Ein Jahr ist es her und ich weine noch oft. Du fehlst mir. Ich weiß, wenn du könntest, würdest du deswegen mit mir schimpfen. Ich kann es auch nach 365 Tagen nicht fassen.
Der 6.8.2014 war einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Meines Lebens. Immerhin kann ich das sagen, denn ich lebe und Du nicht. Wir sind fast gleich alt und haben gut ein Viertel unseres Lebens miteinander verbracht. Ich vermisse dich.
Als ich morgens zu der Unfallstelle fahre, verstehe ich nicht, wieso alles so aussieht wie immer. Warum die Autos einfach fahren. Warum die Fahrradfahrer einfach fahren. Die Fußgänger gehen – so als sei nichts gewesen. Eigentlich müssten sie alle stehen bleiben, wie eingefroren.
Ich laufe zu der Unfallstelle und stecke eine gelbe Rose an das Geisterfahrrad, das dort steht und an deinen tödlichen Unfall erinnert. Dann mache ich mich auf den Weg in die Arbeit. Hastig und auch ein wenig ängstlich, so als ob es heute besonders gefährlich wäre Fahrrad zu fahren.
Als ich im Büro ankomme, muss ich wieder weinen. Du bist am 6.8.2014 nicht angekommen. Aus dem Asphalt an der Stelle, wo man die Fahrräder im Hof anschließen kann, wächst eine gelbe Blume. Ich denke an dich. Vielleicht bist du diese Blume.
Neulich war ich an deiner Wohnung, hab zu deinem Balkon gesehen und eine fremde Frau gesehen, wie sie ihre Blumen goss. Dein Strandkorb war nicht mehr da. An unserem gemeinsamen Arbeitsplatz liegen noch zwei Kaffeekapseln, die von Dir sind. Zwei von vielleicht zwanzig, die es ursprünglich mal waren. Die Markierungen an der Unfallstelle sind vom Regen schon lange weggewaschen. Die Kerzen und Blumen sind ebenfalls weg, es steht dort eines der weißen Geisterfahrräder, die der ADFC jedes Jahr für die tödlich verunglückten Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer aufstellt.
Ich tue mich schwer mit deinem Verschwinden, mit dem Loslassen. Noch bin ich abwechselnd unfassbar traurig und dann wieder sehr wütend über die himmelschreiende Ungerechtigkeit, über dieses unbegreiflich grausame Schicksal. Bis ich mich versöhnlich fühlen werde, wird noch viel Zeit vergehen.
In Gedanken und im Herzen trage ich dich weiter. So kitschig das klingt. Und ich kann Dir sagen, mein Leben hat Dein Tod sehr verändert. Meiner Verbissenheit in manchen Dingen ist Gelassenheit gefolgt. Ich kann das Unwichtige ziehen lassen und das Gute festhalten. Ich verschwende keine Zeit mehr, ich weiß, was und wer mir gut tut und es fällt mir viel leichter zu erkennen, was mein Leben bereichert und was nicht. Ich kann genießen, verschwenderisch sein, wenn es gerade richtig ist und ich glaube, das kommt auch meinem Umfeld zu gute.
Liebe Freundin, es ist ein Jahr her, ich vergesse dich nicht. Du hast mir so viel gegeben – selbst jetzt noch. Ich danke Dir dafür.



































