlich fast zwei Jahre gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Ja, vielleicht muss man es wirklich trainieren. Denn jetzt ist es fantastisch und ich fühle mich, während ich diese Zeilen schreibe nur noch ein bisschen wie eine Rabenmutter. Weil darf man überhaupt sagen, dass man auch Zeiten ohne Kinder schön findet?

Am Anfang habe ich die Zeit genutzt und bin wie irre ins Kino, in Lesungen, ins Theater und in Ausstellungen gegangen.

Nachdem diese Bedürfnisse gestillt waren, nutze ich die Zeit v.a. zum abhängen, basteln (!) und Podcasts hören. Manchmal nehme ich mir auch irrsinnige Koch- oder Backprojekte vor oder ich schaue Serien bis mir der Kopf brummt.

Zu meinem großen Erstaunen habe ich auch die Langweile für mich wiederentdeckt.

Der Tod

Es gibt wirklich dieses Alter in dem sich Todesfälle plötzlich häufen. Das ist sehr grausam – zumal der Tod in unserer Gesellschaft keinen festen Platz hat. Wenn er dann kommt, dann wirft er einen total aus der Bahn.

Den Tod meiner Freundin 2014 habe ich immer noch nicht verwunden. Sie ist jeden Tag bei mir. Im Milchschäumer, in der Farbe Gelb, in einem Zucchiniröllchen, in der Karl-Marx-Allee.

In meinem Mailfach ist die Vergangenheit konserviert. Immer wieder stoße ich auf Zeilen, die Menschen verfasst haben, die es nicht mehr gibt. Das tut sehr weh, denn sie fehlen.

Auch dieses Jahr ist eine Freundin völlig unerwartet gestorben. Die Beerdigung war einer der traurigsten und gleichzeitig erwärmendsten Tage meines Lebens. Mir ist klar geworden, dass die Liebe, die ein Mensch gegeben hat, in denen bleibt, die noch hier sind und dass sie weiter strahlt. Das ist so wahr wie es vielleicht kitschig klingt.

Ich hoffe, dass der Tod mich achtsamer und behutsamer macht und mich lehrt zu schätzen, was ich habe und das ist sehr, sehr viel.

Tatsächlich hilft mir die Erfahrung des Verlusts mir klarer zu werden, wer oder was mir gut tut und lässt mich erkennen, wie ich anderen gut tun kann und es fällt mir leichter mich von dem zu entledigen, das nur Energie absaugt.

Ich bin dankbar für meine fabelhaften Kinder, für meinen Partner (<3) und für meine Freundinnen und Freunde, von denen es nicht viele gibt, aber die wenigen, die bedeuten mir sehr, sehr viel.

2016 insgesamt

Alles in allem gefällt mir mein Leben im Moment gut.

40+ zu sein habe ich mir eingeengter und ernsthafter vorgestellt.

Ich frage mich, ob andere auch so leben in meinem Alter? Ob sie ihre Kleidung auch kaum bügeln, Fertigpizza aufbacken, wenn sie zu müde zum Kochen sind und sich mit großer Freude statt der Tagesschau Studio Ghibli Filme anschauen.

Wahrscheinlich ist das aber auch egal. Denn es soll ja jede so machen, wie es sie glücklich macht.


*Ich schlafe nie bis 9.30 Uhr. Das geht überhaupt nicht. Mein ganzes Leben ging das nicht. Aber ich schlafe bis 8 Uhr und dann lese ich und trinke Kaffee im Bett. Das ist super!

Dunkelziffer der Lesesüchtigen unbekannt

Pixabay @unsplash

Ich bin in einem Dorf groß geworden. Immerhin hatte dieses Dorf eine Bibliothek. Entdeckt habe ich die Bibliothek irgendwann in der Grundschule. Mit dem Wechsel ins Gymnasium hatte ich alle verfügbaren Kinderbücher gelesen.

Damals hat man die ausgeliehenen Bücher noch von Hand in seinem Ausweisbüchlein eingetragen.

Ich erinnere mich, wie ich stundenlang die Regale absuchte, Titel scannte, einzelne Bücher rausnahm, die Inhaltsangabe durchlas und mir nach und nach einen Stapel zusammensuchte.

Dann nahm man die Leihkärtchen aus den Büchern und ging mit seinem Ausleihblock an die Theke.

Immer wenn dieser Block voll war, war ich sehr, sehr stolz.

Nach einigen Jahren hatte ich alle Bücher gelesen, die mich interessierten. Ich las dann aus Langeweile auch die, die mich eigentlich nicht interessierten. Sehr selten, gab es mal ein neues Buch – aber das war die absolute Ausnahme.

Irgendwann in den Sommerferien in Italien lernte ich Kinder aus der Nachbarstadt kennen. Die berichteten von ihrer Bibliothek. Ich merkte mir den Namen und schaute, nachdem wir wieder Zuhause waren, die Adresse im Telefonbuch nach. Dann suchte ich die Adresse auf dem Stadtplan, den meine Eltern im Auto liegen hatten.

Am nächsten Wochenende fuhr ich mit dem Bus in die Stadt und lief dann zur Bibliothek. (Um ins Gymnasium zu kommen, musste ich ohnehin schon Bus in die Stadt fahren. Die Abfahrtszeiten am Wochenende sind nach wie vor abenteuerlich. Ein Bus fährt am Vormittag, einer am frühen Nachmittag).

Ich hatte Glück, ich war früh genug losgefahren! Die Bibliothek war geöffnet. Nach Öffnungszeiten hatte ich nämlich gar nicht geschaut – und tatsächlich schloss sie samstags um 14 Uhr, wie eben alle Geschäfte früher an Samstagen.

Ich erinnere mich an den beeindruckend großen Eingangsbereich, an meine Aufregung und an meine völlige Desorientierung, weil es in alle Richtungen Abteilungen hab, in denen bis (für mich) in unerreichbaren Höhen Bücher standen.

Wie ich es von der Bibliothek meines Dorfs gewohnt war, stapelte ich Bücher und Kassetten (! sie hatten auch Kassetten!!!) und lief zur Ausleihe, um dort zu erfahren, dass ich ohne die Zustimmung meiner Eltern keinen Ausweis bekäme.

Schweren Herzens liess ich meine Auswahl zurück und fuhr aufgebracht nach Hause. Ich war ja wohl schon alt genug, um selbst zu entscheiden, ob ich einen Bibliotheksausweis haben konnte oder nicht!

Bücher waren lange, lange Zeit eine wichtige Freizeitbeschäftigung für mich. Besonders Fantasy Literatur und Science Fiction fand ich faszinierend und ich erinnere mich wie ich mich abends und am Wochenende müde las, mit dem Buch einschlief und dann im Traum den Inhalt weiterträumte.

Die gräßlich langen Sommerferien hätte ich ohne Bücher nicht überstanden.

In der Zwischenzeit lese ich kaum noch Bücher und ich finde es deswegen doch etwas erstaunlich, dass meine Kinder ebenfalls Lesewürmer geworden sind.

Am ausgeprägtesten ist es beim 2. Kind. Das liest quasi immer. IMMER.

„Mama, kannst du mich morgens früher wecken, damit ich lesen kann?“

„Nein, Kind 2.0, wir stehen alle um 6.15 Uhr auf, noch früher aufstehen möchte ich nicht.“

„Mama, kann ich abends länger wachbleiben, um zu lesen?“

„Eine halbe Stunde, dafür bist du jetzt alt genug, aber wirklich nicht mehr. Du brauchst deinen Schlaf!“

„Mama, kannst du mir meine Bücher mitbringen?“

„Mama, kann ich in die Bibliothek?“

„Mama, kann ich die Bücher mit in die Schule nehmen?“

Es liest beim Laufen, es liest in den Pausen, es kommt von der Schule nach Hause, vergisst Hausaufgaben, liest und liest.

Selbst die Anschaffung eines Smartphones hat nicht geholfen. Dieses Kind, es ist SÜCHTIG!

Ehrlich gesagt, weiß ich auch gar nicht mehr, wie das Kind genau aussieht, es hält sich ja immer Bücher vors Gesicht.

Im Urlaub, habe ich ihm Nachrichten und Fotos geschickt, aber das Kind hat sie alle nicht gelesen. Was macht man da als Mutter? Muss ich schimpfen, dass es nie auf das Smartphone schaut? Kann ich fordern, dass es mindestens einmal am Tag auf das Gerät schaut?

Abends will es am Vorlese- und Singritual nicht mehr teilnehmen. Es will selbst lesen. Erst alle Ella Bücher, dann alle Kiki Bücher, dann 264 Pferdebücher, dann ??? Kids und jetzt diese Cat Warrior Bücher.

Wenn es spricht, dann verstehe ich nicht viel. Flußclankatzen? Die Knochen der Vorfahren um den Hals tragen? Hundemeute? Wasser? Da! Loch! (Das Kind lacht).

Allerdings – eine gute Sache hat diese Marotte – ich bin die liebste Mama der Welt. Ich hab dem Kind nämlich gezeigt, wie man sich eBooks in der Bibliothek leiht. Zum Beispiel abends um 20 Uhr, wenn man den einen Band gerade fertig gelesen hat, der einen fiesen Cliffhanger hat und man UN-BE-DINGT weiter lesen möchte.

Das ist schon sehr, sehr toll.

(Ein bisschen schade ist nur, dass man geliehene eBooks nicht zurück buchen kann. Ist die Ausleihzeit einmal festgelegt, ist das Buch erst nach Ablauf dieser Frist wieder ausleihbar.)

Dennoch. Mir hätte das auch gefallen. Vor allem dann, wenn man nicht stöbern will, sondern einfach den nächsten Band verschlingen möchte.

Wie Kind 2.0 sagt: Bibliotheken sind Netflix für Buchstaben. Man kann einfach weiter und weiter und weiter lesen und am nächsten Tag sehr unausgeschlafen sein.

Und hat’s mir geschadet?*


*Bitte antworten Sie nicht.

Make your Kühlschrank smart and revolutionier your Family Life

Links: ich, rechts: mein nicht smarter Kühlschrank
Links: ich, rechts: mein nicht smarter Kühlschrank

Neulich habe ich eine Pressemitteilung über einen Kühlschrank bekommen. Tatsächlich habe ich sie gelesen, weil ich mich derzeit für Kühlschränke interessiere. Meiner ist aus der Zeit in der ich noch jung war. Damals war er State of the Art. Er glänze durch zwei Funktionen:

  1. kühlen und
  2. Innenbeleuchtung (aber nur wenn er geöffnet ist. Ich hab das gewissenhaft untersucht)

2006 ist die Innenbeleuchtung leider kaputt gegangen und die letzten beiden Sommer hat der Kühlschrank nur noch unter großen Mühen gekühlt. Das Kühlen hat ihn so angestrengt, dass er sehr viel Wasser ausgeschwitzt hat, das ich ihm regelmäßig mit einem Lappen entfernt habe. So alle drei Stunden.

So ist der Kühlschrank zum Familienmitglied geworden. Alle paar Stunden muss er versorgt werden, er macht seit geraumer Zeit komische Geräusche und leider steht er auch im Weg herum.

Meine Küche ist klein. Der Kühlschrank hingegen sehr, sehr groß, aber Platz fand er damals nur genau in der Mitte der Küchenzeile. So bleibt links des Kühlschranks nur 40 cm Arbeitsfläche.

Aber ich komme schon klar. Der Kühlschrank und ich, wir sind gute Kumpels. Wir wissen beide, dass Perfektion nicht alles ist.

Jedenfalls bekam ich heute eine Pressemeldung über einen Kühlschrank. 4.299 Euro soll er kosten. Und nein, da habe ich nicht aus Versehen eine Stelle zu viel getippt.

4.299 Euro. Ich glaube, wenn ich den Wert aller technischen Geräte, die ich besitze, aufsummiere, komme ich auf diese Summe. Ich sag mal so: Das ziemlich überteuerte iPhone, an das ich mich aber leider gewöhnt habe, ist da schon eingerechnet.

Also 4.299 Euro. Eigentlich steht das nicht am Anfang der Pressemitteilung. Wahrscheinlich wollte sich der Hersteller diesen Preis als Pointe aufheben, die ich jetzt leider so ein bisschen verpatzt habe.

Also nochmal zurück zum Kühlschrank, der übrigens natürlich nicht Kühlschrank sondern Family Servant heisst und als smarter Partner fürs Leben angepriesen wird. Denn – ein kluger Produktentwickler saß vermutlich morgens mal auf der Toilette und da fiel ihm auf: Ein Kühlschrank, der nur kühlt, das ist doch totale Platzverschwendung. Mach ich ihn doch einfach smart! Und wie macht man das? Richtig! Mit einem Tablett vorne dran.

Also verbaut man ein drölfzig Zoll großes WLAN fähiges Tablett an diesem Kühlschrank. Und jetzt kommts! Auf dem kann man malen! Es. ist. nämlich. ein. Touchscreen. (Super Idee so ein Touchscreen in der Küche zwischen all den Fettdämpfen und schmutzigen Kinderhänden – aber was solls, dann dürfen die störenden Kinder eben nicht mehr in die Küche).

Crazy Shit oder?

Das ist aber nicht alles: Man kann auch darauf schreiben!
JA!

Das ist aber immer noch nicht alles. Das Tablett kann auch Sprachnachrichten abspielen („Nuf, mach‘ sofort wieder die Tür zu! Es ist nach 18 Uhr, du bist doch schon wieder an den Kohlenhydraten!“) und TV-Mirroring*

Der Kühlschrank wird somit das Zentrum des Family Lifes.

Aber richtig cool ist eben, dass der Kühlschrank Kameras hat, die den Innenraum überwachen. So kann man ihn beim Shoppen quasi fragen was fehlt.

(Ob man das irgendwie hacken kann? Also dass man z.B. die Schulranzen da rein kippt und der Kühlschrank einem dann sagt, welche Hausaufgaben noch fehlen? Oder die gepackten Koffer für den Urlaub „Eh Nuf, Du hast drei Schlüppis zu wenig eingepackt!“)

Doch nicht genug, er meldet auch abgelaufene Lebensmittel.

Ein bisschen enttäuscht war ich allerdings, dass er sie nicht gleich eliminiert. Per Laserstrahlen oder Vaporisator. Das könnte bei dem Preis eigentlich drin sein, oder? Ich stelle mir das toll vor. Die Tür des Kühlschranks müsste natürlich transparent sein und natürlich würde ich extra abgelaufene Lebensmittel reinwerfen nur um zu sehen wie sie zerstört werden (bestimmt kann man mit der Abwärme die Wohnung heizen – das wäre für mich ja auch ein sehr angenehmer Nebeneffekt).

Jedenfalls, ich habe die Firma angeschrieben, ob ich wohl ein Rezensionsexemplar haben könnte. Ich bin gespannt, was sie antworten.

(Wobei ich ja eigentlich lieber so eine smarte Wohnung wie mein Kollege hätte, der kann zB seiner Frau beim Kacken das Licht ausschalten obwohl er im Büro sitzt. Aber sowas gibt es nicht Out of the Box. Das muss man sich dann eben selbst bauen.)


 

*im Kleingedruckten steht: WLAN erforderlich. Was da nicht steht: TV erforderlich. Hab ich nämlich nicht. Da wäre ich ja ganz schön enttäuscht gewesen!

 

Bitte stellen Sie keine Fragen…

Pixabay @Alexas_Fotos
Pixabay @Alexas_Fotos

… also zumindest nicht, wenn Sie vorher nicht ganz genau über die Formulierung nachgedacht haben und ansonsten besser auch nicht, denn alleine die Frage ist – Zitat „anmaßend“.

Moment? Worum geht es eigentlich?

Ich habe am Montag über die Veranstaltung „Vater sein braucht Zeit“ gebloggt. Nachhaltig fasziniert haben mich v.a. die Männer, die zwar Kinder haben wollen/haben, die aber nach eigenen Aussagen kaum bis keine Zeit für Familie haben. Die Arbeit geht (aus den unterschiedlichsten Gründen) vor und eine Änderung dieses Zustands ist auch nicht zu erwirken.

Morgens hab ich mich beim Frühstück mit meinem Freund unterhalten, was wohl die Kinderhabenmotivation dieser Menschen sein könnte. Ich kann nämlich sehr gut nachvollziehen, dass man sehr gerne und viel arbeitet und ich glaube auch nicht, dass alle Menschen unbedingt Kinder brauchen.

Die Kombination von morgens bis abends und am Wochenende arbeiten und Kinder wollen, fühlt sich für mich fremd an.

Deswegen habe ich getwittert:

Darauf habe ich ziemlich viele Antworten bekommen. Zynische, sehr offene, konstruktive und sachliche Antworten und v.a. auch die Kritik, dass ich an dieser Stelle werte und im Grunde anderen Menschen (meistens wurde herausgelesen, dass ich Mütter meine…) verbiete, Kinder zu bekommen.

Ein Höhepunkt:

Nun.

Welchen Schuh ich mir gut anziehen kann: Ich hätte in der Frage das „eigentlich“ und das „überhaupt“ weglassen können.

Anderer Punkt: Twitter ist kein geeignetes Medium eine differenzierte Diskussion zu führen. Stimmt auch. Mir war tatsächlich nicht bewusst, dass dieser Tweet ca. 50 Antworten (und andere, empörte Nonmentions) hervorrufen würde.

Point taken.

Dennoch: Ich habe diese Frage getwittert, weil ich es schwer finde, Motivationen, die meiner eigenen sehr weit entfernt sind, nachzuvollziehen.

Und um das klar zu stellen: In dem Tweet steht nicht: Karriere UND Kinder sollen sich ausschließen. Es steht da auch nicht: Arbeitende Mütter sind doof.

(Ich würde mich selbst beschimpfen. Ich arbeite 30 Std die Woche als IT-Projektmanagerin, meine Kinder sind mit 11 und 18 Monaten in den Kindergarten gekommen.)

Der Tweet spricht Frauen und Männer gleichermaßen an. Wobei ich zugeben muss (siehe Vorgeschichte), ich hatte in aller erster Linie Männer im Kopf. Mütter als Rabenmütter zu beschimpfen, weil sie arbeiten gehen – die Sau wurde ja nun ausreichend durch das Elterndorf getrieben. Väterkarrieren in Frage zu stellen – das ist eigentlich tabu.

Da sind wir beim nächsten Problem: Was ist eigentlich Karriere?

Hachja und da merke ich, es ist wahnsinnig kompliziert die Frage korrekt zu stellen.

Denn ich meinte auch nicht den Vater, der abends in der Tankstelle arbeitet und tagsüber als Handyverkäufer, der das tut, weil er das tun muss, weil es eine wirtschaftliche Notwenigkeit gibt.

Durch die Antworten fiel mir dann auf: Stimmt. Ein Selbständiger, einer, der ein Geschäft aufgebaut hat, einer der für die Gehälter von anderen zuständig ist, der ist auch einem anderen Druck ausgesetzt als einer, der eben in erster Linie ein Bürojob hat.

Meine begrenzte Vorstellungswelt hat mir also einen Streich gespielt – denn in meiner Lebensumgebung gibt es einen bestimmten Vatertyp, den Johnny , der auch bei „Vater sein braucht Zeit“ war, gut beschreibt:

Ihre beruflichen wie sozialen Privilegien wollen sie insgesamt ebenso wenig aufgeben, wie ihre angebliche Unersetzbarkeit in Job und gar die eigene Karriere. Diese Entbehrungen schiebt man gern der Partnerin zu. Ganz auf Augenhöhe versteht sich – immerhin sind es ja modern denkende Männer.

Wie aber bekommt man mehr Zeit mit dem Kind, ohne dabei seine Privilegien, sein Haus, sein Boot aufs Spiel zu setzen? Richtig, man schaut nicht auf den eigenen Nabel, sondern fordert von anderen ein. Am liebsten natürlich von der großen Bundespolitik.

Also jene Väter, gut verdienend, in gehobenen Positionen, die ihre Priorität (siehe Tweet „über alles“) auf den Job gelegt haben, die Zuhause zwischen 8 und 20 Uhr v.a. durch Abwesenheit glänzen – warum wollen die eigentlich Kinder? Die es nicht zum Adventsbasteln, nicht zum Sommerfest, nicht zum Elternabend, nicht zum PeKiP-Kurs schaffen. Die nicht wissen, was das Kind zuletzt gelesen hat, wie der beste Freund heisst und wann die nächste Deutscharbeit ist oder welches Computerspiel das Kind am liebsten spielt und warum…

(Wollen habta gelesen, ne? Nicht sollen die haben dürfen)

Folgende Antworten haben mir geholfen zu verstehen, warum jener Mann Kinder haben möchte:

  • Man lebt bereits viele Jahre glücklich mit einer Partnerin zusammen, die einen Kinderwunsch hat. Man selbst hat keinen, aber der Partnerin will man das nicht verwehren. Das Paar geht davon aus, dass es mit Kind auch gut klappt.
  • Es scheint eine Art „heteronormative Vorstellung“ zu geben, die sagt: Ab Alter X ist eine Familie dann eine Familie, wenn sie aus den Elementen Vater, Mutter, Kind besteht. Das Kind gehört dazu, wie die Ehe, das Haus, das Auto. Familie haben ist ein Status.
  • Kinder zu haben ist (für manche) ein menschliches Grundbedürfnis. Egal wie die berufliche oder sonstige Lebenssituation aussieht.
  • Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen „Kinder bekommen“ und „Genügend Zeit für Kinder haben“. Kinder kann man auch so bekommen. Eine gute Eltern-Kind-Beziehung kann man auch mit wenig Zeit aufbauen. (Die Grundannahme der Frage ist also falsch)
  • Insbesondere Teresa Bücker hatte (für mich) sehr einleuchtende Antworten:

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Am Ende ist die einfachste Antwort vielleicht die einleuchtendste:

Deswegen allen, die mir (und den anderen Antwortenden) geantwortet haben ohne mir Polemik, Dümmlichkeit, Dreistigkeit und Primitivheit vorzuwerfen: Vielen Dank. Ich kann es jetzt besser nachvollziehen (auch wenn es nicht mein eigenes Lebensmodell ist). Persönlich ist es mir wichtig verschiedene Lebensentwürfe zu verstehen. Im Grunde kann man von Pluralität immer nur profitieren. Schließlich ändert sich das eigene Lebensmodell auch mal. Manchmal auch völlig ungeplant und wie gut ist es da, wenn man sieht, dass man auf zig Varianten ebenfalls zufrieden und glücklich leben kann.

Bussi, arbeitende Rabenmama Patricia


Der Vollständigkeit halber – wen interessiert, was ich persönlich über den Zusammenhang von Zeit und Beziehungspflege denke, der kann lesen „Vereinbarkeit, Beziehungsaufbau und Smartphones“ und „Der Alleszusammenmachkult„.

Vater sein braucht Zeit

Vater sein braucht ZeitIch war auf einer Väter-Veranstaltung und obwohl ich es mir kaum vorstellen konnte, kam diese ganze fünf Stunden ohne Heldenmetapher aus. Das möchte ich lobend vorab erwähnen. Die Wetten standen im Vorfeld 4 zu 0 dagegen.

Das Thema Väter (und deren Einsatz im Familienalltag) treibt mich umher. Deswegen war ich sehr neugierig, was auf der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend initiierten Veranstaltung „Vater sein braucht Zeit“ zu hören sein würde.

Das Programm war schonmal vielversprechend.

In einem kleinen Panel wurde über das Thema „Vatersein heute“ gesprochen. Es beteiligten sich Dr. Elke Ellner (Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager), Andreas Heimer (Prognos AG) und Stefan Reuyß (SoWiTra).

Danach ging es in die Workshops zu den folgenden Themen:

  • Elternzeit und Familienalltag – wie klappt das?
  • Politik für aktive Väter – Erfahrungen und Wünsche
  • Getrennt erziehen – gemeinsam Beruf und Familie vereinbaren
  • Vater sein im Beruf – wie kann das gehen?

Frau Schwesig konnte dann leider nicht kommen und ließ sich von Caren Marks vertreten (Parlamentarischen Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), die das Konzept der Familienarbeitszeit vorstellte und bewarb und auch deutlich machte, dass es für Unternehmen letztendlich wirtschaftlich ist, familienfreundlich zu sein.

Zum Abschluss gab es eine weitere Gesprächsrunde zum Thema „Zeit für Väter“.

Vatersein braucht Zeit

Als Mutter auf einer Vaterveranstaltung

Im Vorfeld hab ich mich gefragt, wie es wohl ist als Frau zu einer explizit an Männer gerichtete Veranstaltung zu gehen. In meiner Fantasie würde ich ganz allein zwischen all den Männern stehen.

Dann musste ich über mich selbst lachen, denn:

a) ist es natürlich ein total gewohntes Gefühl: als Frau zu einer Veranstaltung zu gehen, bei der hauptsächlich Männer sind

und

b) waren da nicht hauptsächlich Männer – es ging schließlich um Kinder und Erziehungszeiten – offenbar für viele immer noch kein echtes Männerthema – tatsächlich würde ich denken, waren dort maximal 60 – 70% Männer (naja immerhin!).

Es gibt nicht DIE Väter

Das Themenspektrum war groß und deswegen sehr interessant.

Es gab sowohl die Väter, die leider unter gar keinen Umständen niemals nicht auch nur länger als und selbst das war sehr schwierig, 14 Tage Elternzeit nehmen können. Denn: sie sind unersetzlich. Niemand kann sich in deren Themen einarbeiten, niemand kann das wuppen, die Kunden wollen das auch nicht, die wollen überhaupt ständige Verfügbarkeit, die wollen nur ihn.

(Ich höre solchen Männern aufmerksam zu und beobachte ihr Gesicht dabei und stelle immer wieder fest: die glauben das wirklich. Sie glauben es von Herzen und auf eine bizarre Art leiden sie unter ihrer Unverzichtbarkeit. Doch sie nehmen ihr Schicksal hin. Auch wenn sie sonst eher so wirken, als würden sie in einem Meeting auch mal mit der Faust auf den Tisch schlagen um sich durchzusetzen. Dass ihnen nicht gestattet wird sich als Vater einzubringen, das ist eben so.)

Dann gab es die „Ich würde gerne mehr machen, aber ich befürchte Karriereknicke“-Männer, die sich aber immerhin einen Papa-Tag freigeschaufelt haben. Ein Papa-Tag ist ein Tag, an dem ein Mann in der Regel (es sei denn es steht etwas wichtiges an) um 15.30 Uhr frei nimmt, um sich um die Kinder zu kümmern. Solche Väter nehmen sich auch zu Sonderevents frei. Immer wieder wurde der Laternenumzug genannt. Die Sie-wollen-ja-Väter können zwar nicht am Bastelnachmittag freinehmen – den Laternenumzug, den lassen sie sich aber nicht nehmen.

Und ganz zuletzt gab es die Männer, die womöglich ein halbes Jahr und länger Elternzeit genommen haben, die alle Höhen und Tiefen der Care-Arbeit durchlebt haben und die gar nicht verstehen, was das Problem an einer aktiven Vaterschaft sein könnte. Klar gibt es Hindernisse und auch finanzielle Einbußen, aber das erleben Frauen seit Jahrzehnten und so hat man(n) das pragmatische Ziel gemeinsam an der Ebnung des Weges der Elternschaft zu arbeiten. Ohne ewige Lobhudelei, ohne Extraorden, ohne Superpapa-Status – einfach weil diese Männer es wollen – weil sie für ihre Kinder ernstzunehmender Elternteil sein wollen. Weil ihnen die Beziehung zu ihren Kindern wichtig ist.

Ergebnisse des Väterreports „Vater sein in Deutschland heute“ 2016

Interessant fand ich einige Ergebnisse des aktuellen Väterreports 2016, die genannt wurden.

So z.B. der Umstand, dass viele Männer ihre Wünsche aktiver Vaterschaft nicht in die Realität umsetzen, weil sie Karrierehindernisse fürchteten, die in der Realität tatsächlich gar nicht so bestehen.

Oder je länger Männer Elternzeit nehmen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich an normalen Arbeitstagen um die Kinder kümmern, Zeit mit ihnen verbringen und in ihre Pflege eingebunden sind.

Sowie die Erkenntnis, dass familienfreundliche Unternehmen betriebswirtschaftlich erfolgreicher sind. Sie haben zufriedenere Mitarbeiter, geringere Fehlzeiten und eine höhere Produktivität.

Zusammenfassend kann man aber sagen: Wunsch und Wirklichkeit klaffen immer noch weit auseinander. Was sich Väter wünschen und was sie dann wirklich umsetzen wenn die Kinder geboren werden, steht auf zwei unterschiedlichen Blättern.

Ermüdende Argumente

Ich muss auch sagen, dass es mir sehr schwer fällt, einige Argumente, die immer wieder kommen, zu ertragen: So z.B. das Quality Time Argument

Immer wieder wird gesagt, dass es nicht auf die Menge sondern die Qualität der Zeit ankommt, die Eltern mit ihren Kindern verbringen.

Artikel wie „Wie Sie ein toller Papa mit nur 15 Minuten Zeit am Tag sein können“ geben dabei Tipps, wie man(n) seine täglichen 15 min wertvoll einsetzen kann.

Das ist schon sehr absurd.

In der Netflix Doku „Beginning of Life“ sagt eine Mutter (sinngemäß): „Wenn ich diesen Quatsch von Quality Time höre. Das sage ich einem Chef morgen auch. Ich arbeite jetzt jeden Tag nur 15 Minuten, aber das wirklich mit einer sehr hohen Qualität. Bei voller Bezahlung versteht sich.“

Daran muss ich immer wieder denken: Wie absurd es wäre, wenn man an anderen Stellen so argumentiert. Auch für eine Beziehung zum Kind ist es wichtig, dass man präsent ist. Und mir kann keiner erzählen, dass fünfzehn Minuten täglich das selbe Ergebnis bringen, wie wenn man mit den Kindern frühstückt, weiß was sie in ihre Brotdosen möchten, sie in die Schule bringt, abholt, mit ihnen spielt, bastelt, Hausaufgaben macht, Abendessen macht, ihnen zuhört, was sie beschäftigt, ihnen vorliest, sie ins Bett bringt, bei Kummer ein offenes Ohr hat, ihnen Wärmekissen bringt, wenn sie Bauchschmerzen haben etc.

Zumal auf der anderen Seite: die Väter, die sich jeden Tag nur einige Minuten Zeit für ihren Nachwuchs nehmen (können), denen ist natürlich nicht zuzumuten, dass sie mal Kotze aufwischen oder Kackwindeln wechseln. Das ist ja keine Quality Time. Quality Time ist von der Arbeit kommen und den zähnegeputzen Kindern im Schlafanzug 20 min was vorlesen und ihnen dann ein Bussi zu geben und zu sagen: Jetzt aber ab ins Bett. Papi schaut jetzt Auslandsjournal.

Ähnlich ermüdend das Argument, man(n) könne nicht in Elternzeit gehen, weil das erhebliche finanzielle Einbußen nach sich zöge. Der Höchstsatz ist ausserdem so niedrig. Ergo kann sich kein Chirurg und kein Pilot leisten in Elternzeit zu gehen… (muss ich noch erklären über was im Detail ich mich da aufregen kann? Wie konnten sich all die hochbezahlten Männer eigentlich vor 2007 Kinder leisten? – Achso, da mussten einfach ihre akademisch ausgebildeten Ehefrauen ihre Karrierewünsche zurück stecken? Alles wie immer also)

Hmpf.

Jetzt ist es mir doch wieder etwas entglitten.

Es gibt aber Hoffnung

Dabei gab es viele, sehr gute Aspekte bei der Veranstaltung.

So zum Beispiel der Gedanke, dass es einen Paradigmen-Wechsel geben muss, was die Rollenbilder angeht und dass es vielen (älteren) Personalern und auch Chefs schwer fällt diesen Paradigmenwechsel mitzumachen, weil sie eben jahrzehntelang eine andere Idee von Elternschaft/Vaterschaft hatten.

Das Neue anzuerkennen und zu fördern, bedeutet eben auch immer das eigne (vergangene) Leben in Frage zu stellen: Und wem fällt es da schon leicht festzustellen, dass er vielleicht das halbe Leben seiner Kinder verpasst hat, weil er die Karriere vorgezogen hat.

Viele merken das erst als Großväter.

Das Thema ist schwierig und es wurde auch immer wieder betont, wie viel sich in den letzten dreißig Jahren getan hat und dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Ich bin auch immer hin- und hergerissen zwischen der Frage: Muss ich Gabriel dankbar sein, weil er Elternzeit überhaupt als Spitzenpolitiker ins Gespräch bringt (auch wenn er sie natürlich nicht nehmen kann, weil ja Wahlkampf und so) oder darf ich das albern finden (weil er könnte ja auch einfach sagen: mein Kind wird geboren und ich möchte das alles miterleben und selbst wenn das bedeutet, dass ich einen Karriereknick erlebe… diese Zeit kommt nie wieder und ist durch nichts zu ersetzen).

Ist es im Sinne der Politik der kleinen Schritte die Super-Väter zu beklatschen oder passiert Veränderung nur, wenn es auch wirklich Veränderungsdruck und Fordernde gibt?

Am Ende sind ja viele Diskussionen nur für einen ganz bestimmten Teil der Gesellschaft überhaupt relevant. Elternzeit, Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, feste Meetingzeiten… auf wie viele Berufe trifft das zu?

In der Stadt – in den ehemaligen ostdeutschen Gebieten sieht das mit der Kinderbetreuung ohnehin völlig anders aus (und damit auch die Möglichkeiten für Mann und Frau arbeiten zu gehen).

Frau Schwesig betont auch immer wieder wie katastrophal in Deutschland die Hortbetreuung ist. Selbst wenn Mann/Frau nach der Geburt relativ zügig wieder arbeiten gehen, wird die Einschulung des Kindes plötzlich ein Problem.

Was ist eigentlich mit den Polizisten, Krankenpflegern, Verkäufern im Einzelhandel, Industriearbeitern und Handwerkern? Und was mit den Hartz IV Empfängern, den dann noch Kindergeld und Elterngeld abgezogen wird?

Es bleibt kompliziert. Wenigstens ist es nicht hoffnungslos und ich freue mich, dass ich bei solchen Veranstaltungen immer wieder zwischen Männern stehe, die sich auch fremdschämen wenn irgendwo wieder ein Foto von einem Mann gepostet wird, der sich rühmt für seine Frau nachts auch mal das eigene Kind für zwei Stunden zu übernehmen und dann Männer darunter kommentieren: „UND TROTZDEM GIBT ES NOCH FRAUEN, DENEN DAS NICHT GENUG IST!“ oder Frauen schreiben: „Mein GöGa macht das auch. Weißt du noch Joachim? Vor zwei Monaten als ich Geburtstag hatte, bist du auch mal aufgestanden mit Susi.“