Vater sein braucht Zeit

Vater sein braucht ZeitIch war auf einer Väter-Veranstaltung und obwohl ich es mir kaum vorstellen konnte, kam diese ganze fünf Stunden ohne Heldenmetapher aus. Das möchte ich lobend vorab erwähnen. Die Wetten standen im Vorfeld 4 zu 0 dagegen.

Das Thema Väter (und deren Einsatz im Familienalltag) treibt mich umher. Deswegen war ich sehr neugierig, was auf der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend initiierten Veranstaltung „Vater sein braucht Zeit“ zu hören sein würde.

Das Programm war schonmal vielversprechend.

In einem kleinen Panel wurde über das Thema „Vatersein heute“ gesprochen. Es beteiligten sich Dr. Elke Ellner (Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager), Andreas Heimer (Prognos AG) und Stefan Reuyß (SoWiTra).

Danach ging es in die Workshops zu den folgenden Themen:

  • Elternzeit und Familienalltag – wie klappt das?
  • Politik für aktive Väter – Erfahrungen und Wünsche
  • Getrennt erziehen – gemeinsam Beruf und Familie vereinbaren
  • Vater sein im Beruf – wie kann das gehen?

Frau Schwesig konnte dann leider nicht kommen und ließ sich von Caren Marks vertreten (Parlamentarischen Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), die das Konzept der Familienarbeitszeit vorstellte und bewarb und auch deutlich machte, dass es für Unternehmen letztendlich wirtschaftlich ist, familienfreundlich zu sein.

Zum Abschluss gab es eine weitere Gesprächsrunde zum Thema „Zeit für Väter“.

Vatersein braucht Zeit

Als Mutter auf einer Vaterveranstaltung

Im Vorfeld hab ich mich gefragt, wie es wohl ist als Frau zu einer explizit an Männer gerichtete Veranstaltung zu gehen. In meiner Fantasie würde ich ganz allein zwischen all den Männern stehen.

Dann musste ich über mich selbst lachen, denn:

a) ist es natürlich ein total gewohntes Gefühl: als Frau zu einer Veranstaltung zu gehen, bei der hauptsächlich Männer sind

und

b) waren da nicht hauptsächlich Männer – es ging schließlich um Kinder und Erziehungszeiten – offenbar für viele immer noch kein echtes Männerthema – tatsächlich würde ich denken, waren dort maximal 60 – 70% Männer (naja immerhin!).

Es gibt nicht DIE Väter

Das Themenspektrum war groß und deswegen sehr interessant.

Es gab sowohl die Väter, die leider unter gar keinen Umständen niemals nicht auch nur länger als und selbst das war sehr schwierig, 14 Tage Elternzeit nehmen können. Denn: sie sind unersetzlich. Niemand kann sich in deren Themen einarbeiten, niemand kann das wuppen, die Kunden wollen das auch nicht, die wollen überhaupt ständige Verfügbarkeit, die wollen nur ihn.

(Ich höre solchen Männern aufmerksam zu und beobachte ihr Gesicht dabei und stelle immer wieder fest: die glauben das wirklich. Sie glauben es von Herzen und auf eine bizarre Art leiden sie unter ihrer Unverzichtbarkeit. Doch sie nehmen ihr Schicksal hin. Auch wenn sie sonst eher so wirken, als würden sie in einem Meeting auch mal mit der Faust auf den Tisch schlagen um sich durchzusetzen. Dass ihnen nicht gestattet wird sich als Vater einzubringen, das ist eben so.)

Dann gab es die „Ich würde gerne mehr machen, aber ich befürchte Karriereknicke“-Männer, die sich aber immerhin einen Papa-Tag freigeschaufelt haben. Ein Papa-Tag ist ein Tag, an dem ein Mann in der Regel (es sei denn es steht etwas wichtiges an) um 15.30 Uhr frei nimmt, um sich um die Kinder zu kümmern. Solche Väter nehmen sich auch zu Sonderevents frei. Immer wieder wurde der Laternenumzug genannt. Die Sie-wollen-ja-Väter können zwar nicht am Bastelnachmittag freinehmen – den Laternenumzug, den lassen sie sich aber nicht nehmen.

Und ganz zuletzt gab es die Männer, die womöglich ein halbes Jahr und länger Elternzeit genommen haben, die alle Höhen und Tiefen der Care-Arbeit durchlebt haben und die gar nicht verstehen, was das Problem an einer aktiven Vaterschaft sein könnte. Klar gibt es Hindernisse und auch finanzielle Einbußen, aber das erleben Frauen seit Jahrzehnten und so hat man(n) das pragmatische Ziel gemeinsam an der Ebnung des Weges der Elternschaft zu arbeiten. Ohne ewige Lobhudelei, ohne Extraorden, ohne Superpapa-Status – einfach weil diese Männer es wollen – weil sie für ihre Kinder ernstzunehmender Elternteil sein wollen. Weil ihnen die Beziehung zu ihren Kindern wichtig ist.

Ergebnisse des Väterreports „Vater sein in Deutschland heute“ 2016

Interessant fand ich einige Ergebnisse des aktuellen Väterreports 2016, die genannt wurden.

So z.B. der Umstand, dass viele Männer ihre Wünsche aktiver Vaterschaft nicht in die Realität umsetzen, weil sie Karrierehindernisse fürchteten, die in der Realität tatsächlich gar nicht so bestehen.

Oder je länger Männer Elternzeit nehmen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich an normalen Arbeitstagen um die Kinder kümmern, Zeit mit ihnen verbringen und in ihre Pflege eingebunden sind.

Sowie die Erkenntnis, dass familienfreundliche Unternehmen betriebswirtschaftlich erfolgreicher sind. Sie haben zufriedenere Mitarbeiter, geringere Fehlzeiten und eine höhere Produktivität.

Zusammenfassend kann man aber sagen: Wunsch und Wirklichkeit klaffen immer noch weit auseinander. Was sich Väter wünschen und was sie dann wirklich umsetzen wenn die Kinder geboren werden, steht auf zwei unterschiedlichen Blättern.

Ermüdende Argumente

Ich muss auch sagen, dass es mir sehr schwer fällt, einige Argumente, die immer wieder kommen, zu ertragen: So z.B. das Quality Time Argument

Immer wieder wird gesagt, dass es nicht auf die Menge sondern die Qualität der Zeit ankommt, die Eltern mit ihren Kindern verbringen.

Artikel wie „Wie Sie ein toller Papa mit nur 15 Minuten Zeit am Tag sein können“ geben dabei Tipps, wie man(n) seine täglichen 15 min wertvoll einsetzen kann.

Das ist schon sehr absurd.

In der Netflix Doku „Beginning of Life“ sagt eine Mutter (sinngemäß): „Wenn ich diesen Quatsch von Quality Time höre. Das sage ich einem Chef morgen auch. Ich arbeite jetzt jeden Tag nur 15 Minuten, aber das wirklich mit einer sehr hohen Qualität. Bei voller Bezahlung versteht sich.“

Daran muss ich immer wieder denken: Wie absurd es wäre, wenn man an anderen Stellen so argumentiert. Auch für eine Beziehung zum Kind ist es wichtig, dass man präsent ist. Und mir kann keiner erzählen, dass fünfzehn Minuten täglich das selbe Ergebnis bringen, wie wenn man mit den Kindern frühstückt, weiß was sie in ihre Brotdosen möchten, sie in die Schule bringt, abholt, mit ihnen spielt, bastelt, Hausaufgaben macht, Abendessen macht, ihnen zuhört, was sie beschäftigt, ihnen vorliest, sie ins Bett bringt, bei Kummer ein offenes Ohr hat, ihnen Wärmekissen bringt, wenn sie Bauchschmerzen haben etc.

Zumal auf der anderen Seite: die Väter, die sich jeden Tag nur einige Minuten Zeit für ihren Nachwuchs nehmen (können), denen ist natürlich nicht zuzumuten, dass sie mal Kotze aufwischen oder Kackwindeln wechseln. Das ist ja keine Quality Time. Quality Time ist von der Arbeit kommen und den zähnegeputzen Kindern im Schlafanzug 20 min was vorlesen und ihnen dann ein Bussi zu geben und zu sagen: Jetzt aber ab ins Bett. Papi schaut jetzt Auslandsjournal.

Ähnlich ermüdend das Argument, man(n) könne nicht in Elternzeit gehen, weil das erhebliche finanzielle Einbußen nach sich zöge. Der Höchstsatz ist ausserdem so niedrig. Ergo kann sich kein Chirurg und kein Pilot leisten in Elternzeit zu gehen… (muss ich noch erklären über was im Detail ich mich da aufregen kann? Wie konnten sich all die hochbezahlten Männer eigentlich vor 2007 Kinder leisten? – Achso, da mussten einfach ihre akademisch ausgebildeten Ehefrauen ihre Karrierewünsche zurück stecken? Alles wie immer also)

Hmpf.

Jetzt ist es mir doch wieder etwas entglitten.

Es gibt aber Hoffnung

Dabei gab es viele, sehr gute Aspekte bei der Veranstaltung.

So zum Beispiel der Gedanke, dass es einen Paradigmen-Wechsel geben muss, was die Rollenbilder angeht und dass es vielen (älteren) Personalern und auch Chefs schwer fällt diesen Paradigmenwechsel mitzumachen, weil sie eben jahrzehntelang eine andere Idee von Elternschaft/Vaterschaft hatten.

Das Neue anzuerkennen und zu fördern, bedeutet eben auch immer das eigne (vergangene) Leben in Frage zu stellen: Und wem fällt es da schon leicht festzustellen, dass er vielleicht das halbe Leben seiner Kinder verpasst hat, weil er die Karriere vorgezogen hat.

Viele merken das erst als Großväter.

Das Thema ist schwierig und es wurde auch immer wieder betont, wie viel sich in den letzten dreißig Jahren getan hat und dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Ich bin auch immer hin- und hergerissen zwischen der Frage: Muss ich Gabriel dankbar sein, weil er Elternzeit überhaupt als Spitzenpolitiker ins Gespräch bringt (auch wenn er sie natürlich nicht nehmen kann, weil ja Wahlkampf und so) oder darf ich das albern finden (weil er könnte ja auch einfach sagen: mein Kind wird geboren und ich möchte das alles miterleben und selbst wenn das bedeutet, dass ich einen Karriereknick erlebe… diese Zeit kommt nie wieder und ist durch nichts zu ersetzen).

Ist es im Sinne der Politik der kleinen Schritte die Super-Väter zu beklatschen oder passiert Veränderung nur, wenn es auch wirklich Veränderungsdruck und Fordernde gibt?

Am Ende sind ja viele Diskussionen nur für einen ganz bestimmten Teil der Gesellschaft überhaupt relevant. Elternzeit, Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, feste Meetingzeiten… auf wie viele Berufe trifft das zu?

In der Stadt – in den ehemaligen ostdeutschen Gebieten sieht das mit der Kinderbetreuung ohnehin völlig anders aus (und damit auch die Möglichkeiten für Mann und Frau arbeiten zu gehen).

Frau Schwesig betont auch immer wieder wie katastrophal in Deutschland die Hortbetreuung ist. Selbst wenn Mann/Frau nach der Geburt relativ zügig wieder arbeiten gehen, wird die Einschulung des Kindes plötzlich ein Problem.

Was ist eigentlich mit den Polizisten, Krankenpflegern, Verkäufern im Einzelhandel, Industriearbeitern und Handwerkern? Und was mit den Hartz IV Empfängern, den dann noch Kindergeld und Elterngeld abgezogen wird?

Es bleibt kompliziert. Wenigstens ist es nicht hoffnungslos und ich freue mich, dass ich bei solchen Veranstaltungen immer wieder zwischen Männern stehe, die sich auch fremdschämen wenn irgendwo wieder ein Foto von einem Mann gepostet wird, der sich rühmt für seine Frau nachts auch mal das eigene Kind für zwei Stunden zu übernehmen und dann Männer darunter kommentieren: „UND TROTZDEM GIBT ES NOCH FRAUEN, DENEN DAS NICHT GENUG IST!“ oder Frauen schreiben: „Mein GöGa macht das auch. Weißt du noch Joachim? Vor zwei Monaten als ich Geburtstag hatte, bist du auch mal aufgestanden mit Susi.“

Sonntazfrage: Sind die Piraten links?

Einer zu den Piraten geht noch. Mein Beitrag zu der Sonntazfrage „Sind die Piraten links?“

Falls es jemand noch nicht gemerkt hat. Ich habe das Genre gewechselt und bin jetzt Politbloggerin (Fragen zum Thema Lifestyle und aktuellen Trends beantwortet zukünftig Felix Schwenzel). Deswegen wurde ich von der TAZ gefragt, ob ich nicht Lust hätte einen Beitrag zu der Frage „Sind die Piraten links“ zu schreiben. Habe ich gerne gemacht. Allerdings fand ich meinen ursprünglichen Entwurf ein bisschen fetziger (wie Mama sagen würde).

Patricia Cammarata (36) bloggt seit über sieben Jahren auf dasnuf.de und ist beinahe doppelt so alt wie der die durchschnittliche Abgeordnete der Piratenpartei

Links ist, wo der Daumen rechts ist. Das wäre das ideale politische Motto für die Piratenpartei. In ihrer Krippenzeit distanzierten sie sich nicht ausreichend von politisch rechts gefärbten Ideen. Googeln hätte geholfen. Sowohl Popp als auch Baum. Letzterer hätte rausfinden können, dass man für Tausend Millionen eigentlich Milliarden sagt (und „63 Milliarden“ sind wahrlich leichter auszusprechen als „3.014.237„).

Glaubt man den Wahlplakaten, machen sich die Piraten klar zum ändern. Tradierte Staats- und Gesellschaftsformen auflösen wollen, das entspräche eher einer politisch links gerichteten Haltung.

Doch was sie genau ändern wollen und v.a. wie, bleibt bis heute zum größten Teil ein Geheimnis. Sie politisch einzuordnen, ist schwierig weil sie  kaum ein Wahlprogramm haben. Die wenigsten Themen sind differenziert ausgearbeitet. Da reicht es nicht aus, willig zu sein seine Defizite aufzuholen.

„Bist Du immer so streng mit Fünfjährigen?“, wurde ich neulich von Felix Schwenzel (wirres.net) gefragt. Tatsächlich vertrete ich die Haltung, dass Vorschüler schon wissen sollten, dass Politik eine ernste Sache ist.

Deswegen liebe Piraten: Kl4rm4ch3n zum Sch31t3rn

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Alle Beiträge zur Sonntaz-Frage gibt es offline am Kiosk – liken kann man die Sonntaz auf Facebook. Ob die Piraten links sind, haben die Piraten übrigens auch schon beantwortet. In der TAZ beziehen dazu Stellung: Oliver Höfinghoff (Piraten Berlin), Gesine Lötzsch (Die Linke), Helga Hansen (Mädchenmanschaft.net), Bert Blank (Leser aus Bamberg), Sebastian Nerz (Piraten) und Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Die Grünen). Ich gehe mir jetzt jedenfalls erstmal die Sonntaz kaufen.

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Ab morgen schreibe ich nur noch über Mascara, Stöckelschuhe und ggf. Kinderkotze -nicht dass da ein falscher Eindruck entsteht. Wer möchte, folgt mir trotzdem auf Twitter, Formspring, Google+ oder Facebook.

 

Authentizität schön und gut…

Authentisch zu sein, mag sympathisch machen – aber ob das alleine reicht um ein Land (mit)zuregieren?

Sascha Lobo, der sonst natürlich immer recht hat, schreibt in seinem Artikel über den Wahlerfolg der Piraten „Eingestandenes Unwissen wirkt kompetenter als entlarvtes Unwissen . Das mag für die Alltagskommunikation zutreffen und Frau Koch-Mehrin hätte mit einem ehrlichen „Oh, da habe ich leider rein gar keine Ahnung von“ sicherlich das ein oder andere Mal die klügere Antwort gegeben – aber in der Politik geht es nicht um Sympathien. Halt – geht es leider doch oft, sollte es aber nicht gehen.

Persönlich möchte ich, dass mein Volksvertreter sich besser auskennt als ich. Schön – der Identifikationswert ist vielleicht höher, wenn man feststellt: Hey, der Andreas Baum, der hat ja ebenso wenig Ahnung von Wirtschaft und Politik wie ich. Aber meine Interessen als Politiker sollte er deswegen noch lange nicht vertreten.

Die Gesellschaft mag die inszenierten Persönlichkeiten schon lange satt haben – das Gegenteil – der authentische Mensch von der Straße – das kann (zumindest für die Politik) auch nicht die Lösung sein wenn das Ganze mit Unwissenheit verbunden ist.

Ich will jemanden, der sich nicht inszeniert aber trotzdem Ahnung hat.

In einem ganz anderen Kontext habe ich folgende Zeilen verfasst: Nehmen wir an, ich baute ein Haus. Das Haus sollte Wände, Decken, Fenster und Treppen haben – jedoch beauftragte ich einzig einen Schreiner. Der hatte einen schicken Flyer, ist Fensterexperte und Holzdielen kann er auch verlegen. Mit dem Rest, so bedauert er, kenne er sich derzeit noch nicht so aus, er sei jedoch willens, seine Defizite aufzuholen. Das Geld zum Hausbau überweise ich ihm vorab.
Irrational? Seltsam. Immerhin haben vergangenes Wochenende 129.795 BerlinerInnen genau das getan. Eine Partei gewählt, die in einigen wenigen Themen inhaltlich gut aufgestellt ist und in allen anderen Themen versichert „sehr schnell zu sein, was das Lernen angeht“.
Die Piraten sehen sich selbst als „weiche Themenpartei“ und nicht als Allrounddienstleister. Eine ernstzunehmende Partei sollte aber Sachverstand in allen nötigen Bereichen aufweisen, wenn sie ein Land (mit-)regieren möchte.

Das Bedürfnis nach Unverstelltheit mag den Erfolg der Piraten erklären, es rechtfertigt ihn jedoch noch lange nicht. Dieter Bohlen ist übrigens auch total authentisch und hat keine Ahnung von Politik. Soll er deswegen Abgeordneter im Berliner Abgeordenetenhaus werden?

Ursel dreht ab

Die Ursel ist ein ganz ausgefuchstes Mädchen! Jedenfalls bis jetzt. Die ist nämlich gar nicht kinder- und frauenfreundlich, die will nur Arbeitsplätze nach der bayerischen Methode schaffen – d.h. Frauen raus aus dem Arbeitsleben und endlich Platz für die Männer.
Die Frauen verschwinden so aus der Arbeitslosenstatistik und blockieren nicht sinnlos gute Arbeitsplätze. Fluchs sind wir bei weniger als drei Millionen Arbeitslosen.
So weit so gut. Dass sich die CDU jetzt über sie aufregt, ist ja irgendwie verständlich. Denn das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn es keine Kinderbetreuung gibt, v.a. nicht für die Kinder unter drei Jahren.
Ich würde die aus der Partei rausschmeißen. Ich meine, hallo?
Erst die finanzielle Abhängigkeit vom Mann lösen und jetzt auch noch die Arbeitsfähigkeit erhalten? Wo soll das denn hinführen?

Schuld sind immer die selben

Den Angela Merkel finde ich ja blöd. Nicht nur wegen der Person, schon auch wegen der Partei und dem Zeug was er macht. Die Mehrwertsteuererhöhung zum Beispiel. Die kostet mich echt den letzten Nerv.
Schon Monate vor der Erhöhung muss ich überall die böse Neunzehn sehen. In Form roter, pickliger Monster verfolgt sie mich vom Werbefernsehen in meine Träume. In meinem Kopf hallt der keifende Schrei der Saturn-Schlampe, die nicht nur Geiz sondern unnötigerweise auch die Neunzehn geil findet.
Jede noch so doofe Zeitschrift gibt mir Tipps zur Mehrwertsteuererhöhung. Der völlige Wahnsinn bricht dann mit dem 1. Januar 2007 aus. Überall spart man sich die Mehrwertsteuererhöhung, gibt 19 Prozent Rabatt oder schenkt dem Kunden zu jeder Kekspackung, die er erwirbt, irgendeinen nutzlosen Tand.
Verdammt, ich habe ein Recht auf volle Kosten. Ich habe sowieso schon ein Problem mit dem Geld ausgeben. Dabei habe ich genug. Ich will auch mal was für die deutsche Wirtschaft tun!
Mein Papa, der viele Tipps hat, wie man reich wird, weiß auch, dass es wichtig ist, ordentlich Geld auszugeben. Er sagt immer: „Liebe Kinde, kaufe mal was tolles. Solle ruhige teuer sein, eine bisschen Luxus, sollste ruhig denken: isse viel zu teuer, aber gönne iche mire jetzte, weil iste gesund für Seele und Wohlebefinden.“
Mein Freund unterstützt meinen Papa da sehr. So wird er mir bestimmt die nächsten vierhundert Jahre vorhalten, dass ich nicht bereit war, dass er Geld für Verlobungsringe ausgibt. Schließlich gibt es den schönen Brauch Eheringe als Verlobungsringe zu verwenden und sie am Tag der Hochzeit einfach an den Ringfinger der anderen Hand umzustecken.
Als er mir davon berichtete, wunderbare Verlobungsringe gesehen zu haben, die er gerne erwerben würde, fiel ich ob der bevorstehenden Investition fast in Ohnmacht.
Ich versuchte rational mit ihm zu sprechen. Das schöne Geld, wie man es sparen könnte und was man dann in ein Paar Jahrzehnten davon kaufen könnte. Völlig sinnlos. Er zeterte auch zur Hochzeit würde ich nun kein Edelmetall an meinem Finger sehen. Bei Ebay würde er eine dieser Dosenschnipel ersteigern, die man Mitte der 90er aus Gründen des Umweltschutzes abgeschafft hatte.
Seit dieser Krisensituation versuchen wir gemeinsam meine Sparsucht und meinen Geiz zu therapieren. Manchmal gehen wir am Wochenende los und ich darf nicht eher nach Hause, ehe ich nicht irgendwas total sinnloses oder überflüssiges erstanden habe.
Das erste Wochenende kaufte ich im Baumarkt eine lilafarbene Plastikgarnele, die mit ihren Fühlern wackeln kann. Zugegebenermaßen mit 3.95 Euro keine Großinvestition – jedoch musste selbst mein Mann in spe zugeben, total sinnfrei.
Weihnachten dann brach eine gute Phase für mich an. Das Kaufen jeglichen Weihnachtstandes ist schließlich völlig unsinnig und fällt somit in die Kategorie des sinnlosen Geldausgebens. Schließlich weiß jedes Kind, das Weihnachtsschmuck v.a. nach Weihnachten besonders preiswert zu bekommen ist. Wenn ich da an die Einsparpotentiale denke, wird mir jetzt noch ganz schwach.
Ich kaufte also zwei verschiedene Tischdekos samt Stoffservietten (doppelt teuer, denn man muss sie ja immer wieder waschen [Wasser- und Waschmittelkosten] und bügeln [utopische Stromkosten]!) und Tischdecken, ein komplettes Sortiment Christbaumbehang, Geschenkpapaier (mir gefiel das Zeitungspapier der Vorjahre eigentlich ganz gut), Strohsterne samt Lichterketten für die Fenster und einen Adventskranz plus Ersatzkerzen für das Kind.
Endlich war der Knoten geplatzt. Bei einem Einkaufsbummel entdeckte ich ein Bettwäscheset, welches ich nach zweiwöchiger Denkpause spontan kaufte und das obwohl wir drei komplette Bettwäschesets besitzen, die jünger als fünfzehn Jahre sind.
Ich berichtete stolz meinem Vater von diesem Kauf. Erst erschien er am Telefon zufrieden. Doch lies er sich von meinen eigenen Geldausgaberauschgefühlen nicht täuschen und erkundigte sich nach dem Preis. Als ich ihm den nannte (und ich schlug vorsichtshalber noch fünfzig Euro auf den Kaufpreis drauf), schnaubte er verächtlich durch die Nase: „Ache Kinde, Du musste noch so viele lernen!“
Also nahm ich mir vor, wenigstens 2007 in die vollen zu gehen und ersann mir ein Ding, welches nicht nur teuer in der Anschaffung sondern auch kostspielig im Dauerbetrieb sein würde. Na und was ist das einzige, was da in Frage kommt?
Richtig! Ein Kondenstrockner! Um der Umwelt gegenüber nicht ganz so ein schlechtes Gefühl zu haben, setzte ich mir in den Kopf ein Gerät der Energieeffizienzklasse A+ zu besorgen. Das würde wenigstens bei der Anfangsinvestition mein Portemonnaie so richtig bluten lassen. Ausführliche Internetrecherchen bestätigten mir: unter 600 Euro ist da gar nichts zu machen.
Also lief ich heute topmotiviert zu einem Elektrogroßhandel, brüllte schon im Einkaufsbereich nach einer Beratungskraft und hieß ihr, mir ohne Rücksicht auf andere Werte mir einfach die drei teuersten Markengeräte zu präsentieren.
Mit der Hand auf der Kreditkarte zeigte ich auf das Preisklassenmodell. SECHSHUNDERTSIEBENUNDVIERZIG Euro: „Das da bitte!“
„Geht klar,“ sagt das Fachpersonal „ich stelle ihnen die Rechnung rasch aus.“
Doch was sehen meine schmerzenden Augen als ich dem Mann über die Schulter schiele? Er streicht zuerst den schönen Preis 647 Euro. Ich schaue ihn fragend an.
„Ja, sorry, das ist das Ausstellungsmodell. Ich lasse Ihnen deswegen 100 Euro nach.“
Ich akzeptiere schweigend. 547 Euro ist auch noch ok. Immerhin habe ich bislang nur zwei Mal in meinem Leben mehr ausgegeben.
Doch dann, oh Graus. Auch die 547 streicht er durch und macht 443.07 Euro daraus. „Äh? Was soll denn das???“ schreie ich ihn an.
„Oh, sorry!“, wimmert er schuldbewusst „die 19% Rabatt muss ich ja vom Ausgangspreis errechnen. Macht also 424.07 Euro.“ Ich bin einem Ohnmachtsanfall nahe. Starre ihn geistesabwesend an. Er überlegt noch mal. Streicht auch die 424. „Wieso denn das?“ fiepe ich. „Mir ist eingefallen, das ist ein Auslaufmodell. Macht also 374.07.“ „Oh nein!“ Tränen schießen in meine Tränenkanäle.
„Ok, ok. Hören Sie schon auf. Ich kann Frauen nicht weinen sehen. Machen wirs rund. Was halten Sie von 350 Euo?“
Wortlos entreiße ich ihm die Rechnung und gehe wie ein Automat zur Kasse. Wenn ich das meinem Papa erzähle, der wird nicht zufrieden sein. Ganz und gar nicht! Und wer ist schuld? Der böse Merkel!

Real Crab