Teilzeit-Kommentare
Neulich hatte ich diesen Tweet in meiner Timeline
„Du gehst schon?“ Nach Jahren der Teilzeit nervt das schon ein bisschen. Sooo überraschend kann mein Aufbruch eigentlich nicht mehr sein.
— Heiko Bielinski (@heibie) June 13, 2016
und ich dachte: Ja, ich kann das auch nicht mehr hören. Alle Varianten davon, denn ich habe einen Tag Homeoffice und bin flexibel im Kommen und Gehen. Ein Elterntraum – also ohne Quatsch.
Wären da nicht die Sprüche, die ich mir manchmal anhören muss (die natürlich, wenn man zur Sprache bringt, dass man abgenervt davon ist – immer nur lustig gemeint sind).
„Ach? Heute arbeitest du?“
„Ach? Gehst du schon?“
„Oh. Heute bist du aber spät.“
„Ich sehe im Kalender, du hast morgen Homeoffice, arbeitest du da bzw. kann ich dir dann was schicken?“
„Hm? Heute bist du aber lange da, du gehst doch sonst IMMER schon mittags?“
@heibie 30h, 1 freier Tag – “du bist ja auch nie da.”
— Flickwerk (@Flickwerk) June 13, 2016
@heibie Das hör ich aber auch öfter, wenn ich "schon" nach 8 Stunden gehe. Einfach Überstundenunkultur.
— Thomas Renger (@dentaku) June 13, 2016
Vereinbarkeit sind eben nicht immer nur die tatsächlichen Arbeitsbedingungen sondern auch die Einstellung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Ideal der Präsenzkultur und der Überstundenkult scheint aus manchen Köpfen nicht rauszubekommen sein.
Teilzeit-Unmöglichkeit
Und als am Donnerstag das Deutschland-Spiel um 18 Uhr lief, war ich doch etwas verwundert wie leer gefegt Büros sein können als ich gegen 19 Uhr nach Hause ging.
Leichtfertig hab ich dann das hier getwittert:
Stelle mir gerade ne Welt vor, in der die Väter wegen ihrer Kinder so pünktlich von der Arbeit Schluss machen können wie für Fußball.
— Patricia Cammarata (@dasnuf) June 21, 2016
Dooferweise wurde das ziemlich oft gefavt und geretweetet, was bedeutet, dass man Replys und Direktnachrichten von Menschen bekommt, die naja, nennen wir sie impulsiv sind.
Da war alles dabei von „Unzulässige Verallgemeinerung“ über „Denk mal drüber nach, warum du so einen Mann nicht hast, vermutlich bist du es nicht wert“ bis hin zu Menschen, die acht Mal reply klicken, um mir zu erläutern was sie heute alles für ihre Kinder getan haben.
Formal korrekt ist übrigens der Hinweis der Verallgemeinerung – denn natürlich gibt es Männer, bei denen es nicht so ist, die z.B. extrem früh arbeiten gehen um sich nachmittags um die Kinder kümmern zu können und zwar weil sie es wollen und nicht weil sie müssen, weil die Frau es verlangt… und es gibt auch Männer, die in Teilzeit arbeiten [siehe Tweet oben]… nur leider ist Twitter auf 140 Zeichen begrenzt und ich konnte deswegen nicht schreiben:
Ich stelle mir gerade eine Welt vor, in der der überwiegende Teil aller Männer, die Väter sind, es genauso problemlos durchsetzen für ihre Kinder früher zu gehen, wie es offensichtlich klappt, wenn es um Fussball-Spiele geht.
Denn meiner persönlichen Erfahrung nach sind solche Männer immer noch die Ausnahme. Und wenn man Statistiken bemüht, dann scheint es sich nicht ausschließlich um einen Fall anekdotischer Evidenz zu handeln. In der Zwischenzeit arbeiten zwar fast 20% der Männer in Teilzeit wohingegen es bei den Frauen immer noch fast 60% sind [1].
Anderen Studien zufolge, ist die Verteilung bei Müttern und Vätern sogar drastischer:
Unter Müttern beträgt die Teilzeitquote sogar 70 Prozent. Väter sind dagegen nur zu 6 Prozent in Teilzeit beschäftigt.
Quelle: WSI Report März 2015
Das ist stimmig zu der Aussage:
Kaum kommen die Kinder, entscheidet sich ein Großteil der Paare für das „Zuverdienermodell“ mit vollzeitbeschäftigtem
Mann und teilzeitbeschäftigter Frau.
Quelle: IAB Kurzbericht April 2015
Immer wieder höre ich, das sei eben nicht so einfach, man könne als Mann nicht einfach in Teilzeit gehen… und dann frage ich mich, warum Frauen das aber können (Siehe Szenen mit dem Chef).
Aber gut.
Für Fußball ist es möglich, die meisten Replys haben mich belehrt, das sei ja nur in Ausnahmefällen während der EM. Naja und vielleicht bei der WM. Aber sonst eben nicht und das wäre dann ja auch ziemlich wenig wenn man das auf die Kindersituation überträgt.
Da zucke ich echt nur mit den Schultern. Denn das wäre wenigstens mehr als nichts.
Teresa Bücker hatte interessanterweise einen ähnlichen Gedanken:
Überall strömen Menschen aus den Büros. Ob Vereinbarkeit besser wird, wenn man behauptet, das Kind zum Nationalelf-Training zu bringen?
— teresa bücker (@fraeulein_tessa) June 21, 2016
Und sehr schön schließt der letzte Tweet den Bogen zum ersten Thema im Blogpost
@dasnuf Hab ich heute auch dran gedacht. 16 Uhr Feierabend provoziert sonst gern die Frage "Halben Tag freigenommen?"
— ????????61 (@axaneco) June 21, 2016
[1] Und wer mir mit „persönliche Entscheidung“ kommt, der bekommt von mir den sizilianischen Todesblick.





























