Vereinbarkeit, Beziehungsaufbau und Smartphones

smartphone

Normalerweise bekomme ich sofort Reaktanz, wenn ich Texte lese, die das Smartphone als solches verteufeln. Interessanterweise nicht so bei dem Artikel von Jesper Juul „Smartphones haben auf der Familieninsel nichts zu suchen!

Im Gegenteil. Mich überkam der Impuls die am Ende vorgeschlagenen Tipps gleich umzusetzen. Einer davon lautet:

„Das gesamte Morgenritual ist telefonfreie Zone und die gleichen Regeln gelten für die Zeit von einer halben Stunde vor dem Abendessen bis zur Schlafenszeit der Kinder. Basteln Sie eine originelle Schachtel im Eingangsbereich, wo jeder sein Telefon während der telefonfreien Zeit deponieren und aufladen muss.“

Warum aber spricht mich der Artikel, der im Grunde für einen sehr minimierten Umgang mit dem Smartphone plädiert so an? Zeitgleich bin ich ja sehr begeistert von den Möglichkeiten der Technik (zuletzt z.B. von Pokémon Go).

Der Artikel hat als zentrales Thema wie sich exzessiver Smartphone Gebrauch auf Beziehungen auswirkt.

Auf Eltern-Kind-Beziehungen aber auch auf Paar-Beziehungen – und da hat’s mich erwischt quasi.

In meinen früheren Beziehungen hab ich gerne alles weiterhin alleine gemacht. Effizienz stand für mich im Vordergrund. Warum gemeinsam das Kind vom Kindergarten abholen, wenn doch der andere Partner zeitgleich einkaufen gehen kann – warum?

In meiner neuen Beziehung habe ich gelernt, dass es nicht immer um Logik und Zweckmäßigkeit geht, sondern eben auch um Beziehungspflege und gemeinsame Zeit.

Wir verbringen verhältnismäßig viel Zeit miteinander. Allerdings sind das auch Zeiten in denen Dinge einfach (immerhin gemeinsam aber dennoch) erledigt werden müssen: einkaufen, kochen, Wäsche aufhängen, falten, Kinder duschen, Zähne putzen, vorlesen, singen etc.

Diese Zeiten sind auch schön, allerdings eignen sie sich  zur Beziehungspflege eher wenig. Oft kann man keinen Satz vernünftig zu Ende bringen oder Gedanken zu Ende denken. Es bleibt quasi wohlwollend freundlich, aber der Tiefgang kommt erst wenn wir als Paar Zeit für uns haben.

Das selbe gilt übrigens für die Beziehung zu den Kindern.

Juul schreibt in dem oben erwähnten Text:

„Emotionale und intellektuelle Intimität braucht häufig zwei bis drei Stunden des Zusammenseins, um zu wachsen und zu erblühen. Dieser Aspekt einer Beziehung braucht die Art von Stille und Leere in welcher das «einander auf den neusten Stand bringen» von einem angenehmen Schweigen gefolgt wird“

Eine Leserin (ich finde den Kommentar leider nicht mehr) schrieb etwas ähnliches unter einen meiner Artikel zum Thema Vereinbarkeit. Grob lautete die Anmerkung in etwa: Wenn die Zeiten, die wir als Eltern mit den Kindern gemeinsam verbringen aufgrund der Arbeitszeiten einschrumpfen auf Abfertigungszeiten, sind wir alle unglücklich. Mit viel Druck wird ein Programm durchgezogen ohne dass da Platz für uns bleibt.

Ich dachte mir damals: Genau das!

Ich leide auch sehr darunter, wenn ich es erst schaffe gegen 17 Uhr Kind 3.0 von der Kita abzuholen, wir noch schnell einkaufen gehen müssen und dann zuhause auf ein Kind 2.0 treffen, dass noch ein paar Schulaufgaben zu erledigen hat, die wir dann zwischen Abendbrot zubereiten und essen quetschen bevor die Kinder sich um 19 Uhr bettfertig machen.

Deswegen versuche ich uns morgens immer eine halbe Stunde zu schenken und auch am Nachmittag und Abend sicherzustellen, dass wir Leerlauf haben.

Erst dann ist Familienleben schön. Erst dann haben wir die Gelegenheit über den Tag zu sprechen, uns zu erzählen, was uns bewegt und damit eben die besagte emotionale und Intellektualität aufzubauen.

Das gilt also sowohl für meine Kinder als auch für meinen Partner.

Seit einiger Zeit lege ich mein Telefon bewusst aus der Hand und versuche diese raren Zeiten nicht zu unterbrechen.

Juul schreibt weiter:

„Täglich und in den wenigen Stunden welche Kinder mit ihren Eltern verbringen, passiert immer öfter folgendes: Kinder möchten ihren Eltern eine Frage stellen, sie möchten ihnen etwas erzählen oder auf etwas antworten, was die Eltern gerade sagten, und die darauffolgende Antwort lautet: «Entschuldige Schatz, da muss ich rangehen»; «Entschuldige, aber ich habe soeben eine Nachricht von der Arbeit erhalten, die ich beantworten muss. Es dauert nicht mal eine Minute, versprochen»; «Kannst Du kurz eine Minute warten… ich muss…»“

Da habe ich mich doch sehr ertappt gefühlt und v.a. an das Gefühl erinnert, das ich manchmal habe, wenn mein Freund an seinem Telefon rumspielt und ich empört denke: „Hö? Ist das jetzt wirklich wichtig?“*

Juul schreibt, dass die Kinder anfangen, die Eltern zu vermissen, obwohl sie da sind und welche Folgen das auf die psychische Entwicklung der Kinder hat.

Ich kann empfehlen, den Artikel wirklich zu lesen und ihn auf sich wirken zu lassen.

Gleichzeitig denke ich aber auch, dass Juul einige Sachen übersieht. Tatsächlich ist das Smartphone auch ein Kommunikationsvehikel zwischen Eltern und Kindern.

Damit meine ich jetzt nicht, dass man sich gegenseitig Nachrichten schreibt (was ich auch sehr schön finde), sondern viel mehr, dass das Smartphone einfach eine Kamera, ein Lexikon, ein Fernseher etc. ist.

Ganz oft beschäftigt die Kinder etwas, das wir dann nachschlagen. Wie sieht die Flagge von Neuseeland aus? Wie groß ist das Land? Warum können Kiwis nicht fliegen?

Mithilfe des Smartphones beantworte ich diese Fragen und wir sitzen zusammen auf dem Sofa und verbringen eine entspannte Zeit. Im Gegensatz zu Spitzer denke ich nicht, dass es irgendwie hochwertiger ist, sich durch ein Printerzeugnis zu wälzen als etwas auf dem Smartphone nachzuschauen.

Ich glaube auch nicht, dass (meine) Kinder (meine) ständige und ungeteilte Aufmerksamkeit brauchen. Ich kann mit einer Freundin am Sonntag Kuchen essen und wir unterhalten uns und ich kann das selbe virtuell im Chat tun.

Allerdings finde ich es sehr einleuchtend, dass man das vielleicht nicht regelmäßig in den insgesamt 3-4 Stunden tun sollte, die man täglich wegen der Arbeit, als Familie verbringen kann.


*Ich bin mir sehr sicher, er denkt das ebenso oft von mir…

Genervt III von Kino-Preisen

Kino Eintrittsgeld
Einmal ins Kino – ohne Gelddruckmaschine nicht unbedingt möglich Quelle: Pixabay @geralt

Neulich haben wir uns überlegt mit den Kindern ins Kino zu gehen.

Das sollte für 2 Erwachsene und 2 Kinder 47,00 Euro kosten.

Bildschirmfoto 2016-07-12 um 10.12.24

SIEBENUNDVIERZIG EURO.

Jetzt stelle ich mir vor, die Kinder hätten gerne noch eine Tüte Popcorn und je ein Getränk.

Wer zur Hölle kann (und will) sich das noch leisten?

Also ICH nicht. Was wir mit dem Geld machen werden: In eine Videothek gehen, uns eine DVD leihen, in den Supermarkt laufen – Mikrowellenpopcorn, Pizza und Eis für alle kaufen und das ganze am heimischen Beamer anschauen. Was ich mit den gesparten zwanzig Euro machen werde, weiß ich noch nicht so genau.

Früher™ bin ich als Kind so ungefähr zwei Mal im Jahr ins Kino gegangen. Um die Weihnachtszeit z.B. kamen die Disney-Filme und da man die damals auch gar nicht auf Video leihen konnte, war der Ausflug ins Kino ein Jahreshighlight.

Wahrscheinlich war das damals auch schon so teuer – sonst wären wir vielleicht öfter ins Kino gegangen… an zusätzliches Popcorn und so kann ich mich jedenfalls nicht erinnern.

Ich erinnere mich aber an die Dunkelheit im Kino und an die Vorfreude. Wie sehr ich die Vorfilme geliebt habe und wie ich dann im Hauptfilm völlig in diese andere Welt eingetaucht bin. Ich erinnere mich lebhaft an „Bernard und Bianca“ (von dem ich bis jetzt dachte, er hieße „Bernhard und Bianca“) , an „Cap und Capper“ (und meine Tränen) und an „Susi und Strolch“.

Oft ist es ja so, dass man irgendein lauschiges Gefühl aus der eigenen Kindheit zurückholen und es den Kindern schenken möchte. Deswegen würde ich gerne ab und an mit den Kindern ins Kino gehen.

Zu den Preisen allerdings nicht. Da muss man sich einen Workaround basteln quasi.

Übrigens, weil meine Freundin mich darauf hinwies – einen Ausweg aus dem Preisdilemma gibt es (zumindest für Berlin) – und zwar den Berliner Familienpass:

Im Familienpass sind so viele Ermäßigungen, dass ich ihn für manche Kategorien leider immer wieder aus den Augen verliere. Das ist etwas dumm, denn es gibt eine eigene Kategorie Kino (ab S. 49).

Für bestimmte Kinos (BABYLON, Bali-Kino, Cineplex Kinos, Filmtheater am Friedrichshain, EVA-Lichtspiele) zahlen alle einheitlich den Kinderpreis (oder noch weniger).

Für die meisten Freiluftkinos zahlt man 5 statt 7 Euro und selbst bei der UCI Kette zahlt man für die Kindervorstellungen im Juli und August den Kindereintrittspreis für alle Familienmitglieder.

Es gibt im Familienpass weitere Kino-Ermäßigungen. Insgesamt 27 Stück.

Ich rege mich also etwas ab.

Ein bißchen zumindest.

GRUNDSÄTZLICH SIND DIE KINOPREISE ABER UNMÖGLICH. FÜFZICH EURO!!11! DAS SIND 5 MONATE NETFLIX-ABO IN HD. ECHTMA.

Pokémon Go – die Tweets und anderes

Ja, für alle, die sich nicht interessieren, ist es eine echte Plage. Mich hingegen amüsiert sowohl Pokémon Go als auch alles, was drumherum entsteht.

Da wären zum Beispiel die anderen SpielerInnen. Als ich am Nachmittag vom Arzt nach Hause komme, stehen da rund ein Duzend Menschen vor dem Turm des Frankfurter Tors.

Irgendwas passiert, einer hebt den Kopf und schnauzt einen Typen drei Meter neben ihm an: „Alter bist du gelb?“

„Ne, ich bin nich gelb.“

Ein ca. zwölfjähriges Mädchen grinst: „Ich bin gelb.“

Die anderen im Kanon: „Na toll!“

Offensichtlich hat das Mädchen, Team Gelb, soeben die Pokémon-Arena erobert. Ich grinse in mich hinein und laufe weiter.

Noch bevor Pokémon Go in Deutschland erhältlich ist, entsteht diese Seite: Pokewalk.

Ich nehme an, die Seite ist ein Fake. Hier wird angeboten, dass jemand das Handy abholt und dann je nach Bezahlung (2 km – 10 $, 5 km – 15 $, 10 km – 20 $) Pokéstops abfährt, Items einsammelt und Pokémon jagt.

So unwahrscheinlich sind solche Dienste tatsächlich am Ende nicht. Ich erinnere mich noch gut an die MoMA Ausstellung 2004 in der neuen Nationalgalerie.

Mit meiner Freundin, die extra aus Stuttgart angereist war, stellte ich mich zu Beginn der Ausstellungsperiode vier Stunden an, um rein zu kommen. VIER STUNDEN!

Ich redete mir ein, dass ich das aus Liebe zu meiner Freundin über mich ergehen hab lassen.

Tatsächlich war das kurze Zeit später die allerkürzeste Wartezeit von der mir anschließend berichtet wurde. Man konnte damals sogar Menschen auf ebay ersteigern, die sich für einen anstellten. Zehn, zwölf Stunden war da keine Seltenheit.

Warum also nicht Menschen dafür bezahlen, dass man Pokémons einsammelt?

Echte Nerds, so sagte man mir, würden ohnehin nicht selbst durch die Gegend rennen und Pokémon einsammeln sondern rausfinden, wie man das Spiel spielen kann ohne sich zu bewegen.

Genau 24 Stunden später taucht ein Video auf, das erklärt wie man Pokémon Go vom heimischen PC aus spielt.

Und dann sind da noch die ganzen Tweets, die irgendwie darüber berichten, wie das Spiel sich in wenigen Tagen in die Kohlenstoffwelt integriert hat:

Oder die Tweets, die schöne, neue Ideen präsentieren:

Am Ende muss nicht alles schlecht sein, was ein Hype ist:

Nöte, wie ein schnell leer laufender Akku, machen auch erfinderisch:

Richtig hip ist man sowieso erst, wenn man alle Hypes verbindet:

Dass da die Server nicht mithalten können, ist nicht verwunderlich:

[Und irgendwie hab ich jetzt einen Buzzfeed-Eintrag geschrieben, oder?]

Ziemlich bitter ist der Artikel Pokémon Go Could Be A Death Sentence For A Black Man

„The premise of Pokémon Go asks me to put my life in danger if I choose to play it as it is intended and with enthusiasm. Let’s just go ahead and add Pokémon Go to the extremely long list of things white people can do without fear of being killed, while Black people have to realistically be wary.

Honestly, I wish this was a joke post or satire of some sort. It isn’t. Something needs to change.“

Pokémon Go

Als Kind und Jugendliche habe ich mich wahnsinnig gerne mit Mystery-Kram beschäftigt. Eines meiner Lieblingscomics hieß Vanessa – die Freundin der Geister.

Die Hauptfigur im Comic heißt Vanessa Bunburry und lebt mit ihren Eltern auf Schloss Westwood Manor in der englischen Grafschaft Essex. Sie kann Geister sehen und mit ihnen sprechen. Ihr bester Freund wird der ca. 16 Jahre alte Geisterjunge Harold.

Mir gefiel die Idee, dass es Dinge ausserhalb meines eigenen Wahrnehmungsapparats geben könnte. Soooo unwahrscheinlich ist das schließlich nicht. Fledermäuse z.B. können z.B. Ultraschall hören und ich nicht…

Mein Grundgedanke war immer: nur weil ich etwas nicht wahrnehmen kann, heisst es nicht, dass es nicht existiert. Ob das nun Geister oder außerirdische Lebensformen waren, die in anderen (für mich nicht wahrnehmbaren) Dimensionen lebten, war mir herzlich egal.

In der Zwischenzeit glaube ich nicht mehr an Geister und wünsche mir auch nicht sehnlichst einen Geisterfreund zu haben.

Kind 3.0 hingegen hat sich in seiner Fantasie eine eigene Welt aufgebaut, die nur von ihm wahrgenommen wird. Es lebt in der Menschenwelt und in der Taluga-Welt. Talugas sind kleine puschelige Wesen, welche die Menschen begleiten. Ich habe auch einen Taluga.

Konversationen mit Kind 3.0 sind manchmal etwas schräg.

Kind 3.0 lacht
Ich: Was ist denn?
Kind 3.0: Dein Taluga hat Quatsch gemacht.
Ich: Oh. Ist er hier?
Kind 3.0: Ja, da hinter dir (zeigt an eine Stelle)
Ich (drehe mich um, deute auch in die Richtung): Da?
Kind 3.0: Ja! Pass auf, er mag das nicht, wenn du ihn anstupst.

Dann lasse ich mir genau erklären, wie mein Taluga aussieht. Das Wesen hat schwarzes Fell und ist ungefähr so groß wie eine Faust. Es schwebt immer mit mir mit.

Kind 3.0 kann so lebhaft von den Talugas erzählen, dass ich irgendwann das Gefühl bekomme, dass nicht das Kind etwas sieht, was es nicht gibt, sondern ich nicht sehe, was es gibt.

Eine zweite Realitätsebene – Augmented Reality

Ich bin durchaus bereit zu glauben, dass es eine zweite Realitätsebene gibt. Eine Augmented Reality quasi.

Deswegen liebe ich auch Augmented Reality Spiele und hab ich mir am Wochenende Pokémon Go runtergeladen und bin höchst fasziniert.

Pokémon Go ist eine App mit der man (wenig überraschend) Pokémons einfangen kann. Man klickt sich einen Charakter, eine Trainerin, zusammen und dann macht man die App – wann immer man sich in der realen Welt bewegt – an und schaut sich um. Schon nach wenigen Metern erscheint das erste Pokémon, das man einfangen kann.

Manche sind sogar handzahm
Manche sind sogar handzahm/Foto @Marcus Richter

Pokémon Go basiert auf Google Maps und man kann die Karte, die man sieht, wirklich zur Navigation und Orientierung benutzen. Das fand ich sehr faszinierend.

Am Wochenende waren wir z.B. am Liepnitzsee und die App zeigte uns den Weg durch den Wald. Natürlich sieht man „in echt“ auch die Trampelpfade – man muss sich aber ohne App merken, wo man abgebogen ist oder hoffen, dass das Gefühl zur Richtung ungefähr stimmt.

Jedenfalls hab ich am See einige Entons (entenartige Pokémon) eingefangen und auch einige Karpadors (fischartige Pokémon) . Welche Pokémon wo zu finden sind, scheint auch von der Gegend abzuhängen. In der Stadt z.B. gibt es viel mehr Rattfratz (rattenähnliche Pokémon) und Taubsis (taubenartige Pokémon).

Rattfratz
Ein Rattfratz versperrt mir den Weg
Auch ohne das eigentliche Spiel zu spielen, bringt Pokémon Go Spass

Sinn des Spiels ist allerdings nicht nur das Einsammeln der Pokémon. Man muss sie auch entwickeln und in Pokémon Arenen gegen andere Pokémon antreten.

Mir gehts aber eigentlich gar nicht so sehr ums Spiel an sich. Ich finde die App einfach toll, weil sie möglich macht etwas zu sehen, was andere nicht sehen.

Ich laufe auf mein Display starrend durch die Straßen und wenn plötzlich vor mir ein Pokémon auf dem Screen erscheint, hebe ich meinen Kopf und bin jedes Mal verwundert, dass ich es nicht sofort sehe, sondern erst das Handy hochhalten muss, um es wirklich zu sehen.

Das Traumato ist doch wirklich da!
Das Traumato ist doch wirklich da!

Mein Gehirn ist jedenfalls sehr bereit diese Unterscheidung Spiel und echte Welt nicht mehr so genau zu nehmen.

Mit großer Freude hab ich z.B. entdeckt, dass die Türme des Frankfurter Tors zwei gigantische Pokémon Kampf-Arenen sind. Ich werde sie nie wieder als normale Bauwerke sehen können…

Das Frankfurter Tor ist in Wirklichkeit eine Pokémon Arena
Das Frankfurter Tor ist in Wirklichkeit eine Pokémon Arena

Das Spiel hat ausserdem auch Pokéstops. Auch dieses Feature gefällt mir sehr. Die Pokéstops sind nämlich echte Mini-Sehenswürdigkeiten. Dinge, die da sind, die man aber ganz leicht übersieht, die man nicht wahr nimmt, selbst wenn man hundert mal an der Stelle vorbei läuft. Ornamente in Bauwerken z.B.

Der Pokéstop zeigt ein Detail, das mir noch nie aufgefallen ist
Der Pokéstop zeigt ein Detail, das mir noch nie aufgefallen ist
Und tatsächlich: da ist der lesende Mann
Und tatsächlich: da ist der lesende Mann

Oder banale Orte, die einem, weil man sonst den Weg in der Parallelstraße wählt, nie auffallen.

Ansicht am Display
Ansicht am Display
Voransicht - lohnt es sich einen kleinen Umweg zu laufen?
Voransicht – lohnt es sich einen kleinen Umweg zu laufen?
Ansicht Kohlenstoffwelt
Ansicht Kohlenstoffwelt

Ich liebe sowas.

Spielerweiterungen im Sinne von Akku-Pack und Armband sind nützlich

Einzig nervig ist wirklich, dass das Spiel so viel Akku frisst. Rund zwanzig Prozenz in dreißig Minuten. Weswegen man ohne Akku-Pack [ich empfehle das Akku-Pack von Anker (Amazon Werbelink)] keine längeren Spaziergänge machen kann.

Das andere Problem ist tatsächlich die Haltung. Beim Laufen ständig auf das Display zu schauen, macht mir Nackenprobleme.

Offenbar war das auch nicht Idee der Spielemacher. Es wird wohl bald ein Armband zu kaufen geben, welches auf die Pokémon der Umgebung durch Vibrationsalarm aufmerksam macht. Ständiges auf das Display starren wird dann nicht nötig sein.

Das Spiel selbst ist übrigens kostenlos. Das Band, es heißt Pokémon Go Plus, soll um die 40 Euro kosten und wird Ende Juli in Deutschland verfügbar sein.

Im Moment kann man das Spiel offiziell in Deutschland noch gar nicht spielen. Da wo es offiziell möglich ist, sind die Server schon des öfteren überlastet. Das Spiel scheint also nicht nur mir Freude zu bereiten.

Ich bin übrigens Team Blau und wer mit seinen Pokémon gegen mich kämpfen will, finde sich gelegentlich am Frankfurter Tor ein.


tldr: Pokémon Go macht Spaß. Man kann nicht nur Pokémon fangen und trainieren sndern auch in der Kohlenstoffwelt neue Dinge entdecken. Die empfohlenen 10.000 Schritte pro Tag schafft man ganz neben bei.

Alles außer Conni

Jeden Abend bettle ich darum, die Bücher vorlesen zu dürfen, die ICH toll finde. Meistens war ich aber nicht lieb genug und muss lesen, was die Kinder wollen.

Ganz ehrlich, wenn es Conni ist, hab ich noch Glück gehabt. Denn meistens wollen die Kinder, dass ich aus einem Lexikon vorlese oder Foreneinträge zu bestimmten Fragen, die sie haben.

„Wie wird Glas gemacht?“

Dann kommen in den Erklärungen Worte wie Kalknatronglas vor oder Natriumcarbonat und Pottasche. Und dann muss ich natürlich Pottasche erklären und dann steht da als Beschreibung, dass Pottasche Kaliumcarbonat ist und dann… naja, Sie verstehen schon. Eine unendliche Kette von Fragen. Wenn ich dann denke, dass die Kinder endlich schlafen, kräht Kind 3.0 plötzlich aus dem Bett: „KARBO-WIE HEISST DAS NOCHMAL???“.

Ab und an, wenn die Kinder sehr gütig eingestellt sind (z.B. weil ich Geburtstag habe), dann holen sie Bücher, die ich richtig gerne lese.

Das ist mir neulich wieder aufgefallen.

IMG_7878

Ich liebe z.B. Wanda, das Tanzschwein (Amazon Werbelink).
.
Wanda ist ein Schwein, das gerne tanzen möchte. In der Ballettschule wird ihr gesagt, dass sie nicht der Körpernorm entspricht und deswegen gleich wieder abdampfen kann.

Wanda ist todunglücklich und weint. Ein Pinguin hat Mitgefühl und spricht sie an. Es stellt sich heraus, dass er einen Verwandten hat, der Stepptänzer ist. Dieser nimmt sich Wanda an und sie stellen fest, dass sie großes Talent hat.

Wanda lernt u.a. auch noch Flamenco und Bauchtanz. Alle haben Spaß und es wird immer deutlicher: Wanda ist das größte Tanzschwein der Welt!

IMG_7879

Auch sehr wunderbar finde ich Berta, die Baggerfahrerin (Amazon Werbelink).

Da geht es um eine Frau, die gerne Bagger fährt und durch ihr Talent das Geschäft von Peter Buddel rettet.

Das Buch ist so schön, weil es so viele hübsche Details hat. Zum einen natürlich die Baggerfahrerin und dann auch dass sie ihren Namen vor den Namen von Peter Buddel schreibt als sie Partnerin wird und das Geschäft dann „Berta & Buddel GmbH“ heisst. Schließlich rettet sie ihn vom Bankrott.

FullSizeRender

Sehr herzerwärmend Die Grille und der Maulwurf (Amazon Werbelink) von Janosch. Ein Mini-Büchlein gegen den Turbokapitalismus* (wenn ich mal sehr überinterpretiere).

Eine kleine Grille hat den ganzen Sommer über für andere Tiere gefiedelt und sich nicht um ihre Wintervorräte gekümmert. Als der Schnee kommt, will sie niemand aufnehmen, schließlich hat sie ja nichts geleistet. Selbst die Tiere, die viel mehr haben, als sie selbst brauchen, wollen nicht teilen.

Nur der Maulwurf, der sich gut an sie erinnert, weil er aufgrund seiner Fehlsichtigkeit ihre Musik besonders zu schätzen weiß. Er bittet sie bei ihm zu bleiben und sie teilen, was sie haben. Die Grille und er machen „sich ein schönes, warmes Leben zusammen“. Sie lesen Waldzeitung und trinken Blauweerwein und kochen sich Krautsuppe und zwei Erbsen mit Speck.

Ich bin jedes Mal richtig gerührt, wenn ich das Buch lese und möchte mit meinem Freund auch wie Maulwurf und Grille leben.

Leider sind die Büchlein schon älter und nur gebraucht zu haben (Ursprünglich kosten sie jeweils 99 Cent, weil sie eben sehr klein sind). Aber mit etwas Glück, vielleicht mal am Flohmarkt, fallen sie euch vielleicht in die Hände!


*Wie ironisch, dass es das Buch nur zum 12 fachen Preis gibt derzeit :'(

Die Neu-Mama-Falle

Als Neu-Mama sollte man sich von Internetforen und Blogs fernhalten, die so tun als sei mit Kindern immer alles perfekt.

Neu-Mama
Wenns Montag Früh mal schnell gehen muss, frühstücken wir eben etwas einfacher als sonst. Mit 3 Kindern muss man auch mal pragmatisch sein


Manchmal bringen mich zwei Dinge, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben, auf einen Gedanken.

So geschehen neulich mit der Anfrage von netmoms, ob ich nicht meine Artikel unbezahlt bei ihnen veröffentlichen wolle und das Lesen des Artikels zum Thema Perfektionismus in Blogs von Frau Kirsche.

Netmoms habe ich nach der Geburt meines ersten Kindes rund ein halbes Jahr intensiv genutzt.

Das Baby war geboren, ich war alleine und ALLES war neu. Ich wußte nichts und habe mich unsicher gefühlt. Das Kind hat erhöhte Temperatur – soll ich mich locker machen oder zum Arzt? Wenn ich nicht zum Arzt gehe, gefährde ich mein Kind? Wenn ich zum Arzt gehe, verstopfe ich unnötig das Wartezimmer und ernte einen doofen Kommentar?

Der Tag war gespickt mit solchen Fragen. Muss das Kind Mittagsschlaf machen? Wie bekomme ich es dazu? Muss das im Bett sein oder kann es in der Tragehilfe schlafen? Wie oft soll ich stillen? Darf ich das Kind mit in mein Bett nehmen? Wechselt man in einem bestimmten Takt die Windeln?

Meine Freundinnen hatten zu dem Zeitpunkt noch keine eigenen Kinder und aus meinem Verwandtenkreis war keine Hilfe zu erwarten. Auf jede Frage, wie das damals wohl war, kam mehr oder weniger ein: Ich erinnere mich kaum.

Also befragte ich das Internet und landete bei netmoms. Dort kann man Fragen stellen und bekommt auch Antworten. Allerdings sind die Kommentarstränge oft schlimmer als im heise-Forum. (Es wird auch nicht moderiert – zumindest war das mein Eindruck früher).

Etwas überzeichnet ist das Schema immer so gewesen:

Frage: Hat jemand die neuen Öko-Windeln von Drogerie A ausprobiert? Halten die über Nacht?

Antwort 1: Ja, bei mir halten die.

Antwort 2: Wirklich? Wie lange schläft dein Kind denn?

Antwort 3: 8 Stunden – wie lang denn sonst?

Antwort 4: 8 Stunden? Das ist ja Wahnsinn. Bei uns sind es nie mehr als 2 Stunden am Stück.

Antwort 5: Sorry, dann musst du dein Kind halt mal erziehen!

Antwort 6: Ich benutze nur die Öko-Windeln. Alles andere ist unverantwortlich!

Antwort 7: Außerdem: Drogerie A? Die beuten ihre Mitarbeiter voll aus. Wie kann man denn bitte da einkaufen gehen? Ich gehe deswegen ja nur zu Drogerie B.

Antwort 8: Ja, sorry. Wie kannst du bitte andere Windeln benutzen. Das ist direkt an der Haut deines Babys dran. Da lösen sich über Nacht die ganzen Schadstoffe und das verursacht Krebs.

Antwort 9: Überhaupt Einmalwindeln? Da kann man dem Kind auch gleich Zuckersirup als Hauptnahrung geben. Die Lebenserwartung verkürzt sich so dramatisch. Ist dann aber wohl auch egal, weil mit dem Müll, den du produzierst, ist die Umwelt in wenigen Jahren sowieso so verpestet, dass es keine Zukunft mehr gibt.

Am Ende hat man also keine echte Einschätzung, ist eine verantwortungslose Mutter und schadet Kind, Umwelt und Zukunft.

Ich habe also angefangen wie irre Bücher über Babys, Kleinkinder und Erziehung zu lesen. Da fiel es mir leichter, gräßliches einfach wegzulegen und zu sagen, das ist nichts für mich.

Noch später fing ich an Blogs zu lesen und bin dann langsam in die damals noch sehr dünne Elternblogszene gerutscht.

Das tat so gut! Jenseits der pausbackigen, strahlenden Werbebabys der Familienmagazine (auch da war alles sehr, sehr einheitlich – ist es ja jetzt noch) und der Fernsehwerbung und jenseits des Hyänen-Lochs der Mütter-Foren[1] endlich die anderen Mütter, die scheitern, unsicher waren, die mehr Fragen als Antworten hatten.

Sie haben ihren Alltag beschrieben und plötzlich gab es nicht nur Solidarität sondern lebenstaugliche Handlungsalternativen.

Seitdem ist fast ein Jahrzehnt vergangen.

Ich habe nicht mehr so viele Fragen – aber ich merke auch, wie die ehrliche Elternbubble schrumpft. Die Werbeindustrie hat erkannt, dass hier eine vertrauensvolle Zielgruppe wartet [2]. Doch statt die Blogs so zu nehmen wie sie sind, wollen Agenturen und Werbepartner sich in einem präsentablen Umfeld darstellen [3].

Den meisten geht es nämlich nur um Reichweite. Was der eigentliche Inhalt des Blogs, die Philosophie dahinter ist, wie die Autorin tickt – das interessiert gar nicht. Ein Blog ist lediglich eine Werbeplattform.

Also greifen die perfektesten, best-gestylten, SEO optimiertesten Blogs die Werbedeals ab. Und viele andere Blogs, die ebenfalls Geld verdienen wollen, passen sich an [4].

Für mich persönlich bedeutet das lediglich – ich lese diese Blogs nicht mehr. Denn genau diese polierte Kunstwelt gibt mir einfach nichts.

Für mich ist das egal. Ich hab in der Zwischenzeit meine Freundinnen mit Kind und meine geliebte (sehr selektierte) Online-Filterbubble, die mir hilft wenn ich Fragen habe.

Für Neu-Mütter sieht das vermutlich anders aus. Der Kommentar von RonjaMama unter dem Blogpost von Frau Kirsche trifft den Nagel auf den Kopf:

Besonders junge“Neumamas“ werden meiner Ansicht nach von den perfekten Bildern in die Illusion gerissen, es müsste bei ihnen auch so aussehen, so sein.

Denn plötzlich ist das Internet voll von wunderschön gedeckten Tischen, es ist immer Zeit für ein bisschen Deko. Die Wohnungen sind stets aufgeräumt. Die Kinder sauber und gekämmt. Die Mütter geschminkt und schlank. Sie haben abends sogar Zeit auszugehen und sich mit den Freundinnen zu fotografieren, wie sie mit einem Glas Aperol Spritz anstoßen, während ihre Zwillinge artig durchschlafen.

V.a. auf Plattformen wie instagram wird das meinem Empfinden nach immer extremer. Deswegen mag ich Hashtags wie #alltagsessen, #12von12, Kategorien wie „Dinge, die mein Kind kaputt gemacht hat“ und fotografiere gerne meinen unansehlichen Bürofraß.

Tatsächlich sind Eltern-Blogs, die sich professionalisieren wollen auch einem besonderen Druck ausgesetzt. Leitmedium hat dazu einen sehr treffenden Artikel geschrieben:

Aber man muss sich bewusst sein, dass das Betreiben eines professionellen Blogs kein Spaß ist. Es ist kein „ich schreibe schöne Texte und verdiene damit Geld“.

[…]

Wer vom Bloggen leben möchte, hat Stress wie in einer Agentur: Kunden müssen akquiriert und verarztet, Termine eingehalten und permanent kreativ gearbeitet werden.

[…]

Wer sich dafür entscheidet, mit Elterncontent unterwegs zu sein, zahlt dabei einen ungleich höheren Preis: Während ein Tech- oder Gamingblogger wahrscheinlich deutlich besser zwischen privater Entspannung und öffentlichem Auftreten unterscheiden kann, greift das Eltern- und Familienbloggen in den Alltag tief hinein.

Aber nochmal zurück zu den Neu-Eltern – ich gebe ja nicht oft „kluge“ Ratschläge, v.a. nicht im Bereich Kinder und Erziehung – aber hier mache ich mal eine Ausnahme:

Zum eigenen Seelenfrieden – haltet euch fern von den inszenierten Realitäten. Das Leben mit Kindern ist nicht so. Haltet euch fern von Orten, die euch das glauben machen wollen (besser: seid euch dessen bewusst) und sucht euch ein Umfeld, das euch gut tut. Lest nicht in Internetforen! Googelt keine Kinderkrankheiten.

Vertraut euch selbst.


 

[1] Und ja, ich meine Mütter, denn die Väter waren in meiner Filterbubble damals völlig unsichtbar und nicht präsent. Ich habe viele Babykurse gemacht, viele regelmäßige Babytreffen und Krabbelgruppen besucht – mit beiden Kindern – und es gab genau einen Vater! Einen. Und nein, ich hab meine Kinder nicht in den 70ern bekommen.

[2] Gegen Werbung habe ich bekanntermaßen rein gar nichts, sofern sie klar gekennzeichnet ist, was oft immer noch nicht der Fall ist. Ein mikroskopisch großes „entstanden in Zusammenarbeit mit“ am Ende eines Textes stellt für mich keine Kennzeichnung dar.

[3] Sehr eindrücklich beschreibt Heather Armstrong diese Entwicklung, die in den USA schon viel weiter ist als hier in Deutschland.

[4] Finde ich verständlich. Würde ich vielleicht auch machen, wenn ich darauf angewiesen wäre von den Blogeinnahmen zu leben.

Gastbeitrag| Schüssel zum Glück

Lifestyle pur - der alltägliche Perfektionismus
So frühstücken Bloggerinnen wenns mal schnell gehen muss. Quelle: Pixabay.com @jill111

Nachdem es jetzt schon auf mehreren Blogs Postings zu den Themenfeldern Perfektionismus, Stress, Anspruchshaltung (z.B. hier, hier) gab, möchte ich noch eine Perspektive hinzufügen.

Ich liebe schöne Photos. Ich esse gerne. Ich mag tolle Wohnungen. Ich müsste demnach eine perfekte Followerin diverser DIY-/Lifestyle-/Wohn-/Food-/Photo-Blogs sein. Und ich bin es auch. In meinem Feedreader befinden sich zahlreiche Kategorien und „Sewing“ (das sind wir! Yay!) ist nur eine von vielen.

Ich habe aber ein Problem mit diesen Blogs und das betrifft ihre Professionalisierung.

Versteht mich hier nicht falsch – ich finde es ganz toll, wenn Frauen ihre Talente, die sie in den meisten Fällen im Internet kostenlos zur Verfügung stellen, nutzen, um Geld zu verdienen.

Und in vielen Fällen läuft das schon lange so. Da werden DaWanda-Shops gefüllt, Schnittmuster verkauft, und andere Shops beworben. Ich bin großer Fan davon, Frauen an bezahlter Lohnarbeit partizipieren zu lassen, denn dies ermöglicht so viel mehr: Öffentlichkeit, Mitbestimmung, Teilhabe.

Wovon ich nicht so großer Fan bin, das ist die Bezahlung. In DaWanda-Shops werden zu großen Teilen (und ich spreche hier mal von in Deutschland genähten Kleidungsstücken, da kann ich ungefähr abschätzen, wie viel Arbeit das ist und was das für den Stundenlohn bedeutet) Klamotten verkauft, die viel, viel, viel zu billig sind. Ein Rock mit Reißverschluss und Taschen für 35 Euro. Wie soll das gehen mit einem vernünftigen Stundenlohn (man denke nur kurz an so etwas wie Kranken- oder Rentenversicherung), Materialkosten, womöglich gar Raummiete?

Ähnliches kenne ich von wohlmeinenden Kooperationsangeboten verschiedener Firmen. Da bekommen Bloggerinnen Produkte gestellt, die sie testen sollen, oder auf ihren Blogs verlosen und dafür gibt es Kohle.

Die Beträge sind nicht gerade die Welt, wenn man bedenkt, dass Bloggerinnen nicht nur hohe Klickzahlen haben, sondern vor allem etwas nahezu Unbezahlbares, das Vertrauen ihrer Leser_innen. Unternehmer_innen dieser Welt, bezahlt das gefälligst angemessen. Aber. Ich liege auch – und das nicht nur derzeit, aber im Adventsmonat Dezember ganz besonders – im Clinch mit den Bloggerinnen.

Die Professionalisierung der Blogbetreiberinnen hat vor einiger Zeit angefangen, nimmt aber in den letzten ein, zwei Jahren deutlich an Fahrt auf. Die Photos werden besser, die Texte geschliffener, die Kooperationen zahlreicher. Gleichzeitig – und das ist das Schwierige – bleiben die Blogschreiberinnen die Frauen, die wir schon lange kennen.

Vermutlich sogar noch aus Zeiten, wo es nicht jeden Tag ein Blogposting gab, wo nicht Verlosungen, bezahlte Trips und perfekte Photos von perfekten Tischen mit perfektem Essen, perfekten Freund_innen und perfekter Familie den jeweiligen Blog beherrschten.

Wir vertrauen diesen Menschen als Privatmenschen, dabei sind sie längst ein Teil ein gut funktionierenden Industrie geworden. Und – versteht mich nicht falsch – auch das ist eine Entscheidung, die ich nachvollziehbar finde. Natürlich ist das ein Pfund, mit dem zu wuchern ist. Und für die meisten ist die Trennung zwischen Beruf und Privatleben als Bloggerinnen vermutlich kaum durchführbar.

Wenn Schauspielerinnen zu wenig wiegen und einen „perfekten“ Körper haben, dann ist mehr oder minder klar, dass dieser Körper ihr Kapital ist. Aufgabe ihres Lebens ist es nicht nur, Texte auswendig zu lernen, sondern eben auch eine Projektionsfläche für Sehnsüchte zu bieten. Diese Projektionsfläche beinhaltet scheinbar selten Röllchen bis Rollen am Bauch, Cellulitis, Pickel, dünne Haare oder schiefe Zähne. Got this.

Bloggerinnen zeigen uns ebenfalls Perfektionismus, in Hochglanz dargestellte Wohnungen, abwechslunsgreiche Deko, verführerisches Essen. Perfekte Postings professionalisierter Bloggerinnen sind eine notwendige Voraussetzung für bestehende und kommende Kooperationen. Zugleich nehmen sie aber in Anspruch, dass sie „eine von uns“ seien.

Eine klare Trennung von Blogberuf und Privatperson ist nicht möglich, wird aber auch nicht angestrebt. Das ist auf mehreren Ebenen zumindest bemerkenswert.

Zum Einen führt das offensichtlich zu Stress in der Blogsphäre; die Beispiele nannte ich bereits.

Zum Anderen erweckt die maskierte Professionalisierung Sehnsüchte, die sich scheinbar nur durch Konsum befriedigen lassen.

Die perfekten Kissen, das tolle Geschirr, die gute Kamera, das soll alles uns gehören – die konkrete Schüssel zum Glück – das soll alles uns gehören. Und dann, dann kriegen wir auch alles so locker-flockig auf die Kette, ist die Wohnung niemals unordentlich, sind wir schlank, gesund, witzig, haben tausend Freund_innen, kochen wunderbares Essen, bauen unseren Kindern Butterbrote mit Gesichtern drauf, haben eine erfolgreiche Beziehung, werden dauernd gelobt für unsere Deko und sind niemals erschöpft.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht; an verschiedenen Ecken erwacht die Diskussion, die meines Erachtens dringend notwendig ist.

Ich freue mich darauf und verbleibe mit komplett werbefreien und relativ unperfekten Grüßen,

Eure Frau Kirsche

Die Liebe in Worten oder die Schönwettervaterschaft

Jetzt muss ich eben doch.

Ich hatte bereits geschrieben, dass mich der Text „Ich liebe meine Kinder vom Büro aus“ bewegt hat. Denn ich teile die Meinung, dass die bloße Anwesenheit des Gefühls Liebe bei einer Person nicht ausreicht, um als Leistung (oder irgendwas) bei einer zweiten Person anerkannt werden zu können.

Der zitierte Text ist eine Antwort auf einen anderen Vater-Text, der im Grunde sowas sagt wie: Ich bin kein schlechter Mensch nur weil ich kaum Zeit mit meinen Kindern verbringe. Früher war das Standard, davon ist auch keiner gestorben. Die Väter haben ihre Kinder auch lieb gehabt!

Jetzt gibt es wieder eine Antwort auf die Antwort sozusagen, in der konkret steht:

Die Aussage, dass Liebe kein Kriterium für die Beurteilung der Leistung eines Vaters sein kann, ist für mich ebenso schwer nachvollziehbar und niveaulos, wie die Aussage, dass ein Mensch anderer Hautfarbe nicht mein Nachbar sein kann. [1]

Mal abgesehen davon, dass ich überhaupt nicht verstehe was der 2. Teil des Satzes mit dem ersten zu tun hat, möchte ich entschieden widersprechen.

Meiner Auffassung nach kann man sich das Wort Vater auch schenken und durch Mensch ersetzen.

Einem Freund, einem Vater, einem Partner, einer Freundin, einer Mutter, einer Partnerin, der/die sagt „Ich liebe dich“ und den Worten keine Taten folgen lässt, kann ich persönlich wenig abgewinnen.

Für solche Oberflächlichkeiten ist mein Leben zu kurz.

Wenn ich in meinem Leben zurück blicke, gibt es allerdings ausreichend Personen dieser Art. Aber waren sie da als ich sie brauchte? Nein.

Natürlich geht es nicht nur um die Einheit „Zeit verbringen“, natürlich ist das als bloßes Kriterium genauso dumm und wertlos wie die bloße Aussage „Ich liebe dich“.

Bin ich also nur ein guter Vater, wenn ich so viel Zeit wie möglich mit meinem Sohn verbringe? Egal wie? [1]

Ne, biste nicht. Genauso wenig wie der Vater, der jeden Tag bis 20 Uhr im Büro abhängt und am Telefon „Ich lieb dich“ zu den Kindern sagt, wie andere Leute „Tschüß“ sagen.

Und diese Diskussion um Leistung. Elternschaft sei schließlich keine Leistung oder etwas das man messen könne oder solle. Ist sie in meinen Augen doch (nicht nur, aber auch).

Care-Arbeit.

Am Anfang war mir dieses Wort fremd und ich hab mich gefragt, ob man wirklich für alles immer einen hippen Anglizismus braucht. In der Zwischenzeit denke ich: Ja, den braucht man. Weil der Begriff eben sehr gut beschreibt, was Elternschaft auch umfasst. Arbeit! Es wird organisiert, mitgedacht, geplant, geteilt, mitgetragen, gepflegt, es werden Opfer gebracht (die man auch gerne bringt, weil man das Kind ja liebt).

Aber ein hinreichend guter Vater – eine hinreichend gute Mutter ist man nicht, weil man es im Herzen sein will und für sich sagt: Ich liebe das Kind doch.

Ein hinreichend guter Vater – eine hinreichend gute Mutter ist man wenn man da ist, wenn man präsent ist, wenn man eine Stütze ist, wenn man einen Hafen bietet und im Notfall ein verlässlicher Kämpfer an der Seite des Kindes.

Wenn man sich verdammt nochmal einbringt und nicht nur ein Schönwettermensch ist. Verantwortung übernimmt. Wenn man auch da ist, wenn es schwer wird, wenn es anstrengend wird, wenn es an die eignen Grenzen geht.

Das regt mich so auf.

Im Text steht auch:

Ob sie ihren Kindern etwas mitgeben, ihren Kindern etwas beibringen, ihre Neugier wecken, ihnen Geduld schenken, etwas auszutüfteln und Herausforderungen selbst zu schaffen. Das geht schon beim Abknibbeln von Fußball-Klebebildchen los. Es geht meiner Meinung nach auch darum, den Kindern neue Horizonte zu bieten aber auch Grenzen aufzuzeigen. Und als Vater die damit verbundenen Konsequenzen auszuhalten. All das hat nichts mit Zeit, sondern mit Liebe zu tun.

Genau und es hat mit noch mehr Liebe zu tun Kotze aufzuwischen, Windeln zu wechseln, Nächte zu durchwachen, Seelennöte zu lindern.

Wenn meine Mutterschaft sich beschränkt auf Fußball-Klebebildchen abknibbeln, gemeinsam Sendung mit der Maus schauen und Achterbahnfahren, dann bin ich echt die tiefenentspannteste Mutter der Welt.

Aber die Frage ist: Wie fühlt sich mein Kind, wenn es krank ist und ich immer im Büro bin, weil es angeblich sein muss? Wie fühlt sich mein Kind, wenn es etwas Tolles erlebt und das Erlebnis nicht mit mir teilen kann, weil ich im Büro bin und erst nach Hause komme, wenn es schon schläft?

Ach, was rege ich mich auf. Ich gehe jetzt lieber Eis essen.

Lesen Sie auch „Neue Väter. Ein Abgesang„, da steht alles strukturierter.

Passt auch irgendwie „Eltern machen alles möglich bis es sie zerreisst„:

Mein Kind hatte einen angeknacksten Fuß, lag morgens im Bett und konnte nicht aufstehen. Das war die Situation: Mein Mann ist weg, ich muss zum Flughafen, das Taxi steht schon vor der Tür. Und da fange ich an, hektisch rumzutelefonieren, wer jetzt das Kind nehmen kann. Das Kind weint und klammert. Und ich sage nicht: So, mein Kind hat einen angeschwollenen Fuß, dies ist der Tag, an dem ich zu Hause bleiben werde. Ich hab das heulende Kind im Taxi bei der Kinderfrau vorbeigefahren und bin pflichtschuldigst zum Flughafen weitergerast. Und erst im Flugzeug hab ich gedacht: Was hast du denn da gerade gemacht? Welches Gefühl bleibt da beim Kind zurück? Egal, was mit mir ist: erste Prio hat Mamas Job?!

Denn an der Stelle spätestens kann man sich fragen, was die Liebe alleine in so einem Fall dem Kind bringt und ob man sich und dem Kind solche Situationen nicht ersparen möchte.


[1] Was macht einen guten Vater aus?